Mutter wollte mit Ihnen reden,« stotterte der Junge. »Sie wird es doch
nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.«
Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas
Finsteres, Drohendes. »Keinen Mut,« grollte er, »was soll denn das
heißen ... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu
leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem Rücken irgend
etwas aus, was nur geheimgehalten werden muß.«
»Sehen Sie,« sagte Richard lebhaft, »das habe ich der Mutter auch
gesagt. Sie müssen es wissen! Wir wollen fort!«
»Was -- fort von mir -- fort --? du auch?«
Richard nickte. »Ich gehöre zu Mutter!« Das war nur noch ein trotziges
Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollständig
fassungslos -- an diese Möglichkeit, wenn er sie auch Martha
freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gefühl einer
ungeheuren Enttäuschung schnürte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in
ihm hoch -- er hätte sich auf den Jungen werfen und ihn erwürgen
können. -- Der aber, wie er sah, daß der Mann blauweiß wurde im
Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine
linke Hand und küßte sie. Demütig und zärtlich hob er die Hand und
legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden Stößen ihm die Brust
beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotgeränderten Augen, deren
Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes
Tierchen, dem großes Unrecht geschieht.
Rolfers zog einen tiefen Atemzug. »Also -- da scheint sich deine
Mutter etwas recht Törichtes ausgegrübelt zu haben! Nun -- wir werden
ja sehen -- wir werden ja sehen!«
Er faßte mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu
sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben
lange an.
»-- du glaubst, ich ließe dich von mir,« sagte er undeutlich, »dich --
meinen Weg, mein Ziel ... meine Ewigkeit ...«
Er strich mit der Hand über die Stirn.
»Nun komm, wir gehen durchs Gartenpförtchen ins Moor hinaus. Die
Mutter ist vorn und sieht uns nicht, -- da erzählst du mir alles. Wir
werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube,
ich weiß bereits eins -- mit dem ich mich in diesen ganzen letzten
Wochen herumgeschleppt habe ... Sonderbar -- man weiß -- ein Entschluß
ist reif -- und kann doch nicht dazu kommen, die letzte Türe
aufzustoßen.«
»Nicht wahr,« fragte Richard, »wenn wir heimlich fortgegangen wären --
Sie hätten uns nie wieder geholt?«
»Nein, da kennst du mich gut -- das hätte ich nie über mich
gebracht.«
Richard nickte sinnend. Plötzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um
den Hals, drückte ihn stürmisch und küßte ihn auf den Mund, der ihm
beglückt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: »Vater
-- mein Vater!«
Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen
kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war.
Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde.
Martha saß vor der Veranda und nähte, als Rolfers zurückkehrte und
sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. Über
dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die großen
Tannen dufteten kräftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie
eine süße leichte Melodie in der Luft. Martha fühlte sich ein wenig
dumpf im Kopf und gleichsam ausgehöhlt. Als habe mit der gestrigen
Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschluß
an Energie verloren. Sie fand das Leben unerträglich schwer und
arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein,
denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie
ein friedliches Bächlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein.
Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung
gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder
auf ebene freundliche Straßen hinausfinden würde. Immer heftiger und
eiliger stach sie mit der Nadel durch den weißen Stoff, als müsse mit
der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgültig beendigt
werden. Sie hörte Rolfers kommen und es schoß ihr durch den Kopf:
jetzt wäre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu
überfallen. Sie nickte ihm nur flüchtig zu und nähte immer schneller
weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden,
doch das oft Geübte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu
heftig, er mußte um Marthas Unterstützung bitten. Sie strich ein
Zündholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit
wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.
»Man sollte meinen, Martha, du nähtest um dein Leben ...,« sagte er
heiter und eine Wenigkeit ironisch. »Sieh einmal auf und genieße diese
goldene Stunde!«
»Ach -- es ist einem nicht immer um goldene Stunden!« sagte sie
traurig.
»Nein, gewiß nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns
noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich fürchte auch, ich wähle eigentlich
nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange
im Gemüt rumort. Aber es muß nun doch heraus: Willst du meine Frau
werden?«
Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Höhe.
»Das soll ich doch nur um Richards willen,« rief sie dunkel erglühend
und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tränen. »Wenn du glaubst,
ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein für allemal
vorüber!«
»Martha, ich möchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig
ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen
Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das
Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, daß ich ihn
vielleicht nicht lieben gelernt hätte, wenn ich nicht in ihm mein
eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden hätte. Du kennst
mich, Martha, -- meine Stärke und meine Schwäche, unter der du ja
schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um
irgendeinen lieben Jungen -- es geht mir um meine Kunst -- ach -- was
sage ich -- meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard
sich so prachtvoll frisch und kräftig regt! Muß ich künftig nur noch
Hüter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kräften werden!
In diesen fürchterlichen Weltkrämpfen ist es doch etwas Heiliges, die
kleinen Pflänzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkörpert,
das der Mensch doch schließlich ebenso nötig braucht wie Brot und
Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwürdig, daß die
Kunst auf blutigem, gefährlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie
ist eine dämonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem
Menschendünger nährt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage,
es geht in dieser Angelegenheit keineswegs um dein oder um mein
Glück, sondern um etwas viel Höheres, Allgemeineres. Hätte ich die
Überzeugung nicht, ich würde gewiß nicht wagen, dir diese letzte
Entsagung zuzumuten ...«
Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. »Ich
kann nicht, Franz -- was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten!
Das mit der Kunst -- es ist gewiß wahr -- aber es klingt so kalt --
ich kann es doch nicht verstehen.«
Sie stand auf, starrte in den blühenden sommerwarmen Garten, blickte
wieder zurück auf den Mann, den sie liebte -- sie fühlte es so stark
in dieser Stunde -- und der ihr doch so fremd war und so Grausames von
ihr forderte, während er still wartete.
»Gut denn -- nimm Richard -- ich schenk ihn dir -- wenn es sein Glück
ist ...,« sprach sie bebend und schluchzend. »Nur sehen will ich ihn
zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum
Besuch haben, das wirst du mir ja gönnen!«
Sie trank ihre salzigen Tränen mit den Lippen, als müsse sie damit den
herben Trank ihrer Zukunft kosten.
»Nein, Martha -- das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide!
Du bist seine Mutter -- unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich
ihn heute liebe -- niemals möchte ich den warmherzigen Jungen von
seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden ...«
'Das könnte ich auch am wenigsten ertragen,' flüsterte Martha zornig.
»Also lassen wir das Kapitel beiseite,« sagte Rolfers. »Wäre es dir
lieber, Martha, wir würden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen:
wir zwei alternde Menschen, für uns könne noch mal ein Liebesfrühling
kommen? Unser Frühling heißt Richard -- ich meine, er blüht schön und
verheißungsvoll. -- --
Sieh, ich biete dir meine Hand ... Mancherlei habe ich durchlitten --
darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein Führer sein aus
dir selbst heraus -- hinein in ein besseres und höheres Gefühl, das
uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe muß genug Kraft und Saft
haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du
nicht?«
»O Franz ...« Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend
Erinnerungen, wußte der Mann, daß er sie gewonnen hatte. Er öffnete
die Türe und rief laut nach seinem Sohn.
* * * * *
Anmerkungen zur Transkription:
Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen:
S. 26: drängte --> drängte. (Punkt ergänzt.)
S. 52: quält dich nicht ..« --> quält dich nicht ...«
(Auslassungspunkt ergänzt)
S. 59: Überrraschung --> Überraschung (Druckfehler korrigiert)
S. 220: einma --> einmal (Druckfehler korrigiert)
Formatierung:
Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.
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