Dergestalt waren die wilden Taten dieses Originals, die jetzt in unserer
vielgescholtenen Zeit unmöglich wären, oder die man heute bestimmt
seiner Psychopathie zugeschrieben hätte. Selbst Wischnewskijs Geschmack
und seine Gefühle spiegelten seine seelische Anormalität wieder. So
hatte er z. B. für die Schönheit der Natur nichts übrig und liebte
ausschließlich die Nacht und die Effekte der Gewitter. In der Tierwelt
liebte er nur Tauben und Pferde. Die Tauben liebte er, weil sie sich
»küssen«, und die Pferde, weil sie Schnelligkeit und eine Stimme haben
... ja, so außerordentlich liebte er die »Pferdestimme«, d. h. ihr
Wiehern. Um sich das erstere seiner Vergnügen zu verschaffen, hielt er
sich vor seinen Fenstern einen großen Taubenschlag und ergötzte sich oft
ganze Stunden daran, zuzusehen, »wie sie sich küßten«. Dann rief er
Stepanida Wassiljewna zu diesem Schauspiel herbei.
»Schau, -- sie küssen sich!«
Des Wieherns halber ritt Stepan Iwanowitsch stets Hengste und blieb ganz
gleichmütig, wenn sie ein Gespann in Unordnung brachten. Daran lag ihm
nicht viel, wo er aber Pferde wiehern hörte, auf der Straße oder aus
einem Hause, blieb er sogleich stehen, hielt den Finger vor sich und
erstarrte ... Kein Musiknarr hat vielleicht so leidenschaftlich der
Calzolari, Tamberlik oder der Patti gelauscht.
Der Lieblingsanblick Wischnewskijs war seine prachtvolle Pferdeherde,
unter der ein mächtiger, schöner Hengst einhergaloppierte. Hörte Stepan
Iwanowitsch sein Wiehern selbst aus der Ferne, so hielt er an, und sein
Gesicht drückte den Ausdruck vollsten Glückes aus. Es schien, als ob
seine Augen, ungeachtet der räumlichen Entfernung, sahen, wie sich das
Pferd aufbäumte, die Luft durch Nüstern und Zähne einzog und in
Leidenschaft glühend dahinstürmte.
»Hörst du es, Stepanida Wassiljewna?«
»Ja, mein Freund, ich höre.«
Alles, was ihren Mann erfreute, machte auch sie glücklich, und so zeigte
sie auch hier Freude, ... und Stepan Iwanowitsch wußte es zu schätzen.
Er war sechzig Jahre alt, als Stepanida Wassiljewna starb. Er beweinte
sie sehr, ging dann aber, trotz seines schon vorgerückten Alters eine
zweite Ehe mit einem hübschen achtzehnjährigen kleinrussischen Mädchen
aus der Familie Gordienko ein. Auch mit dieser Gemahlin lebte er
glücklich, aber ... er gedachte immer Stepanida Wassiljewnas. Trotz
ihrer vielen Vorzüge, verstand es seine zweite junge Gemahlin nicht, auf
all seine Schwächen und Sonderlichkeiten einzugehen. Stepan Iwanowitsch
zeigte ihr die küssenden Tauben nicht und wollte sie auch nicht fragen,
ob sie es höre, wie der Sultan der Herde seine schmetternde Stimme
verschwenderisch ertönen ließ, sie in Triller auflöste und sie dann um
eine Oktave senkte ...
Wischnewskij hatte einmal versucht, die Aufmerksamkeit seiner neuen Frau
darauf zu lenken, aber sie hatte sich gefühllos gezeigt, -- war nicht
einmal aufgestanden und hatte nicht gelächelt, sondern nur kalt gesagt:
»Ja, ich höre, da hat ein Pferd irgendwo gewiehert.« Und damit nahm sie
ruhig wieder ihre Arbeit auf ...
Stepan Iwanowitsch sah ein, daß seiner neuen Frau das mangelte, was der
ersten eigen gewesen war, und zog sie nie mehr in den Kreis von
Begriffen hinein, die ihr unzugänglich waren.
In Augenblicken seelischer Wallungen seufzte er nur auf, suchte mit den
Augen das Bildnis Stepanida Wassiljewnas und lächelte ihr zu.