Vielleicht half ihm ein künstliches Glied, das ihm an sich als etwas

greulich Unästhetisches, seinen künstlerischen Geschmack Verletzendes

zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wäre es gewesen, den

leeren Ärmel herabhängen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er

fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Lütje, prüfte,

wählte, ließ ändern und wieder ändern in der Werkstätte für Prothesen.

Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte

seine Ehre darein, dem Künstler mit dem bekannten Namen, den das harte

Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte

Rolfers äußerlich als ein für den flüchtigen Blick gesunder und

wohlgebildeter Mann nach Haus zurück.

Martha freute sich kindlich. Sie hatte längst gewünscht, er möge sich

zu diesem letzten Schritt entschließen. Es war ihr unbegreiflich, daß

er so lange damit gezögert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so

schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, für

ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr

und Kühle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei

allen notwendigen Übungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner

bedienen zu lernen, ließ er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten

Lütje helfen und verschmähte ihren Beistand. Sie mußte ihm das Essen

auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers

mehr und mehr von ihr und Richard zurück und umhüllte sein verwundetes

Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.

* * * * *

Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf

waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten und

grausamen Ausbruches auf den Professor vollständig erfaßt. Ein

wirbelndes Gefühl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn.

Als das strenge feine Antlitz, das ihm schöner erschien als irgendein

andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und

der schlanke große Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bäumte

ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem

Herzen: »Das habe ich gekonnt -- ich -- Rächer meiner Mutter und meiner

Jugendschmach!«

Und er hätte geradeheraus lachen mögen, laut und wild und

triumphierend lachen. Er biß die Zähne aufeinander und knirschte mit

ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum

Schluchzen geworden wäre, und weil er sich entsetzte über die Wirkung

seiner Worte.

Armer Rächer -- auch ihm kamen nun schlaflose Nächte, in denen er sich

wälzte und in sein Kissen wühlte, um die Tränenfluten zu verbergen,

die sein Gesicht überschwemmten.

Er heulte, weil er sich fürchterlich verachtete. Als Kind hatte er

sich oft vorgestellt, daß er seinen Vater töten müsse -- daß dieses

Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit über ihm schwebe. Und er hatte

sich immer ausgemalt, wie es geschehen würde. Er sah sich Rolfers zum

erstenmal gegenüberstehen und den Dolch erheben -- grauenhaft, kurz,

gewalttätig schön ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach

dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein -- niederträchtig ...

-- Sein leidenschaftlich unbändiges Herz wurde durchschüttert von

unermeßlichem Mitleid. Es bedrängte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefühl

ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es für

diesen Mann heißen wollte, nicht mehr arbeiten können -- leben müssen

und nicht mehr wirken dürfen ... Blind und taub, dumm und beschränkt

war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung für die Seelengröße,

die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was für sie

selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig

verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand

bei Richard fest. Nein -- er durfte sich auch selbst niemals

verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur daß das so wehtat,

hatte er nicht geahnt. Daß ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und

verbrannt war, mußte er nun tragen. Ja -- er genoß den Schmerz, rang

sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen

des Vaterlandes -- das kämpfende Vaterland in ihm! Was -- er hatte ihm

Kälte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen -- aber während er,

Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schönen Träumen,

hatte der andre sich geopfert -- hatte gelitten --! War denn der

Professor nicht zum Krüppel geworden -- damit das Vaterland frei blieb

-- damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und

Künstler werden dürfte -- wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll

arbeiten -- das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers' Rat, ohne

seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der

sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt

haben mußte.

So nahm der Junge es auf sich, daß Rolfers sich nicht mehr um ihn

kümmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet

hatte -- deren Folgen er tragen mußte. Ging ihm noch scheu aus dem

Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der

gesunde Jungenschlaf überwältigte, ernsthafte und eindringliche

Phantasiegespräche mit ihm, konnte stundenlang grübeln über ein Wort,

das der weltreife Mann flüchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und

Bedeutung der Knabe sich nun abquälte.

-- Ob diese Zeit groß oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft

erweisen. Die Größe einer Zeit hänge nicht von Kriegen und Siegen ab,

auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und

Helden seien nur die zu nennen, die sich als Träger eines

Gottgedankens fühlen, -- nicht die, welche für ihr Fleisch und Blut,

für die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kämpften.

Bewundernswert auch diese, ja, -- aber noch lange nicht Helden.

Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, für die sein

Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mußte er dem

Professor grollen, daß er ihn von Berlin fort in diese Einöde geführt

hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur

in die Ferne lauschend spüren konnte, während er in Berlin sich ganz

hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den

Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.

-- -- Warum in der Tutmesbüste des Königs Amenophis und in denen

seiner kleinen Töchter, der ägyptischen Prinzessinnen, ein größerer

Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf

den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? -- Das Wort hatte

Richard, als er es hörte, heftig erzürnt, ja erbittert. Er spürte

daraus eine Gegensätzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft

zwischen seinem Wesen und Rolfers' Wesen. Der Mann -- der

Weltkünstler, für den es keine Grenzen gab, keine nationalen

Unterschiede -- nur Unterschiede in Stärke und Schwäche, in Schön und

Häßlich, für den dieser Krieg keine Aufwärtsbewegung, sondern einen

Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten

Europäertums.

»Guter Europäer« -- auch so ein Ausdruck, den der Junge haßte.

Womöglich sollte er auch noch ein guter Ägypter werden -- nein, er

bedankte sich. Diese ägyptische Kunst, von der der Professor so viel

hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum --

neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie

ihm nicht das geringste -- er stand ganz verständnislos vor den

Kolossen -- das seltsame starre Götterlächeln erboste ihn nur. Was

hatten sie so zu lächeln, über die Welt und alle ihre bedrängende

wundervolle Schönheit weit hinaus! Am liebsten hätte er sie

zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen

Zerstörungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger

Stil bis zur Wut kränkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schloßwiese

war ihm mehr als alle die strengen Götter und Könige, als Amenophis

mit dem überfeinerten geistreich-kränklichen Gesicht und die

Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Töchter. Wie die Pupille des Tieres

in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm -- wie das

Geschöpf ihn ansehen konnte -- so dumm-unschuldig ... War das nicht zum

Schreien schön ...? Und das wunderlich ungefüge weiche Pferdemaul mit

den großen Nüsterlöchern darüber, das zarte Rosa an ihren Rändern ...

Gott -- -- welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten

Fohlenmaul -- in einem schwimmenden Tierauge.

Nein, wahrhaftig, er würde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht

an Freude, an Glück aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der

eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Höhe schlug ... die und

keine andere! Und wenn's ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden

sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes

Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht

betrügen lassen -- auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, daß

man hätte brüllen können, dafür war man eben deutscher Kämpfer und

verbiß den Schmerz.

* * * * *

Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrötige Junge stand in

hilfloser Verlegenheit vor ihr und ließ die Flut ihrer heftigen Worte

wie einen Regenguß über sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr

einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt, daß Richards

Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht

unbegabt, nur grenzenlos verträumt, und wenn er nicht einen

energischen Anlauf nehme, so könne er unmöglich in der neuen Klasse,

in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schülern Schritt

halten.

-- »Und eitel wirst du auch noch,« klagte die Mutter, nachdem er dies

alles hatte anhören müssen und nicht wußte, was er darauf erwidern

sollte, denn es war ja leider die Wahrheit -- er, Richard, war

stinkend faul. »Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster

Fehler,« hörte er seine Mutter zanken, »aber jetzt muß ich meine

Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch

suchen. Das ist einfach rücksichtslos von dir. Für solchen Kommunismus

bin ich nicht zu haben, merk' dir das ... Ja,« wendete sie sich zu

Rolfers, »meine Flasche Kölnisches Wasser hat er mir auch stibitzt --

was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein

Mädel von der Tauentzienstraße -- pfui Teufel!«

Also doch --! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lächelte

verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte,

eine seltene Mischung von Veilchenparfüm, Schmierstiefeln, Pferdestall

und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und

hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch daß Richards dunkelblonder,

wüster Haarschopf dem kleinstädtischen Friseur zum Opfer gefallen und

durch eine kurzgeschnittene Bürste ersetzt worden war, nicht eben zur

Verschönerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Härte wunderlich

miteinander stritten und vorläufig nur die hellen glanzvollen Augen

zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft üben

konnten.

»Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gründlich mit dem

Direktor über Richard sprechen,« sagte Rolfers. »Er hat natürlich

recht und Richard muß sich Mühe geben. Zu einer Zurückversetzung darf

es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das würde seine Stellung in der

Schule unmöglich machen. Dann müßte man ihn sofort herausnehmen und es

käme die Frage mit den gräßlichen Instituten, Pressen und dergleichen

an die Reihe. Er hätte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen,

zum Träumen und zum Zeichnen. Die Penne muß durchgemacht werden, wie

der Schützengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir

sagen, Richard, -- mancher von den Bengels hat sich brennend nach der

Schulklasse zurück gesehnt, wenn er's auch nicht Wort haben wollte.«

Rolfers wandte sich zu dem Jungen und seine dunklen tiefliegenden

Augen flammten über ihn hin.

»Ehe ich mit dem Manne über dich rede, muß ich erst Klarheit haben,

was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder

Künstler -- was soll's werden?«

»Das ist doch keine Frage mehr,« brummte Richard.

»Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn,« antwortete der Professor

scharf. »Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen.

Ein für allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung

einfach eine Willensangelegenheit. Eine Übung zu Größerem! Also --

kann ich bei dem Direx für dich eintreten -- oder kann ich's nicht?«

Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit

dem Professor klar und frei ins Gesicht.

»Sie können es!«

»Gut -- schlag ein!«

Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine

Rechte hinein. Der Mann drückte sie fest.

Richard ging ganz betäubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der

Professor war doch ein großartiger Mensch -- wer von den Vätern seiner

Berliner Freunde würde so gehandelt haben? Keiner -- kein einziger.

Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen hätte es gehagelt --

jawohl. -- Er mußte ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen

geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die

würden ihm Freude machen.

Nun brauste das Gefühl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch

des Jungen Herz. Er -- er -- er füllte sein Denken, Träumen,

Phantasieren. Freund -- Freund -- sagte er bisweilen leise vor sich

hin. Professor -- Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs

Haus, sobald er von der Schule heimkam.

Versunken konnte er lange auf Rolfers' Hand blicken, denn

Menschenhände bedeuteten ihm viel, -- er hatte Jungens, die sich ihm

zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre Hände ihm nicht gefielen.

Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des

Professors. Es machte ihn tief glücklich, in der Form der Nägel, der

Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens Ähnlichkeiten zu entdecken.

Und ein inneres heißes Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß

er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Künstlerhand des

geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen dürfen. Und er fühlte

zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der

Vernichtung. Fühlte sie an dieser einen Menschenhand, die das Schöne

geschaffen hatte und niemals wieder schaffen würde. Langsam bildete

sich in ihm das Neue -- das Verständnis und das Wollen: ein Erbe zu

sein ... Sein Schüler, -- o ja --! Der Professor hatte selbst gesagt,

das habe mit Gefühlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn -- dem Gedanken

war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand

das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es

aus den Gründen seines Herzens herauszureißen. Und wie im Märchen ging

es zu -- das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff. --

Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schüler des Professors -- er war

sein Sohn ...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mußten auch in ihm

lebendig sein! Spürte er nicht seine Gabe des Schauens, die

Fähigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis in die Fingerspitzen

-- und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von

ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im

tiefsten verwandt fühlte ...

Wie junger Wein war seine Liebe, würzig und herbe und voll perlender

Frische und hätte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins

Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschämt, daß

sie nie den Ausdruck für all dies Quellen und Drängen und all die

goldenen Seligkeiten gefunden hätte. Eine Liebe, die keine

Zärtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich

nicht mehr aufhielt mit der Oberfläche der Dinge, sondern gleich

eindrang in den Kern der Persönlichkeit des andern. Ein flüchtiges,

ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte

tagelang in glücklichem Schweigen von dem wenigen. Und suchte seltene

eigene Wege der Opferung.

Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespältigem Gefühl.

Fragte sich zuweilen: Ist's nicht zu spät? Ist ein Vertrauen zwischen

Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein

für allemal unmöglich? Denn ein Groll saß ihm noch im Herzen seit

jenem schlimmen Abend an der Schloßwiese vor dem Fohlen. Er fühlte

seitdem die Feindschaft dessen, der zurückgedrängt wird, der der

Jugend das Feld räumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun

war der zum Sieger über ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so

schnell. Ließ ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das

Glück des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen

gegenüber -- war eine Viertelstunde lang herzlich, gut,

aufgeschlossen, zog sich dann wieder für ganze Tage kühl zurück. So

ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit.

Der Flieder blühte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem

Garten und seine Düfte schlugen mit süßen Dämpfen bis in die Veranda

und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frühling hatte

sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang

versäumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, bröckelnden Gemäuer des

alten Ziehbrunnens sprießten feine grüne Farnkräutlein und umkleideten

seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schönheit. In den Büschen sang und

klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrüne, flache

Hände breitete der Tulpenbaum an seinen breiten Ästen aus und die

alten knorrigen Apfelbäume waren nur noch zauberhafte Gebilde von

rosenroten Blütengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus

dem vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue

Schaum der Vergißmeinnicht goß sich darüber. Über dem Moor wogten

silberne Gräser und rötlich blühender Sauerampfer. Das Laub der Birken

dunkelte schon, aber hellgrün stand der Buchenwald in der Ferne. Und

weiße, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder,

luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte

Ast- und Laubwerk, und blies durch die blühenden Graswellen, daß sie

in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und

wiegten.

* * * * *

Richard taumelte vor Glückseligkeit in diesem Frühlingsrausch, den er,

das Großstadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen

Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Fülle seines Glanzes

kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrüne Seide der

sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorüber

an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-weiß

gefleckten Kühe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehänge der

blühenden Hecken in den Sandhohlwegen -- in denen es zwitscherte und

flötete von Leben der nistenden Vogelfamilien -- jede Fahrt zur Schule

mit der braven braunen Liese, die für den Militärdienst untauglich

befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen ließ er die Zügel

hängen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg -- er aber

schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche,

das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weißen Sommerwolken. In der

Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und

im milden Weiß den Mond sich spiegeln, daß das Geschwebe opalfarben

zu schimmern begann -- hörte versunken auf das Liebesgequake und

Geschnarr der Frösche -- auf all das Gleiten, Schlüpfen, Huschen der

kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte -- sah

die märchenhafte Kröte, mächtig und schauerlich mit ihren Warzen auf

dem Rücken träge über den Weg hüpfen wie ein verzaubertes Hexenweib,

sah die seltsam verkrüppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen

Wasserläufen hocken und ihre Zweige wie sehnsüchtige Arme in die Luft

breiten -- etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und

wankte unter seinem Fuß, der da sank -- sank -- Er mußte eilend

zurückspringen auf sicheren Boden -- und ahnte tausendfach

erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen

Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie

hinauswagte. Und die Schauer der Vergänglichkeit durchwehten kühl

sein Blut, das noch eben pochte und glühte in seinen Adern, während

die Nüstern die schweren taumelig süßen Liebesdüfte der Frühlingsnacht

eintranken.

Und so geschah es, daß er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte

Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekräuts, die

Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und

Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah

er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn,

hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tür der

schlafenden Mutter vorüber, um »Ihm«, den er dort oben wußte, ein

Stück zu geben von seinem Glück. Nichts andres. Dunkelheit ringsum,

Schwüle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsärmeln am Tisch,

bei der elektrischen Birne, die hartes, weißes Licht auf das Blatt

warf, vornübergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der großen

scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter großen runden

Brillengläsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er

verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mühseligen,

von all der Sommerherrlichkeit da draußen nur die paar Gräser in ihrer

reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand

nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelöst, das seltsam

schauerliche unlebendige Gebilde aus Drähten, Holz, spiegelndem

Metall, Schnallen und Riemen, das künstliche Glied.

Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wußte nicht warum. Der

Mann sah auf, fragte kurz: »Was willst du?« Und schob ein Blatt über

seine Versuche.

Richard bemerkte es.

»Also, -- was heißt das?« fragte Rolfers ungeduldig. »Warum kommst du

herauf und störst mich?«

»Ich dachte nur -- die Nacht ist so unbändig schön --, ob Sie nicht

hinauskommen möchten?« stotterte er.

»Ich habe zu tun. Geh jetzt!«

Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder

auf.

»Nun?«

Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie

Sommernächte duften, wehte von ihm zu dem überwachten Mann hin. Und

mit dem Dufte kam ein Lächeln. Richard hatte nichts andres zu geben.

Worte waren unmöglich. Er hätte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen

Augen, um seinen blühenden Mund lag alle Liebe, die er in diesen

Sekunden empfand.

Auf den Zehenspitzen ging er hinaus.

* * * * *

Eine Woche später traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand

skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich

ungeschickt. Beim Näherkommen bemerkte Rolfers, daß der Junge sich mit

Bindfaden den rechten Arm auf den Rücken festgebunden hatte. Er ließ

den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen

sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und

die Fußbank, die er für Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und

stand nun beschämt, an seiner Fesselung zerrend.

»Junge -- verdrehter, toller Bengel!«

»Ich will nichts Besseres haben als Sie!« schrie er leidenschaftlich,

und die Tränen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor.

Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so,

damit er ihm nicht davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben

Kopf, auf sein hartes Bürstenhaar.

»Mein Junge, mein lieber Junge!«

Weiter wurde nichts über den Fall zwischen ihnen geredet.

* * * * *

Martha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe

ausfüllen. Lütje mußte Kisten zunageln, große und kleine, und sie zur

nächsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die

beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu

schelten, wenn etwas nicht so ausgeführt wurde, wie er es wünschte.

Eine große Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner

Arbeiten veranstalten, eine Gesamtübersicht seines Schaffens durch

verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der

für das Vaterland gelitten, -- so schrieb der Besitzer.

Anfangs hatte Rolfers sich geweigert.

»Wozu -- kein Mensch hat heut Sinn für Bilder. Wenn wir einen

ehrenvollen Frieden geschlossen haben -- ja, dann lasse ich's mir

gefallen. Dann können sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten

-- mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem größten

Schinken. Jetzt ist's ein Reinfall. Ich will nicht.«

Ins neue Land · 第 6 / 8 段