Mit dem Herrn, für den unser Pimen gebetet hatte, war eine erstaunliche
Geschichte geschehen. Er war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die
jüdische Stadt gefahren, war dort spät in der Nacht angekommen, als
niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Läden unter Siegel genommen und
die Polizei verständigt, daß er am nächsten Morgen mit der Revision
beginnen werde. Die Juden erfuhren es natürlich sofort und gingen
gleich, noch in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein Übereinkommen zu
bitten, da sie große Vorräte von gesetzwidrigen Waren auf Lager hatten.
Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf einmal zehntausend Rubel zu. Er
sagte: Ich kann nicht, ich bin ein hoher Beamter, genieße Vertrauen und
nehme keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander:
»Fünfzehntausend«. Er wieder: »Ich kann nicht.« Sie »Zwanzig«. Er
darauf: »Versteht ihr denn nicht, daß ich nicht kann: ich habe schon die
Polizei verständigt, daß ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde«.
Sie schnattern wieder und sagen dann:
»Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, daß Sie die Polizei
verständigt haben, wir geben Ihnen fünfundzwanzigtausend, und Sie geben
uns dafür bloß bis zum Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig
schlafen: wir brauchen nichts mehr.«
Der Herr überlegt hin und her: Wenn er sich auch für eine hohe Person
hält, so scheint auch bei den hohen Personen das Herz nicht von Stein zu
sein; er nahm die fünfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit
dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten, versteht
sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren Lagern heraus und
versiegelten sie wieder mit demselben Petschaft. Der Herr schlief noch,
als sie am Morgen schon wieder in seinem Vorzimmer lärmten. Er geht zu
ihnen hinaus; sie danken ihm und sagen:
»Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte Revision.«
Er scheint es aber zu überhören und sagt:
»Gebt mir schnell mein Siegel.«
Aber die Juden sagen:
»Ja, geben Sie uns unser Geld.«
Der Herr: »Was? Wie?« Aber sie bleiben dabei:
»Wir haben,« sagen sie, »das Geld Ihnen als Pfand zurückgelassen.«
Er wieder:
»Was, als Pfand?«
»Freilich,« sagen sie, »als Pfand.«
»Ihr lügt,« sagt er, »ihr Halunken, ihr Christusverkäufer, ihr habt mir
das Geld ganz gegeben.«
Sie stoßen einander an und lachen.
»Hörst du,« sagen sie, »hörst, wir haben ihm das Geld ganz gegeben ...
Hm, hm, ai, ai, wie könnten wir so dumm sein und so unpolitisch,
einer so hohen Persönlichkeit Chabar geben.« (So nennen sie
Bestechungsgelder.)
Nun, können Sie sich etwas Schöneres vorstellen als diese Geschichte?
Der Herr, versteht sich, hätte nun das Geld zurückgeben sollen, und die
Sache wäre zu Ende gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich
davon nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel in der
Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern sich. Die Polizei
fordert das Siegel, und die Juden schreien: »Ai wai, was ist das für
eine staatliche Regierung! Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren.« Ein
schreckliches Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu Hause und
hat bis Mittag schier den Verstand verloren. Am Abend ruft er dann die
listigen Juden zu sich und sagt: »Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld
und gebt mir nur mein Petschaft wieder!« Aber sie wollen nicht und
sagen: »Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen Tag nicht gehandelt:
jetzt müssen Euer Wohlgeboren uns fünfzehntausend dazu geben!« Sehen
Sie, so kam es! Und die Juden drohen: »Wenn Sie uns jetzt nicht die
fünfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fünfundzwanzigtausend
Rubel mehr.« Der Herr schlief die ganze Nacht nicht, am Morgen schickte
er wieder zu den Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen
erhalten hatte, zurück und unterschrieb einen Wechsel auf
fünfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art Revision. Natürlich
fand er nichts, fuhr so schnell wie möglich nach Haus und tobte vor
seiner Frau, woher er die fünfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um
den Juden den Wechsel zu bezahlen. »Wir müssen dein Gut, das du in die
Ehe mitgebracht hast, verkaufen,« sagt er. Aber sie erwidert: »Um nichts
in der Welt, ich bin mit ihm verwachsen.« Er sagt: »Du bist schuld, du
hast mir mit deinen Altgläubigen diesen Auftrag erbetet und warst
überzeugt, daß mir ihr Engel helfen würde; so schön hat er mir nun
geholfen!« Aber sie antwortet darauf: »Du bist selber schuld, warum bist
du so dumm und hast die Juden nicht verhaftet und erklärt, daß sie dir
das Petschaft gestohlen haben? Aber im übrigen,« sagt sie, »macht es
nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon wieder einrichten, und
für deine Unvernunft werden andere zahlen.« Und mit einem Male plärrt
sie: »Sofort, schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den Ältesten der
Altgläubigen herholen!« Der Bote kam, brachte unseren Pimen, und die
Frau sagte ihm ohne Umschweife: »Hören Sie, ich weiß, daß Sie ein
verständiger Mensch sind und daß Sie verstehen werden, was ich brauche:
Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren. Nichtswürdige
haben ihn ausgeraubt, die Juden ... Sie verstehen ... und wir brauchen
unbedingt dieser Tage fünfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so
schnell auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da ich weiß, daß
ihr Altgläubige kluge und reiche Leute seid, und weil ich mich selbst
überzeugt habe, daß Gott euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, daß
ihr mir den Gefallen tun und die fünfundzwanzigtausend geben werdet. Ich
werde dafür meinerseits allen Damen von euren wundertätigen
Heiligenbildern erzählen, und ihr werdet sehen, wieviel ihr für Wachs
und Öl erhalten werdet.« Ich glaube, meine werten Herren, daß Sie sich
ohne Mühe vorstellen können, was unser Spielmann bei dieser Wendung
empfand. Ich weiß nicht, was er alles sagte, aber ich glaube es ihm, daß
er nun anfing sich zu winden und zu schwören und sie unserer Dürftigkeit
zu versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon nichts wissen.
»Nein,« sagte sie, »ich weiß sehr gut, daß die Altgläubigen reich sind
und daß fünfundzwanzigtausend Rubel für euch nichts bedeuten. Als mein
Vater in Moskau Beamter war, haben ihm die Altgläubigen mehrmals solche
Gefälligkeiten erwiesen; und fünfundzwanzigtausend Rubel sind gar nicht
der Rede wert.« Pimen versuchte natürlich ihr vorzustellen, daß die
Moskauer Altgläubigen kapitalskräftige Leute seien, wir aber einfache
Bauern und Taglöhner ... Aber sie hatte anscheinend sehr gute Moskauer
Erfahrungen und fiel über ihn auf einmal her: »Warum erzählen Sie mir
das? Als ob ich nicht wüßte, wieviel wundertätige Heiligenbilder ihr
habt! Haben Sie mir nicht selbst erzählt, wie viel man euch aus ganz
Rußland für Wachs und Öl schickt? Nein, ich will nichts hören, entweder
bekomme ich sofort das Geld, oder mein Mann fährt gleich zum Gouverneur
und erzählt ihm alles, wie ihr betet und die Leute verführt, und es wird
euch schlecht gehen.« Der arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er
kam nach Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das eine
Wort: »Nichts«. Dabei war er aber rot, als käme er aus dem Dampfbad,
ging gleich in einen Winkel und schneuzte sich in einem fort.
Schließlich nahm ihn Luka Kirillow ein wenig ins Verhör. Pimen gestand
ihm natürlich nicht alles, sondern enthüllte ihm nur ganz wenig und
sagte: »Die Gnädige hat von mir verlangt, daß ich ihr von euch
fünftausend Rubel Bestechungsgelder bringe.« Daraufhin braust Luka
natürlich auf: »Ach du Spielmann,« sagte er, »was brauchtest du mit den
Leuten verkehren und sie auch noch herbringen? Sind wir denn reiche
Leute, haben wir soviel Geld zu verschenken? Wofür sollen wir es denn
geben? Und wo ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch
wieder in Ordnung, aber wir können die fünftausend Rubel nirgends
hernehmen.« Damit ging Luka an seine Arbeit und kam, wie ich berichtete,
bleich wie ein zum Tode Verurteilter zu uns, weil das nächtliche
Ereignis ihn ahnen ließ, daß die Sache uns Unannehmlichkeiten bringen
werde. Pimen aber ging ans andere Flußufer. Wir alle sahen, wie er mit
einem Boot aus dem Schilf herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als
Michailiza mir jetzt dies alles der Reihe nach erzählte, wie er sich um
die fünftausend Rubel bemüht hatte, dachte ich mir, daß er nun bestimmt
zur Gnädigen gefahren sei, um sie zu besänftigen. Mit solchen Gedanken
stand ich neben Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein
Schaden für uns erwachsen könne und ob es nicht notwendig sei,
irgendwelche Maßnahmen dagegen zu ergreifen, als ich plötzlich sah, daß
alle Maßnahmen schon zu spät waren, da ein großes Boot am Ufer anlegte
und ich hinter mir den Lärm vieler Stimmen hörte. Ich drehte mich um und
erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen und mit ihnen eine
erhebliche Anzahl von Gendarmen und Soldaten. Meine werten Herren, ich
kann Michailiza kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu
Lukas Stube gehen und an der Türe zwei Posten mit bloßen Säbeln
aufstellen. Michailiza stürzt auf die Posten zu, nicht nur, um in die
Stube zu kommen, sondern auch, um zu eifern. Natürlich stoßen sie sie
zurück, und wie sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins
Handgemenge kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen solchen Stoß,
daß sie kopfüber die Treppe hinunterstürzt. Ich schicke mich an, zu Luka
auf die Brücke zu laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir
entgegenläuft und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in Aufruhr,
jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem er eben gearbeitet hat, der
eine mit einer Brechstange, der andere mit einem Hammer, und alle
laufen, um ihr Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz
gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu erreichen, waren in
den Kleidern, wie sie bei der Arbeit gewesen waren, von der Brücke ins
Wasser gesprungen und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den
kalten Fluß. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken, wie
das enden sollte. Die Soldatenabteilung war etwa zwanzig Mann stark, und
wenn sie auch alle mehr oder weniger kriegerisch ausgerüstet waren, so
waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle von glühendem
Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen sie wie die Seehunde durch das
Wasser, und man hätte sie mit einem Knüppel auf den Kopf schlagen
können, sie hätten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschützen, nicht
aufgegeben. Nun stürmen sie, naß wie sie sind, vorwärts, als hätten
Steine plötzlich Leben bekommen.