Nach dem beschriebenen Zwischenfall besserte sich Stepan Iwanowitsch in
Bezug auf seine Verschlossenheit und sein Mißtrauen und nahm nie mehr
Zuflucht zum Separatleben.
Stepanida Wassiljewna sorgte für ihn, wie sich die Bauern ausdrückten,
»wie eine Mutter für ihr Kind«.
Die unwahrscheinliche, primitive Einfachheit dieser Beziehungen, die an
die biblische Erzählung von Sarah und Hagar erinnert, wird noch
unwahrscheinlicher, wenn man den Einzelheiten Glauben schenken will, die
die Bauern über das Leben dieser Ehegatten erzählen.
Stepan Iwanowitsch war ein reiner Türke. Seine mannigfaltigen
Verbindungen umfaßten alle Arten von Liebe, von einer flüchtigen
Verirrung bis zur Anhänglichkeit eines Sultans an seine Odaliske oder an
seine erste Sultanin. Die vorübergehenden Beziehungen kommen natürlich
nicht in Betracht, die Stellung der ersten Sultanin nahm
selbstverständlich seine gesetzliche Frau ein, die er vielleicht auf
seine Weise liebte und auf jeden Fall, wie er versicherte, »hoch
schätzte«.
»Wenn jemand etwas wider mich unternimmt«, pflegte er zu sagen, »so kann
ich es vielleicht noch verzeihen, aber wenn es jemand einfällt,
Stepanida Wassiljewna zu beleidigen, so werde ich ihn zu erreichen
wissen, wer es auch sei, und selbst Zar Iwan der Grausame hat keine
derartigen Marter ersonnen wie die, mit denen ich den Beleidiger meiner
Frau strafen werde.«
Alle wußten dies und wußten zudem, daß Stepan Iwanowitsch nicht
scherzte, sondern alles, was er sagte, auch machte, und so kam es
niemandem in den Sinn, Stepanida Wassiljewna gegenüber auch nur das
geringste Anzeichen von Unehrerbietigkeit oder Ungehorsam zu äußern.
Nicht alle dagegen verstanden diese eifrige Sorge Wischnewskijs für
seine Frau, und während die einen sie seiner übergroßen Zärtlichkeit
zuschrieben, sahen andere darin Verschlagenheit, wie sie ja dem
kleinrussischen Charakter Wischnewskijs in der Tat in beträchtlichem
Maße eigen war. Sie nahmen an, er wolle allen vor seiner Frau »Furcht
einjagen«, damit ihre auf die Ergötzung seines Lebens durch die Liebe
der leibeigenen Odalisken gerichteten Bemühungen nicht auf den
geringsten Widerstand stießen, da er jeden Ungehorsam ihr gegenüber so
bestrafen würde, daß Zar Iwan der Grausame in seinem Grab erzitterte.
Übrigens mag es sein, wie es will, Bestimmtes ist darüber nicht zu
sagen; dagegen wird mit Bestimmtheit erzählt, daß Stepan Iwanowitsch,
der in seinen sonstigen flüchtigen Romanen verderbt und rücksichtslos
bis zur Grausamkeit war, es liebte, in seine Beziehungen zu den
Odalisken, die ihm seine erste Sultanin nach ihrem Geschmack auswählte,
eine eigenartige Poesie zu tragen. Es entsprach dies ganz seiner Natur,
in der sich in solchen Fällen etwas Zartes und Gefühlvolles äußerte.
Ähnlich wie Don Juan darf er sich rühmen, daß er diese jungen Wesen nie
durch Rauheit kränkte, sie auch nie »mit kalter Leidenschaftslosigkeit«
verführte. Nein, er kam immer mit zarter Aufmerksamkeit in das Haus
seiner Frau, die für ihn liebevoll eine neue Freude bereithielt, und die
beiden Gatten pflegten die Erwählte, »wie man ums Morgenrot einen Falken
steigen läßt«. Sie liebkosten, schmückten und hätschelten sie, das
Mädchen wohnte in den Gemächern Stepanida Wassiljewnas, war bunt
gekleidet, mit Süßigkeiten übersättigt und versank in Genüssen, so daß
sie selbst nicht merkte, wie sie von einer Rolle in die andere überging
und lange Zeit, wie benebelt, nicht wußte, was mit ihr geschah und womit
das enden würde. Alle diese Odalisken hatten das Kindesalter noch kaum
überschritten, in dem der Kopf noch arm an Erfahrungen ist, die
Vorstellungen über die Zukunft noch unentwickelt sind und nur das
lusterfüllte Leben des Augenblicks lockt. So gaben sich viele aufrichtig
mit Herz und Seele ihrem Gebieter hin, oder empfanden ihre Rolle
wenigstens nicht als Last; Stepanida Wassiljewna aber liebten sie wie
eine Mutter. Und in der Tat, sie verhätschelte sie wie eine Mutter und
ermunterte sie wie eine ältere Haremsgenossin, die sich über das Glück
freut, das die jungen Odalisken ihrem geliebten Padischah bereiten.
Frau, Mann und die diensthabende Favoritin trennten sich im Hause fast
nie und verbrachten die meiste Zeit zu dritt. Einige seiner Odalisken
aber liebte Stepan Iwanowitsch so sehr, daß er sich keinen Augenblick
von ihnen trennen konnte. Wischnewskij war dann zu seiner Geliebten
nicht nur gefühlvoll, sondern liebevoll wie ein feuriger Jüngling, und
wenn er das Haus unbedingt verlassen mußte, so nahm er sie in der
Verkleidung eines Pagen oder Jägers, dem die Obhut seiner kostbaren
Bernsteinpfeifen und seiner Tabaksbeutel anvertraut war, mit. Da Stepan
Iwanowitsch stets, selbst Nachts rauchte, war ihm ein solcher
»Pfeifenjunge« unentbehrlich, und er hatte immer einen bei sich.
Man schloß daraus, daß Stepan Iwanowitsch hier bis zu einem gewissen
Grad von Eifersucht geleitet wurde, doch entbehrt diese Annahme jeder
Grundlage, da er ja nichts riskierte, wenn er das Mädchen unter der
Obhut Stepanida Wassiljewnas zurückließ. Man muß vielmehr annehmen, er
habe, wie es diejenigen behaupten, die diesen kleinrussischen
Psychopathen genauer kannten, seine Favoritinnen so leidenschaftlich
geliebt, daß er sich von ihnen so lange nicht trennen konnte, bis seine
Leidenschaft ihren gewöhnlichen Lauf genommen hatte und abflaute.
Die Anhänglichkeit Stepan Iwanowitschs an die betreffende Odaliske war
um so stärker, je größere Zärtlichkeit und Sorge sie in seiner Frau
weckte. War Wischnewskijs Leidenschaft verflogen und fuhr er »hinter den
Ssupoi«, so nahm Stepanida Wassiljewna die Sorge auf sich, die alte
»Ergötzung« unterzubringen und eine neue vorzubereiten, die den Pan von
Farbowanaja wieder vom anderen Ufer zurücklocken sollte.
Tragisch waren diese Trennungen nie. Dank der Taktik, der Güte und der
Freigibigkeit Stepanida Wassiljewnas wurden alle diese Angelegenheiten
friedlich und im Guten und zur allgemeinen Zufriedenheit sämtlicher
Verwandten des Mädchens beigelegt. Eine einzige Ausnahme bildete der
Fall eines fünfzehnjährigen Bauernmädchens, das das Herz Wischnewskijs
besonders stark gefesselt und ihm einen Sohn und eine schmerzliche Spur
in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte.