Die lokalen Überlieferungen berichten sogar den Namen des »wie ein
Märchen« schönen, schwarzäugigen Mädchens, das zu dem Pan in ziemlich
späten Jahren seines Lebens in Beziehungen trat. Es hieß Gapka
Petrunenko. Sie war so schön, daß es »den Augen wohltat, sie zu
schauen«, und hatte, wie die Geschichte erzählt, ein sanftes Herz und
eine empfängliche Seele. Wischnewskij konnte ihre schlanke Taille mit
seinen Fingern umspannen, und er liebte sie, wie keine andere, die vor
oder nach ihr seine Gunst genoß. Er kleidete sie in rosa Atlas und in
Jacken aus kostbaren türkischen Schals, er trug sie auf den Händen und
küßte ihre Füße.
Stepanida Wassiljewna, die diese heiße Liebe ihres Mannes zu dem Mädchen
sah, widmete sich ihr in einem solchen Maße, daß sie sich selbst und
ihre beiden Töchter zu vergessen schien, von denen die jüngere schon
zwölf Jahre zählte. Am Morgen flocht Stepanida Wassiljewna selbst Gapkas
schwarze Flechten, abends löste sie sie ihr und ließ ihre dichten Locken
von aromatischem Rauch durchziehen. Sie gestattete keiner niedrigen
Hand, ihren Körper zu berühren und benetzte selbst mit rosenduftendem
Wasser ihre Füße, auf die Stepan Iwanowitsch in leidenschaftlicher
Selbstvergessenheit seine Lippen drückte. Mit einem Wort, dieses
prächtige Mädchen war die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt
im Hause Wischnewskijs unterschied sich weit von dem aller anderen.
Selbst wenn Stepan Iwanowitsch mit den Hunden auf die Jagd ritt, nahm er
Gapka mit und begnügte sich nicht damit, daß sie als Tscherkessin
gekleidet im ruhigen Jagdwagen mitfuhr, sondern nahm sie aus dem Wagen
und setzte sie vor sich in den Sattel. Wenn das Mädchen von dieser
unbequemen und anstrengenden Reise müde wurde und der Schlaf ihr
Köpfchen neigte, überließ sie Wischnewskij keiner fremden Hand, sondern
brach die Jagd ab und brachte Gapka vorsichtig mit eigenen Händen nach
Hause. Und Gott mochte dem von seinem Gefolge gnädig sein, der durch ein
Geräusch den kindlichen Schlaf der Geliebten des Pan störte! Dem
Schuldigen waren die feuchte Grube und Peitschenhiebe sicher.
Ebenso sorgsam übergab Wischnewskij an der Freitreppe das Kind den
Händen der ihn Erwartenden und begleitete sie dann selbst, wenn man
Gapka in aller Stille in die Gemächer Stepanida Wassiljewnas trug.
Dort entkleidete man sie und legte sie auf die Atlaskissen des breiten
türkischen Diwans, auf dessen Rand sich die Gatten setzten und ihren Tee
tranken. Während der ganzen Zeit sprachen sie kein Wort, sondern
ergötzten sich damit, das schlafende Mädchen anzuschauen. Wurde es Zeit,
zur Ruhe zu gehen, so stand Stepanida Wassiljewna auf und ging mit
leichtem Schritt über den Teppich in das anstoßende Zimmer, wo ihr
Schlafgemach war. In dankbarem Schweigen küßte Stepan Iwanowitsch seiner
Frau oftmals die Hand und flüsterte ihr zu:
»Du bist mein Schutzengel, -- ich bete dich an!«
Stepanida Wassiljewna fühlte und teilte das Glück ihres Mannes mit einer
unglaublichen, vielleicht nur ihr eigenen Hingabe.
Sie ging in ihr Schlafzimmer, betete dort lange vor dem Heiligenbild und
ging dann wieder mit unhörbaren Schritten in das anstoßende Gemach, wo
die schlafende rosige Gapka mit ihren jungen kräftigen Händen die Kissen
umfing, während die athletische Gestalt Wischnewskijs zu den Füßen des
schlummernden Mädchens auf dem Teppich lag, den Kopf gegen den Diwan
gelehnt.
Stepanida Wassiljewna schlug über die beiden das Kreuz, kehrte in ihr
Witwenbett zurück, und ihr Schlaf war ruhig, friedlich und erquickend.
In diesem ganzen seltsamen, scheinbar widersinnigen Gemenge von Gefühlen
und Beziehungen erblickte sie nichts für sich Erniedrigendes, nicht
einmal etwas Unpassendes; im Gegenteil, es schien ihr, als ob es gar
nicht besser gehen könne.
Die grenzenlose Liebe dieser Frau zu ihrem Manne und das große Unglück,
das ihr Gesundheitszustand für sie bedeutete, hatten ihre moralischen
Begriffe, die niemandem klar und verständlich schienen, derart
verändert. Da ich diese Erzählungen nur als Sammlung einzelner Berichte
aus dem Mund Verschiedener wiedergebe, werde ich mich nicht weiter
bemühen, die Persönlichkeit Stepanida Wassiljewnas genauer zu erklären.
Ich glaube aber, daß man sie heute mit dem Begriff »psychopathisch«
bezeichnen würde. Ich gebe nur die interessante Erzählung wieder, wie
ich sie selbst gehört habe, ohne an den Charakteren und Sitten der
Helden dieser legendären Berichte eigene Kritik üben.
Ich glaube, daß es sich hier in erster Linie nicht um Kritik handelt,
zumal alle handelnden Personen schon ins Reich der Schatten gewandert
sind, sondern darum, der Nachkommenschaft die Erinnerung an die
erstaunliche Unmittelbarkeit ihrer Charaktere und an ihr originelles,
launenhaftes Leben zu bewahren.
Wohlbekannt sind uns die stürmischen Naturen unserer großrussischen
Adligen, deren Leben nach dem Ausspruch eines Dichters »unter Festen,
sinnlosem Prahlen, kleinlichen Lastern und kleinlicher Tyrannei verlief,
und bei denen der Chor der unterdrückten, zitternden Menschen das Leben
der Hunde und Pferde beneidete«. Wir wissen, wie unsere »alten
Weinschläuche« unter dem Gären des jungen, in sie gegossenen Weines
zitterten. Die gesunde realistische Richtung unserer großrussischen
Literatur, die uns vielleicht den Vorwurf des übertriebenen Realismus
eintragen wird, zeigt uns das wahre Gesicht unseres großrussischen
Lebens. Die kleinrussischen Schriftsteller folgen aber unserer für die
Jetztzeit vielleicht einzig nützlichen Richtung nicht. Das Leben des
kleinrussischen auftrumpfenden Herrentums ist uns entweder durch die
Romantik oder durch die primitive Volkstümlichkeit der kleinrussischen
Schriftsteller verschleiert. Wird es einmal geschildert, so meist in
schwülstigen Formen, die an die endlose polnische Historie vom »Pan
Kochanko« erinnern. Aber das kleinrussische Herrenleben hat seine
Originalität, die des Studiums wert ist und zugleich ein ziemlich helles
Licht auf die Eigenheiten der kleinrussischen Charaktere wirft, die,
nach der Bemerkung Schewtschenkos, der Welt »die gemeinen Enkel
berühmter Großväter« liefern.
Es ist nutzlos, sich mit den Vertretern jener mittleren Generation zu
befassen, die wie eine Schicht zwischen den »Großvätern und den Enkeln«
liegt, zwischen denen, die der nationale Poet als »große« rühmte, und
jenen, die er zu den »gemeinen« rechnete. Vor uns stehen Gestalten, die
an der Wasserscheide jener beiden Hauptströmungen stehen, deren eine das
kleinrussische Land zu nie erreichter Höhe getragen hatte, während es
die andere zu nie wieder gut zu machender »Gemeinheit« führte.
Alles auf der Welt ist »begründet, folgerichtig und bedingt«, und so
können die Glieder einer Kette nur ihre Form ändern, aber
nichsdestoweniger faßt ein Glied das andere, und jedes ist unabänderlich
mit dem anderen verbunden.
Indem ich in diesen Aufzeichnungen alles vereine, was ich über
Wischnewskij und seine Sippe gehört habe, glaube ich damit der Literatur
ein vergessenes Kettenglied zu erhalten, das bisher nur in einzelnen
Überlieferungen bewahrt wurde. Möglicherweise sind diese nicht alle
zuverlässig, aber selbst in diesem Falle sind sie als Schöpfung des
Volkes interessant, weil sie bezeichnend sind für das, was die Phantasie
der Menschen in Erstaunen versetzte und begeisterte, oder was ihnen
gefiel.
Ich fahre in meiner Erzählung über Wischnewskij fort.
Einige Zeilen weiter oben verließen wir den mächtigen Pan von
Farbowanaja, wie er auf dem Teppich zu Füßen seiner ländlichen Nymphe
schlief. Lassen wir ihn noch in dieser Stellung, wie sie schöner und
poetischer in seinem willkürlichen und zügellosen Leben kaum je vorkam.
Mögen sie süß weiterschlafen bis zur Morgenröte des Tages, der ihr Glück
und ihre Ruhe trüben und in den Becher der Liebesfreuden des Pan den
Tropfen des bitteren Schierlings träufeln wird.
Wir werden später auf das [**Erreignis>Ereignis] zu sprechen kommen, das
den Höhepunkt der Leidenschaften und der moralischen Verwirrung
Wischnewskijs darstellt und nach dem seine Geliebten einander wieder in
rascher Folge ablösten, ohne jene beschriebene Höhe zu erreichen;
Wischnewskij ließ aber bis zu seinem Tode nicht von ihnen.
Zeichnen wir nun, so gut wir es verstehen und vermögen, die übrigen
Seiten seiner Tätigkeit und seines Charakters.