wird, als habe er die menschliche Natur angenommen,) kann nun der Mensch
hoffen, Gott wohlgefällig (dadurch auch selig) zu werden; d. i. der,
welcher sich einer solchen moralischen Gesinnung bewußt ist, daß er
_glauben_ und auf sich gegründetes Vertrauen setzen kann, er würde unter
ähnlichen Versuchungen und Leiden (so wie sie zum Probierstein jener [63]
Idee gemacht werden,) dem Urbilde der Menschheit unwandelbar anhängig, (A 70-71).
und seinem Beispiele in treuer Nachfolge ähnlich bleiben, ein solcher (B 76-77).
Mensch, und auch nur der allein, ist befugt, sich für denjenigen zu (R 71-72).
halten, der ein des göttlichen Wohlgefallens nicht unwürdiger Gegenstand (Ha 225-26;
ist. b 156-57).
(K 70-71).
b) Objective Realität dieser Idee.
Diese Idee hat ihre Realität in praktischer Beziehung vollständig in
sich selbst. Denn sie liegt in unsrer moralisch gesetzgebenden Vernunft.
Wir _sollen_ ihr gemäß sein, und wir müssen es daher auch _können_.
Müßte man die Möglichkeit, ein diesem Urbilde gemäßer Mensch zu sein,
vorher beweisen, wie es bei Naturbegriffen unumgänglich nothwendig ist,
(damit wir nicht Gefahr laufen, durch leere Begriffe hingehalten zu
werden), so würden wir eben sowohl auch Bedenken tragen müssen, selbst
dem moralischen Gesetze das Ansehen einzuräumen, unbedingter und doch
hinreichender Bestimmungsgrund unsrer Willkühr zu sein; denn wie es
möglich sei, daß die bloße Idee einer Gesetzmäßigkeit überhaupt eine
mächtigere Triebfeder für dieselbe sein könne, als alle nur erdenkliche,
die von Vortheilen hergenommen werden, das kann weder durch Vernunft
eingesehen, noch durch Beispiele der Erfahrung belegt werden, weil, was
das erste betrifft, das Gesetz unbedingt gebietet, und das zweite
anlangend, wenn es auch nie einen Menschen gegeben hätte, der diesem
Gesetze unbedingten Gehorsam geleistet hätte, die objective
Nothwendigkeit, ein solcher zu sein, doch unvermindert und für sich
selbst einleuchtet. Es bedarf also keines Beispiels der Erfahrung, um
die Idee eines Gott moralisch wohlgefälligen Menschen für uns zum
Vorbilde zu machen; sie liegt als ein solches schon in unserer Vernunft.
-- Wer aber, um einen Menschen für ein solches mit jener Idee
übereinstimmendes Beispiel zur Nachfolge anzuerkennen, noch etwas mehr,
als was er sieht, d. i. mehr als einen gänzlich untadelhaften, ja so
viel, als man nur verlangen kann, verdienstvollen Lebenswandel, wer etwa
außerdem noch Wunder, die durch ihn oder für ihn geschehen,{[47]} zur [64]
Beglaubigung fordert: der bekennt zugleich hierdurch seinen moralischen (A 71-73).
_Unglauben_, nämlich den Mangel des Glaubens an die Tugend; den kein auf (B 77-79).
Beweise durch Wunder, gegründeter Glaube (der nur historisch ist), (R 72-73).
ersetzen kann; weil nur der Glaube an die praktische Gültigkeit jener (Ha 226-27;
Idee, die in unserer Vernunft liegt, (welche auch allein allenfalls die b 157-58).
Wunder als solche, die vom guten Princip herkommen möchten, bewähren, (K 71-72).
aber nicht von diesen ihre Bewährung entlehnen kann) moralischen Werth
hat.
Eben darum muß auch eine Erfahrung möglich sein, in der das Beispiel von
einem solchen Menschen gegeben werde, (so weit als man von einer äußeren
Erfahrung überhaupt Beweisthümer der inneren sittlichen Gesinnung
erwarten und verlangen kann); denn, dem Gesetz nach, sollte billig ein
jeder Mensch ein Beispiel zu dieser Idee an sich abgeben; wozu das
Urbild immer nur in der Vernunft bleibt; weil ihr kein Beispiel in der
äußern Erfahrung adäquat ist, als welche das Innere der Gesinnung nicht
aufdeckt, sondern darauf, ob zwar nicht mit strenger Gewißheit, nur
schließen läßt; (ja selbst die innere Erfahrung des Menschen an ihm
selbst läßt ihn die Tiefen seines Herzens nicht so durchschauen, daß er
von dem Grunde seiner Maximen, zu denen er sich bekennt, und von ihrer
Lauterkeit und Festigkeit durch Selbstbeobachtung ganz sichere Kenntniß
erlangen könnte).
Wäre nun ein solcher wahrhaftig göttlich gesinnter Mensch zu einer
gewissen Zeit gleichsam vom Himmel auf die Erde herabgekommen, der durch
Lehre, Lebenswandel und Leiden das _Beispiel_ eines Gott wohlgefälligen
Menschen an sich gegeben hätte, so weit als man von äußerer Erfahrung
nur verlangen kann, (indessen, daß das _Urbild_ eines solchen immer doch
nirgend anders, als in unserer Vernunft zu suchen ist), hätte er durch
alles dieses ein unabsehlich großes moralisches Gute in der Welt durch
eine Revolution im Menschengeschlechte hervorgebracht; so würden wir
doch nicht Ursache haben, an ihm etwas Anders, als einen natürlich [65]
gezeugten Menschen anzunehmen, (weil dieser sich doch auch verbunden (A 73-74).
fühlt, selbst ein solches Beispiel an sich abzugeben,) ob zwar dadurch (B 79-80).
eben nicht schlechthin verneinet würde, daß er nicht auch wohl ein (R 73-74).
übernatürlich erzeugter Mensch sein könne. Denn in praktischer Absicht (Ha 227-28;
kann die Voraussetzung des Letztern uns doch nichts vortheilen; weil das b 158-59).
Urbild, welches wir dieser Erscheinung unterlegen, doch immer in uns (K 72).
(obwohl natürlichen Menschen) selbst gesucht werden muß, dessen Dasein
in der menschlichen Seele schon für sich selbst unbegreiflich genug ist,
daß man nicht eben nöthig hat, außer seinem übernatürlichen Ursprunge
ihn noch in einem besondern Menschen hypostasiert anzunehmen. Vielmehr
würde die Erhebung eines solchen Heiligen über alle Gebrechlichkeit der
menschlichen Natur der praktischen Anwendung der Idee desselben auf
unsere Nachfolge, nach Allem, was wir einzusehen vermögen, eher im Wege
sein. Denn, wenn gleich jenes Gott wohlgefälligen Menschen Natur in so
weit, als menschlich, gedacht würde; daß er mit eben denselben
Bedürfnissen, folglich auch denselben Leiden, mit eben denselben
Naturneigungen, folglich auch eben solchen Versuchungen zur
Uebertretung, wie wir behaftet, aber doch sofern als übermenschlich
gedacht würde, daß nicht etwa errungene, sondern angeborne
unveränderliche Reinigkeit des Willens ihm schlechterdings keine
Uebertretung möglich sein ließe; so würde diese Distanz vom natürlichen
Menschen dadurch wiederum so unendlich groß werden, daß jener göttliche
Mensch für diesen nicht mehr zum _Beispiel_ aufgestellt werden könnte.
Der Letztere würde sagen: man gebe mir einen ganz heiligen Willen, so
wird alle Versuchung zum Bösen von selbst an mir scheitern; man gebe mir
die innere vollkommenste Gewißheit, daß, nach einem kurzen Erdenleben,
ich (zufolge jener Heiligkeit) der ganzen ewigen Herrlichkeit des
Himmelreichs sofort theilhaftig werden soll, so werde ich alle Leiden,
so schwer sie auch immer sein mögen, bis zum schmählichsten Tode nicht
allein willig, sondern auch mit Fröhlichkeit übernehmen, da ich den
herrlichen und nahen Ausgang mit Augen vor mir sehe. Zwar würde der
Gedanke: daß jener göttliche Mensch im wirklichen Besitze dieser Hoheit [66]
und Seligkeit von Ewigkeit war, (und sie nicht allererst durch solche (A 74-76).
Leiden verdienen durfte): daß er sich derselben für lauter Unwürdige, (B 80-82).
sogar für seine Feinde willig entäußerte, um sie vom ewigen Verderben zu (R 74-75).
erretten, unser Gemüth zur Bewunderung, Liebe und Dankbarkeit gegen ihn (Ha 228-29;
stimmen müssen; imgleichen würde die Idee eines Verhaltens nach einer so b 159-60).
vollkommenen Regel der Sittlichkeit für uns allerdings auch als (K 73-74).
Vorschrift zur Befolgung geltend, er selbst aber _nicht als Beispiel_
der Nachahmung, mithin auch nicht als Beweis der Thunlichkeit und
Erreichbarkeit eines so reinen und hohen moralischen Guts für uns, uns
vorgestellt werden können.[48]
Eben derselbe göttlich gesinnte, aber ganz eigentlich menschliche Lehrer [67]
würde doch nichts desto weniger von sich, als ob das Ideal des Guten in (A 76-77).
ihm leibhaftig (in Lehre und Wandel) dargestellt würde, mit Wahrheit (B 82-83).
reden können. Denn er würde alsdann nur von der Gesinnung sprechen, die (R 75-76).
er sich selbst zur Regel seiner Handlungen macht, die er aber, da er sie (Ha 229-30;
als Beispiel für Andre, nicht für sich selbst sichtbar machen kann, nur b 160-61).
durch seine Lehren und Handlungen äußerlich vor Augen stellt: »Wer unter (K 74-75).
euch kann mich einer Sünde zeihen?« Es ist aber der Billigkeit gemäß,
das untadelhafte Beispiel eines Lehrers zu dem, was er lehrt, wenn
dieses ohnedem für Jedermann Pflicht ist, keiner andern als der
lautersten Gesinnung desselben anzurechnen, wenn man keine Beweise des
Gegentheils hat. Eine solche Gesinnung mit allen, um des Weltbesten
willen übernommenen, Leiden, in dem Ideale der Menschheit gedacht, ist
nun für alle Menschen zu allen Zeiten und in allen Welten, vor der
obersten Gerechtigkeit vollgültig: wenn der Mensch die seinige
derselben, wie er es thun soll, ähnlich macht. Sie wird freilich immer
eine Gerechtigkeit bleiben, die nicht die unsrige ist, sofern diese in
einem jener Gesinnung völlig und ohne Fehl gemäßen Lebenswandel bestehen [68]
müßte. Es muß aber doch eine Zueignung der ersteren um der letzten (A 77-79).
willen, wenn diese mit der Gesinnung des Urbildes vereinigt wird, (B 83-85).
möglich sein, obwohl sie sich begreiflich zu machen, noch großen (R 76-77).
Schwierigkeiten unterworfen ist, die wir jetzt vortragen wollen. (Ha 230-31;
b 161-62).
(K 75-76).
c) Schwierigkeiten gegen die Realität dieser Idee und Auflösung
derselben.
Die _erste_ Schwierigkeit, welche die Erreichbarkeit jener Idee, der
Gott wohlgefälligen Menschheit in uns, in Beziehung auf die _Heiligkeit_
des Gesetzgebers, bei dem Mangel unserer eigenen Gerechtigkeit,
zweifelhaft macht, ist folgende. Das Gesetz sagt: »Seid heilig (in eurem
Lebenswandel) wie euer Vater im Himmel heilig ist;« denn das ist das
Ideal des Sohnes Gottes, welches uns zum Vorbilde aufgestellt ist. Die
Entfernung aber des Guten, was wir in uns bewirken sollen, von dem
Bösen, wovon wir ausgehen, ist unendlich, und sofern, was die That, d.
i. die Angemessenheit des Lebenswandels zur Heiligkeit des Gesetzes
betrifft, in keiner Zeit erreichbar. Gleichwohl soll die sittliche
Beschaffenheit des Menschen mit ihr übereinstimmen. Sie muß also in der
Gesinnung, in der allgemeinen und lautern Maxime der Uebereinstimmung
des Verhaltens mit demselben, als dem Keime, woraus alles Gute
entwickelt werden soll, gesetzt werden, die von einem heiligen Princip
ausgeht, welches der Mensch in seine oberste Maxime aufgenommen hat.
Eine Sinnesänderung, die auch möglich sein muß, weil sie Pflicht ist. --
Nun besteht die Schwierigkeit darin, wie die Gesinnung für die That,
welche _jederzeit_ (nicht überhaupt, sondern in jedem Zeitpunkte)
mangelhaft ist, gelten könne. Die Auflösung derselben aber beruht
darauf: daß die letztere, als ein continuirlicher Fortschritt von
mangelhaftem Guten zum Besseren ins Unendliche, nach unserer Schätzung,
die wir in den Begriffen des Verhältnisses der Ursache und Wirkungen
unvermeidlich auf Zeitbedingungen eingeschränkt sind, immer mangelhaft
bleibt; so, daß wir das Gute in der Erscheinung, d. i. der _That_ nach,
in uns _jederzeit_ als unzulänglich für ein heiliges Gesetz ansehen
müssen; seinen Fortschritt aber ins Unendliche zur Angemessenheit mit [69]
dem letzteren, wegen der _Gesinnung_, daraus er abgeleitet wird, die (A 79-80).
übersinnlich ist, von einem Herzenskündiger in seiner reinen (B 85-87).
intellectuellen Anschauung als ein vollendetes Ganze, auch der That (dem (R 77-78).
Lebenswandel) nach, beurtheilt denken können,[49] und so der Mensch, (Ha 231-32;
unerachtet seiner beständigen Mangelhaftigkeit doch _überhaupt_ Gott b 162).
wohlgefällig zu sein erwarten könne, in welchem Zeitpunkte auch sein (K 76-77).
Dasein abgebrochen werden möge.
Die _zweite_ Schwierigkeit, welche sich hervorthut, wenn man den zum
Guten strebenden Menschen in Ansehung dieses moralischen Guten selbst in
Beziehung auf die göttliche _Gütigkeit_ betrachtet, betrifft die
_moralische Glückseligkeit_, worunter nicht die Versicherung eines
immerwährenden Besitzes der Zufriedenheit mit seinem _physischen
Zustande_ (Befreiung von Uebeln und Genuß immer wachsender Vergnügen),
als der _physischen Glückseligkeit_, sondern von der Wirklichkeit und
_Beharrlichkeit_ einer im Guten immer fortrückenden (nie daraus
fallenden) Gesinnung verstanden wird, denn das beständige »Trachten nach
dem Reiche Gottes« _wenn man nur von der Unveränderlichkeit einer
solchen Gesinnung fest versichert wäre_, würde eben so viel sein, als
sich schon im Besitz dieses Reichs zu wissen, da denn der so gesinnte
Mensch schon von selbst vertrauen würde, daß ihm »das Uebrige alles (was
physische Glückseligkeit betrifft,) zufallen werde.«
Nun könnte man zwar den hierüber besorgten Menschen mit seinem Wunsche [70]
dahin verweisen: »sein (Gottes) Geist giebt Zeugniß unserm Geist, u. s. (A 80-82).
w.« d. i. wer eine so lautere Gesinnung, als gefordert wird, besitzt, (B 87-88).
wird von selbst schon fühlen, daß er nie so tief fallen könne, das Böse (R 78-79).
wiederum lieb zu gewinnen, allein es ist mit solchen vermeinten Gefühlen (Ha 232-33;
übersinnlichen Ursprungs nur mißlich bestellt; man täuscht sich nirgends b 162-63).
leichter, als in dem, was die gute Meinung von sich selbst begünstigt. (K 77-78).
Auch scheint es nicht einmal rathsam zu sein, zu einem solchen Vertrauen
aufgemuntert zu werden, sondern vielmehr zuträglicher (für die
Moralität) »seine Seligkeit _mit Furcht und Zittern_ zu schaffen« (ein
hartes Wort, welches mißverstanden, zur finstersten Schwärmerei
antreiben kann); allein, ohne _alles_ Vertrauen zu seiner einmal
angenommenen Gesinnung, würde kaum eine Beharrlichkeit, in derselben
fortzufahren, möglich sein. Dieses findet sich aber, ohne sich der süßen
oder angstvollen Schwärmerei zu überliefern, aus der Vergleichung seines
bisher geführten Lebenswandels mit seinem gefaßten Vorsatze. -- Denn der
Mensch, welcher von der Epoche der angenommenen Grundsätze des Guten an,
ein genugsam langes Leben hindurch die Wirkung derselben auf die That,
d. i. auf seinen zum immer besseren fortschreitenden Lebenswandel
wahrgenommen hat, und daraus auf eine gründliche Besserung in seiner
Gesinnung nur vermuthungsweise zu schließen, Anlaß findet, kann doch
auch vernünftiger Weise hoffen, daß, da dergleichen Fortschritte, wenn
ihr Princip nur gut ist, die _Kraft_ zu den folgenden immer noch
vergrößern, er in diesem Erdenleben diese Bahn nicht mehr verlassen,
sondern immer noch muthiger darauf fortrücken werde, ja, wenn nach
diesem ihm noch ein anderes Leben bevorsteht, er unter andern Umständen
allem Ansehen nach doch, nach eben demselben Princip, fernerhin darauf
fortfahren, und sich dem, obgleich unerreichbaren Ziele der
Vollkommenheit immer noch nähern werde, weil er nach dem, was er bisher
an sich wahrgenommen hat, seine Gesinnung für von Grunde aus gebessert
halten darf. Dagegen der, welcher selbst bei oft versuchtem Vorsatze zum
Guten dennoch niemals fand, daß er dabei Stand hielt, der immer ins Böse
zurückfiel, oder wohl gar im Fortgange seines Lebens an sich wahrnehmen [71]
mußte, aus dem Bösen ins Aergere, gleichsam als auf einem Abhange, immer (A 82-83).
tiefer gefallen zu sein, vernünftigerweise sich keine Hoffnung machen (B 88-90).
kann, daß, wenn er noch länger hier zu leben hätte, oder ihm auch ein (R 79-80).
künftiges Leben bevorstände, er es besser machen werde, weil er bei (Ha 233-34;
solchen Anzeigen das Verderben, als in seiner Gesinnung gewurzelt, b 163-64).
ansehen müsse. Nun ist das Erstere ein Blick in eine _unabsehliche_, (K 78-79).
aber gewünschte und glückliche Zukunft, das Zweite dagegen in ein eben
so _unabsehliches Elend_, -- d. i. Beides für Menschen, nach dem, was
sie urtheilen können, in eine selige oder unselige _Ewigkeit_;
Vorstellungen, die mächtig genug sind, um dem einen Theil zur Beruhigung
und Befestigung im Guten, dem andern zur Aufweckung des richtenden
Gewissens, um dem Bösen, so viel möglich, noch Abbruch zu thun, mithin
zu Triebfedern zu dienen, ohne daß es nöthig ist, auch objectiv eine
Ewigkeit des Guten oder Bösen für das Schicksal des Menschen
_dogmatisch_ als Lehrsatz vorauszusetzen,[50] mit welchen vermeinten [72]
Kenntnissen und Behauptungen die Vernunft nur die Schranken ihrer (A 83-85).
Einsicht überschreitet. Die gute und lautere Gesinnung (die man einen [73]
guten uns regierenden Geist nennen kann), deren man sich bewußt ist, (A 85-87).
führt also auch das Zutrauen zu ihrer Beharrlichkeit und Festigkeit, ob (B 91-93).
zwar nur mittelbar bei sich, und ist der Tröster, (Paraklet), wenn uns (R 81-82).
unsere Fehltritte wegen ihrer Beharrlichkeit besorgt machen. Gewißheit (Ha 234-35;
in Ansehung derselben ist dem Menschen weder möglich, noch so viel wir b 165-66).
einsehen, moralisch zuträglich. Denn (was wohl zu merken ist) wir können [74]
dieses Zutrauen nicht auf ein unmittelbares Bewußtsein der (A 87-88).
Unveränderlichkeit unserer Gesinnungen gründen, weil wir diese nicht (B 93-94).
durchschauen können, sondern wir müssen allenfalls nur aus den Folgen (R 82-84).
derselben im Lebenswandel auf sie schließen, welcher Schluß aber, weil (Ha 235-36;
er nur aus Wahrnehmungen als Erscheinungen der guten und bösen Gesinnung b 166-67).
gezogen worden, vornehmlich die _Stärke_ derselben niemals mit (K 82).
_Sicherheit_ zu erkennen giebt, am wenigsten, wenn man seine Gesinnung
gegen das vorausgesehene nahe Ende des Lebens gebessert zu haben meint,
da jene empirischen Beweise der Aechtheit derselben gar mangeln, indem
kein Lebenswandel zur Begründung des Urtheilsspruchs unsers moralischen
Werths mehr gegeben ist, und Trostlosigkeit (dafür aber die Natur des
Menschen bei der Dunkelheit aller Aussichten über die Grenzen dieses
Lebens hinaus schon von selbst sorgt, daß sie nicht in wilde
Verzweiflung ausschlage), die unvermeidliche Folge von der vernünftigen
Beurtheilung seines sittlichen Zustandes ist.
Die _dritte_ und dem Anscheine nach größte Schwierigkeit, welche jeden
Menschen, selbst nachdem er den Weg des Guten eingeschlagen hat, doch in
der Aburtheilung seines ganzen Lebenswandels vor einer göttlichen
_Gerechtigkeit_ als verwerflich vorstellt, ist folgende. -- Wie es auch
mit der Annehmung einer guten Gesinnung an ihm zugegangen sein mag und
sogar, wie beharrlich er auch darin in einem ihr gemäßen Lebenswandel
fortfahre, _so fing er doch vom Bösen an_, und diese Verschuldung ist
ihm nie auszulöschen möglich. Daß er nach seiner Herzensänderung keine
neuen Schulden mehr macht, kann er nicht dafür ansehen, als ob er
dadurch die alten bezahlt habe. Auch kann er in einem fernerhin
geführten guten Lebenswandel keinen Ueberschuß über das, was er jedesmal
an sich zu thun schuldig ist, herausbringen; denn es ist jederzeit seine
Pflicht, alles Gute zu thun, was in seinem Vermögen steht. -- Diese
ursprüngliche, oder überhaupt vor jedem Guten, was er immer thun mag,
vorhergehende Schuld, die auch dasjenige ist, was, und nichts mehr, wir
unter dem _radicalen_ Bösen verstanden (S. das erste Stück) kann aber [75]
auch, so viel wir nach unserem Vernunftrecht einsehen, nicht von einem (A 88-90).
Andern getilgt werden; denn sie ist keine _transmissible_ (B 94-96).
Verbindlichkeit, die etwa, wie eine Geldschuld, (bei der es dem (R 84-85).
Gläubiger einerlei ist, ob der Schuldner selbst, oder ein Anderer für (Ha 236-37;
ihn bezahlt) auf einen Andern übertragen werden kann, sondern die b 167-68).
_allerpersönlichste_, nämlich eine Sündenschuld, die nur der Strafbare, (K 83).
nicht der Unschuldige, er mag auch noch so großmüthig sein, sie für
jenen übernehmen zu wollen, tragen kann. -- Da nun das Sittlich-Böse
(Uebertretung des moralischen Gesetzes, _als göttlichen Gebotes_,
_Sünde_ genannt) nicht sowohl wegen der Unendlichkeit des höchsten
Gesetzgebers, dessen Autorität dadurch verletzt worden, (von welchem
überschwenglichen Verhältnisse des Menschen zum höchsten Wesen wir
nichts verstehen), sondern als ein Böses in der _Gesinnung_ und den
Maximen überhaupt (wie _allgemeine Grundsätze_ vergleichungsweise gegen
einzelne Uebertretungen), eine _Unendlichkeit_ von Verletzungen des
Gesetzes, mithin der Schuld, bei sich führt, (welches vor einem
menschlichen Gerichtshofe, der nur das einzelne Verbrechen, mithin nur
die That und darauf bezogene, nicht aber die allgemeine Gesinnung in
Betrachtung zieht, anders ist), so würde jeder Mensch sich einer
_unendlichen Strafe_ und Verstoßung aus dem Reiche Gottes zu gewärtigen
haben.