Wischnewskij aß, wie oben erwähnt, angeblich nur Bärenfleisch und hielt
deshalb auf einem der Twerschen Güter seiner Frau einen Bärenzwinger.
Man mästete dort die Bären und brachte sie nach Moskau zum Tisch Stepan
Iwanowitschs. Gegen die Polizei hegte Wischnewskij einen eingeborenen
und unbesiegbaren Haß, und kein Polizist durfte es wagen, sich zu
erkühnen, seinen Hof zu betreten, ohne zu riskieren, allen möglichen
Beleidigungen ausgesetzt zu sein, wenn ihn Stepan Iwanowitsch erblickte.
Wischnewskijs Haus zu Moskau war für die Polizei unzugänglich, und aus
diesem oder einem anderen Grunde stand es bald in einem sehr
geheimnisvollen, aber wenig schmeichelhaften Rufe. Vor allem wurde
dieser durch die sittenlosen Instinkte Wischnewskijs in Bezug auf die
Frauen, oder um es genauer zu bezeichnen, auf die Kinder weiblichen
Geschlechts gefördert. Die Polizei haßte ihrerseits Stepan Iwanowitsch
ebenfalls und suchte einen Anlaß, um ihm seine Flegelhaftigkeit
heimzuzahlen, fand aber lange keinen geeigneten Grund dafür. Schließlich
stellte sich ein solcher ein. Ein Hofhund hatte einen noch nicht ganz
der Muskel beraubten Knochen auf die Straße geschleppt und dort fallen
lassen, und in diesem Knochen erkannte man das Gelenk eines kleinen
menschlichen Fußes. Einige Tage später wiederholte sich dasselbe. Man
beobachtete den Hund und sah, daß er diese Knochen aus der Abfallgrube
holte. Die Dienerschaft der Nachbarhäuser begann davon zu reden, daß
Wischnewskij mit seinen leibeigenen Mädchen Schändliches treibe und sie
dann töte. Bald zählte man auch schon die spurlos verschwundenen Mädchen
auf und nannte sogar ihre Namen.
Die Polizei erblickte hierin nicht nur einen hinreichenden Grund
einzuschreiten, sondern hielt es geradezu für ihre Pflicht, -- was es in
der Tat auch war. Zu diesem Zweck erschienen der Polizeikommissar und
der Revieraufseher auf dem Hofe Stepan Iwanowitschs und schritten zur
Besichtigung der Grube, aus der der Hund die verdächtigen Knochen geholt
hatte. Die treuen Diener Stepan Iwanowitschs ließen die Polizei nicht
zur Besichtigung zu, ehe sie ihren »Pan« davon in Kenntnis gesetzt
hatten. Stepan Iwanowitsch zog seinen Rock an, ging selbst zu den
Polizisten hinaus und befahl ihnen, die Grube zu öffnen. Zur Freude der
Polizisten fand sich dort eine ganze Menge derselben Knochen, die den
Anlaß zu dem Verdachte gegeben hatten. Aber zugleich stellte sich
freilich heraus, daß sie keineswegs Überreste menschlicher Füße waren,
sondern die Tatzen der jungen, für den Tisch Wischnewskijs getöteten
Bären.
Die Polizisten gerieten in Verlegenheit und begannen sich bei
Wischnewskij zu entschuldigen, indem sie erklärten, sie seien durch
Verdächtigungen und verleumderische Gerüchte zu diesem Mißgriff
verleitet worden.
Wischnewskij verzieh ihnen und ... prügelte sie mit der Knute.
Dieser krasse Vorfall hatte zur Folge, daß ihm befohlen wurde, Moskau zu
verlassen und auf seinen kleinrussischen Dörfern zu leben, die sein
Vater durch die Freigebigkeit der Kaiserin Jelisaweta Petrowna erhalten
hatte.
Wischnewskij mußte sich dem Befehle unterwerfen und fuhr nach
Farbowanaja im Perejaslawschen Kreis, um dort sein Treiben in noch
größerer Freiheit fortzusetzen.
Der Vorfall mit den Bärentatzen wird nach Moskauer Darstellungen
verschiedenen Personen zugeschrieben; Stepan Iwanowitsch Wischnewskij
wird er nur in einigen kleinrussischen Überlieferungen zugeeignet, die
vor allem in den vom Udai und Ssupoi befruchteten Tälern verbreitet
sind. Bezüglich der Visiten mit dem Ochsengespann suchte ich in Moskauer
Überlieferungen vergeblich nach einer Erinnerung an diese originelle
Ausfahrt. Diese Erzählung muß man daher als zweifelhaft ansehen. Aber
unter den Bewohnern der Täler von Udai und Ssupoi behaupten viele
Liebhaber solcher Überlieferungen nachdrücklich die Wahrheit dieser
Geschichte und weisen alle Beweisgründe, daß sie in Moskau nicht
bestätigt werde, mit Selbstvertrauen und voll Verachtung zurück, indem
sie ihre dicken Kosakenlippen aufwerfen und sagen:
»Ja dort, -- wenn ihr die Wahrheit in Moskau suchen wollt!«