SIEBENTES KAPITEL

Mit dem Herrn, für den unser Pimen gebetet hatte, war eine erstaunliche

Geschichte geschehen. Er war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die

jüdische Stadt gefahren, war dort spät in der Nacht angekommen, als

niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Läden unter Siegel genommen und

die Polizei verständigt, daß er am nächsten Morgen mit der Revision

beginnen werde. Die Juden erfuhren es natürlich sofort und gingen

gleich, noch in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein Übereinkommen zu

bitten, da sie große Vorräte von gesetzwidrigen Waren auf Lager hatten.

Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf einmal zehntausend Rubel zu. Er

sagte: Ich kann nicht, ich bin ein hoher Beamter, genieße Vertrauen und

nehme keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander:

»Fünfzehntausend«. Er wieder: »Ich kann nicht.« Sie »Zwanzig«. Er

darauf: »Versteht ihr denn nicht, daß ich nicht kann: ich habe schon die

Polizei verständigt, daß ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde«.

Sie schnattern wieder und sagen dann:

»Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, daß Sie die Polizei

verständigt haben, wir geben Ihnen fünfundzwanzigtausend, und Sie geben

uns dafür bloß bis zum Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig

schlafen: wir brauchen nichts mehr.«

Der Herr überlegt hin und her: Wenn er sich auch für eine hohe Person

hält, so scheint auch bei den hohen Personen das Herz nicht von Stein zu

sein; er nahm die fünfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit

dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten, versteht

sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren Lagern heraus und

versiegelten sie wieder mit demselben Petschaft. Der Herr schlief noch,

als sie am Morgen schon wieder in seinem Vorzimmer lärmten. Er geht zu

ihnen hinaus; sie danken ihm und sagen:

»Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte Revision.«

Er scheint es aber zu überhören und sagt:

»Gebt mir schnell mein Siegel.«

Aber die Juden sagen:

»Ja, geben Sie uns unser Geld.«

Der Herr: »Was? Wie?« Aber sie bleiben dabei:

»Wir haben,« sagen sie, »das Geld Ihnen als Pfand zurückgelassen.«

Er wieder:

»Was, als Pfand?«

»Freilich,« sagen sie, »als Pfand.«

»Ihr lügt,« sagt er, »ihr Halunken, ihr Christusverkäufer, ihr habt mir

das Geld ganz gegeben.«

Sie stoßen einander an und lachen.

»Hörst du,« sagen sie, »hörst, wir haben ihm das Geld ganz gegeben ...

Hm, hm, ai, ai, wie könnten wir so dumm sein und so unpolitisch,

einer so hohen Persönlichkeit Chabar geben.« (So nennen sie

Bestechungsgelder.)

Nun, können Sie sich etwas Schöneres vorstellen als diese Geschichte?

Der Herr, versteht sich, hätte nun das Geld zurückgeben sollen, und die

Sache wäre zu Ende gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich

davon nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel in der

Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern sich. Die Polizei

fordert das Siegel, und die Juden schreien: »Ai wai, was ist das für

eine staatliche Regierung! Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren.« Ein

schreckliches Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu Hause und

hat bis Mittag schier den Verstand verloren. Am Abend ruft er dann die

listigen Juden zu sich und sagt: »Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld

und gebt mir nur mein Petschaft wieder!« Aber sie wollen nicht und

sagen: »Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen Tag nicht gehandelt:

jetzt müssen Euer Wohlgeboren uns fünfzehntausend dazu geben!« Sehen

Sie, so kam es! Und die Juden drohen: »Wenn Sie uns jetzt nicht die

fünfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fünfundzwanzigtausend

Rubel mehr.« Der Herr schlief die ganze Nacht nicht, am Morgen schickte

er wieder zu den Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen

erhalten hatte, zurück und unterschrieb einen Wechsel auf

fünfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art Revision. Natürlich

fand er nichts, fuhr so schnell wie möglich nach Haus und tobte vor

seiner Frau, woher er die fünfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um

den Juden den Wechsel zu bezahlen. »Wir müssen dein Gut, das du in die

Ehe mitgebracht hast, verkaufen,« sagt er. Aber sie erwidert: »Um nichts

in der Welt, ich bin mit ihm verwachsen.« Er sagt: »Du bist schuld, du

hast mir mit deinen Altgläubigen diesen Auftrag erbetet und warst

überzeugt, daß mir ihr Engel helfen würde; so schön hat er mir nun

geholfen!« Aber sie antwortet darauf: »Du bist selber schuld, warum bist

du so dumm und hast die Juden nicht verhaftet und erklärt, daß sie dir

das Petschaft gestohlen haben? Aber im übrigen,« sagt sie, »macht es

nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon wieder einrichten, und

für deine Unvernunft werden andere zahlen.« Und mit einem Male plärrt

sie: »Sofort, schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den Ältesten der

Altgläubigen herholen!« Der Bote kam, brachte unseren Pimen, und die

Frau sagte ihm ohne Umschweife: »Hören Sie, ich weiß, daß Sie ein

verständiger Mensch sind und daß Sie verstehen werden, was ich brauche:

Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren. Nichtswürdige

haben ihn ausgeraubt, die Juden ... Sie verstehen ... und wir brauchen

unbedingt dieser Tage fünfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so

schnell auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da ich weiß, daß

ihr Altgläubige kluge und reiche Leute seid, und weil ich mich selbst

überzeugt habe, daß Gott euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, daß

ihr mir den Gefallen tun und die fünfundzwanzigtausend geben werdet. Ich

werde dafür meinerseits allen Damen von euren wundertätigen

Heiligenbildern erzählen, und ihr werdet sehen, wieviel ihr für Wachs

und Öl erhalten werdet.« Ich glaube, meine werten Herren, daß Sie sich

ohne Mühe vorstellen können, was unser Spielmann bei dieser Wendung

empfand. Ich weiß nicht, was er alles sagte, aber ich glaube es ihm, daß

er nun anfing sich zu winden und zu schwören und sie unserer Dürftigkeit

zu versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon nichts wissen.

»Nein,« sagte sie, »ich weiß sehr gut, daß die Altgläubigen reich sind

und daß fünfundzwanzigtausend Rubel für euch nichts bedeuten. Als mein

Vater in Moskau Beamter war, haben ihm die Altgläubigen mehrmals solche

Gefälligkeiten erwiesen; und fünfundzwanzigtausend Rubel sind gar nicht

der Rede wert.« Pimen versuchte natürlich ihr vorzustellen, daß die

Moskauer Altgläubigen kapitalskräftige Leute seien, wir aber einfache

Bauern und Taglöhner ... Aber sie hatte anscheinend sehr gute Moskauer

Erfahrungen und fiel über ihn auf einmal her: »Warum erzählen Sie mir

das? Als ob ich nicht wüßte, wieviel wundertätige Heiligenbilder ihr

habt! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, wie viel man euch aus ganz

Rußland für Wachs und Öl schickt? Nein, ich will nichts hören, entweder

bekomme ich sofort das Geld, oder mein Mann fährt gleich zum Gouverneur

und erzählt ihm alles, wie ihr betet und die Leute verführt, und es wird

euch schlecht gehen.« Der arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er

kam nach Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das eine

Wort: »Nichts«. Dabei war er aber rot, als käme er aus dem Dampfbad,

ging gleich in einen Winkel und schneuzte sich in einem fort.

Schließlich nahm ihn Luka Kirillow ein wenig ins Verhör. Pimen gestand

ihm natürlich nicht alles, sondern enthüllte ihm nur ganz wenig und

sagte: »Die Gnädige hat von mir verlangt, daß ich ihr von euch

fünftausend Rubel Bestechungsgelder bringe.« Daraufhin braust Luka

natürlich auf: »Ach du Spielmann,« sagte er, »was brauchtest du mit den

Leuten verkehren und sie auch noch herbringen? Sind wir denn reiche

Leute, haben wir soviel Geld zu verschenken? Wofür sollen wir es denn

geben? Und wo ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch

wieder in Ordnung, aber wir können die fünftausend Rubel nirgends

hernehmen.« Damit ging Luka an seine Arbeit und kam, wie ich berichtete,

bleich wie ein zum Tode Verurteilter zu uns, weil das nächtliche

Ereignis ihn ahnen ließ, daß die Sache uns Unannehmlichkeiten bringen

werde. Pimen aber ging ans andere Flußufer. Wir alle sahen, wie er mit

einem Boot aus dem Schilf herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als

Michailiza mir jetzt dies alles der Reihe nach erzählte, wie er sich um

die fünftausend Rubel bemüht hatte, dachte ich mir, daß er nun bestimmt

zur Gnädigen gefahren sei, um sie zu besänftigen. Mit solchen Gedanken

stand ich neben Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein

Schaden für uns erwachsen könne und ob es nicht notwendig sei,

irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen, als ich plötzlich sah, daß

alle Maßnahmen schon zu spät waren, da ein großes Boot am Ufer anlegte

und ich hinter mir den Lärm vieler Stimmen hörte. Ich drehte mich um und

erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen und mit ihnen eine

erhebliche Anzahl von Gendarmen und Soldaten. Meine werten Herren, ich

kann Michailiza kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu

Lukas Stube gehen und an der Türe zwei Posten mit bloßen Säbeln

aufstellen. Michailiza stürzt auf die Posten zu, nicht nur, um in die

Stube zu kommen, sondern auch, um zu eifern. Natürlich stoßen sie sie

zurück, und wie sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins

Handgemenge kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen solchen Stoß,

daß sie kopfüber die Treppe hinunterstürzt. Ich schicke mich an, zu Luka

auf die Brücke zu laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir

entgegenläuft und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in Aufruhr,

jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem er eben gearbeitet hat, der

eine mit einer Brechstange, der andere mit einem Hammer, und alle

laufen, um ihr Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz

gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu erreichen, waren in

den Kleidern, wie sie bei der Arbeit gewesen waren, von der Brücke ins

Wasser gesprungen und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den

kalten Fluß. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken, wie

das enden sollte. Die Soldatenabteilung war etwa zwanzig Mann stark, und

wenn sie auch alle mehr oder weniger kriegerisch ausgerüstet waren, so

waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle von glühendem

Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen sie wie die Seehunde durch das

Wasser, und man hätte sie mit einem Knüppel auf den Kopf schlagen

können, sie hätten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschützen, nicht

aufgegeben. Nun stürmen sie, naß wie sie sind, vorwärts, als hätten

Steine plötzlich Leben bekommen.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 10 / 79 题