Jener fragt: »Warum?«

»Ja, weil deinen Gelenken die Geschmeidigkeit fehlt.«

Aber Ssewastjan erwidert: »Das ist Unsinn! Können mir denn meine Finger

etwas erlauben oder nicht erlauben? Ich bin ihr Herr, und sie sind meine

Diener, die mir gehorchen.«

Der Engländer lächelt: »Also wirst du unseren versiegelten Engel

nachbilden?«

»Warum denn nicht?« antwortete jener. »Ich gehöre nicht zu den Meistern,

die ihr Werk fürchten, sondern mich fürchtet das Werk. So genau werde

ich ihn nachbilden, daß Sie ihn vom echten nicht werden unterscheiden

können.«

»Gut,« sagte Jakow Jakowlewitsch, »wir werden uns unverzüglich bemühen,

die echte Ikone herbeizuschaffen, in der Zwischenzeit beweise mir aber,

um mich zu überzeugen, deine Kunstfertigkeit. Male meiner Frau eine

Ikone nach altrussischer Art und so, daß sie ihr auch gefällt.«

»Welchem Heiligen zu Ehren soll sie sein?«

»Ja, das weiß ich nicht,« antwortete er, »ihr ist das gleich, nur daß es

ihr gefällt.«

Ssewastjan dachte nach und fragte:

»Worum betet denn deine Gemahlin am meisten zu Gott?«

»Ich weiß nicht, mein Freund, ich weiß es nicht, aber ich denke,

wahrscheinlich daß aus den Kindern ehrliche Menschen werden.«

Ssewastjan dachte wieder nach und antwortete:

»Gut, ich werde ihren Geschmack treffen.«

»Wie willst du ihn treffen?«

»Ich werde etwas darstellen, was die Beschaulichkeit vertieft und dem

Geist des Gebetes Ihrer Gemahlin wohlgefällig ist.«

Der Engländer ließ für ihn im Dachstübchen seines eigenen Hauses alles

herrichten, aber er arbeitete nicht dort, sondern setzte sich an das

Fensterchen auf dem Dachboden über Luka Kirillows Stube und begann dort

seine Tätigkeit.

Aber was er da gemacht hat, meine werten Herren, das hatten wir uns gar

nicht vorgestellt. Als das Gespräch auf die Kinder kam, da dachten wir,

er werde Roman den Wundertäter darstellen, zu dem man wegen

Unfruchtbarkeit betet, oder den Kindermord in Jerusalem, was den

Müttern, die ihre Fruchtbarkeit verloren haben, immer gefällt, weil

Rahel dort mit ihnen über die Kinder weint und sich nicht trösten kann.

Aber dieser kluge Ikonenmaler hatte erwogen, daß die Engländerin schon

Kinder habe und nicht darum bete, daß der Himmel ihr welche schenke,

sondern daß er den Charakter der Kinder festige, und malte etwas ganz

anderes, was ihrem Streben noch mehr entsprechen mußte. Er wählte dazu

ein altes Holztäfelchen, so groß wie eine Handfläche, und begann darauf

seine Kunst zu zeigen. Vor allen Dingen trug er, natürlich, den Grund

mit starkem Kasanschen Alabaster auf, daß er glatt und hart wie

Elfenbein wurde; darauf teilte er das Täfelchen in vier gleiche Flächen

und zeichnete auf jede eine besondere kleine Ikone, die er nochmals mit

einer goldgemalten Fassung umrahmte. Das erste Quadrat stellte dar: die

Geburt Johannes des Täufers mit acht Figuren, dem neugeborenen Kind und

dem Gemach; -- das zweite die Geburt der hochheiligen Gottesmutter mit

sieben Figuren, dem Kind und dem Gemach; -- das dritte die unbefleckte

Geburt des Erlösers, den Stall und die Krippe, und davor stehend die

Himmelskönigin, Joseph, die gottesfürchtigen Hirten, Salome und allerlei

Vieh: Ochsen, Schafe, Ziegen und Esel, und die Möwe, die den Juden

verboten ist, zum Zeichen, daß das Ganze nicht vom Judentum kommt,

sondern von der Gottheit, die alles geschaffen hat. Auf dem vierten

Bildchen ist die Geburt Nikolai des Wundertäters zu sehen; der Heilige

wieder als neugeborenes Kind, das Gemach und viele Umherstehende. Soviel

Sinn war darin enthalten, daß man vor sich die Erzieher so vieler guter

Kinder sah, und soviel Kunst in all den stecknadelgroßen Figuren in

ihrer Beseeltheit und Bewegung! So liegt bei der Geburt der Muttergottes

die heilige Anna, wie es im griechischen Original dargestellt ist, auf

dem Lager, und vor ihr stehen zymbelschlagende Mädchen und andere, die

Gaben halten, und solche mit Sonnenschirmen in den Händen und wieder

andere, die Lichter tragen. Die eine Frau hält die heilige Anna unter

den Schultern, Joachim späht in die vorderen Gemächer; eine zweite Frau

wäscht die heilige Gottesgebärerin bis zu den Lenden, ein

danebenstehendes Mädchen gießt aus einem Gefäß Wasser in das Becken. Die

Räume sind alle mit dem Zirkel voneinander getrennt, und in dem

äußersten Gemach sitzen Joachim und Anna auf dem Thron, und Anna hält

die hochheilige Gottesgebärerin; aber um das Gemach herum erheben sich

steinerne Pfeiler mit roten Vorhängen, und draußen ist eine weiße und

gelbe Mauer. Wunderbar, wunderbar hatte Ssewastjan das alles

dargestellt, und in jedem kleinsten Gesichtchen hatte er das ganze

Schauen Gottes ausgedrückt! Er nannte das Bild »Fruchtbarkeit« und

brachte es den Engländern. Die betrachteten es und schlugen die Hände

zusammen: Niemals, sagten sie, hätten sie solche Phantasie erwartet und

solche Feinheit der Kleinmalerei geahnt. Sie betrachteten es dann sogar

noch mit dem Vergrößerungsglas und fanden auch damit keinen Fehler. Sie

gaben Ssewastjan für die Ikone zweihundert Rubel und sagten:

»Kannst du noch kleiner darstellen?«

Ssewastjan antwortet: »Ja«.

»Dann kopiere mir auf meinen Fingerring das Porträt meiner Frau.«

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 24 / 79 题