»Ich bin, wie Sie mir zweifellos ansehen können, ein ganz unbedeutender
Mensch, ich bin nur ein Bauer und habe den Umständen gemäß eine
ländliche Erziehung erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit
weg, von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben geboren.
Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen Landsleuten auf Wanderarbeit
gegangen und habe an verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit
derselben Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow. Dieser Luka
Kirillow lebt heute noch: er ist unser größter Bauunternehmer. Sein
Geschäft hatte er von altersher, es war schon von seinen Vätern
begründet, und er hatte es nicht vergeudet, sondern vergrößert, und sich
einen großen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und ist ein
prächtiger Mensch, der niemand etwas zuleide tut. Und wo sind wir mit
ihm nicht gewesen? Ich glaube, wir haben ganz Rußland durchzogen, und
nirgends habe ich einen besseren und würdigeren Brotherrn getroffen. Und
wir lebten bei ihm ganz friedlich und patriarchalisch, er war
Bauunternehmer und unser Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir
zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die Juden auf ihren
Wüstenwanderungen mit Moses, und sogar unsere heilige Stiftshütte
führten wir mit uns, von der wir uns nie trennten: das heißt, wir hatten
unseren »Gottessegen« bei uns. Luka Kirillow war ein großer Verehrer
gemalter Ikonen und besaß, beste Herren, ganz wunderbare, alte, sehr
kunstvolle, teils echte griechische, teils von den ersten Nowgoroder
oder Stroganower Malern. Ein Bild strahlte schöner als das andere, aber
nicht nur durch die Beschläge, sondern durch die Klarheit und
Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah ich später nirgends
mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in zwei Gestalten, ein nicht von
Menschenhänden gefertigtes Erlöserbild mit feucht glänzenden Haaren,
Heilige, Märtyrer, Apostel, und wunderbarer als alles andere waren
vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum Beispiele die
Feiertage darstellten, das Jüngste Gericht, Heilige, Konzile, die
Schöpfungswoche, die Dreifaltigkeit mit Abrahams Gebet im Haine Mamre,
mit einem Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben, und
solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder in Moskau, noch in
Petersburg, noch in Palichow; von Griechenland gar nicht zu reden, wo
diese Kunst längst untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum
mit leidenschaftlicher Liebe, wir zündeten vor ihm die heiligen Lampen
an und hielten uns auf gemeinsame Kosten ein Pferd und ein besonderes
Fuhrwerk, auf dem wir den Gottessegen in zwei großen Kisten überall mit
uns führten. Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von alten
Moskauer Meistern, die für den Zaren arbeiteten, den Griechen
nachgebildet: die allerheiligste Himmelskönigin betet im Garten, und vor
ihr neigen sich alle Zypressen und Oliven bis zur Erde; das andere aber
war ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es läßt sich gar nicht
sagen, was für eine Kunst in diesen beiden Bildern war! Du schaust auf
die Himmelskönigin, wie sich vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bäume
neigen, und das Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf
den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war wirklich
unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch jetzt vor mir, leuchtet
himmlisch und so gütig: sein Blick ist mild, an den Ohren hat er ein
weißes Band als Zeichen des Allhörens, seine Kleidung glänzt, die
Gewänder sind mit Gold durchwirkt, die Rüstung ist gefiedert, die
Schultern gepanzert; auf der Brust trägt er das Antlitz des
Erlöserkindes, in der rechten Hand hält er das Kreuz, in der Linken das
Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar! ... Die Kopfhaare sind blond
gelockt, fallen über die Ohren, und Härchen an Härchen ist wie mit der
Nadel gezogen. Die Flügel sind breit und weiß wie Schnee, der Untergrund
leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und im Flaum jeder Feder
Härchen an Härchen. Du schaust auf die Flügel, und wohin ist deine ganze
Angst verschwunden? Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst du
ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was war das für ein
Bild! Diese beiden Bilder waren für uns dasselbe, wie für die Juden ihr
Allerheiligstes, das Bezaleel mit wunderbarer Kunst ausgeschmückt hatte.
Alle anderen Bilder, von denen ich eben erzählte, führten wir in
besonderen Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten wir nicht
einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie: das der Himmelskönigin trug
Michailiza, Luka Kirillows Frau, die Darstellung des Engels aber
verwahrte Luka selbst auf seiner Brust. Er hatte für dieses Bild ein
Säckchen aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf und mit einem
scharlachroten Kreuz aus Stoff an der Vorderseite; oben war eine dicke
grüne Seidenschnur angenäht, um das Bild um den Hals zu hängen. So trug
Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir gingen, zog er voraus,
als wenn der Engel selbst uns voranschritte. Wir gingen auf Suche nach
neuer Arbeit von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt Luka
Kirillow ein Klaftermaß, anstelle eines Steckens, hinter ihm fährt im
Wagen Michailiza mit dem Bilde der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht
unsere ganze Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen auf
den Wiesen, wo die Herden weiden und der Hirt die Flöte bläst ... für
Herz und Seele ist es eine Wonne! Immer ging es uns prächtig, und
wunderbar war unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute
Arbeit, unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer
beruhigende Nachrichten. Und dafür segneten wir unseren Engel, der uns
voranschritt, und ich glaube, wir hätten uns leichter von unserem Leben
getrennt als von seinem wunderbaren Bild.
Und kann man es sich ausdenken, daß wir irgendwie durch irgendeine
Schickung unseres kostbarsten Heiligtums beraubt werden würden? Indes
erwartete uns dieses Leid, und es wurde uns, wie wir später einsahen,
nicht durch menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen
unseres Wegführers selbst. Er begehrte für sich selber diese Kränkung,
um uns durch Kummer das Heilige begreifen zu machen und uns den wahren
Weg zu zeigen, vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert
waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber gestatten Sie
die Frage, ob meine Erzählung Sie interessiert, oder ob ich Ihre
Aufmerksamkeit unnütz in Anspruch nehme?«
»Nein, wieso denn: fahren Sie gütigst fort!« riefen wir, voll
Anteilnahme für seine Erzählung.
»Schön, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich es kann, von dem
Wunder zu berichten, das sich mit dem Engel zutrug.«