In solchen oder ungefähr ähnlichen Erwägungen zogen die Offiziere
ziemlich unbekümmert zum Quartier ihres ältesten Kameraden und betraten
guten Mutes das geräumige, aber niedrige Zimmer in dem kleinrussischen
Häuschen. Aber jetzt merkten sie mit einem Male, daß die Sache durchaus
nicht gut stand. Der Rittmeister kam ihnen nicht kameradschaftlich
entgegen, in seinem gestreiften Morgenrock, mit der Pfeife in den
Zähnen, sondern die Tür zu seinem Kabinett war geschlossen, -- das
heißt, er wollte warten, bis alle versammelt wären, dann würde er
herauskommen und zu allen zusammen sprechen.
Diese offizielle Form versprach nichts Gutes, und die eingetretenen
Offiziere schauten einander an, dämpften ihren Ton zu einem halben
Flüstern, und einer fragte den andern:
»Nun, was ist denn das? Was haben wir denn gestern angestellt?«
Einer von ihnen hatte auf der Straße etwas von einem Porträt sprechen
hören.
»Porträt, Porträt? ... Was für ein Porträt?«
Keiner konnte sich erinnern.
Aber jetzt öffnete sich plötzlich die Tür, und aus dem Kabinett trat der
Rittmeister, in Uniform mit Epauletten, mit fest geschlossenem Mund. Er
begrüßte sie nicht und begann seine Rede mit Worten, wie sie Gogol viel
später seinem Skwosnik-Dmuchanowskij in den Mund gelegt hat:
»Ich habe Sie hieher gerufen, meine Herren, um Ihnen eine unangenehme
Mitteilung zu machen: gegen Sie ist bei der Zivilbehörde Klage
eingereicht worden, und ich wurde vom Stadtamt davon benachrichtigt; ich
muß Sie arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Säbel, und wollen Sie mir
sofort aufrichtig erklären: was haben Sie gestern abend in dem Laden
getan?«
Die Offiziere nahmen widerspruchslos ihre Säbel ab und übergaben sie dem
Schwadronschef, aber bezüglich der »aufrichtigen Erklärung« antworteten
sie, sie wären selber froh, wenn sie wüßten, was sie eigentlich getan
hätten, aber sie könnten sich dessen nicht mehr entsinnen.
Der Rittmeister zog die Brauen zusammen und entgegnete noch schärfer:
»Ich bitte Sie nicht zu scherzen, ich spreche mit Ihnen dienstlich, als
Ihr Ältester!«
»Das ist kein Scherz«, erwiderte einer der Angeklagten, »wir erinnern
uns, bei Gott, nicht mehr.«
»Aber erlauben Sie!«
»Der Tag war gestern heiß, wir gingen zufällig hinein, ... und tranken
dort im Kühlen Wermutwein ... hatten dann irgendeinen Streit mit den
Juden ... haben aber nichts Böses im Sinn gehabt ... Es waren sogar noch
zwei Schreiber dort, die alles sehen konnten ...«
»Das ist es ... die zwei Schreiber! Darum handelt es sich auch. Diese
beiden Schreiber konnten in der Tat alles sehen, und haben es auch
gesehen. Wie werden Sie sich ihnen gegenüber rechtfertigen? Eine solche
Schande für unseren Stand!«
»Aber worin rechtfertigen? ... Sagen Sie es uns bitte!« erwiderten die
Offiziere.
»Ja, Sie haben sich ihnen gegenüber zu rechtfertigen«, rief der
Rittmeister, zog aus seiner Tasche ein vierfach zusammengefaltetes Blatt
Papier und begann die ihm von der Stadtverwaltung amtlich zugestellte
Kopie des Berichtes der Schreiber zu verlesen, in dem stand, wie die
Herren Offiziere das Porträt durch das Werfen von Gabeln beschädigt
hatten, während die am Orte des Vergehens anwesenden Gerichtsschreiber,
»die in ihren Herzen Gottesfurcht und Liebe zum Allerhöchsten hatten«,
die ganze Zeit auf den Knien lagen, so daß sie sich auf dem Fußboden
ihre einzigen Hosen durchscheuerten, weshalb sie jetzt der Möglichkeit
beraubt seien, ihren dienstlichen Obliegenheiten nachzugehen. Sie
protestierten daher amtlich gegen den ganzen beschriebenen Unfug der
Offiziere und bäten, für die Beschädigung der Hosen von den Angeklagten
für jeden von ihnen zwanzig Rubel in Assignaten zu erheben.
Der Rittmeister hatte zu Ende gelesen, pfiff der Ordonnanz und befahl,
das Porträt aus seinem Schlafzimmer herzubringen, damit die Offiziere
mit eigenen Augen die Spuren ihres gestrigen Zeitvertreibes sehen
könnten. Nun wurden sie starr.
Inzwischen hatte der Rittmeister seinen Waffenrock ausgezogen und nur
die Halsbinde anbehalten, setzte sich an den Tisch, steckte die Hände in
die Hosenträger aus Kamelgarn und sagte in verändertem Ton:
»Meine Herren, die Sache steht schlecht. Sie sieht sehr häßlich aus,
weil man aus ihr weiß der Teufel was alles machen kann. Diese elenden
Federfuchser, diese dreckigen Gerichtsschreiber wagen es, gegen
Offiziere aufzutreten. Ich habe mit Ihnen soeben als Ihr Dienstältester
gesprochen, aber jetzt spreche ich als Kamerad. Der Sache ihren Lauf zu
lassen ist unmöglich, man muß ihr durch Schnelligkeit und militärisch
aufrichtige Offenheit zuvorkommen, wie es sich für Edelleute geziemt. Ob
es hilft oder nicht, jedenfalls muß man offen und ehrenhaft handeln.
Setzen Sie sich bitte, rauchen Sie eine Pfeife, und lassen Sie uns
nachdenken. Meine Meinung ist die: das Unheil ist einmal geschehen,
daran läßt sich nichts ändern. Man muß den Umstand ausnützen, daß die
Post nach Perejaslaw gestern abgegangen ist und erst in drei Tagen
wieder geht. Das ist Ihr Glück. Ich habe Ihnen Ihre Säbel abgenommen;
wählen Sie nun zwei Kameraden, die möglichst schnell zum Oberst reiten
und ihm alles aufrichtig erzählen. Er ist mit dem Gouverneur gut bekannt
und kann Ihnen helfen.«
Einen besseren Plan vermochten sie gar nicht auszudenken, und zwei
Stunden später sprengten zwei Offiziere aus Pirjatin nach Perejaslaw;
auf dem Wege lag Farbowanaja. Nach der Hitze und Schwüle war ein
Gewitter losgebrochen, und es schüttete vom Himmel wie mit Kübeln, als
auf einmal vor den Offizieren in den Strömen Wassers, wie eine Blase aus
dem Boden ein Kleinrusse auftauchte.
»Was fahren da für Leute mit Schellen und was wollt ihr?«
»Wir sind Offiziere und reisen in eigenen Angelegenheiten.«
»Wenn ihr in eigenen Angelegenheiten reist, so kommt zu unserem Pan
Wischnewskij.«
Die Offiziere wollten nicht, aber der Kleinrusse redete ihnen zu:
»Es ist einmal so ... So ist der Brauch!«
Sie fuhren hin, um den Regen und das Gewitter abzuwarten, und Stepan
Iwanowitsch empfing sie erfreut, bewirtete sie mit Essen und Trinken und
fragte:
»Eilen Sie, meine Herrn, wohl oder übel, oder zu Ihrem Vergnügen bei
diesem Wetter weiter?«
Die Offiziere antworteten im Stile der Märchen, daß sie wohl oder übel
reisten, und auch zu ihrem Vergnügen.
»Nun, was ist es für eine Sache? Vielleicht kann ich Ihnen behilflich
sein, so daß Ihre Reise nicht mehr notwendig ist.«
Sie seufzten und sagten:
»Nein, unsere Angelegenheit ist so schwerwiegend, daß vielleicht nur
noch der Oberst beim Gouverneur Fürbitte einlegen kann.«
»Nun, wenn schon, -- was hat der Gouverneur zu sagen? Ich frage doch
nicht aus leerer Neugier.«
Die Offiziere erzählten ihm alles.
Wischnewskij fuhr sich mit gespreizten Fingern über den Scheitel,
räusperte sich und sagte:
»Der Gouverneur hat mit der Sache gar nichts zu tun, und Sie brauchen
deshalb nicht nach Perejaslaw. Niemand kann Ihnen helfen, wenn man der
Sache nicht eine richtige Wendung gibt.«
»Aber wie kann man ihr eine richtige Wendung geben?«
Stepan Iwanowitsch fuhr sich wieder mit den Fingern über den Scheitel,
räusperte sich und sagte:
»Ja, ich sehe, daß Sie zwar alle Moskowiter sind und eine Lektion
verdienen, aber Sie haben die Sache unrichtig angefangen und können sie
ganz verderben, wenn Sie zu Ihrem Vorgesetzten reisen. Sie nützen sich
selbst durch Ihre Offenheit nichts und machen Ihrer Obrigkeit nur
Schwierigkeiten; deshalb verhafte ich Sie bis morgen. Ich habe das
Recht, Sie zu verhaften, da Sie mir selbst gestanden haben, daß Sie
entflohen sind und auch keine Säbel haben. Ich bitte Sie, sich in den
Flügel zu begeben, dort ist alles für Sie bereit, und schlafen Sie gut.
Morgen früh werden wir dann Ihrer Angelegenheit die richtige Wendung
geben, die sie braucht.«