In Bezug auf Moral und Keuschheit war Stepan Iwanowitsch ein sehr
unzeremonieller und überdies naiver Mensch. Übrigens waren seine
Erlebnisse dieser Art einander meist sehr ähnlich, doch schildert die
heroische Epopöe die außerordentlich originelle Rolle, die seine Frau,
Stepanida Wassiljewna, geborene Schubinskaja, dabei spielte. Anscheinend
kann man auch sie mit vollem Recht als psychopathisch bezeichnen, wenn
auch in einem anderen Sinne.
Sie war, wie bereits erwähnt, eine Twersche Adelige, eine gebildete Frau
aus sehr guter Familie. Sie liebte ihren Gemahl und lebte mit ihm stets
im besten Einvernehmen. Aus ihrer Ehe mit Stepan Iwanowitsch hatte sie
zwei Töchter. Die Geburt der zweiten Tochter verlief so unglücklich, daß
Stepanida Wassiljewna für ihr ganzes Leben »einen Schaden« davontrug.
Stepan Iwanowitsch begann sich von ihr fernzuhalten: wenn sie in
Farbowanaja lebte, fuhr er nach Ssosnowka, war sie in Ssosnowka, so fuhr
er nach Farbowanaja. Als Stepanida Wassiljewna dies sah und weil sie,
wie sie sagte, ihren Mann liebte, begann sie Vorsorge dafür zu tragen,
daß »er sich von ihr nicht fernhalte« und daß »ihm das Leben bei ihr
nicht langweilig werde«. Zu diesem Zweck hielt sie an Abenden
Spinnstunden ab, zu denen die Mädchen nur ungern und unter Tränen kamen,
aber Stepanida Wassiljewna behandelte sie freundlich, bewirtete sie so
lange, bis sie zutraulich wurden und nicht mehr weinten. Dann schrieb
sie ihrem Gemahl und lud ihn ein zu kommen, »um sich an den Mädchen zu
erfreuen«. Und er antwortete ihr: »Ich danke dir sehr und weiß deine
Sorge für mich zu schätzen, im übrigen habe ich bei der Auswahl zu
deinem Geschmack mehr Vertrauen, als zu meinem eigenen.«
Eine solche Antwort ihres Mannes freute Stepanida Wassiljewna nicht nur,
sondern rührte sie. Ihre Gefühle für Stepan Iwanowitsch brannten mit
doppelter Glut, und sie schrieb ihm unverzüglich in aller Eile zurück:
»Für dein Vertrauen, mein teuerster Freund, danke ich dir vielmals, und
ich hoffe, daß die Wahl meines Geschmacks, auf den du so vertraust,
deinem Herzen gefallen wird. Nur bitte ich dich, Engel meiner Seele,
komm so bald wie möglich zu mir, denn mein Herz sehnt sich nach dir, und
du wirst sehen, daß ich über nichts gekränkt bin, sondern deinen
Geschmack verstehe. Unsere Kinder sind beide gesund, grüßen dich und
küssen deine Hände.« Unterschrift: »Deine treue Frau und Dienerin
Stepanida.«
Wenn Stepan Iwanowitsch eine solche Nachricht erhielt, gab er sein
Einzelleben auf und fuhr zu seiner Gemahlin, die damit ihren Zweck
erreicht hatte, daß er »in ein und demselben Hause mit ihr lebe, ohne
sich zu langweilen«.
Sie verhätschelte nicht nur die Favoritinnen, die sie für ihren Mann
auswählte, sondern pflegte und versorgte auch seine Kinder, die sich bei
der patriarchalischen Ordnung dieses Herrenlebens in Farbowanaja rasch
vermehrten.
Wischnewskij selbst war bei weitem nicht so gutherzig und aufrichtig wie
seine Frau: wenn sich sein verderbtes Herz bei der Person, welche die
Obliegenheit hatte, ihm »das Leben kurzweilig zu machen«, zu langweilen
begann, so schickte sich Wischnewskij an, wieder allein im anderen Dorfe
zu leben.
Stepanida Wassiljewna verstand dies sogleich und hinderte ihren Mann
daran nicht, da für sie der Friede und das eheliche Einvernehmen, nach
dem Vermächtnis der Vorfahren, am höchsten in der Welt standen; einige
Zeit später traf sie wieder Vorbereitungen und schrieb ihm einen
vorsichtigen und zärtlichen Brief, in dem sie sagte: »Deine List und
deine Unaufrichtigkeit mir gegenüber in wichtigen Angelegenheiten
kränken und quälen mich sehr, mein Freund, da ich sie durch nichts
verdient habe. Gott sieht meine Wahrhaftigkeit, und daß ich dich über
alles in der Welt liebe. Durch die Trennung von dir welkt mein Herz
dahin wie Gras, und meine heißen Tränen versiegen nicht. Die Person, die
dich durch ihre Reizlosigkeit ermüdet und gelangweilt hat, habe ich
durch meine Bemühungen ohne viel Aufhebens versorgt; alle sind jetzt mit
ihrer Lage vollkommen zufrieden und bedanken sich. Wenn du bald zu mir
kommst, kannst du dich an einer sehr liebenswürdigen Person ergötzen.
Unsere Kinder sind durch Gottes Gnade wohlbehalten und gesund und beten
für ihren Vater.« Und wieder dieselbe Unterschrift: »Deine Frau und
Dienerin.«
Wischnewskijs Antwort waren Grüße an seine Frau und die Versicherung
seines vollen Vertrauens zu ihrem Geschmack, und bald darauf kehrte
Stepan Iwanowitsch in den Schoß seiner Familie zurück. Man erwartete ihn
natürlich und begrüßte ihn mit Zymbeln und Gesang, Zurufen und
Schmeicheleien und allem, was notwendig war, um ihn so zufrieden zu
stellen, wie er es sich selbst wünschte und seine zärtliche,
überzärtliche Frau es einrichten konnte, die das Unglück gehabt hatte,
aus einer lebhaften und reizenden Frau »auf Lebenszeit ein unbrauchbarer
Mensch« zu werden.