»Wir kamen vor eine große Stadt, an ein großes fließendes Wasser, den
Dnjeprstrom, um dort eine große und jetzt sehr berühmte Brücke zu bauen.
Die Stadt erhebt sich auf dem rechten steilen Ufer, während wir auf dem
linken flachen Wiesenufer standen, und vor uns lag die ganze wundervolle
Landschaft: alte Kirchen, heilige Klöster mit vielen heiligen Reliquien,
dichte Gärten und Bäume, wie man sie in alten Büchern abgebildet findet,
spitzwipfelige Pappeln. Du schaust auf all das, und dein Herz brennt in
dir gleichsam, so herrlich ist es! Sehen Sie, wir sind natürlich
einfache Leute, aber wir fühlen doch die Pracht der gottgeschaffenen
Natur! Der Ort hier gefiel uns so sehr, daß wir am ersten Tag mit dem
Bau einer vorläufigen Unterkunft für uns begannen; zuerst schlugen wir
hohe Pfähle ein, da die Stelle nieder gelegen war, ganz neben dem
Wasser. Dann errichteten wir auf diesen Pfählen eine Stube und daneben
einen Schuppen. In der Stube stellten wir unser ganzes Heiligtum auf,
wie es sich nach dem Gesetz der Väter gehört: längs der einen Wand
stellten wir die zusammenlegbare, dreiteilige Heiligenwand auf, zu
unterst die großen Bilder, darauf zwei Tafeln für die kleineren Bilder,
und so errichteten wir eine Art Treppe bis hinauf zum Kruzifix; den
Engel aber stellten wir auf das Chorpult, auf dem Luka Kirillow die
Heilige Schrift vorlas. Luka Kirillow wohnte mit Michailiza im Schuppen,
während wir uns daneben einen Schlafraum errichteten. Andere, die
ebenfalls gekommen waren, um hier lange zu arbeiten, sahen uns zu und
begannen ebendort zu bauen, so daß bei uns, der großen Stadt gegenüber,
ein kleines Städtchen auf Pfählen entstand. Wir arbeiteten, und alles
ging ganz nach Wunsch. Das Geld zur Auszahlung lag immer pünktlich im
Kontor der Engländer bereit, und Gott schenkte uns solch eine
Gesundheit, daß es den ganzen Sommer über keinen einzigen Kranken gab;
Lukas Michailiza begann sogar zu klagen, daß sie gar nicht froh werden
könne, so dick werde sie überall. Uns Altgläubigen gefiel besonders gut,
daß wir, die wir damals sonst überall wegen unserer Bräuche verfolgt
wurden, hier volle Freiheit hatten: es gab keine Stadt- und keine
Kreisobrigkeit und keinen Popen; wir sahen niemanden, und niemand
kümmerte sich um unseren Glauben oder behinderte uns ... Wir beteten
soviel wir wollten. Wenn wir unsere Stunden abgearbeitet hatten,
versammelten wir uns in der Stube, wo schon das ganze Heiligtum im
Lichte der Lämpchen glänzte, so daß einem das Herz erglühte. Luka
Kirillow stimmte das Segenslied an, und wir fielen ein, so daß unser
Gesang manchmal bei ruhigem Wetter weit von unserer Ansiedlung zu hören
war. Unser Glaube störte niemanden, vielen gefiel er sogar, und zwar
nicht nur den einfachen Leuten, die Gott nach russischem Brauche
verehren, sondern auch Andersgläubigen. Viele fromme kirchlich Gesinnte,
die nicht Zeit hatten, zur Kirche jenseits des Flusses zu gehen, standen
bei uns an den Fenstern, hörten zu und beteten mit. Wir trieben sie von
da nicht weg, es wäre auch nicht möglich gewesen alle fortzujagen, weil
auch hin und wieder die Ausländer kamen, die sich für die alten
russischen Bräuche interessierten und unserem Gesang mit Vergnügen
zuhörten. Der Oberbaumeister der Engländer, Jakow Jakowlewitsch, stand
manchmal sogar mit einem Stück Papier hinter dem Fenster und wartete, um
unsern Gesang in Notenschrift aufzuzeichnen, und wenn er dann zur Arbeit
kam, summte er nach unserer Weise vor sich hin: »Herr Gott, erscheine
uns.« Nur geriet es bei ihm, versteht sich, in einem anderen Stil, weil
dieses Lied in der alten kirchlichen Notenschrift aufgezeichnet ist und
sich mit den westlichen Noten nicht vollkommen aufzeichnen läßt. Die
Engländer, man muß ihnen die Ehre lassen, sind umgängliche und
gottesfürchtige Leute, sie hatten uns sehr gern und schätzten und lobten
uns als gute Menschen. Mit einem Wort, der Engel Gottes hatte uns an
einen guten Ort geführt und vor uns die Herzen der Menschen und die
ganze Natur aufgetan. In solch friedlicher Stimmung, wie ich sie Ihnen
geschildert habe, lebten wir fast drei Jahre. Alles glückte uns, und die
Erfolge strömten über uns wie aus einem Zauberhorn, als wir plötzlich
sahen, daß unter uns zwei Gefäße waren, die Gott zu unserer Bestrafung
auserwählt hatte. Der eine war der Schmied Maroi, der andere der
Rechnungsführer Pimen Iwanow. Maroi war ein ganz einfacher Mann, der
weder lesen noch schreiben konnte, was unter den Altgläubigen selten
vorkommt, aber doch auffallend: von außen plump wie ein Kamel und wild
wie ein Eber, seine Brust war um die Hälfte breiter, als bei einem
anderen Menschen, seine Stirn war mit dichten Haarbüscheln bewachsen,
aber auf dem Scheitel hatte er sich eine Tonsur geschoren. Seine Sprache
war dumpf und schwerverständlich, da er immer mit den Lippen schmatzte,
und sein Verstand war so beschränkt, daß er nicht einmal aus dem
Gedächtnis beten konnte, sondern nur immer dasselbe Wort vor sich
hersagte. Aber er sah in die Zukunft, besaß die Gabe der Weissagung und
konnte Andeutungen über kommende Dinge geben. -- Pimen dagegen war ein
stutzerhafter Mensch, der sich gern wichtig machte und seine Worte so
schlau setzte, daß man seine Reden bewundern mußte, aber er hatte einen
leichtfertigen und beeinflußbaren Charakter. Maroi war ein bejahrter
Mann, schon über die siebzig, Pimen war mittleren Alters und ansehnlich:
er hatte krause, in der Mitte gescheitelte Haare, starke Brauen, eine
gesunde Gesichtsfarbe und war mit einem Wort ein strammer Mensch. Und
siehe: in diesen beiden Gefäßen gärte der bittere Trank, den wir trinken
mußten.