Schließlich ließ er sich doch überzeugen. Praktische Erwägungen gaben

den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war für die Zukunft nicht zu

rechnen, da mußte man sehen, das Vorhandene möglichst günstig zu

verwerten. Jetzt war sein Name noch im Gedächtnis der Kunstfreunde,

der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der

Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So sagte er sich, mit

harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm mußte das Nötige zum

Studium bereitstehen.

Selbst nach Berlin zu fahren, das Hängen der Bilder zu beaufsichtigen,

dazu konnte er sich nicht entschließen. Ihm graute vor der Welt, vor

dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene

Heimstätte zwischen Wiese und Moor zu besitzen -- hier ein Obdach für

die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu verträumen, zu durchleiden

gezwungen war. Sich verkriechen zu können, ein weidwundes Tier, vor

dem Mitleid, der Sentimentalität der Menschen, war schon Glück.

Er dachte daran, Martha zu senden, ließ jedoch diesen Plan gleich

wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den Künstlerklatsch der

Hauptstadt gezogen zu werden.

Richard ...? Sehr jung war er zu solcher Mission. In Kunstdingen

trotzdem von einer Reife des Verständnisses, die mit seinem Alter

nicht mehr in Zusammenhang stand. Eins der ewigen Rätsel in der Welt

der Naturgeschehnisse: dieses Hinauswachsen der Berufenen über die

Gesetze von Zeit und regelrechter Entwicklung ...

»Richard -- packe dir einen Handkoffer. Du mußt übermorgen zur

Eröffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief

mit, der dich als meinen Vertreter einführt. Was meinst du -- freut's

dich? Du mußt ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben!

Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergißt!«

Richard stand mit offenem Munde -- ganz dumm vor Staunen. Vom Hals

empor strömte ihm heiße Röte über Wangen und Stirn -- und die Augen

wurden mit jeder Sekunde glänzender.

»Sie -- Sie wollen mich doch nur uzen -- es ist doch nicht wahr,

Professor?«

Rolfers lächelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen,

das war doch entzückend ...

»Sehen Sie -- Sie lachen -- es ist doch nicht wahr.«

Dies kam mit einem unendlich enttäuschten Ton.

»Frage deine Mutter!«

»Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken.

Übermorgen mit dem Frühzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten

Anzug gebügelt.«

Richard stieß einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der

Freude genannt werden durfte, und machte Luftsprünge wie sein

geliebtes Fohlen auf der Weide.

Er raste treppauf, treppab und erfüllte das ganze Haus mit dem Gesause

und Gebraus seiner stürmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha

bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu spüren, bis der kleine

Handkoffer auf dem Korbwägelchen stand, bis Richard sich in der

schaurigkühlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter

abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls

aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsthändler,

seinen alten Freund, zu übergeben, die Hand schüttelte. Rolfers hatte

in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, daß der junge Bote sein

Sohn sei und hoffentlich einmal sein künstlerischer Erbe.

Sinnend blickte er dem davonrollenden Wägelchen nach, von dem der

Junge leidenschaftlich mit der Mütze zurückwinkte, als er um die Ecke

bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute,

auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede.

Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese

Nächte ihr Kopfkissen mit vielen Tränen befeuchtet. Doch die zwei, die

nur miteinander beschäftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr

sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging.

Mit zwei Aufträgen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise

bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins

Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt.

»Sieh, die möchte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel Mühe und

Arbeit von der Sache gehabt. Und ich wünschte, daß du ihr einen

schönen Kleiderstoff mitbrächtest. Eine weiche Wolle, die sanfte,

fließende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln

Violett wie reife Pflaumen. Das muß gut stehen zu ihrem blonden Haar

und zu der Kette. Wir wollen unsre Mutter doch hübsch sehen. Sie gibt

zu wenig auf ihr Äußeres.«

»Ja, das habe ich ihr oft gesagt,« rief Richard eifrig. »Aber sie

wollte nie hören, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig

Geld, fügte er naiv hinzu.

»Darum müssen wir beide nun für sie sorgen,« sagte Rolfers und klopfte

Richard auf die Schulter. »Sieh, daß du etwas Schönes findest -- und

vergiß auch die Farbentuben für dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.«

Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob

dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser

Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, daß die Wohnung noch nicht gekündigt

war.

»Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha?« fragte er. »Deine

Einrichtungen gehen mich ja nichts an -- aber da du sonst so sparsam

wirtschaftest, nimmt es mich wunder ...«

Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie müsse einen Ort haben,

ihre Möbel aufzubewahren, an denen sie doch hänge, und überhaupt wolle

sie einen Fleck wissen, der ihr gehöre. Sie zeigte ein so ablehnendes

Wesen in dieser Angelegenheit, daß Rolfers schnell das Gespräch auf

ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt

war, mußte er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck

denken, der sich bei dem Gespräch über die Wohnung auf ihrem Gesicht

gezeigt hatte.

Er ging viel und unruhig im Haus umher.

»Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha?« fragte

er mehrmals. »Ich hatte gar nicht gewußt, daß der Bengel so viel Lärm

vollführte.« Und er hörte in Gedanken die frische eifrige Stimme

durchs Haus jubeln: Professor -- Professorchen! Denn je vertraulicher

der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wünsche hatte er auch an ihn.

Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den

breiten Weg zwischen den Gemüsebeeten hinab und hinauf wandelte, an

dessen Rändern nun schon die ersten Rosenknospen sich öffneten, fragte

er seine Gefährtin sacht und ein wenig verlegen: »Sage, Martha, hast

du keine alten Photographien -- so dumme kleine Kinderbilder von dem

Jungen? Die möcht' ich wohl gerne einmal sehen.«

»Ich ließ sie in Berlin!« erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg

betroffen. Er ging dann bald ins Haus '... Jetzt wird er bei Gebhardts

sitzen,' dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard

in der Familie gastlich aufzunehmen, er wußte, daß dies in dem

großgeführten Hause keine Schwierigkeiten machte. 'Oder vielleicht

haben sie ihn auch ins Theater geführt. Wie er sich wohl gebärden wird

... ich wollte, ich könnte ihn sehen' ... So träumte er sehnsüchtig

und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.

Martha hatte sich ebenfalls früh in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie

verschloß die Tür. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes

abgegriffenes kleines Lederalbum und blätterte darin. Es enthielt die

Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als

nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in

der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard

als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrängten

Schuljungenköpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem

Baumstumpf unter den Wandervögeln. Sie küßte und streichelte die

Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche

Kosenamen, als seien sie lebendig.

»Nein, nein,« flüsterte sie, »die soll er niemals sehen -- die sind

mein Eigentum, meines allein -- Seine süße Kindheit, die will ich mit

niemand teilen -- die gehört nur mir allein!«

Sie versteckte das Album wieder sorgfältig unter ihrer Wäsche und

schob die Lade zu.

Lange saß sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte

sich leise hin und her und schaute trübe vor sich nieder. Zuletzt

raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe,

rückte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschluß

verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten

hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen,

legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch

einmal rechnete sie auf dem Löschblatt verschiedene Zahlenreihen

zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mußte sie

zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil große Tränen

auf das Papier fielen und die Schrift verlöschten. Endlich brachte sie

ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch

zustande. Sie ging hinaus und öffnete die Haustür. Oben lehnte sich

Rolfers aus dem Fenster.

»Wer ist dort?«

»Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,« antwortete Martha und

lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene

Dunkelheit hinaus.

* * * * *

Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang

strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten überströmend.

In Berlin und Hamburg flatterten die Siegesfahnen von allen Dächern,

denn Lemberg sei gefallen, und nun stürmten die Heere auf Warschau

zu --! Und die Ausstellung --! Der Professor solle nur nicht glauben,

daß die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr für Kunst

haben wollten --! Gedrängt hätten sich die Leute -- die

Nationalgalerie habe das große Seestück gekauft, das mit der grauen

schweren Luft und dem dunkeln Wasser -- und es habe sich fein gemacht,

daß schon bei der Eröffnung der Ausstellung daran gestanden habe:

Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es

sei aber noch ungewiß welches. Und Gebhardt hätte es schon

telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gönnen, es zu berichten.

Und lieb sei er zu ihm gewesen -- Frau Gebhardt auch und der junge

Gebhardt ... Nicht zu sagen --! Aber er wisse schon, wem er das zu

verdanken habe.

Der Abend verging unter den fröhlichen Berichten des aufgeregten

Knaben. Sie saßen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das

Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten,

sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche

Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schönen schlanken

Kristallkelche, die sonst im altertümlichen Glasschrank standen.

Richard war ganz wild vor Entzücken. Martha schüttelte den Kopf und

meinte, Rolfers verwöhne den Jungen, doch sie wurde überstimmt. Der

Professor war lustig wie ein Akademieschüler -- und die beiden heckten

allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das

Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhüllten

sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing

Rolfers ihr die goldene Kette über den Kopf. Dann holte Richard seine

Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer

mit, lehrte ihn auch Melodien von schönen alten Volksliedern. Martha

hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder.

Einmal fragte Rolfers: »Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so blaß

aus?« Doch sie meinte, es sei nur der grüne Schein von den dichten

Weinranken.

* * * * *

Mit heißen roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard

aus den weißen Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam,

ihm den Gutenachtkuß geben.

»Mutti -- war das ein schöner Abend -- nicht? Herrlich! Daß der

Professor so lustig sein könnte, hätte ich doch nie geglaubt! Und die

Goldkette, was --? Die mußt du jetzt täglich tragen -- o, warum hast

du sie abgenommen -- sie steht dir so gut! -- Mutti, was hast du --

dich quält etwas -- du hast dich auch nicht gefreut über die Geschenke

-- glaubst du nicht, daß der Professor uns lieb hat? Sag' doch, Mutti?«

Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter

Hals und streichelte sie.

»Dich hat er lieb!« stieß Frau Martha hervor. »Was bin ich ihm?

Nichts! Weniger als nichts! ... Eine Wirtschafterin --! Ausnützen tut

er uns und dann ein Geschenk. Wie's mich beleidigt, ahnt er nicht

einmal! So von oben herab! -- O -- ich kenne ihn, den Zauberer -- aber

über mich hat er keine Macht mehr -- nur dich -- dich hat er ganz und

gar!«

Sie schluchzte laut auf. Richard löste bestürzt den Arm von ihrem

Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, daß er zunächst nur

grenzenlos erschrocken war. Niemals noch hatte er so leidenschaftliche

Töne aus seiner Mutter Munde verkommen. Wie kam sie, die Stille,

Gefaßte, Verständige, zu diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange

mußte das schon in ihr gewühlt haben ... Aber was denn? Er begriff

den Grund ihres Kummers noch immer nicht.

»Sag' mir doch nur, warum du so traurig bist?« bat er. Und als sie

schwieg, nur den Kopf heftig schüttelte, begann er leise zögernd, voll

Scham und Scheu: »Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du

dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs

nicht -- ja -- aber dann --! Dann habe ich ja begriffen -- so gut --

so gut ... Man muß ihn verehren ...«

Martha riß ihren Sohn plötzlich in ihre Arme und küßte ihn wild.

»Ich ertrage es nicht -- ich ertrage es nicht!« stöhnte sie. »Ich gehe

daran zugrunde -- ich werde schlecht, wenn ich hier bleibe -- gemein,

boshaft -- gehässig -- ganz, ganz klein werde ich, wenn ich länger

hier bleibe ... Er hat mir alles genommen -- und er wird dich mir auch

noch nehmen. Du siehst und hörst ja schon nichts andres als ihn! Du

bist ja schon wie verzaubert -- Richard, hast du denn dein armes Mutti

gar nicht mehr lieb?«

»Aber, Mutter --,« rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah

seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, »wie redest du nur?

Ich kenne dich gar nicht mehr ... Ich habe dich lieb, das ist doch

selbstverständlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht

liebhaben ... Mutti -- er -- er ist doch mein Vater!«

»Gut -- so wähle!« sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit

verweinten, zerwühlten Zügen auf ihn nieder. »Ja, Richard -- es geht

nicht anders. Ich habe mir Übermenschliches zugetraut und kann es

nicht durchführen. Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur

ein schwaches Weib. Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will

ich!«

»Mutter -- das -- nein, das kannst du nicht!« schrie Richard ganz laut

vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an.

»Sei leise, Richard, er hört uns,« mahnte die Mutter. »Mein Junge, es

wird dir schwer, aber du mußt mir das Opfer bringen -- du wirst -- ich

weiß es ...«

»Welches Opfer?« fragte Richard und begann zu zittern. »Was meinst du

denn, Mutti?«

»Daß du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen

wir fort. Anders geht es nicht -- sonst bringt er uns ja doch wieder

in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem

Herzen fortlockt ... Und glaube mir, Richard -- ich kenne ihn -- in

ihm ist eine schauerliche Kälte. Was gilt ihm Menschenglück -- ihm

gilt nur die Kunst ... Wenn du ihn da enttäuschest -- du sollst es

sehen, wie er dich rücksichtslos über Bord wirft ...«

»Das darf er auch,« sagte der Knabe trotzig. »Das ist sein gutes

Recht!«

»Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.«

Ihre Augen irrten hilflos. »Vielleicht ist es schon zu spät,« sagte

sie plötzlich gedrückt, wie unter einer allzu schweren Bürde von

Kummer. »Ja, ich fühle es, bleibe nur bei ihm ... Laß mich gehen,

Richard, halte mich nicht zurück. Sieh -- ich habe mir eine Stellung

gesucht, wo ich Brot habe, selbständig bin. Nicht in Berlin, das war

nur, um ihn irrezuführen. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn

ich erst ganz weit fort von euch bin, in der Arbeit, in recht viel

Arbeit -- dann wird es ja schon gehen. Dann werde ich mich ja schon

wiederfinden ...«

»Mutter -- das ist alles so unmöglich -- so sonderbar unmöglich ...«

Nun streichelte sie ihn unter Tränen, die ihr über das blasse,

eingefallene und erschöpfte Gesicht liefen.

»Gelt -- du sagst ihm nichts -- verrätst mich nicht? Mein armer Junge,

daß ich dir so weh tun muß ...«

»Ja,« murmelte Richard und ließ den Kopf trostlos auf die Brust

fallen, »du tust mir weh -- so weh ...« Er krümmte sich, wie in großen

Körperschmerzen. »Nie habe ich daran gedacht ... Nie ... Mutter --

bitte -- versuche doch zu schlafen ... Morgen wirst du alles anders

sehen ...«

»Nein, Richard -- das ist kein Plan von heut -- der ist seit Wochen in

mir gereift. Und nun bin ich ganz entschlossen ... Aber ich will dich

nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es wäre wohl zu grausam ...?«

Richard ballte die Fäuste. 'Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,'

schrie es in ihm. 'Ich gehöre zu ihm und bleibe hier' ...

Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn

eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den

Kopf von ihr fort. Mürrisch streckte er sich in seinen Kissen aus.

Einige Augenblicke stand sie unschlüssig an seinem Bett. »Richard,

willst du mir nicht noch einen Kuß geben?« fragte sie mit leiser

demütiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und

wühlte sein Gesicht in die Kissen ...

Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurück. Sie ließ die

Türe geöffnet, denn ihr war, als könne sie jetzt nicht allein sein,

als müsse sie wenigstens noch seinen Atem hören. Leise und schnell

legte sie sich nieder. Schwer hing die heiße Sommernacht über dem

Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hörte, wie

Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange

still, so daß sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Könnte

sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen

... Aber wenn er sich von ihr losmachen würde, wenn sie ihn verlieren

müßte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich

klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So

viele Jahre hatte sie in nüchterner Stille gelebt ... Nein, sie hätte

gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch

auf ihr. Sie hatte es längst verwunden. Sie war friedlich und froh in

ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung hatte sie jemals beunruhigt, daß

ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein könnten, wie sie sie in

den letzten Wochen durchgemacht hatte.

Sie hörte die Türe leise gehen, vernahm das Tappen nackter Füße. Sie

unterschied Richards Gestalt im weißen Nachthemd. Er kam sachte näher,

setzte sich zu ihr, beugte sich tief über sie nieder und flüsterte ihr

ins Ohr: »Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht

wahr? ...«

Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihren Kopf an seine

Brust. »Ich weiß nicht --! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch -- --

ja -- ich glaube -- ich liebe ihn immer noch ...«

Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann

sagte er ruhig und sicher: »Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich

nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe immer bei dir. Aber nun höre

zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man

will, muß man auch vertreten. Du mußt es ihm sagen.«

»Ich kann nicht!«

»Doch, du kannst. Er hält uns nicht zurück, wenn wir fortgehen wollen

-- dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und

ich sage ihm, daß ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen

uns.«

Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerreißenden Ton

von Hoffnungslosigkeit, daß Martha ihn heftig an sich drückte und

flüsterte:

»Du wirst mich auch nicht hassen -- mein Einziges?«

»Nein, Mutti -- ich verstehe dich ja,« sagte er leise und müde.

So saßen sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schwülen

Sommernacht, schwiegen miteinander oder redeten leise über die

Einzelheiten von Marthas Plan.

Endlich kehrte Richard in sein Bett zurück und fiel gleich in einen

tiefen, schweren Schlaf.

* * * * *

Rolfers ging über den Hof in die Scheune. Lütje sollte das Pferd

putzen und einspannen. Er wollte mit Richard über Land fahren, um ihm

einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem aus er das Bild gemalt

hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen beabsichtigte. Er

war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des fröhlichen kleinen

Gelages auf der Veranda, die Melodie von »Deutschland, Deutschland

über alles«.

Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von

Mackensen -- damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das

sich der Erfolg der deutschen Waffen vorwärts stürmend nach Rußland

hineinwälzen konnte. Deutschland würde nicht untergehen ... Es würde

leben und siegen ... Und sein Blick schaute erlöst in die Zukunft. Der

furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust

gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen -- sich

freuen und leben. Sein Ich war tot -- unter tausend bitteren Schmerzen

gestorben. Dieses harte störrische Ich, das nur dazu da war, damit die

Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich

selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur

Darstellung bringen mußte, und darum doch niemals das Höchste

erreichte ... Das wußte er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden

Armen und Händen hätte er's nie gefaßt und erlangt, immer sich in

Theorien zerquält ... Der Junge -- der arbeitete viel naiver darauf

los, als er's je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in der Kunst,

was er so inbrünstig gesucht sein Leben lang. Könnte er ihn nur

bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem neidischen Schauen auf den

Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach Aufsehen. Könnte er ihn

schützen vor der wilden Hetzjagd, in der sie sich alle verzehrt

hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag doch eine wundervolle reife

Süße in dem Sichselbstaufgeben um des Kommenden willen -- nur noch

einer sein, der den Weg bereitet in das neue Land, für die Jugend in

der geretteten Heimat.

Rolfers trat in den dämmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das

große Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden

Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte

eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da hörte er

hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein Bewegen. Er

horchte auf -- dort verbarg sich jemand.

Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf

einem Futtersack saß Richard, zusammengekrümmt, beide Arme auf einen

vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedrückt. Seine

Schultern zuckten in kurzen Stößen, ein Ton, wie von einem Weinen, das

gewaltsam unterdrückt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt

und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier

geschehen?

»Richard ...«

Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der wühlte sich nur

tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenkörper wurde

durchschüttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen.

»Richard, mein Kerlchen -- um Gottes willen -- was ist dir denn

geschehen? Sieh mich doch an -- weißt du denn nicht, wie ich's mit

dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!«

Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein heiß und rot geweintes

Gesicht, entzündete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den

Hals und legte, wie in einer völligen Erschöpfung von Jammer, seinen

Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zunächst nur seine Tränen zu

trocknen, streichelte ihm das Haar und flüsterte ihm gute, beruhigende

Worte zu.

Richard hob den Kopf und lächelte, wie kranke Kinder zuweilen lächeln,

um die Erwachsenen über ihre Schmerzen zu beruhigen.

»-- Es ist ja nichts,« antwortete er eilig, »nur Dummheit ... Ich

hatte etwas mit Mutti, -- es ist schon vorbei.«

»Da machst du mir nun nichts weiß, mein Junge,« sagte Rolfers sehr

ernst. »Die Wahrheit werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir

nicht sagen willst -- verlaß dich drauf.«

Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten

Möglichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen

Schmerzensausbruch veranlaßt haben könnten, jagten durch seine

Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in

Berlin erschien ihm als das Nächstliegende. Mutter und Sohn hatten

gestern abend lange miteinander geredet, -- ja er hatte ihre erregten

Stimmen einigemal in harter Steigerung gehört.

»Richard, -- soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?«

Ins neue Land · 第 7 / 8 段