Ich habe mehrmals erwähnt, daß Stepan Iwanowitsch sichtlich das
bevorzugte, was nicht »von den Moskowitern« herkam, und muß jetzt den
Leser aufklären, damit er nicht voreilig schließe, Wischnewskij sei
Politiker gewesen, Separatist, oder, wie man es jetzt nennt,
Ukrainophile. Man nahm damals das Kleinrussentum leicht, man wollte von
ihm sogar nichts wissen. Hätte jemand in die Seele Wischnewskijs
eindringen können, so hätte er auch bei der strengsten Prüfung nichts
Politisches in ihm gefunden. Wahrscheinlicher hätte er sich darin wie in
einem Schuppen gefühlt, in dem alles übereinandergeworfen ist, in dem
vermutlich alles vorhanden ist, aber niemand etwas finden kann.
Wischnewskij widersprach entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner
ersten Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten Stepanida
Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht der Schubinskijs. Wenn
sein Gesprächspartner Ukrainophile war und alles Kleinrussische rühmte,
so begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen
Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat dies mit großem
Geschick und treffenden und bissigen Vergleichen. Er lobte dann eifrig
die Polen, besonders Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen
Trunkenbold und schloß den Streit mit der seiner Ansicht nach
entscheidenden Formel, »Polen sei zusammengestürzt und habe uns
erdrückt«. Aber äußerte sich jemand mit Bedauern über Polen, so
wechselte Stepan Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte
sich nach großrussischen Motiven.
»Das ist wahr,« sagte er, »sie waren frei und ehrgeizig, aber weil sie
alle Könige sein wollten, schmiedeten sie gegen die Könige Ränke. Und so
gingen sie zugrunde und mußten zugrunde gehen, weil sie darüber
vergaßen, was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und jeder die
unglückliche Freiheit nach Kräften auf seine Seite zog.«
Er winkte mit der Hand ab und schloß wegwerfend:
»Dreck!«
Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger einer hohen Achtung
vor der Staatsgewalt, sondern im Gegenteil, wie schon oben erzählt, sehr
oft, ja fast bei jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen
Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei weder Demokrat noch
Nationalist in unserem jetzigen Sinne, so daß ihm sogar die bescheidene
und anscheinend doch harmlose Einrichtung der Wahl der Stadthäupter
lächerlich erschien; er wollte sie auch durchaus nicht »Häupter« nennen,
sondern nannte sie anders. Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem
kurzen, aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes »ein Pan, wie ein
Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch«, d. h. ein Herr, wie er sein
muß, ganz wie ein Auerochs aus der Bielowescher Wildnis nichts mit einem
gewöhnlichen Ochsen gemein hat, sondern in allem verwegener und stärker
ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische Betrachtungen,
wie sie später von Toqueville und ähnlichen Leuten geschrieben wurden,
gelesen zu haben, verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strömungen
unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie eigen
sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans das Prinzip zu sein
scheint, jede nationale Sympathie auf die Seite zu schieben.
Wischnewskij liebte die Polen nicht, aber wenn die Rede auf berühmte
Moskowiter kam, begann er gleich spöttische Grimassen zu schneiden,
wartete, bis Stepanida Wassiljewna für einen Augenblick das Zimmer
verließ, und sagte:
»Nun, was ist denn so Großes bei ihnen los! Ihre Großväter und
Großmütter wurden noch alle mit Stöcken geschlagen.«
Von diesem Gesichtspunkt aus rühmte Wischnewskij den polnischen Adel und
sogar die livländischen Barone; geriet er aber mit einem von ihnen in
Streit über Rußland, so begann er mit allem Eifer sie zu bekämpfen,
obwohl er sie im geheimen wegen ihres »reinen Blutes« beneidete. Aber er
konnte ihren Hochmut und ihre Anmaßung nicht ertragen, die ihm
widerwärtig erschienen, zumal er sich für einen einfachen, offenen
Menschen hielt.
Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles im Schädel dieses
Psychopathen steckte! Stand er aber einmal zufällig vor einer
außergewöhnlichen Frage oder Begebenheit, so war all der psychopathische
»Unfug« verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu
erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische Findigkeit. In
schwierigen Umständen und Gefahren handelte er kühn und überlegt und
befreite Menschen spielend aus Schwierigkeiten und großen Nöten, die sie
zu erdrücken drohten.
Ein solcher Fall wird über die Offiziere eines Dragonerregiments
berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen Gouvernement oder in
Bjeschetzk im Twerschen Gouvernement gelegen hatte.
Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im Twerschen Gebiet
spielen, die anderen in Kleinrußland; was richtiger ist, läßt sich
schwer entscheiden, es ist aber auch kaum der Mühe wert, sich darüber
den Kopf zu zerbrechen. Der Fall liegt so, daß er sich mit der gleichen
Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Städtchen ereignen konnte, aber
den Charakteren der beiden hier erwähnten »Herrchen« nach zu urteilen,
entspricht er mehr den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts.
Es handelt sich übrigens nicht darum, den Ort genau zu bestimmen,
sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen und den Anteil zu zeigen,
den unser psychopathischer Held an ihnen hatte.