Also genossen die Andersgläubigen, die sich gebessert hatten, das
Vertrauen des Psychopathen, und ein Deutscher verwaltete sogar, beinahe
ohne Rechenschaft abzulegen, eines seiner Güter und genoß so ausgedehnte
Machtvollkommenheit, daß er fast alles tun durfte, was Wischnewskij tat.
Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch nicht, sein
Begehren auf den Gesindehof auszudehnen, damit niemand sähe, wie sich
eine Frau des wahren, griechischen Glaubens »mit einem Deutschen
einlasse«. Aus diesem Grund dachte er für ihn einen Schimpf aus, der den
Mächtigen selbst in den Augen eines Kindes erniedrigen mußte. Der
Deutsche war verpflichtet, im Sommer leichte Kleidung und im Winter
einen wattierten Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in
die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers, der »für
sein Leben verantwortlich war«, ins Dorf zu gehen. Dem Deutschen war
dieses Verbot auferlegt, damit von ihm »keine Vermehrung des Deutschen
käme, sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge«.
In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschränkungen zu
sein, aber im Zusammenhang hatten sie zur Folge, daß der Deutsche sich
bei Stepan Iwanowitsch beklagte:
»Keine Möglichkeit.«
»Aber warum denn?«
»Alle laufen davon.«
Das bedeutete, daß, sobald der Deutsche in seinem langen Schlafrock, mit
seiner Laterne und in Begleitung »des für sein Leben Verantwortlichen«
seinen nächtlichen Gang antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und
diejenigen, denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten.
Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, ließ aber keine Änderung
an der von ihm eingeführten Ordnung zu.
»Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich packen und verprügeln,
und ich habe dann niemanden, der mir für dich verantwortlich ist,« sagte
er, als sei er aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einführung
überzeugt; aber Leute, die ihn näher kannten, bemerkten, daß, wenn er
mit dem Deutschen über die Angelegenheit sprach, seine »eine
Schnurrbartspitze lachte«.
Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel Sinnloses mit
Schlauem so innig vermischt, daß man unmöglich ergründen konnte, was
Ernst und was Scherz war.
Der Spaß mit dem Deutschen endete damit, daß er so lange mit seiner
Laterne wie ein leuchtendes Johanniswürmchen im Gras einherging, bis ihm
einmal im Schuppen einer Bauernhütte die Rippen eingedrückt wurden und
der für sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach Hause trug, wo er
seine deutsche Seele unverzüglich Gott empfahl, die Seele, die hier in
Verehrung der Heiligen Nikolai und Georgij gelebt hatte.
Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen unter die
genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch doch für unpassend, ihn
innerhalb des Friedhofes zu beerdigen, »neben den Vorfahren wahren
östlichen Glaubens«; er ordnete an, ihn außerhalb der Umfriedung zu
begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen, sondern einen großen
Stein darauf zu legen, damit die Müden sich setzen und ausruhen können.
In allen Fällen beobachtete er einen eigenen, in seiner Art sehr
originellen Ton, der wie von seinem Humor, so auch vom Respekt vor dem
heimatlichen Glauben zeugte, welch letzterer sich weniger auf dem
Katechismus als auf den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott
allein weiß, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab, oder ob
ihn etwas anderes leitete.
Um die Religiosität Wischnewskijs vollkommen zu kennzeichnen, muß man
hinzufügen, daß er es durchaus nicht jedem gestattete, den Heiligen
Nikolai und Jurij anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen
anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den Respekt vor diesen
Heiligen aus aller Not und empfingen die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den
Juden aber erlaubte er unter keinen Umständen, ihre Zuflucht zum Schutz
dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch nur eine Neigung dazu
verriet, unterwarf er einer Prüfung. Einmal hatte ihn ein Jude betrogen
und sollte dafür geprügelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe
schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil verkündet hatte,
begann der Jude sich jämmerlich zu krümmen und zu schreien:
»Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre auch den
Jurka ...«
Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten und fragte den
zitternden Juden:
»Was schreist du da?«
»Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...«
»Laß das Stammeln, -- sage ruhig, wen du verehrst!«
»Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola und den
Heiligen Jurka.«
»Nun, das tust du vergeblich.«
»Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie doch gnädig sind,
vielleicht, daß sie sich meiner erbarmen.«
»Ja, sie sind gnädig, das ist ganz richtig, aber mit den Juden, Bruder,
haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren Moses, den ruf an, wenn man
dich prügelt. Aber dafür, daß du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen
so heilige Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn mit der
Peitsche für den Nikola, und fünfundzwanzig für den heiligen Jurka,
damit er sich nicht mehr erfrecht, sie anzutasten.«
Natürlich schleppte man den unglücklichen Juden fort und verabreichte
ihm zuerst getreulich, was ihm für den Betrug zukam, und dann eine
Zulage von weiteren fünfunddreißig Hieben für den nach der Meinung
Wischnewskijs unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und beim
heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang der beiden Heiligen
nicht gleich war, gab man ihm für den Nikolai nur zehn Hiebe, für den
heiligen Jurij aber fünfundzwanzig.
Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund, sondern infolge der
größeren Liebe und Verehrung des Pan für den heiligen Jurij, »weil er
ein Russe und kein Moskowite ist«.