ZWEITES KAPITEL

»Ich bin, wie Sie mir zweifellos ansehen können, ein ganz unbedeutender

Mensch, ich bin nur ein Bauer und habe den Umständen gemäß eine

ländliche Erziehung erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit

weg, von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben geboren.

Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen Landsleuten auf Wanderarbeit

gegangen und habe an verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit

derselben Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow. Dieser Luka

Kirillow lebt heute noch: er ist unser größter Bauunternehmer. Sein

Geschäft hatte er von altersher, es war schon von seinen Vätern

begründet, und er hatte es nicht vergeudet, sondern vergrößert, und sich

einen großen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und ist ein

prächtiger Mensch, der niemand etwas zuleide tut. Und wo sind wir mit

ihm nicht gewesen? Ich glaube, wir haben ganz Rußland durchzogen, und

nirgends habe ich einen besseren und würdigeren Brotherrn getroffen. Und

wir lebten bei ihm ganz friedlich und patriarchalisch, er war

Bauunternehmer und unser Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir

zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die Juden auf ihren

Wüstenwanderungen mit Moses, und sogar unsere heilige Stiftshütte

führten wir mit uns, von der wir uns nie trennten: das heißt, wir hatten

unseren »Gottessegen« bei uns. Luka Kirillow war ein großer Verehrer

gemalter Ikonen und besaß, beste Herren, ganz wunderbare, alte, sehr

kunstvolle, teils echte griechische, teils von den ersten Nowgoroder

oder Stroganower Malern. Ein Bild strahlte schöner als das andere, aber

nicht nur durch die Beschläge, sondern durch die Klarheit und

Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah ich später nirgends

mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in zwei Gestalten, ein nicht von

Menschenhänden gefertigtes Erlöserbild mit feucht glänzenden Haaren,

Heilige, Märtyrer, Apostel, und wunderbarer als alles andere waren

vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum Beispiele die

Feiertage darstellten, das Jüngste Gericht, Heilige, Konzile, die

Schöpfungswoche, die Dreifaltigkeit mit Abrahams Gebet im Haine Mamre,

mit einem Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben, und

solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder in Moskau, noch in

Petersburg, noch in Palichow; von Griechenland gar nicht zu reden, wo

diese Kunst längst untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum

mit leidenschaftlicher Liebe, wir zündeten vor ihm die heiligen Lampen

an und hielten uns auf gemeinsame Kosten ein Pferd und ein besonderes

Fuhrwerk, auf dem wir den Gottessegen in zwei großen Kisten überall mit

uns führten. Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von alten

Moskauer Meistern, die für den Zaren arbeiteten, den Griechen

nachgebildet: die allerheiligste Himmelskönigin betet im Garten, und vor

ihr neigen sich alle Zypressen und Oliven bis zur Erde; das andere aber

war ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es läßt sich gar nicht

sagen, was für eine Kunst in diesen beiden Bildern war! Du schaust auf

die Himmelskönigin, wie sich vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bäume

neigen, und das Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf

den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war wirklich

unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch jetzt vor mir, leuchtet

himmlisch und so gütig: sein Blick ist mild, an den Ohren hat er ein

weißes Band als Zeichen des Allhörens, seine Kleidung glänzt, die

Gewänder sind mit Gold durchwirkt, die Rüstung ist gefiedert, die

Schultern gepanzert; auf der Brust trägt er das Antlitz des

Erlöserkindes, in der rechten Hand hält er das Kreuz, in der Linken das

Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar! ... Die Kopfhaare sind blond

gelockt, fallen über die Ohren, und Härchen an Härchen ist wie mit der

Nadel gezogen. Die Flügel sind breit und weiß wie Schnee, der Untergrund

leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und im Flaum jeder Feder

Härchen an Härchen. Du schaust auf die Flügel, und wohin ist deine ganze

Angst verschwunden? Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst du

ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was war das für ein

Bild! Diese beiden Bilder waren für uns dasselbe, wie für die Juden ihr

Allerheiligstes, das Bezaleel mit wunderbarer Kunst ausgeschmückt hatte.

Alle anderen Bilder, von denen ich eben erzählte, führten wir in

besonderen Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten wir nicht

einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie: das der Himmelskönigin trug

Michailiza, Luka Kirillows Frau, die Darstellung des Engels aber

verwahrte Luka selbst auf seiner Brust. Er hatte für dieses Bild ein

Säckchen aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf und mit einem

scharlachroten Kreuz aus Stoff an der Vorderseite; oben war eine dicke

grüne Seidenschnur angenäht, um das Bild um den Hals zu hängen. So trug

Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir gingen, zog er voraus,

als wenn der Engel selbst uns voranschritte. Wir gingen auf Suche nach

neuer Arbeit von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt Luka

Kirillow ein Klaftermaß, anstelle eines Steckens, hinter ihm fährt im

Wagen Michailiza mit dem Bilde der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht

unsere ganze Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen auf

den Wiesen, wo die Herden weiden und der Hirt die Flöte bläst ... für

Herz und Seele ist es eine Wonne! Immer ging es uns prächtig, und

wunderbar war unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute

Arbeit, unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer

beruhigende Nachrichten. Und dafür segneten wir unseren Engel, der uns

voranschritt, und ich glaube, wir hätten uns leichter von unserem Leben

getrennt als von seinem wunderbaren Bild.

Und kann man es sich ausdenken, daß wir irgendwie durch irgendeine

Schickung unseres kostbarsten Heiligtums beraubt werden würden? Indes

erwartete uns dieses Leid, und es wurde uns, wie wir später einsahen,

nicht durch menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen

unseres Wegführers selbst. Er begehrte für sich selber diese Kränkung,

um uns durch Kummer das Heilige begreifen zu machen und uns den wahren

Weg zu zeigen, vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert

waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber gestatten Sie

die Frage, ob meine Erzählung Sie interessiert, oder ob ich Ihre

Aufmerksamkeit unnütz in Anspruch nehme?«

»Nein, wieso denn: fahren Sie gütigst fort!« riefen wir, voll

Anteilnahme für seine Erzählung.

»Schön, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich es kann, von dem

Wunder zu berichten, das sich mit dem Engel zutrug.«

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 4 / 79 题