Jung, wie ich damals war, war ich schrecklich neugierig, zudem hatte
mich eine Vorahnung gepackt, daß sich irgend etwas Unheilvolles für
unseren Glauben ereignet habe. Ich hielt aber den Glauben hoch und war
niemals kleingläubig.
Ich konnte es nicht länger aushalten, verließ unter irgendeinem Vorwand
die Arbeit und lief nach Hause. Ich dachte mir: solange niemand zu Hause
ist, kann ich von Michailiza etwas erfahren. Wenn ihr Luka Kirillow auch
nichts eröffnet hat, so durchschaut sie ihn, trotz ihrer Einfalt, und
vor mir wird sie nichts verheimlichen, da ich, schon als Kind verwaist,
bei ihr an Sohnesstatt aufgewachsen bin, und sie mir wie eine zweite
Mutter gewesen ist.
Ich eile zu ihr und sehe sie in einem alten offenen Halbpelz auf dem
Freitreppchen sitzen; aber sie ist krank und traurig und ganz fahl im
Gesicht.
»Warum sitzen Sie hier, Pflegemutter?« frage ich.
Und sie antwortet:
»Wo soll ich denn sonst bleiben, Marotschka?«
Ich heiße Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in ihrer mütterlichen
Zärtlichkeit Marotschka.
Was sind das für Dummheiten, denke ich mir, daß sie nicht weiß, wo sie
sonst bleiben soll?
»Aber warum,« sage ich, »legen Sie sich denn nicht ein wenig im Schuppen
hin?«
»Ich kann nicht, Marotschka,« antwortet sie, »in der großen Stube betet
der alte Maroi.«
Aha, denke ich mir, es wird schon so sein, daß sich irgendetwas mit
unserm Glauben zugetragen hat; und nun beginnt auch Tante Michailiza:
»Marotschka, du weißt sicher nichts, Kind, von dem, was sich heute nacht
bei uns ereignet hat?«
»Nein, Pflegemutter, ich weiß nichts.«
»Ach, es ist schrecklich.«
»Erzählen Sie doch schneller, Pflegemutter!«
»Ich weiß nicht, ob ich es erzählen darf.«
»Warum wollen Sie nicht erzählen?« sage ich: »Bin ich denn für Sie ein
Fremder und nicht an Sohnesstatt?«
»Ich weiß, mein Lieber, daß du mir wie ein Sohn bist,« antwortet sie,
»aber ich habe kein Vertrauen, daß ich es dir auseinandersetzen kann,
denn ich bin dumm und einfältig. Warte doch, nach Feierabend kommt der
Onkel, und der wird dir gewiß alles erzählen.«
Aber ich konnte nicht warten und drang in sie:
»Erzähle doch, erzähle doch gleich, was alles geschehen ist.«
Ich sehe, wie sie mit den Lidern blinzelt und wie sich ihre Augen mit
Tränen füllen, die sie mit dem Brusttuch abwischt; dann flüstert sie mir
leise zu:
»Kind, der Schutzengel ist heute Nacht von uns fortgegangen.«
Diese Eröffnung machte mich zittern.
»Sagen Sie doch bitte schnell, wie das Wunder geschehen ist und wer es
gesehen hat!«
»Das Wunder, Kind, ist unerklärlich, und niemand außer mir hat es
gesehen, weil es tiefe Mitternacht war, als es geschah und ich allein
nicht schlief.«
Und dann, meine werten Herren, erzählte sie mir folgende Geschichte:
»Nachdem ich gebetet hatte, war ich eingeschlafen. Ich weiß nicht mehr,
wie lange ich schlief, aber plötzlich sehe ich im Traum eine
Feuersbrunst, eine ganz große Feuersbrunst. Es war, als ob alles bei uns
verbrannt wäre, und der Fluß führe die Asche mit sich fort, aber an den
Strudeln um die Brückenjoche kreist sie noch, und dann schluckt sie der
Fluß in die Tiefe.« Und Michailiza träumt, als sei sie hinausgelaufen
und stehe in einem alten zerrissenen Hemd ganz unten am Wasser, aber ihr
gegenüber am anderen Ufer erhebe sich eine hohe, rote Säule, und oben
auf der Säule stehe ein kleiner, weißer Hahn, der in einemfort mit den
Flügeln schlage. Michailiza fragt: »Wer bist du?«, denn das Gefühl sagt
ihr, daß dieser Vogel ein Vorzeichen sei. Der Hahn aber ruft plötzlich
mit menschlicher Stimme »Amen«, sonst nichts, und dann ist er
verschwunden, aber um Michailiza herum herrscht eine große Stille, und
die Luft ist so dünn, daß sie keinen Atem mehr bekommt und es ihr
schrecklich zumute wird. Dann wacht sie auf, liegt da und vernimmt
deutlich, wie vor der Tür ein Lämmchen blökt. Und an der Stimme merkt
sie, daß es ein neugeborenes Lämmchen ist. Mit hellem silbernen
Stimmchen macht es bä-ä-äh, und plötzlich hört Michailiza, daß es durch
die Gebetsstube geht, mit seinen kleinen Hufen auf den Boden klopft und
hin und wieder stehen bleibt, als ob es etwas suche. Michailiza
überlegt: Herr Jesu Christ, was soll das bedeuten? In unserer ganzen
Ansiedlung gibt es kein Schaf, und woher ist uns jetzt dieses Lämmchen
zugelaufen? Nun wird sie ganz wach: Aber wie ist es denn in die Stube
gekommen? In der gestrigen Hast haben wir also vergessen, das Hoftor zu
schließen, Gott sei Dank, daß nur ein Lämmchen hereingesprungen und
nicht der Hofhund in das Heiligtum eingedrungen ist. Und nun beginnt sie
Luka zu wecken: »Kirillytsch«, ruft sie, »Kirillytsch, steh schnell auf!
Unsere Tür ist offen, und irgendein Jungtier ist zu uns in die Hütte
gesprungen.« Aber zum Unheil schläft Luka Kirillow wie ein Toter. Und
wie ihn auch Michailiza zu wecken versucht, es will ihr auf keine Weise
gelingen. Luka brummt nur und sagt kein Wort. Michailiza schüttelt ihn
stärker, aber er brummt nur noch lauter. Sie beginnt ihn zu bitten:
»Gedenk des Namen Jesu!« Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen, als
in der Stube etwas winselt, und in dem Augenblick springt Luka vom Bett
auf, stürzt nach vorne und prallt plötzlich mitten in der Stube wie vor
einer ehernen Wand zurück. »Mach Licht, Weib, mach schneller Licht!«
ruft er Michailiza zu, er selbst aber rührt sich nicht von der Stelle.
Sie zündet eine Kerze an und läuft herzu, aber er ist bleich wie ein zum
Tode Verurteilter und bebt, daß das Kreuz an seinem Hals, ja selbst die
Fußlappen an seinen Füßen zittern. Die Frau spricht wieder zu ihm:
»Ernährer, was hast du?« sagt sie. Er aber zeigt mit dem Finger, daß
dort, wo der Engel war, eine leere Stelle ist und daß der Engel selbst
vor Lukas Fuße auf dem Boden liegt.
Luka Kirillow geht jetzt unverzüglich zum alten Maroi und sagt ihm, wie
alles gewesen sei, was seine Frau gesehen habe und was bei uns geschehen
war: »Komm und schau!« Maroi kommt, kniet vor dem auf der Erde liegenden
Engel nieder und bleibt vor ihm lange unbeweglich, wie ein marmornes
Grabbild liegen, dann hebt er aber die Hand, streicht sich über die
Tonsur auf dem Scheitel und sagt leise:
»Bringt zwölf reine, neugebrannte Ziegelplatten her!«
Luka Kirillow bringt sie sogleich, Maroi schaut sie an und sieht, daß
sie alle rein sind und gerade aus dem Brennofen kommen, und er befiehlt
Luka, eine auf die andere zu legen und so eine Art Säule aufzuführen,
diese mit einem reinen Handtuch zu bedecken und darauf das Heiligenbild
zu legen. Dann verneigt sich Maroi bis zur Erde, und ruft:
»Engel Gottes, streu deine Spuren aus, wohin du willst!«
Er hat diese Worte kaum ausgesprochen, als an der Türe geklopft wird und
eine unbekannte Stimme ruft:
»He, ihr Altgläubigen, wer ist euer Ältester?«
Luka Kirillow öffnet die Tür und sieht einen Soldaten mit einer Medaille
vor sich stehen.
Luka fragt, was für einen Ältesten er wolle. Und der antwortet:
»Den, der oft zur Gnädigen kam und den sie Pimen nennen.«
Luka schickt seine Frau gleich zu Pimen und fragt weiter, worum es sich
handle und wer ihn in der Nacht nach Pimen gesandt habe.
Der Soldat sagt:
»Etwas Gewisses weiß ich nicht, aber ich habe so etwas gehört, als ob
die Juden dort eine schlimme Geschichte mit unserem Herrn angestellt
hätten!«
Aber was es eigentlich sei, kann er nicht erzählen.
»Ich habe gehört,« sagt er, »daß der Herr erst sie versiegelt hätte und
dann sie ihn.«
Aber darüber, wie sie einander versiegelt haben, weiß er nichts
verständliches zu erzählen.
Währenddes war Pimen gekommen; er schielt selbst wie ein Jude, bald
dorthin, bald dahin, und weiß sichtlich selbst nicht, was er sagen soll.
Und Luka spricht ihn an:
»Was hast du da gemacht, Spielmann? Geh jetzt und spiel dein Stück nur
zu Ende!«
Der setzt sich mit dem Soldaten ins Boot, und sie fahren ab.
Nach einer Stunde kommt unser Pimen zurück, stellt sich munter, aber man
sieht, daß es ihm durchaus nicht so zumute ist.
Luka fragt ihn:
»Sprich,« sagt er, »du Windbeutel, und sag ganz aufrichtig, was du dort
getan hast.«
Aber jener erwidert: »Nichts«.
Nun, bei dem Nichts blieb es, obwohl es durchaus kein Nichts gewesen
war.