In keiner der Erzählungen, die ich über Wischnewskij hörte, nimmt er als
Vater und Erzieher eine charakteristische Stellung ein; er wird
ausschließlich als »Erzeuger« erwähnt. Im übrigen wird berichtet, daß,
als um jene Zeit in Petersburg »die Institute eingeführt wurden« und der
eingesessene Adel auf Wunsch der Kaiserin die Aufforderung erhielt,
seine Töchter zur Erziehung dorthin zu bringen, Wischnewskij nach
Petersburg reiste und seine Tochter persönlich hinbrachte. Jedoch wird
dieser Umstand nicht erwähnt, um die väterliche Fürsorge Wischnewskijs
zu bezeugen, sondern weil diese Reise mit einem anderen interessanten
Ereignis in Verbindung steht, von dem später berichtet werden wird. Auch
als Gutsbesitzer, in seiner Eigenschaft als Herr, Richter und Züchtiger
der ihm untergebenen Leibeigenen bewies Wischnewskij keine besondere
Originalität, sondern führte die Herrschaft, »wie sie von alter Zeit her
geführt wurde.« Alles wurde durch Leibeigene und gemietete rechtgläubige
oder polnische Aufseher verrichtet. Wischnewskij hatte einige Polen in
seinem Dienst, gegen die er keinerlei Feindschaft hegte, über die er
sich aber gerne lustig machte. Auch einige Juden waren da, die der
Psychopath auf verschiedene Weise zu erschrecken pflegte. Mehr als einen
von ihnen hatte er zu Tode erschreckt, aber sie kamen immer wieder zu
ihm, da Wischnewskij manchmal freigebig war und ihnen manchen Verdienst
zukommen ließ. Im übrigen benützte er die Juden als Kommissionäre. Aber
Gott sei dem gnädig, der ihn betrog! Er ließ ihn mit Ruten und Peitschen
schlagen und quälte ihn fast noch mehr durch Furcht.
Wischnewskij war auch Patriot, was sich à la longue in seiner Vorliebe
für den kleinrussischen Kaftan und die kleinrussische Sprache äußerte,
und zudem -- in seiner Verachtung für die Ausländer. Besonders wenig
schätzte er die Deutschen, die er aus zwei Gründen nicht achten konnte:
erstens, weil sie »stockbeinig« sind, und zweitens, weil ihm ihr Glaube
nicht gefiel, -- »sie verehren die Heiligen nicht«. Stepan Iwanowitsch
nahm von sich an, daß er »die Heiligen verehre«. Er war in
Glaubenssachen vollkommen unwissend und kritiklos und ließ sich auch
nicht auf religionsphilosophische Fragen ein, da er fand, daß dies eine
»Sache der Popen« sei; er »beschützte und verteidigte nur als Ritter
seinen Glauben vor allen Andersgläubigen«. Er sah in diesem Punkte mit
den Augen des einfachen Volkes, das nur die Rechtgläubigen zu den
Christen zählt, alle übrigen »andersbetenden« Christen für Ungläubige,
die Juden aber und »das ganze sonstige Pack« als unrein ansieht. Aber
auch der Ausländer, ja sogar der Deutsche, konnte an den Tisch Stepan
Iwanowitschs gelangen, und einer -- gerade ein Deutscher -- lebte sogar
in seinem Hause und genoß sein Vertrauen; doch bevor sich der
»Ungläubige« ihm nähern durfte, suchte sich das religiöse Gewissen
Wischnewskijs Genugtuung und Frieden mit sich selbst zu verschaffen.
Stepan Iwanowitsch, der nach seinem eigenen Geständnis »keinen
Katechismus gelernt hatte«, hatte für den Empfang von Andersgläubigen
eine sehr konkret formulierte Frageordnung aufgestellt.
Stepan Iwanowitsch fragte den Lutheraner oder Katholiken: »Nun, wenn du
auch anders glaubst und betest als wir, den heiligen Wundertäter Nikola
achtest du doch gewiß?«
Der so geprüfte Andersgläubige wußte aus zuverlässigen Gerüchten, was
mit ihm geschehen würde, wenn er es wagen wollte zu sagen, daß er den
Wundertäter nicht verehre, zu dem der Pan von Farbowanaja so sehr hielt.
Er hätte sogleich erfahren, wie kräftig die Stühle sind, auf die Stepan
Iwanowitsch seine Gäste setzte, und wie biegsam die Weiden, die ihre
Zweige in das Wasser des Ssupoi tauchen. Aber da jeder Andersgläubige,
der das Glück hatte, Wischnewskij so weit für sich einzunehmen, daß er
schon mit ihm über den Glauben sprach, dies genau wußte, so antwortete
er ihm, wie es die Empfangsordnung verlangte:
»O ja«, erwiderte der also befragte »Andersbetende«, »wie sollte ich den
Nikola nicht achten, wo ihn doch die ganze Welt verehrt!«
»Nun, >die ganze Welt<, Bruder, da hast du doch etwas zuviel gesagt,«
versetzte Stepan Iwanowitsch; »du mußt wissen, daß der heilige Nikola
von Geburt Moskowite ist, du sollst aber unseren >russischen< Jurka
verehren.«
Das Wort »russisch« im Sinne des klein- oder südrussischen, wurde damals
scharf dem »moskowitischen«, großrussischen entgegengesetzt.
Moskowitisch und »russisch« waren zwei getrennte Begriffe, im Himmel und
auf Erden. Die irdischen Unterschiede waren jedem durch seine leiblichen
Augen sichtbar, die himmlischen dagegen wurden durch den Glauben
erkannt. Dem Glauben nach obliegen aber die großrussischen
Angelegenheiten der Sorge des wundertätigen Nikolai, des Patrons
Rußlands, die südrussischen aber finden Schutz und Hilfe in der Fürsorge
des den Kleinrussen besonders geneigten heiligen Jurij, oder wie man ihn
heute nennt, des heiligen Georg.
Jeder Andersgläubige, der die Prüfung über den heiligen Nikolai
bestanden hatte, versicherte nun Wischnewskij noch bestimmter, daß er
auch den heiligen Jurij verehre, »noch mehr, als den Nikola«.
Dies gefiel Stepan Iwanowitsch. Damit war die Katechisierung des Gastes
beendet, und dem nun Aufgenommenen wurde der Glaubensunterschied nie
mehr vorgeworfen. Ja, wenn jemand zufällig diesen Unterschied erwähnte,
so unterbrach ihn Stepan Iwanowitsch und sagte:
»Es ist kein Unterschied da, er verehrt den Nikola, aber noch mehr den
heiligen Jurka.«