ACHTES KAPITEL

Also genossen die Andersgläubigen, die sich gebessert hatten, das

Vertrauen des Psychopathen, und ein Deutscher verwaltete sogar, beinahe

ohne Rechenschaft abzulegen, eines seiner Güter und genoß so ausgedehnte

Machtvollkommenheit, daß er fast alles tun durfte, was Wischnewskij tat.

Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch nicht, sein

Begehren auf den Gesindehof auszudehnen, damit niemand sähe, wie sich

eine Frau des wahren, griechischen Glaubens »mit einem Deutschen

einlasse«. Aus diesem Grund dachte er für ihn einen Schimpf aus, der den

Mächtigen selbst in den Augen eines Kindes erniedrigen mußte. Der

Deutsche war verpflichtet, im Sommer leichte Kleidung und im Winter

einen wattierten Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in

die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers, der »für

sein Leben verantwortlich war«, ins Dorf zu gehen. Dem Deutschen war

dieses Verbot auferlegt, damit von ihm »keine Vermehrung des Deutschen

käme, sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge«.

In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschränkungen zu

sein, aber im Zusammenhang hatten sie zur Folge, daß der Deutsche sich

bei Stepan Iwanowitsch beklagte:

»Keine Möglichkeit.«

»Aber warum denn?«

»Alle laufen davon.«

Das bedeutete, daß, sobald der Deutsche in seinem langen Schlafrock, mit

seiner Laterne und in Begleitung »des für sein Leben Verantwortlichen«

seinen nächtlichen Gang antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und

diejenigen, denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten.

Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, ließ aber keine Änderung

an der von ihm eingeführten Ordnung zu.

»Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich packen und verprügeln,

und ich habe dann niemanden, der mir für dich verantwortlich ist,« sagte

er, als sei er aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einführung

überzeugt; aber Leute, die ihn näher kannten, bemerkten, daß, wenn er

mit dem Deutschen über die Angelegenheit sprach, seine »eine

Schnurrbartspitze lachte«.

Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel Sinnloses mit

Schlauem so innig vermischt, daß man unmöglich ergründen konnte, was

Ernst und was Scherz war.

Der Spaß mit dem Deutschen endete damit, daß er so lange mit seiner

Laterne wie ein leuchtendes Johanniswürmchen im Gras einherging, bis ihm

einmal im Schuppen einer Bauernhütte die Rippen eingedrückt wurden und

der für sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach Hause trug, wo er

seine deutsche Seele unverzüglich Gott empfahl, die Seele, die hier in

Verehrung der Heiligen Nikolai und Georgij gelebt hatte.

Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen unter die

genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch doch für unpassend, ihn

innerhalb des Friedhofes zu beerdigen, »neben den Vorfahren wahren

östlichen Glaubens«; er ordnete an, ihn außerhalb der Umfriedung zu

begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen, sondern einen großen

Stein darauf zu legen, damit die Müden sich setzen und ausruhen können.

In allen Fällen beobachtete er einen eigenen, in seiner Art sehr

originellen Ton, der wie von seinem Humor, so auch vom Respekt vor dem

heimatlichen Glauben zeugte, welch letzterer sich weniger auf dem

Katechismus als auf den Heiligen Nikola und Jurka gründete. Aber Gott

allein weiß, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab, oder ob

ihn etwas anderes leitete.

Um die Religiosität Wischnewskijs vollkommen zu kennzeichnen, muß man

hinzufügen, daß er es durchaus nicht jedem gestattete, den Heiligen

Nikolai und Jurij anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen

anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den Respekt vor diesen

Heiligen aus aller Not und empfingen die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den

Juden aber erlaubte er unter keinen Umständen, ihre Zuflucht zum Schutz

dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch nur eine Neigung dazu

verriet, unterwarf er einer Prüfung. Einmal hatte ihn ein Jude betrogen

und sollte dafür geprügelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe

schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil verkündet hatte,

begann der Jude sich jämmerlich zu krümmen und zu schreien:

»Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre auch den

Jurka ...«

Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten und fragte den

zitternden Juden:

»Was schreist du da?«

»Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...«

»Laß das Stammeln, -- sage ruhig, wen du verehrst!«

»Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola und den

Heiligen Jurka.«

»Nun, das tust du vergeblich.«

»Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie doch gnädig sind,

vielleicht, daß sie sich meiner erbarmen.«

»Ja, sie sind gnädig, das ist ganz richtig, aber mit den Juden, Bruder,

haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren Moses, den ruf an, wenn man

dich prügelt. Aber dafür, daß du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen

so heilige Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn mit der

Peitsche für den Nikola, und fünfundzwanzig für den heiligen Jurka,

damit er sich nicht mehr erfrecht, sie anzutasten.«

Natürlich schleppte man den unglücklichen Juden fort und verabreichte

ihm zuerst getreulich, was ihm für den Betrug zukam, und dann eine

Zulage von weiteren fünfunddreißig Hieben für den nach der Meinung

Wischnewskijs unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und beim

heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang der beiden Heiligen

nicht gleich war, gab man ihm für den Nikolai nur zehn Hiebe, für den

heiligen Jurij aber fünfundzwanzig.

Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund, sondern infolge der

größeren Liebe und Verehrung des Pan für den heiligen Jurij, »weil er

ein Russe und kein Moskowite ist«.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 43 / 79 题