Kaum waren die Offiziere auseinandergegangen und hatten den jüdischen
Laden leer zurückgelassen, als die Gerichtsherrchen unter dem Tisch
hervorkrochen, ihre von der langen Kniebeuge steif gewordenen Glieder
streckten und sich ihre Lage besahen. Alles war still, -- im Laden und
in der Kammer war keine Seele; durch die dichte Wolke von Tabaksrauch
war das verstümmelte Porträt mit den ausgestochenen Augen und den vielen
Rissen an anderen Stellen kaum zu sehen.
Zum Glück für die einen und zum Unglück für die anderen, waren die
Schreiber viel nüchterner als die Offiziere, die am Tische, von dem aus
sie die Gabeln auf das Porträt warfen, sich immer mehr betrunken hatten,
während die unter dem Tische eingeschlossenen Heraklit und Demokrit
erheblich nüchterner geworden waren, wozu wohl die Angst, die
Enthaltsamkeit und vor allem der Rachedurst, der in ihnen glühte,
beitrugen. So hatten sie sich einen vortrefflichen Plan ausgedacht, um
ihre Beleidiger zu strafen.
Die Schreiber überlegten nicht lange, nahmen das verwundete Porträt von
der Wand, liefen damit auf das Freitreppchen des Ladens und schlugen
Lärm:
»Kommt her, ihr guten Leute! Wer an Gott glaubt und die Älteren ehrt,
seht euch das Wunder an ... Schaut, wie die Offiziere das Porträt einer
solchen Person entehrt haben.«
Auf dieses Geschrei tauchte sofort, wie aus der Erde gewachsen, der Wirt
auf, der sich während des Gelages versteckt hatte; die Marktweiber von
ihren Ständen liefen herbei, die Juden begannen zu schreien, -- und
unsere Geschichte nahm ihren Lauf.
Der jüdische Wirt, der die größte Angst hatte und am meisten einen
Skandal scheute, hielt sich mit seinen großen Fingern die Augen zu, wie
es der Rabbiner beim Gebet tut, und schrie:
»Ich habe nichts gesehen und sehe auch jetzt nichts, wer dieser
Militär-Pan ist, der da gemalt ist. Geb' Gott, daß er ein guter Mann
sei. Aber ich, -- ich brauche jetzt das Bild nicht mehr ... Ich
verschenke es, nehme es, wer es will ...«
Doch Demokrit rief:
»Aber wir wissen, wer diese Person ist, und wir protestieren. Schaut,
ihr guten Leute, -- die Augen sind ihm ausgestochen. Wir wollen das
Porträt zum Stadtvorsteher tragen.«
Demokrit trug das verwundete Porträt durch die Straßen vor das
Stadthaus, und Heraklit begleitete ihn, machte unter der warmen Sonne
wieder sein saures Gesicht und weinte, und alle, die ihnen folgten,
wiesen lobend auf ihn hin und sagten:
»Schaut nur, wie es ihn rührt!«
Aber die Offiziere schliefen und schliefen und ahnten nicht, daß man
gegen sie »protestierte« und daß die Sache ihnen Unannehmlichkeiten
bereiten würde, die sie nicht wüßten, wie loswerden.
Wie schwer auch ihr trunkener Schlaf gewesen war, auch ihr Erwachen am
nächsten Morgen war nicht leicht.
In aller Frühe kam zu allen Zechgenossen des beschriebenen Gelages die
Ordonnanz des schnurrbärtigen Majors oder Rittmeisters, der die
Schwadron kommandierte und in seiner Person die oberste Befehlsgewalt am
Standorte darstellte.
Natürlich war der Rittmeister nicht Gott weiß was für eine hohe
Obrigkeit, beinahe so »ihr Bruder Hans«, und machte manchesmal auch
einen »Tanz« mit ihnen, aber die Offiziere erschraken.
Das Schlimmste war, daß ihnen der Kopf noch brummte und sie sich
durchaus nicht mehr daran erinnern konnten, was gestern im Keller beim
jüdischen Wirt vorgegangen war. Sie erinnerten sich noch, daß sie wohl
tüchtig getrunken hatten, aber sie konnten sich nicht mehr auf alles der
Reihe nach besinnen, sondern ein Stück war abgerissen, und es schien
ihnen, als sei das Dazwischenliegende gar nicht gewesen. Sie besannen
sich, daß sie die Juden verjagt hatten, aber das wäre durchaus nicht
wichtig gewesen, war schon öfter geschehen, auch wenn der Rittmeister
dabei gewesen war. Das Verjagen ist kein Unglück, besonders bei Juden
nicht, denn diese sind ein Volk, das die Vorsehung selbst zur
»Verstreuung« vorbestimmt hat. Der Jude schreibt ein Übriges auf,
berechnet als getrunken, was nicht getrunken, als beschädigt und
zerschlagen, was nicht beschädigt wurde; sie würden mit ihm verrechnen,
und dann würde wieder alles gut sein, bis zu einer neuen Geschichte. Der
Jude selbst würde ihnen den ersten »Friedenstrunk« umsonst anbieten, sie
würden sich aussöhnen und ihn in seinem Handel unterstützen ... Es war
ja unmöglich, daß er, der Jude, mit ihnen streiten wollte und daß er die
Ursache dieser plötzlichen frühen Einladung zu ihrem ältesten Offizier
war. Vielleicht diese Schreiber ... Es dünkt ihnen, als seien dort zwei
solche Schreiber dabei gewesen, ... »Gerichtsherrchen« ... Nun, das war
auch keine besondere Sache! Die Soldaten haben sie noch überall gezaust!
Sind auch nicht mehr wert, dieses bestechliche Unkraut! Wenn sie nur
nicht einen von ihnen die Nase oder die Ohren abgehauen hatten! Das wäre
garstig, was einmal abgehauen ist, kann man nicht wieder ansetzen ...
Aber Gott ist gnädig, sie haben schon andere Dinge gemacht, so wird auch
dies vorübergehen. Wozu braucht auch ein Schreiber eine Nase? -- Doch
nur um Tabak zu schnupfen und das Aktenpapier damit zu bestreuen. Der
»Chabar« ist doch kein Braten, er wird ihn auch so, ohne Nase riechen.
Man wird sich natürlich zusammentun müssen und bezahlen, aber allen
zusammen wird es nicht schwer fallen ...