ERSTES KAPITEL

Es war um die Weihnachtszeit, am Vorabend des Wassilijtages. Das Wetter

ließ sich sehr ungnädig an. Einer der grausamen Landstürme, welche die

Winter in den Wolgasteppen berüchtigt machen, hatte eine Menge Leute in

den abgelegenen Gasthof getrieben, ein Bauernhaus inmitten der flachen,

unabsehbaren Steppe. Dort hatten sich auf einem Haufen Adelige,

Kaufleute, Bauern zusammengefunden, Russen, Mordwinen und Tschuwaschen.

Auf Rang und Würden konnte man in einem solchen Nachtquartier keine

Rücksicht nehmen: wohin man sich wendet, alles ist gedrängt voll, die

einen trocknen sich, die anderen wärmen sich, die dritten suchen ein

wenn auch noch so kleines Plätzchen, auf dem sie bleiben können. In der

dunklen, niederen, mit Menschen überfüllten Stube herrscht eine schwere

Schwüle und der dichte Dampf der nassen Kleider. Nirgends ist ein

unbesetzter Fleck zu sehen: auf den Pritschen, dem Ofen, den Bänken, und

selbst auf dem schmutzigen Erdboden, überall liegen Menschen. Der

Hauswirt, ein mürrisch blickender Bauer, zeigt weder über seine Gäste,

noch über den Verdienst irgendwelche Freude. Zornig schlägt er das Tor

hinter den zwei Kaufleuten zu, die als letzte auf Schlitten in den Hof

gekommen sind. Er schließt die Pforte ab, hängt den Schlüssel unter den

Heiligenschrank und erklärt entschieden:

»Nun kann kommen wer will, und wenn er mit dem Kopf ans Tor schlägt, ich

mach nicht auf!«

Aber kaum hatte er es gesagt, seinen weiten Schafspelz abgelegt, sich

mit breiter Gebärde auf Raskolniki-Art bekreuzigt und sich fertig

gemacht, auf den heißen Ofen zu klettern, als jemand zaghaft an die

Scheibe klopfte.

»Wer ist dort?« rief der Hauswirt mit lauter, ärgerlicher Stimme.

»Wir!« antwortete es dumpf hinter dem Fenster.

»Nun, was wollt ihr noch?«

»Laß uns herein, um Christi willen, wir haben uns verirrt, sind ganz

erstarrt.«

»Seid ihr viele?«

»Nicht viele, nicht viele, achtzehn im ganzen, achtzehn,« sagte

stammelnd und mit den Zähnen klappernd ein anscheinend ganz erfrorener

Mensch hinter der Scheibe.

»Ich kann euch nicht einlassen, die ganze Stube ist mit Menschen

ausgelegt.«

»Laß uns nur ein wenig in die Wärme!«

»Wer seid ihr denn?«

»Fuhrleute.«

»Mit oder ohne Fuhrwerk?«

»Mit Fuhrwerken, Lieber, Felle führen wir.«

»Felle! Felle führt ihr, und da wollt ihr in der Stube übernachten. Was

es jetzt für Leute in Rußland gibt. Schert euch fort!«

»Aber was sollen sie tun?« fragte ein Durchreisender, der auf der

obersten Pritsche unter einem Bärenpelz lag.

»Die Felle herunterwerfen und unter ihnen schlafen, das sollen sie tun,«

antwortete der Wirt, schimpfte noch kräftig auf die Fuhrleute und legte

sich dann unbeweglich auf den Ofen.

Der Reisende unter dem Bärenpelz warf dem Wirte im Ton eines sehr

energischen Protestes seine Härte vor, aber der würdigte seine

Bemerkungen gar keiner Antwort. An seiner Statt ließ sich aus einer

entfernten Ecke ein kleiner rothaariger Mensch mit einem Spitzbärtchen

vernehmen.

»Verurteilen Sie den Wirt nicht, bester Herr,« begann er, »er weiß das

aus Erfahrung und hat es ganz richtig gesagt: unter Fellen ist es

ungefährlich.«

»Wirklich?« entgegnete fragend der Reisende unter dem Bärenpelz.

»Ganz ungefährlich, und es ist sogar für sie selbst besser, daß er sie

nicht hereinläßt.«

»Warum das?«

»Weil sie eine nützliche Lehre erhalten haben, und wenn jetzt jemand

hilflos hierher kommt, findet er noch ein Plätzchen.«

»Wen soll der Teufel jetzt noch herbringen?« sagte der Pelz.

»Hör, du,« mischte sich der Wirt ein, »schwatz' kein so dummes Zeug.

Soll vielleicht der Widersacher jemand herbringen, wo ein solches

Heiligtum ist? Siehst du nicht dort das Erlöserbild und das Antlitz der

Gottesgebärerin?«

»Das ist wahr,« bekräftigte der Rothaarige, »einen erlösten Menschen

führt nicht der Teufel, sondern ein Engel geleitet ihn.«

»Den habe ich noch nicht gesehen, und weil es mir hier sehr widerwärtig

ist, so will ich auch nicht daran glauben, daß mich mein Engel

hergeführt hat,« antwortete der gesprächige Pelz.

Der Wirt spuckte bloß wütend aus, aber der Rote erklärte gutmütig, daß

der Engelsweg nicht für jeden sichtbar sei und daß nur der ihn begreifen

könne, der darin Erfahrung habe.

»Sie reden, als ob Sie selbst eine solche Erfahrung hätten?« sagte der

Pelz.

»Ja, ich habe sie.«

»Wollen Sie sagen, daß Sie einen Engel gesehen haben, und er Sie geführt

hat?«

»Ja, ich habe ihn gesehen, und er hat mich geleitet.«

»Scherzen Sie, oder machen Sie sich lustig?«

»Gott behüte mich, über eine solche Sache zu scherzen!«

»So haben Sie also wirklich etwas derartiges gesehen: wie ist Ihnen der

Engel erschienen?«

»Bester Herr, es ist eine sehr lange Geschichte.«

»Wissen Sie, es ist entschieden unmöglich, hier einzuschlafen. Sie tun

gut, wenn Sie uns jetzt diese Geschichte erzählen.«

»Nun schön!«

»So erzählen Sie, bitte, wir hören Ihnen zu. Warum hocken Sie aber dort

auf den Knien! Kommen Sie zu uns her, wir rücken etwas zusammen.«

»Nein, ich danke Ihnen! Warum soll ich Sie beengen, und zudem ist es

schicklicher, wenn ich Ihnen meine Erzählung auf den Knien berichte,

denn die Sache ist sehr heilig und sogar schrecklich.«

»Nun, wie Sie wollen, erzählen Sie aber schneller, wie Sie einen Engel

sehen konnten, und was er mit Ihnen getan hat.«

»Schön, ich beginne.«

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 3 / 79 题