Gestatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, daß, während ich mit
Michailiza auf der Treppe sprach, der alte Maroi sich in der Stube im
Gebet befand, wo ihn die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch
vorfanden. Er erzählte später, daß sie, gleich als sie hereingekommen
waren, die Türe zugeschlagen hätten und gerade auf die Heiligenbilder
zugegangen wären. Die einen löschen die Lämpchen aus, die anderen reißen
die Bilder von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn an:
»Bist du der Pope?« Er sagt: »Nein, ich bin kein Pope.« Sie: »Wer ist
denn euer Pope?« Aber er antwortet: »Wir haben keinen Popen.« Sie
darauf: »Ihr werdet keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, daß ihr
keinen Popen habt!« Er begann ihnen zu erklären, daß wir keine Popen
haben, aber weil er so unverständlich sprach, daß sie nicht begriffen,
wovon die Rede war, sagten sie: »Bindet ihn, er ist verhaftet.« Maroi
läßt sich binden, als gehe es ihn nichts an, daß ihm ein Dutzend
Soldaten mit einem Strickende die Hände binden. Er steht da und sieht
zu, was weiter geschieht. Die Beamten hatten inzwischen Kerzen
angezündet und die Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die
Siegel an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten bohrten
Löcher in die Bilder und reihten sie auf eine Eisenstange aneinander.
Maroi sah diesem gotteslästerlichen Treiben zu und zuckte nicht einmal
mit den Schultern, weil er bei sich dachte, daß es wohl Gott gefalle,
diese Schändung des Heiligtums zuzulassen. Im selben Augenblick hört
Maroi draußen einen Gendarmen aufschreien, und dann einen zweiten. Die
Tür fliegt auf, und unsere Seehunde stürzen naß, wie sie aus dem Wasser
gestiegen sind, herein. Glücklicherweise war ihnen jedoch Luka Kirillow
zuvorgekommen; er schrie sie an:
»Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht!« Dann wendet er sich
an die Beamten, weist auf die an die Eisenstange aufgespießten Ikonen
und spricht: »Weshalb beschädigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren
Beamten? Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden wir der
Gewalt keinen Widerstand leisten, -- nehmt es nur. Aber weshalb müßt ihr
so seltene, von den Vätern ererbte Kunstwerke beschädigen?«
Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze Sache leitete, schrie
Luka an:
»Still, Halunke! Du wagst noch zu räsonieren!«
Luka war ein stolzer Bauer, aber er demütigte sich und antwortete leise:
»Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen Brauch, wir haben in
der Stube anderthalb Hundert Ikonen. Wenn Sie wünschen, geben wir Ihnen
für jede Ikone drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschädigen Sie die
alten Kunstwerke nicht.«
In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn laut an: »Hinaus!«
Ganz leise setzte er aber hinzu: »Gib hundert Rubel für das Stück, sonst
stecke ich sie alle in den Ofen.«
Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch sie sich überhaupt
vorstellen und sagte:
»Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber wir haben das
Geld nicht.«
Aber der Herr schrie ihn wütend an: »Ach du bärtiger Ziegenbock, wie
wagst du es, mit uns von Geld zu sprechen?«
Er wurde plötzlich ganz wild, ließ alles, was er an heiligen
Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange spießen, schraubte dann
Muttern an beide Enden und versiegelte diese, so daß niemand die Bilder
herunternehmen oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle Ikonen
gesammelt und schickten sich an, fortzugehen. Die Soldaten nahmen die
Stange mit den Bildern auf die Schultern und trugen sie zu den Booten.
Michailiza hatte sich indes mit dem übrigen Volk unbemerkt in die Stube
gedrängt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen und
trug es unter der Schürze in die Kammer. Ihre Hände zitterten dabei aber
so, daß sie es fallen ließ. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet,
uns Diebe und Betrüger nannte und schrie:
»Aha, ihr Betrüger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit es nicht auf die
Stange kommt? Nun, da soll es auch nicht hinkommen, aber so werde ich es
machen!« -- Mit diesen Worten zündete er die Siegellackstange an und
drückte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des Engels!
Meine besten Herren, seien Sie nicht böse, wenn ich nicht versuche,
Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging, als der Herr das kochende Harz
auf das Antlitz des Engels goß und als dann der grausame Mensch das Bild
auch noch emporhob, um sich damit zu rühmen, wie gut er es verstanden
hatte, uns zu kränken. Ich entsinne mich nur noch, daß das helle heilige
Antlitz rot und versiegelt war, daß das brennende Harz unter dem
Petschaft in zwei Strömen, wie Blut mit Tränen gemischt, herabfloß.
Wir stöhnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den Händen und
stöhnten, als lägen wir auf der Folter. Dann verloren wir uns in
Weheklagen, so daß uns die einbrechende Nacht noch immer weinend und
jammernd um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in dem Dunkel
und der Ruhe, die über dem zerstörten Heiligtum lag, der Gedanke,
ausfindig zu machen, wohin man unseren Beschützer gebracht hatte, und
wir gelobten, ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln.
Zur Ausführung dieses Entschlusses wählte man mich und den jungen
Lewontij. Er zählte kaum siebzehn Jahre, war fast noch ein Knabe, aber
kräftigen Wuchses und guten Herzens, von Kind auf gottesfürchtig,
gehorsam und gutartig, wie ein weißes Roß mit Silberzaum.
Für das gefährliche Unternehmen, den versiegelten Engel, dessen
erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten, aufzufinden und zu
rauben, konnte ich mir einen besseren Gefährten und Helfer gar nicht
wünschen.