Die Dragoner lagen in Pirjatin, -- nehmen wir an, es sei dort gewesen.
Teile des Regiments waren in anderen Ortschaften untergebracht. Der
Regimentskommandeur hatte vielleicht in Perejaslaw Quartier genommen.
Die Offiziere langweilten sich natürlich in dem winzigen Städtchen vor
Nichtstun; sie unterhielten sich, so gut sie konnten, indem sie zu den
Gutsbesitzern zu Gast fuhren. Blieb ihnen nichts anderes übrig, als
einige Tage zu Hause zu sitzen, so zechten sie, spielten Karten oder
tranken bei einem Weinhändler im kleinen Kellerlokal. Der Händler war
ein Jude, der die Offiziere gern schröpfte und ihre Ausschweifungen
unterstützte, sie aber gleichzeitig doch fürchtete. Er hatte deshalb, um
den Übermut seiner Gäste etwas zu dämpfen, in dem Raum, in dem sie
zechten, ein Porträt aufgehängt, das seiner Meinung nach die Besucher
seines Ausschanks an die Gesetze der Wohlanständigkeit gemahnen sollte.
Vielleicht war es ganz klug gedacht, aber es führte zu einer Geschichte.
Einmal, in der langweiligsten Sommerzeit kam ein Jongleur in die Stadt
und zeigte, wo man ihn aufforderte, seine einfachen Kunststücke, von
denen eines ganz dem Geschmack der Herren Offiziere entsprach: der
Künstler setzte seine Tochter auf einen Stuhl, stellte ihn dicht mit dem
Rücken an eine Wand, zog aus seiner Tasche einige Dolche und warf sie
einen nach dem andern gegen die Wand, in der sie stecken blieben, das
Gesicht des Mädchens von allen Seiten umrahmend, ohne es zu berühren.
Diese sichere und gewandte Handhabung der Waffe interessierte alle, die
die Schwierigkeit dieses gewagten Kunststückes einsahen. Als die
Offiziere wieder einmal im Kellerlokal, in dem sie zu trinken pflegten,
zusammenkamen und ihren geriebenen Käse aßen, der wie verwitterte
geschnittene Fingernägel aussah, sprachen sie über das Dolchwerfen, und
als ihnen der Rausch in den Kopf stieg, kam es einem von ihnen in den
Sinn, er könne es ebensogut.
Dolche hatten sie zwar nicht, aber auf dem Tische lagen Gabeln, die die
Dolche bei diesem Versuch annähernd ersetzen konnten. Wenn es auch nicht
so leicht war, mit ihnen nach einem Ziel zu werfen, so blieben sie doch
immerhin in der Wand stecken.
Es fehlte nur das menschliche Gesicht, das man mit den Gabeln umstecken
könnte. Von den Offizieren wollte sich natürlich keiner zu diesem
Versuche hergeben. Man mußte eine Person niederen Ranges finden, am
besten natürlich einen Juden, und die ausgelassenen Offiziere machten
den ihnen aufwartenden Juden einen solchen Vorschlag, aber diese waren
so feig und hingen so sehr am Leben, daß sie sich nicht nur weigerten,
sich dazu herzugeben, sondern auch ihren Handel im Stich ließen, den
ganzen Laden der Gewalt der Herren Offiziere überließen, davonliefen und
sich versteckten. Natürlich beobachteten sie von ihren Verstecken aus,
was jeder von ihnen nehmen und was die lärmende Gesellschaft weiter
treiben würde.
Nun führte ein unglücklicher Zufall zwei junge Gerichtsschreiber, oder
wie man sie am Orte nannte, »Gerichtsherrchen« her, die an diesem Tage
wohl einen guten »Chabar« genommen, das heißt, einen guten Schnitt
gemacht hatten und sich nun im Keller bei dem kalten Donschen, nach
Wermut schmeckenden Wein gütlich tun wollten.
Den Offizieren kam der Gedanke, die beiden Herrchen zu ihrem Versuch zu
verwenden; so luden sie die beiden zunächst ein, zusammen mit ihnen zu
trinken, und dann drangen sie in sie, es möge sich einer von ihnen zu
der Produktion hergeben.
Die Herrchen zeigten sich jetzt als sehr seltsame Leute, von ganz
verschiedener Gemütsart: der eine war ein Heraklit, der andere ein
Demokrit. Als sie aus der Hitze in den kalten Keller gekommen waren und
dort den kalten Wein getrunken hatten, stieg er ihnen zu Kopf, und als
dann die Offiziere anfingen, in sie zu dringen, rührten sie sich nicht
von der Stelle, anstatt bescheiden fortzugehen. Sie glaubten sich, als
Eingeborene, auf gleichem Fuße mit den Herren stehend und begannen ihren
wahren Charakter zu zeigen. Der eine lachte über den ihm gemachten
Vorschlag und riß über die geärgerten Offiziere kleinrussische Witze,
der andere zog ein saures Gesicht, begann zu weinen und schrie in einem
fort, obwohl ihn niemand anrührte:
»Rührt mich nicht an! Geht doch zum Teufel! Laßt mir meine heilige
Ruhe!«
Die beiden Schreiber wurden schließlich den Offizieren so lästig, daß
sie mit ihnen auf ihre Art verfuhren, d. h. ihnen mehrere Maulschellen
verabreichten und sie dann unter den Tisch stießen, um sie dort »wie die
Ferkel« zu halten, bis ihr Gelage zu Ende wäre. Das war ungefährlich und
praktisch, da die Offiziere die Herrchen unter dem Tisch mit den Füßen
festhielten und Mund und Hände frei hatten; zugleich war dadurch, daß
man sich ihrer Personen versicherte, ein Skandal vermieden, der bei dem
häßlichen Charakter, den die widerspenstigen Jungen zeigten,
unausbleiblich schien. Der eine hätte sicher draußen auf dem Platz oder
auf der Straße so geheult, daß man es in der ganzen Stadt hörte, und der
andere hätte gar auf den Zaun klettern oder ans Fenster kommen und sie
von dort aus verhöhnen können.
Dann müßte man ihm nachlaufen, ihn einholen und fangen, was einen
Skandal gegeben und sicher einen Haufen Weiber und Juden herbeigelockt
hätte. Mit einem Wort, es wäre ganz unvereinbar mit der Offiziersehre
gewesen; so saßen aber die Jungen ganz friedlich unter dem Tisch,
jammerten ein wenig und umfaßten einander in ihrem engen Raum, der noch
durch die Sporenstiefel der Offiziere eingeengt wurde.
Alles ging vortrefflich, aber da mischte sich der Teufel ein und verdarb
alles. Die Offiziere wurden so betrunken, daß sie anfingen, mit den
Gabeln nach dem Porträt zu werfen, weil sie meinten, sie könnten es
ebenso geschickt umrahmen, wie der Jongleur das Gesicht des lebendigen
Menschen mit seinen Dolchen. Aber der Teufel war im Spiel: als der erste
Offizier die Gabel warf, stieß ihn der Schwarze in den Ellenbogen, und
die Gabel blieb mitten in dem einen Auge des Porträts stecken. Der
zweite Offizier warf, und der Teufel führte die Gabel in das andere
Auge. In der betrunkenen Gesellschaft entwickelte sich jetzt der
Wetteifer, die Gabeln flogen eine nach der anderen und verstümmelten das
Gesicht des Porträts gänzlich.
In ihrer Trunkenheit, die schon in einen Zustand geistiger Umnachtung
überging, maßen die Offiziere diesem Vorfall keine besondere Bedeutung
bei. Sie hatten eben ein Bild verdorben, -- das war alles. Es wird nicht
von Gott weiß was für einem Meister gewesen sein, kein Werk Raffaels,
und keine ungeheure Summen gekostet haben. Sie würden morgen den
jüdischen Wirt rufen, ihn fragen, was das Bild koste, tüchtig
herunterhandeln, dann bezahlen, und damit wäre die Sache erledigt; dafür
war man lustig gewesen und hatte bei jedem ungeschickten Versuch, die
Gabel so sicher wie der Jongleur zu werfen, viel gelacht und gescherzt.
»Nein, der Schelm hat es besser gemacht. Wir können es nicht so. Und
Gott sei Dank, daß kein Mensch vor uns sitzen wollte, sonst hätten wir
dem Lebendigen die Augen ausgestochen, da hätte Bezahlen nichts
geholfen.«
Die wackeren Helden waren sehr froh, daß die Sache so gut mit Lachen und
Scherzen geendet hatte, und begaben sich, einander stützend, in ihre
Quartiere. Beim Weggehen hatten sie die Schreiber schon ganz vergessen,
die still unter dem Tische saßen und keinen Laut von sich gaben.
Aber die Sache war durchaus nicht so einfach und stand durchaus nicht so
gut, wie es sich diese braven Kinder dachten, als sie sich zur Ruhe
begaben.