Wie es nun möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich

selbst zum guten Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe;

denn wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen? Da aber doch nach dem

vorher abgelegten Geständnisse ein ursprünglich (der Anlage nach) guter

Baum arge Früchte hervorgebracht hat[37] und der Verfall vom Guten ins

Böse (wenn man wohl bedenkt, daß dieses aus der Freiheit entspringt), [47]

nicht begreiflicher ist, als das Wiederaufstehen aus dem Bösen zum (A 46-48).

Guten; so kann die Möglichkeit des letztern nicht bestritten werden. (B 49-51).

Denn, ungeachtet jenes Abfalls, erschallt doch das Gebot: wir _sollen_ (R 51-52).

bessere Menschen werden, unvermindert in unserer Seele; folglich müssen (Ha 207-8;

wir es auch können, sollte auch das, was wir thun können, für sich b 139-40).

allein unzureichend sein, und wir uns dadurch nur eines für uns (K 50-51).

unerforschlichen höheren Beistandes empfänglich machen. -- Freilich muß

hiebei vorausgesetzt werden, daß ein Keim des Guten in seiner ganzen

Reinigkeit übrig geblieben, nicht vertilgt oder verderbt werden konnte,

welcher gewiß nicht die Selbstliebe[38] sein kann; die, als Princip [48]

aller unserer Maximen angenommen, gerade die Quelle alles Bösen ist. (A 48-49).

(B 51-53).

Die Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten in uns, ist (R 52-53).

also nicht Erwerbung einer _verlornen_ Triebfeder zum Guten; denn diese, (Ha 208-9;

die in der Achtung fürs moralische Gesetz besteht, haben wir nie b 140-41).

verlieren können, und wäre das Letztere möglich, so würden wir sie auch (K 51-52).

nie wieder erwerben. Sie ist also nur die Herstellung der _Reinigkeit_

desselben, als obersten Grundes aller unserer Maximen, nach welcher

dasselbe nicht bloß mit andern Triebfedern verbunden, oder wol gar

diesen (den Neigungen) als Bedingungen untergeordnet, sondern in seiner

ganzen Reinigkeit als für sich _zureichende_ Triebfeder der Bestimmung

der Willkühr in dieselbe aufgenommen werden soll. Das ursprünglich Gute

ist die _Heiligkeit der Maximen_ in Befolgung seiner Pflicht; wodurch

der Mensch, der diese Reinigkeit in seine Maxime aufnimmt, ob zwar darum

noch nicht selbst heilig (denn zwischen der Maxime und der That ist noch

ein großer Zwischenraum), dennoch auf dem Wege dazu ist, sich ihr im

unendlichen Fortschritt zu nähern. Der zur Fertigkeit gewordene feste [49]

Vorsatz in Befolgung seiner Pflicht heißt auch _Tugend_, der Legalität (A 49-50).

nach als ihrem _empirischen Charakter_ (_virtus phaenomenon_). Sie hat (B 53-54).

also die beharrliche Maxime _gesetzmäßiger_ Handlungen; die Triebfeder, (R 53-54).

deren die Willkühr hiezu bedarf, mag man nehmen, woher man wolle. Daher (Ha 209-10;

wird Tugend in diesem Sinne _nach und nach_ erworben, und heißt Einigen b 141-42).

eine lange Gewohnheit (in Beobachtung des Gesetzes), durch die der (K 52-53).

Mensch vom Hange zum Laster durch allmähliche Reformen seines

Verhaltens, und Befestigung seiner Maximen in einen entgegengesetzten

Hang übergekommen ist. Dazu ist nun nicht eben eine _Herzensänderung_

nöthig; sondern nur eine Aenderung der _Sitten_. Der Mensch findet sich

tugendhaft, wenn er sich in Maximen, seine Pflicht zu beobachten,

befestigt fühlt: obgleich nicht aus dem obersten Grunde aller Maximen,

nämlich aus Pflicht; sondern der Unmäßige z. B. kehrt zur Mäßigkeit um

der Gesundheit, der Lügenhafte zur Wahrhaftigkeit um der Ehre, der

Ungerechte zur bürgerlichen Ehrlichkeit um der Ruhe oder des Erwerbs

willen, u. s. w. zurück. Alle nach dem gepriesenen Princip der

Glückseligkeit. Um aber nicht bloß ein _gesetzlich_, sondern ein

_moralisch_ guter (Gott wohlgefälliger) Mensch, d. i. tugendhaft nach

dem intelligibelen Charakter (_virtus noumenon_), zu werden,

welcher,{[39]} wenn er etwas als Pflicht erkennt, keiner andern

Triebfeder weiter bedarf, als dieser Vorstellung der Pflicht selbst: das

kann nicht durch allmähliche _Reform_, so lange die Grundlage der

Maximen unlauter bleibt, sondern muß durch eine _Revolution_ in der

Gesinnung im Menschen (einen Uebergang zur Maxime der Heiligkeit

derselben) bewirkt werden; und er kann ein neuer Mensch, nur durch eine

Art von Wiedergeburt gleich als durch eine neue Schöpfung (Ev. Johann.

III, 5; verglichen mit I. Mose, 1, 2) und Aenderung des Herzens werden.

Wenn der Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es

möglich, daß er durch eigene Kräfte diese Revolution zu Stande bringe, [50]

und von selbst ein guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht es (A 51-52).

zu sein, sie gebietet uns aber nichts, als was uns thunlich ist. Dieses (B 54-56).

ist nicht anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die (R 54-55).

Denkungsart, die allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener (Ha 210-11;

Hindernisse entgegenstellt), nothwendig, und daher auch dem Menschen b 142).

möglich sein muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, (K 53-54).

wodurch er ein böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare

Entschließung umkehrt, (und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist

er sofern dem Princip und der Denkungsart nach ein fürs Gute

empfängliches Subject; aber nur in continuirlichem Wirken und Werden ein

guter Mensch: d. i. er kann hoffen, daß er bei einer solchen Reinigkeit

des Princips, welches er sich zur obersten Maxime seiner Willkühr

genommen hat, und der Festigkeit desselben, sich auf dem guten (obwol

schmalen) Wege eines beständigen _Fortschreitens_ vom Schlechten zum

Bessern befinde. Dies ist für denjenigen, der den intelligibelen Grund

des Herzens (aller Maximen der Willkühr) durchschauet, für den also

diese Unendlichkeit des Fortschritts Einheit ist, d. i. für Gott so

viel, als wirklich ein guter (ihm gefälliger) Mensch sein; und in sofern

kann diese Veränderung als Revolution betrachtet werden; für die

Beurtheilung der Menschen aber, die sich und die Stärke ihrer Maximen

nur nach der Oberhand, die sie über Sinnlichkeit in der Zeit gewinnen,

schätzen können, ist sie nur als ein immer fortdauerndes Streben zum

Bessern, mithin als allmähliche Reform des Hanges zum Bösen, als

verkehrter Denkungsart, anzusehen.

Hieraus folgt, daß die moralische Bildung des Menschen nicht von der

Besserung der Sitten, sondern von der Umwandlung der Denkungsart, und

von Gründung eines Charakters anfangen müsse; ob man zwar

gewöhnlicherweise anders verfährt, und wider Laster einzeln kämpft, die

allgemeine Wurzel derselben aber unberührt läßt. Nun ist selbst der

eingeschränkteste Mensch des Eindrucks einer desto größeren Achtung für

eine pflichtmäßige Handlung fähig, je mehr er ihr in Gedanken andere

Triebfedern, die durch die Selbstliebe auf die Maxime der Handlung [51]

Einfluß haben könnten, entzieht; und selbst Kinder sind fähig, auch die (A 52-54).

kleinste Spur von Beimischung unächter Triebfedern aufzufinden: da denn (B 56-57).

die Handlung bei ihnen augenblicklich allen moralischen Werth verliert. (R 55-56).

Diese Anlage zum Guten wird dadurch, daß man das _Beispiel_ selbst von (Ha 211-12;

guten Menschen (was die Gesetzmäßigkeit derselben betrifft), anführt, b 142-43).

und seine moralischen Lehrlinge die Unlauterkeit mancher Maximen aus den (K 54-55).

wirklichen Triebfedern ihrer Handlungen beurtheilen läßt,

unvergleichlich cultivirt, und geht allmählig in die Denkungsart über:

so daß _Pflicht_ bloß für sich selbst in ihren Herzen ein merkliches

Gewicht zu bekommen anhebt. Allein tugendhafte Handlungen, so viel

Aufopferung sie auch gekostet haben mögen, _bewundern_ zu lehren, ist

noch nicht die rechte Stimmung, die das Gemüth des Lehrlings fürs

moralisch Gute erhalten soll. Denn so tugendhaft Jemand auch sei, so ist

doch Alles, was er immer Gutes thun kann, bloß Pflicht; seine Pflicht

aber thun, ist nichts mehr, als das thun, was in der gewöhnlichen

sittlichen Ordnung ist, mithin nicht bewundert zu werden verdient.

Vielmehr ist diese Bewunderung eine Abstimmung unsers Gefühls für

Pflicht, gleich als ob es etwas Außerordentliches und Verdienstliches

wäre, ihr Gehorsam zu leisten.

Aber Eines ist in unsrer Seele, welches, wenn wir es gehörig ins Auge

fassen, wir nicht aufhören können, mit der höchsten Verwunderung zu

betrachten, und wo die Bewunderung rechtmäßig, zugleich auch

seelenerhebend ist; und das ist: die ursprüngliche moralische Anlage in

uns überhaupt. -- Was ist das, (kann man sich selbst fragen,) in uns,

wodurch wir von der Natur durch so viel Bedürfnisse beständig abhängige

Wesen, doch zugleich über diese in der Idee einer ursprünglichen Anlage

(in uns) so weit erhoben werden, daß wir sie insgesammt für nichts, und

uns selbst des Daseins für unwürdig halten, wenn wir ihrem Genusse, der

uns doch das Leben allein wünschenswerth machen kann, einem Gesetze

zuwider nachhängen sollten, durch welches unsere Vernunft mächtig

gebietet, ohne doch dabei weder etwas zu verheißen noch zu drohen? Das [52]

Gewicht dieser Frage muß ein jeder Mensch von der gemeinsten Fähigkeit, (A 54-55).

der vorher von der Heiligkeit, die in der Idee der Pflicht liegt, (B 57-59).

belehrt worden, der sich aber nicht bis zur Nachforschung des Begriffs (R 56-57).

der Freiheit, welcher allererst aus diesem Gesetze hervorgeht,[40] (Ha 212-13;

versteigt, innigst fühlen; und selbst die Unbegreiflichkeit dieser eine b 143-44).

göttliche Abkunft verkündigenden Anlage muß auf das Gemüth bis zur [53]

Begeisterung wirken, und es zu den Aufopferungen stärken, welche ihm die (A 55-56).

Achtung für seine Pflicht nur auferlegen mag. Dieses Gefühl der (B 59-60).

Erhabenheit seiner moralischen Bestimmung öfter rege zu machen, ist als (R 57-58).

Mittel der Erweckung sittlicher Gesinnungen vorzüglich anzupreisen, weil (Ha 213-14;

es dem angebornen Hange zur Verkehrung der Triebfedern in den Maximen b 144-45).

unserer Willkühr gerade entgegenwirkt, um in der unbedingten Achtung (K 57).

fürs Gesetz, als der höchsten Bedingung aller zu nehmenden Maximen, die

ursprüngliche sittliche Ordnung unter den Triebfedern, und hiemit die

Anlage zum Guten im menschlichen Herzen, in ihrer Reinigkeit wieder

herzustellen.

Aber dieser Wiederherstellung durch eigene Kraftanwendung steht ja der

Satz von der angebornen Verderbtheit der Menschen für alles Gute gerade

entgegen? Allerdings, was die Begreiflichkeit d. i. unsere _Einsicht_

von der Möglichkeit derselben betrifft, wie alles dessen, was als

Begebenheit in der Zeit (Veränderung) und sofern nach Naturgesetzen als

nothwendig, und dessen Gegentheil doch zugleich unter moralischen

Gesetzen, als durch Freiheit möglich vorgestellt werden soll; aber der

Möglichkeit dieser Wiederherstellung selbst ist er nicht entgegen. Denn,

wenn das moralische Gesetz gebietet, wir _sollen_ jetzt bessere Menschen

sein; so folgt unumgänglich, wir müssen es auch _können_. Der Satz vom

angebornen Bösen ist in der moralischen _Dogmatik_ von gar keinem

Gebrauch: denn die Vorschriften derselben enthalten eben dieselben

Pflichten, und bleiben auch in derselben Kraft, ob ein angeborner Hang

zur Uebertretung in uns sei, oder nicht. In der moralischen _Ascetik_

aber will dieser Satz mehr, aber doch nichts mehr sagen, als: wir können

in der sittlichen Ausbildung der anerschaffenen moralischen Anlage zum

Guten, nicht von einer uns natürlichen Unschuld den Anfang machen,

sondern müssen von der Voraussetzung einer Bösartigkeit der Willkühr in

Annehmung ihrer Maximen der ursprünglichen sittlichen Anlage zuwider

anheben, und, weil der Hang dazu unvertilgbar ist, mit der unablässigen

Gegenwirkung gegen denselben. Da dieses nun bloß auf eine ins Unendliche

hinausgehende Fortschreitung vom Schlechten zum Besseren führt, so [54]

folgt: daß die Umwandlung der Gesinnung des bösen in die eines guten (A 56-58).

Menschen in der Veränderung des obersten innersten Grundes der Annehmung (B 60-62).

aller seiner Maximen dem sittlichen Gesetze gemäß zu setzen sei, sofern (R 58-59).

dieser neue Grund (das neue Herz) nun selbst unveränderlich ist. Zur (Ha 214-15;

Ueberzeugung aber hievon kann nun zwar der Mensch natürlicherweise nicht b 145-46).

gelangen, weder durch unmittelbares Bewußtsein, noch durch den Beweis (K 57-58).

seines bis dahin geführten Lebenswandels; weil die Tiefe des Herzens

(der subjective erste Grund seiner Maximen) ihm selbst unerforschlich

ist; aber auf den Weg, der dahin führt, und der ihm von einer im Grunde

gebesserten Gesinnung angewiesen wird, muß er _hoffen_ können, durch

eigene Kraftanwendung zu gelangen: weil er ein guter Mensch werden soll,

aber nur nach demjenigen, was ihm als von ihm selbst gethan zugerechnet

werden kann, als _moralisch_-gut zu beurtheilen ist.

Wider diese Zumuthung der Selbstbesserung bietet nun die zur moralischen

Bearbeitung von Natur verdrossene Vernunft unter dem Vorwande des

natürlichen Unvermögens allerlei unlautere Religionsideen auf (wozu

gehört: Gott selbst das Glückseligkeitsprincip zur obersten Bedingung

seiner Gebote anzudichten). Man kann aber alle Religionen in die der

_Gunstbewerbung_ (des bloßen Cultus) und die _moralische_, d. i. die

Religion des _guten Lebenswandels_, eintheilen. Nach der erstern

schmeichelt sich entweder der Mensch: Gott könne ihn wohl ewig glücklich

machen, ohne daß er eben nöthig habe, _ein besserer Mensch zu werden_,

(durch Erlassung seiner Verschuldungen); oder auch, wenn ihm dieses

nicht möglich zu sein scheint: _Gott_ könne ihn wohl zum _besseren

Menschen machen_, ohne daß er selbst etwas mehr dabei zu thun habe, als

darum zu _bitten_; welches, da es vor einem allsehenden Wesen nichts

weiter ist, als _wünschen_, eigentlich nichts gethan sein würde: denn

wenn es mit dem bloßen Wunsch ausgerichtet wäre, so würde jeder Mensch

gut sein. Nach der moralischen Religion aber (dergleichen unter allen

öffentlichen, die es je gegeben hat, allein die christliche ist,) ist es

ein Grundsatz: daß ein Jeder, so viel, als in seinen Kräften ist, thun [55]

müsse, um ein besserer Mensch zu werden; und nur alsdann, wenn er sein (A 58).

angebornes Pfund nicht vergraben, (Lucä XIX, 12-16), wenn er die (B 62-64).

ursprüngliche Anlage zum Guten benutzt hat, um ein besserer Mensch zu (R 59-60).

werden, er hoffen könne, was nicht in seinem Vermögen ist, werde durch (Ha 215-16;

höhere Mitwirkung ergänzt werden. Auch ist es nicht schlechterdings b 146-47).

nothwendig, daß der Mensch wisse, worin diese bestehe; vielleicht gar (K 58-60).

unvermeidlich, daß, wenn die Art, wie sie geschieht, zu einer gewissen

Zeit offenbart worden, verschiedene Menschen zu einer andern Zeit sich

verschiedene Begriffe, und zwar mit aller Aufrichtigkeit, davon machen

würden. Aber _alsdann_ gilt auch der Grundsatz: »Es ist nicht

wesentlich, und also nicht Jedermann nothwendig zu wissen, was Gott zu

seiner Seligkeit thue, oder gethan habe;« aber wohl, _was er selbst zu

thun habe_, um dieses Beistandes würdig zu werden.[41]

Der philosophischen Religionslehre [57]

zweites Stück. (A 61-62).

Von dem (B 67-68).

Kampf des guten Princips mit dem bösen, (R 65-66).

um die (Ha 219;

Herrschaft über den Menschen. b 151).

(K 63).

Daß, um ein moralisch guter Mensch zu werden, es nicht genug sei, den

Keim des Guten, der in unserer Gattung liegt, sich bloß ungehindert

entwickeln zu lassen, sondern auch eine in uns befindliche

entgegenwirkende Ursache des Bösen zu bekämpfen sei, das haben unter

allen alten Moralisten, vornehmlich die Stoiker durch ihr Losungswort

_Tugend_, welches (sowohl im Griechischen als Lateinischen) Muth und

Tapferkeit bezeichnet, und also einen Feind voraussetzt, zu erkennen

gegeben. In diesem Betracht ist der Name _Tugend_ ein herrlicher Name,

und es kann ihm nicht schaden, daß er oft prahlerisch gemißbraucht, und,

(so wie neuerlich das Wort Aufklärung) bespöttelt worden. -- Denn den

Muth auffordern, ist schon zur Hälfte so viel, als ihn einflößen;

dagegen die faule sich selbst gänzlich mißtrauende und auf äußere Hilfe

harrende kleinmüthige Denkungsart (in Moral und Religion) alle Kräfte

des Menschen abspannt, und ihn dieser Hilfe selbst unwürdig macht.

Aber jene wackern Männer verkannten doch ihren Feind, der nicht in den

natürlichen bloß undisciplinirten, sich aber unverhohlen Jedermanns

Bewußtsein offen darstellenden Neigungen zu suchen, sondern ein

gleichsam unsichtbarer, sich hinter Vernunft verbergender Feind, und

darum desto gefährlicher ist. Sie boten die _Weisheit_ gegen die

_Thorheit_ auf, die sich von Neigungen bloß unvorsichtig täuschen läßt, [58]

anstatt sie wider die _Bosheit_ (des menschlichen Herzens) aufzurufen, (A 62-64).

die mit seelverderbenden Grundsätzen die Gesinnung insgeheim (B 68-70).

untergräbt.[42] (R 66-67).

(Ha 220;

Natürliche Neigungen sind _an sich selbst betrachtet, gut_, d. i. b 151-52).

unverwerflich, und es ist nicht allein vergeblich, sondern es wäre auch (K 64-65).

schädlich und tadelhaft, sie ausrotten zu wollen; man muß sie vielmehr

nur bezähmen, damit sie sich untereinander nicht selbst aufreiben,

sondern zur Zusammenstimmung in einem Ganzen, Glückseligkeit genannt,

gebracht werden können. Die Vernunft aber, die dieses ausrichtet, heißt [59]

_Klugheit_. Nur das Moralisch-Gesetzwidrige ist an sich selbst böse, (A 64-65).

schlechterdings verwerflich, und muß ausgerottet werden; die Vernunft (B 70-71).

aber, die das lehret, noch mehr aber, wenn sie es auch ins Werk richtet, (R 67-68).

verdient allein den Namen der _Weisheit_, in Vergleichung, mit welcher (Ha 220-21;

das Laster zwar auch _Thorheit_ genannt werden kann, aber nur alsdann, b 152-53).

wenn die Vernunft genugsam Stärke in sich fühlt, um es (und alle Anreize (K 64-66).

dazu) zu _verachten_, und nicht bloß als ein zu fürchtendes Wesen zu

_hassen_, und sich dagegen zu bewaffnen.

Wenn der _Stoiker_ also den moralischen Kampf des Menschen bloß als

Streit mit seinen (an sich unschuldigen) Neigungen, sofern sie als

Hindernisse der Befolgung seiner Pflicht überwunden werden müssen,

dachte: so konnte er, weil er kein besonderes positives (an sich böses)

Princip annimmt, die Ursache der Uebertretung nur in der _Unterlassung_

setzen, jene zu bekämpfen; da aber diese Unterlassung selbst

pflichtwidrig (Uebertretung), nicht bloßer Naturfehler ist, und, nun die

Ursache derselben nicht wiederum (ohne im Zirkel zu erklären) in den

Neigungen, sondern nur in dem, was die Willkühr, als freie Willkühr

bestimmt, (im inneren ersten Grunde der Maximen, die mit den Neigungen

im Einverständnisse sind) gesucht werden kann, so läßt sich's wohl

begreifen, wie Philosophen, denen ein Erklärungsgrund, welcher ewig in

Dunkel eingehüllt bleibt,[43] und obgleich unumgänglich, dennoch

unwillkommen ist, den eigentlichen Gegner des Guten verkennen konnten, [60]

mit dem sie den Kampf zu bestehen glaubten. (A 65-67).

(B 71-73).

Es darf also nicht befremden, wenn ein Apostel diesen _unsichtbaren_, (R 68-69).

nur durch seine Wirkungen auf uns kennbaren, die Grundsätze verderbenden (Ha 221-22;

Feind, als außer uns, und zwar als bösen Geist vorstellig macht: »wir b 153-54).

haben nicht mit Fleisch und Blut (den natürlichen Neigungen), sondern (K 66-67).

mit Fürsten und Gewaltigen -- mit bösen Geistern zu kämpfen.« Ein

Ausdruck, der nicht, um unsere Erkenntniß über die Sinnenwelt hinaus zu

erweitern, sondern nur um den Begriff des für uns unergründlichen, _für

den praktischen Gebrauch_ anschaulich zu machen, angelegt zu sein

scheint; denn übrigens ist es zum Behuf des letztern für uns einerlei,

ob wir den Verführer bloß in uns selbst, oder auch außer uns setzen,

weil die Schuld uns im letzten Falle um nichts minder trifft, als im

ersteren, als die wir von ihm nicht verführt werden würden, wenn wir mit

ihm nicht im geheimen Einverständnisse wären.[44] -- Wir wollen diese

ganze Betrachtung in zwei Abschnitte eintheilen.

Erster Abschnitt. [61]

(A 67-68).

Von dem Rechtsanspruche des guten Princips auf die Herrschaft (B 73-74).

über den Menschen. (R 69-70).

(Ha 223-24;

b 155-56).

a) Personificirte Idee des guten Princips. (K 68-69).

Das, was allein eine Welt zum Gegenstande des göttlichen Rathschlusses,

und zum Zwecke der Schöpfung machen kann, ist die _Menschheit_, (das

vernünftige Weltwesen überhaupt) _in ihrer moralischen ganzen

Vollkommenheit_, wovon als oberster Bedingung, die Glückseligkeit die

unmittelbare Folge in dem Willen des höchsten Wesens ist. -- Dieser

allein Gott wohlgefällige Mensch »ist in ihm von Ewigkeit her;« die Idee

desselben geht von seinem Wesen aus; er ist sofern kein erschaffenes

Ding, sondern sein eingeborner Sohn; »das _Wort_, (das Werde!) durch

welches alle andren Dinge sind, und ohne das nichts existirt, was

gemacht ist,« (denn um seinet d. i. des vernünftigen Wesens in der Welt

willen, so wie es seiner moralischen Bestimmung nach gedacht werden

kann, ist Alles gemacht). -- »Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit.«

-- »In ihm hat Gott die Welt geliebt« und nur in ihm und durch Annehmung

seiner Gesinnungen können wir hoffen »Kinder Gottes zu werden;« u. s. w.

Zu diesem Ideal der moralischen Vollkommenheit, d. i. dem Urbilde der

sittlichen Gesinnung in ihrer ganzen Lauterkeit uns zu _erheben_, ist

nun allgemeine Menschenpflicht, wozu uns auch diese Idee selbst, welche

von der Vernunft uns zur Nachstrebung vorgelegt wird, Kraft geben kann.

Eben darum aber, weil wir von ihr nicht die Urheber sind, sondern sie in

dem Menschen Platz genommen hat, ohne daß wir begreifen, wie die

menschliche Natur für sie auch nur habe empfänglich sein können, kann

man besser sagen: daß jenes Urbild vom Himmel zu uns _herabgekommen_

sei, daß es die Menschheit angenommen habe, (denn es ist nicht eben

sowohl möglich, sich vorzustellen, wie der von Natur _böse Mensch_ das

Böse von selbst ablege, und sich zum Ideal der Heiligkeit _erhebe_, als

daß das Letztere die _Menschheit_ (die für sich nicht böse ist) annehme

[[und sich zu ihr herablasse).]]{[45]} Diese Vereinigung mit uns kann [62]

als ein Stand der _Erniedrigung_ des Sohnes Gottes angesehen werden, (A 68-70).

wenn wir uns jenen göttlich gesinnten Menschen, als Urbild für uns, so (B 74-76).

vorstellen, wie er, ob zwar selbst heilig, und als solcher zu keiner (R 70-71).

Erduldung von Leiden verhaftet, sie{[46]} gleichwohl im größten Maße (Ha 224-25;

übernimmt, um das Weltbeste zu befördern; dagegen der Mensch, der nie b 156).

von Schuld frei ist, wenn er auch dieselbe Gesinnung angenommen hat, die (K 69-70).

Leiden, die ihn, auf welchem Wege es auch sei, treffen mögen, doch als

von ihm verschuldet ansehen kann, mithin sich der Vereinigung seiner

Gesinnung mit einer solchen Idee, ob zwar sie ihm zum Urbilde dient,

unwürdig halten muß.

Das Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit (mithin einer moralischen

Vollkommenheit, so wie sie an einem von Bedürfnissen und Neigungen

abhängigen Weltwesen möglich ist) können wir uns nun nicht anders

denken, als unter der Idee eines Menschen, der nicht allein alle

Menschenpflicht selbst auszuüben, zugleich auch durch Lehre und Beispiel

das Gute in größtmöglichem Umfange um sich auszubreiten, sondern auch,

obgleich durch die größten Anlockungen versucht, dennoch alle Leiden bis

zum schmählichsten Tode um des Weltbesten willen, und selbst für seine

Feinde, zu übernehmen, bereitwillig wäre. -- Denn der Mensch kann sich

keinen Begriff von dem Grade und der Stärke einer Kraft, dergleichen die

einer moralischen Gesinnung ist, machen, als wenn er sie, mit

Hindernissen ringend, und unter den größtmöglichen Anfechtungen, dennoch

überwindend sich vorstellt.

Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft Text der Ausgabe 1793, mit Beifügung der Abweichungen der Ausgabe 1794 · 第 5 / 23 段