NEUNTES KAPITEL

Ich habe mehrmals erwähnt, daß Stepan Iwanowitsch sichtlich das

bevorzugte, was nicht »von den Moskowitern« herkam, und muß jetzt den

Leser aufklären, damit er nicht voreilig schließe, Wischnewskij sei

Politiker gewesen, Separatist, oder, wie man es jetzt nennt,

Ukrainophile. Man nahm damals das Kleinrussentum leicht, man wollte von

ihm sogar nichts wissen. Hätte jemand in die Seele Wischnewskijs

eindringen können, so hätte er auch bei der strengsten Prüfung nichts

Politisches in ihm gefunden. Wahrscheinlicher hätte er sich darin wie in

einem Schuppen gefühlt, in dem alles übereinandergeworfen ist, in dem

vermutlich alles vorhanden ist, aber niemand etwas finden kann.

Wischnewskij widersprach entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner

ersten Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten Stepanida

Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht der Schubinskijs. Wenn

sein Gesprächspartner Ukrainophile war und alles Kleinrussische rühmte,

so begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen

Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat dies mit großem

Geschick und treffenden und bissigen Vergleichen. Er lobte dann eifrig

die Polen, besonders Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen

Trunkenbold und schloß den Streit mit der seiner Ansicht nach

entscheidenden Formel, »Polen sei zusammengestürzt und habe uns

erdrückt«. Aber äußerte sich jemand mit Bedauern über Polen, so

wechselte Stepan Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte

sich nach großrussischen Motiven.

»Das ist wahr,« sagte er, »sie waren frei und ehrgeizig, aber weil sie

alle Könige sein wollten, schmiedeten sie gegen die Könige Ränke. Und so

gingen sie zugrunde und mußten zugrunde gehen, weil sie darüber

vergaßen, was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und jeder die

unglückliche Freiheit nach Kräften auf seine Seite zog.«

Er winkte mit der Hand ab und schloß wegwerfend:

»Dreck!«

Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger einer hohen Achtung

vor der Staatsgewalt, sondern im Gegenteil, wie schon oben erzählt, sehr

oft, ja fast bei jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen

Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei weder Demokrat noch

Nationalist in unserem jetzigen Sinne, so daß ihm sogar die bescheidene

und anscheinend doch harmlose Einrichtung der Wahl der Stadthäupter

lächerlich erschien; er wollte sie auch durchaus nicht »Häupter« nennen,

sondern nannte sie anders. Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem

kurzen, aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes »ein Pan, wie ein

Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch«, d. h. ein Herr, wie er sein

muß, ganz wie ein Auerochs aus der Bielowescher Wildnis nichts mit einem

gewöhnlichen Ochsen gemein hat, sondern in allem verwegener und stärker

ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische Betrachtungen,

wie sie später von Toqueville und ähnlichen Leuten geschrieben wurden,

gelesen zu haben, verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strömungen

unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie eigen

sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans das Prinzip zu sein

scheint, jede nationale Sympathie auf die Seite zu schieben.

Wischnewskij liebte die Polen nicht, aber wenn die Rede auf berühmte

Moskowiter kam, begann er gleich spöttische Grimassen zu schneiden,

wartete, bis Stepanida Wassiljewna für einen Augenblick das Zimmer

verließ, und sagte:

»Nun, was ist denn so Großes bei ihnen los! Ihre Großväter und

Großmütter wurden noch alle mit Stöcken geschlagen.«

Von diesem Gesichtspunkt aus rühmte Wischnewskij den polnischen Adel und

sogar die livländischen Barone; geriet er aber mit einem von ihnen in

Streit über Rußland, so begann er mit allem Eifer sie zu bekämpfen,

obwohl er sie im geheimen wegen ihres »reinen Blutes« beneidete. Aber er

konnte ihren Hochmut und ihre Anmaßung nicht ertragen, die ihm

widerwärtig erschienen, zumal er sich für einen einfachen, offenen

Menschen hielt.

Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles im Schädel dieses

Psychopathen steckte! Stand er aber einmal zufällig vor einer

außergewöhnlichen Frage oder Begebenheit, so war all der psychopathische

»Unfug« verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu

erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische Findigkeit. In

schwierigen Umständen und Gefahren handelte er kühn und überlegt und

befreite Menschen spielend aus Schwierigkeiten und großen Nöten, die sie

zu erdrücken drohten.

Ein solcher Fall wird über die Offiziere eines Dragonerregiments

berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen Gouvernement oder in

Bjeschetzk im Twerschen Gouvernement gelegen hatte.

Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im Twerschen Gebiet

spielen, die anderen in Kleinrußland; was richtiger ist, läßt sich

schwer entscheiden, es ist aber auch kaum der Mühe wert, sich darüber

den Kopf zu zerbrechen. Der Fall liegt so, daß er sich mit der gleichen

Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Städtchen ereignen konnte, aber

den Charakteren der beiden hier erwähnten »Herrchen« nach zu urteilen,

entspricht er mehr den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts.

Es handelt sich übrigens nicht darum, den Ort genau zu bestimmen,

sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen und den Anteil zu zeigen,

den unser psychopathischer Held an ihnen hatte.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 44 / 79 题