ACHTES KAPITEL

Gestatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, daß, während ich mit

Michailiza auf der Treppe sprach, der alte Maroi sich in der Stube im

Gebet befand, wo ihn die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch

vorfanden. Er erzählte später, daß sie, gleich als sie hereingekommen

waren, die Türe zugeschlagen hätten und gerade auf die Heiligenbilder

zugegangen wären. Die einen löschen die Lämpchen aus, die anderen reißen

die Bilder von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn an:

»Bist du der Pope?« Er sagt: »Nein, ich bin kein Pope.« Sie: »Wer ist

denn euer Pope?« Aber er antwortet: »Wir haben keinen Popen.« Sie

darauf: »Ihr werdet keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, daß ihr

keinen Popen habt!« Er begann ihnen zu erklären, daß wir keine Popen

haben, aber weil er so unverständlich sprach, daß sie nicht begriffen,

wovon die Rede war, sagten sie: »Bindet ihn, er ist verhaftet.« Maroi

läßt sich binden, als gehe es ihn nichts an, daß ihm ein Dutzend

Soldaten mit einem Strickende die Hände binden. Er steht da und sieht

zu, was weiter geschieht. Die Beamten hatten inzwischen Kerzen

angezündet und die Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die

Siegel an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten bohrten

Löcher in die Bilder und reihten sie auf eine Eisenstange aneinander.

Maroi sah diesem gotteslästerlichen Treiben zu und zuckte nicht einmal

mit den Schultern, weil er bei sich dachte, daß es wohl Gott gefalle,

diese Schändung des Heiligtums zuzulassen. Im selben Augenblick hört

Maroi draußen einen Gendarmen aufschreien, und dann einen zweiten. Die

Tür fliegt auf, und unsere Seehunde stürzen naß, wie sie aus dem Wasser

gestiegen sind, herein. Glücklicherweise war ihnen jedoch Luka Kirillow

zuvorgekommen; er schrie sie an:

»Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht!« Dann wendet er sich

an die Beamten, weist auf die an die Eisenstange aufgespießten Ikonen

und spricht: »Weshalb beschädigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren

Beamten? Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden wir der

Gewalt keinen Widerstand leisten, -- nehmt es nur. Aber weshalb müßt ihr

so seltene, von den Vätern ererbte Kunstwerke beschädigen?«

Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze Sache leitete, schrie

Luka an:

»Still, Halunke! Du wagst noch zu räsonieren!«

Luka war ein stolzer Bauer, aber er demütigte sich und antwortete leise:

»Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen Brauch, wir haben in

der Stube anderthalb Hundert Ikonen. Wenn Sie wünschen, geben wir Ihnen

für jede Ikone drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschädigen Sie die

alten Kunstwerke nicht.«

In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn laut an: »Hinaus!«

Ganz leise setzte er aber hinzu: »Gib hundert Rubel für das Stück, sonst

stecke ich sie alle in den Ofen.«

Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch sie sich überhaupt

vorstellen und sagte:

»Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber wir haben das

Geld nicht.«

Aber der Herr schrie ihn wütend an: »Ach du bärtiger Ziegenbock, wie

wagst du es, mit uns von Geld zu sprechen?«

Er wurde plötzlich ganz wild, ließ alles, was er an heiligen

Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange spießen, schraubte dann

Muttern an beide Enden und versiegelte diese, so daß niemand die Bilder

herunternehmen oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle Ikonen

gesammelt und schickten sich an, fortzugehen. Die Soldaten nahmen die

Stange mit den Bildern auf die Schultern und trugen sie zu den Booten.

Michailiza hatte sich indes mit dem übrigen Volk unbemerkt in die Stube

gedrängt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen und

trug es unter der Schürze in die Kammer. Ihre Hände zitterten dabei aber

so, daß sie es fallen ließ. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet,

uns Diebe und Betrüger nannte und schrie:

»Aha, ihr Betrüger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit es nicht auf die

Stange kommt? Nun, da soll es auch nicht hinkommen, aber so werde ich es

machen!« -- Mit diesen Worten zündete er die Siegellackstange an und

drückte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des Engels!

Meine besten Herren, seien Sie nicht böse, wenn ich nicht versuche,

Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging, als der Herr das kochende Harz

auf das Antlitz des Engels goß und als dann der grausame Mensch das Bild

auch noch emporhob, um sich damit zu rühmen, wie gut er es verstanden

hatte, uns zu kränken. Ich entsinne mich nur noch, daß das helle heilige

Antlitz rot und versiegelt war, daß das brennende Harz unter dem

Petschaft in zwei Strömen, wie Blut mit Tränen gemischt, herabfloß.

Wir stöhnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den Händen und

stöhnten, als lägen wir auf der Folter. Dann verloren wir uns in

Weheklagen, so daß uns die einbrechende Nacht noch immer weinend und

jammernd um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in dem Dunkel

und der Ruhe, die über dem zerstörten Heiligtum lag, der Gedanke,

ausfindig zu machen, wohin man unseren Beschützer gebracht hatte, und

wir gelobten, ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln.

Zur Ausführung dieses Entschlusses wählte man mich und den jungen

Lewontij. Er zählte kaum siebzehn Jahre, war fast noch ein Knabe, aber

kräftigen Wuchses und guten Herzens, von Kind auf gottesfürchtig,

gehorsam und gutartig, wie ein weißes Roß mit Silberzaum.

Für das gefährliche Unternehmen, den versiegelten Engel, dessen

erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten, aufzufinden und zu

rauben, konnte ich mir einen besseren Gefährten und Helfer gar nicht

wünschen.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 11 / 79 题