»Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen Körper pflegt. Das

gehört einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du

noch so ziemlich alles zu lernen.«

»Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin,« sagte Richard

ungezogen.

Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard

aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft --? Na, es ist

schon gut so, häßlich und plump wie ich bin -- ein feiner Herr wie er

werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke schöne kraftvoll

beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und fühlte jäh den

Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von heißer Bewunderung

schlug über sein Herz.

Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, stürzte er eifrig zu

seiner Mutter herein.

»Du -- draußen steht ein Diener vom Schloß mit einem großen Korb für

den Professor.«

Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war mürrisch, unzufrieden. Schon am

vergangenen Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine

Erzählung von dem Besuch bei den Gräfinnen aufgenommen hatte.

Der Diener lieferte einen anmutig mit Gewächshausflieder umkränzten

Korb erlesener Äpfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard

stand strahlend vor Freude neben der Gabe, während Rolfers mit dem

geöffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben.

»Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu schön, um es zu

zerstören. Lieb von den Damen, nicht?«

Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten weiß und lila

Blütenfülle.

Rolfers kam zurück, neigte sich über die Blumen und Früchte und sog

ihren Duft ein. »Das gefällt dir, was, Kerlchen? Ja -- wir Künstler

und der Luxus -- das gehört nun mal zusammen. Wir sind ja auch

Luxusgewächse. Du, wir sind zu morgen abend gebeten -- einen Rehbraten

mitessen! was sagst du?«

»Mutter auch?« fragte der Junge plötzlich und in seine Augen kam das

helle stählerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte.

»... Nein -- -- die Gräfinnen kennen Mutter doch nicht.«

Ein Schweigen war plötzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich

hin und her ging. Richard polterte mit seinen Büchern und Martha

entfernte sich -- man hörte sie dann in der Küche.

Bei Tisch sagte Richard: »Ich möchte nicht mit in das Schloß. Was soll

ich da ...?«

»Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn,« antwortete Rolfers kühl. »Ich

glaube, die Gräfinnen können deine Gegenwart entbehren.«

Martha senkte den Kopf, eine Röte stieg ihr vom Hals herauf bis unter

das helle krause Haar.

Rolfers sah sie an und schwieg zunächst. Er hatte diese peinliche

Situation vorausgesehen und deshalb das Schloß bisher vermieden. Nun

mußte es durchgefochten werden.

»Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha,« sagte er zu der Frau,

als sie allein waren, »warum dem Jungen die Freude verderben? Es war

reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte

begrüßte. Die alte Gräfin beobachtete ihn ein paarmal ganz gerührt. Er

gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht

hinein. -- Nur -- was mich betrifft -- ich kann mich dem Umgang mit den

Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen für viele

Gastfreundschaft und manche erwiesene Gefälligkeit einmal nützlich

sein kann.«

»Du glaubst gewiß, ich hätte dir den Jungen aufsässig gemacht,« sagte

die Frau heftig. »Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er

gehen. Er gehört ja doch bald ganz zu dir.«

»Welcher Ton?« fragte Rolfers überrascht. »Martha, ich fürchte, du

irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens

eingedrungen. Mißgönnst du mir das schon?«

Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins

Gesicht. Dann schüttelte er ein wenig den Kopf.

Martha begann zu schluchzen. »Ich bin auch nur ein Mensch.«

»Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, -- vergiß nie, daß du mir

das bist! Und daß ich dich sehr nötig habe! Ja, wenn ich dich nicht

wieder fand -- wo wäre ich jetzt?«

Er beugte sich und küßte sie leise auf das Haar.

»Meine gute Freundin!«

Sie lächelte durch ihre Tränen und gab ihm die Hand:

»Du hast nichts mit der Gräfin? Zwar -- was geht es mich an ...?«

»Martha, ich denke, du könntest mir den Takt zutrauen, daß ich dich

dann nicht hierher gebracht hätte -- dich und den Jungen! -- Aber

sieh, wenn du anfängst eifersüchtig zu werden -- dann geht das alles

nicht mehr.«

»Nein, nein!« rief die Frau ängstlich.

»Dann bekommt alles eine Färbung, die ich nicht ertragen könnte!«

sagte Rolfers. »Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser

Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungenügend oder

unerfreulich, möchte ich dich keine Stunde länger hier halten.

Obschon ich dich entbehren würde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich

weiß, ich bin ein unangenehmer Geselle -- war es immer -- bin es heute

mehr als je zuvor.«

»Ich kenne dich besser,« sagte Martha weich. »Was kommt auf mich an.

Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da muß ich mich oft

wundern.«

»Er ist doch mein Fleisch und Blut,« sagte Franz Rolfers ernst und

seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lüge, dachte

er, aber mag es immerhin sein -- sie würde ja nie verstehen, daß ein

Fremder mir dasselbe hätte werden können, wenn er Richards Talent und

seinen Arbeitseifer hätte.«

* * * * *

Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden über Rolfers'

Verkehr im Schloß und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht

teilzunehmen wünschte. Sie hatte sich viele gute und kluge Worte

zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen

Angelegenheit und zu Rolfers' Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam

nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Es fand sich niemals die

passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend

nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten -- seit wie langer

Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie

sprachen sehr eifrig über den Krieg und die Zeitungsnachrichten, über

Schützengräben und Friedensaussichten. Später rückte sich Richard die

Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den

Wagen rollen hörten, der den Professor zurückbrachte. Die

Selbstverständlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestört. Von

den beiden Menschen, die so eng zusammengehört hatten, fühlte sich,

durch ein drittes Element geschieden, plötzlich jeder in seiner

eigenen Welt, mit seinen eigenen Kämpfen beschäftigt, weit entfernt

von dem anderen.

Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, daß alles für ihn neu

zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich

erlahmen müsse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei

allem, was der ältere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung

auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser

Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und

empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, daß er sofort abreisen oder

einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch

unsympathisch wurde, ihm durch gegensätzliche Ansichten über Kunst,

durch den Klang der Stimme, durch irgendeine Äußerlichkeit auf die

Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht für Monate in die Einsamkeit

begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu

ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden

empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fraß an

seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wüten sah, die

schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schönheit, an Jugend, an

reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte,

bedrückte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten

vermochte.

Oft hätte er den widerborstigen Bengel schütteln und ohrfeigen mögen

und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung für

das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin,

dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit

deines doppelt reich und herrlich blühe?

Rolfers sagte sich, daß er verzichten müsse, dem Jungen menschlich

näherzukommen, er besaß dafür wohl ein für allemal nicht die richtige

Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt -- ursprünglich. Nur spürte

er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich

auseinanderzuhalten waren. Beide Mächte beeinflußten sich gegenseitig

in einer Weise, die ihm erschütternde neue Erfahrungen brachte.

Sein ganzes Werk an Richard -- diese eigenartige, scharf durchdachte,

ganz persönliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde

in Frage gestellt, ja völlig unmöglich gemacht, wenn der Junge sich

ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von

Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem

heftig aufgestörten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mißtrauen

gegen des Lehrers Anweisungen zu finden war. Und je mehr Richard

geistig von ihm abrückte, desto strenger wurde Rolfers in seinen

Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begründung.

-- So ärgerte es den Professor maßlos, daß Martha hinter seinem Rücken

ihrem Sohn einen Malkasten mit Ölfarben geschenkt hatte, trotzdem er

den Jungen vorläufig noch ganz auf das Zeichnen beschränkt wissen

wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich ließ er sich

noch einmal herab, seinem Schüler die Gründe für seine Forderung zu

erklären. Richard hörte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu

lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche

Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen

-- den verbotenen Kasten unter dem Arm.

Lange würden die Dinge so nicht weitergehen können.

-- -- Ist es immer und überall Elternlos, zu geben -- zu schenken --

nichts dafür einzutauschen -- nicht Dankbarkeit -- nicht Liebe --

nicht einmal ein wenig Anhänglichkeit? so fragte sich Rolfers oft.

Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande

ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das

Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu

bestehen, um weiter zu blühen? Galt von ihnen das gleiche wie von der

Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar für sich verlangt. Das wußte er

gut genug. Die rücksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche

Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner

Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmöglich

geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen

Geschöpf, einem jungen, neu beginnenden zu verstehen und ihm gerecht

zu werden?

* * * * *

-- -- -- Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen hätte! -- Aber nun

sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder

zurück in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben -- aber

sich selbst aufgeben, das schien ihm unmöglich. Mit vierzig Jahren und

ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und

Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe -- konnte er das

vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich empört

gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.

Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu

lassen, dem Werk, in das er sich so glühend verbissen hatte? Es

forderte das letzte Opfer von ihm -- und das konnte er nicht bringen.

* * * * *

Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die

Blätterknospen aufbrachen, und sah mit heißen überwachten Augen dem

alten Lütje zu, der sorglich die Rosen an neue Stöcke band. Bei den

Gemüsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweiße ihres Angesichtes. Sie

war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit

Kartoffeln, Rüben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst

nicht häufig im Dorfe aufzutreiben war, gab's jetzt in diesen

Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Güte. So pflegte sie

lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Düngung, Saat- und

Pflanzzeit, studierte Bücher wie den »kleinen Kriegsgemüsegarten« und

den »Blumengarten der deutschen Hausfrau«, hantierte mit Spaten,

Steckholz und Rechen, wurde rotbäckig und fröhlich in der neuen

Tätigkeit.

»Sie wächst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fühlen,« dachte

Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die

schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit.

Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer

Tau und die Pflänzchen zwischen den noch kahlen stachligen

Rosenbüschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder.

Hier und da blühten schon Büschel von gelben Primeln, von blauen

Perlhyazinthen und den zarten Glöckchen der Scilla. Die breiten

Irisblätter drängten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten

die gefiederten Blättertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen

Bauernpflanzen gab es in Rolfers' Garten, wenn der Sommer auf seiner

Höhe stand, mußte auf den Rabatten ein dichtgedrängter tausendfarbiger

Blumenflor sein Malerauge entzücken. Er hatte Martha freie Hand

gelassen, für Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte,

das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.

Als er vorüberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebückten

Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glänzten in dem erhitzten

Gesicht, unter dem weißen Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte,

hing ihr blondes Haar in losen Löckchen über die Stirn.

Schon sind ihre Bewegungen wieder kräftiger und behender geworden, und

wie hübsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers,

als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer weiß, erblüht ihr

eine neue Jugend?

Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und

streng verschlossen. Die Augen blickten sehr müde in all dies Keimen

und Drängen jungen Daseins. Während hier die Pflanzen trieben und sich

entfalteten, ungestört wachsen durften wie in jedem Jahr, und die

Amsel im Gebüsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des

Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander

seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnäckiger und grauenhafter

mit jedem Tage. In der Früh hatte er die Nachricht bekommen, daß

wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jünger, ein fester

und ehrlicher deutscher Künstler, bei einem Sturmangriff gefallen war

-- Kopfschuß -- sofort tot. Der Glückliche ...

Für ihn selbst mußte der Kampf ein Leben lang dauern. Warum für ihn,

und für jenen das schnelle leichte Ende?

Er ging an der Frau vorüber, es war ihm nicht nach einem behaglichen

Geplauder zumute. Er öffnete das Pförtchen in der Tannenhecke und trat

hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen überrieselt, die

die leichte Bewegung aus den höheren Bäumen schüttelte. Der Knick war

in seiner ganzen Länge mit Fliederbäumen eingefaßt -- die würden, wenn

der Mai kam, in duftenden blauen Blütenwogen prangen -- aber noch war

es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Häuschen des

Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demütig in den

Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor

ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weißer Nebel lag noch

über dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das

sprossende Grün der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen

Wasserläufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die

Frösche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und

wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergißmeinnicht mit kleinen,

fröhlichen Blauaugen. Die Ebereschenbäume zur Seite des Weges

entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stieß ein Kiebitz

seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging träumend auf dem

schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder

schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance

des Frühlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen

Linien der Landschaft, immer überweht von der herben Luft, die vom

Meer herüberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er

hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden

Düfte all des Sprossens und Werdens ein, fühlte die warmen

Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde

schwerer und schwerer vor Traurigkeit.

Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand

stand, wie in einen durchsichtigen silbergrünen Schleier gehüllt,

jene Gruppe schöner Birken, die der frühere Besitzer seines Hauses,

der gute Pötsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers' Rat

gewaltsam von dem Stück Heimaterde losriß, in das er sich festgerannt

hatte. Heute saß der Unglückliche irgendwo in Sibirien in russischer

Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie

möglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die

finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten

war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darüber gemütskrank

geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst längst von

Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen

war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen -- oder ob er noch

einmal heimkehren würde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden,

die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers

durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto

setzen.

Herrgott -- war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden?

Die durchwachten Nächte trugen mit Schuld, er wußte es wohl. Die

Nächte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlöschte und ein

einsamer Mann sich übte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter

als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zähen Energie

eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder,

Bleistift und Kohle zu führen, wie ihr Herr es wollte -- und am Ende

auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.

Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets

tröstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken Hand so

sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut -- aber ihm

stand die Übung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es

vielleicht auch -- wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser

schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in

diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schämte sich, es dem Licht

des Tages zu zeigen, verschloß sorgfältig den Raum vor allen fremden

Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Lütje, der die gute

Eigenschaft besaß, überhaupt nichts zu sehen. Unerträglich wäre es ihm

gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt hätten.

Darum übte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wußte,

und kämpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die

beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis,

das rings um ihn her über dem Lande lag und wie ein Feind durch die

Fenster zu ihm einzudringen versuchte.

Klagend seufzte der Wind über die Wiesen, eintönig klatschte der Regen

oder er pickte und rieselte noch melancholischer -- oder der Sturm

rüttelte an Dachziegeln und Läden. Selten erfreute ihn ein Blick auf

klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn

er, sich einen Augenblick der Erholung gönnend, zum Fenster trat und

sich aus den geöffneten Flügeln hinausbeugte in die Nachtluft.

Warum das gierige unermüdliche hartnäckige Arbeiten? Hatte er dazu

nicht Zeit genug vor sich -- viele Jahre Zeit ... Zu einer

Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft -- wie er sie

verstand -- irgend etwas zu tun hatte, würde er es ja doch nie

bringen. Das fühlte er bitter und deutlich. Hätte er's nicht gefühlt

-- grausame unbarmherzige Jugend mußte ihn darauf stoßen, daß er den

Schlag nie wieder verschmerzen würde.

Er hatte Richard an der großen Wiese am Schloß getroffen, wie er dabei

war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten

voll Ölfarben munter auf einer ziemlich großen Leinwand

herumwirtschaftete. Der Hüterjunge hielt ihm gerade das eine der

braunen fröhlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch

ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem

Pinsel darauf los arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief,

war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht

herausgekommen. Rolfers interessierte sich für seine verzweifelten

Versuche -- das war wieder einmal so kühn angelegt, so persönlich

gesehen, daß man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem

Jungen eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf

fuhr und schrie: »Es ist zum Rasendwerden -- ich krieg's nicht und

krieg's nicht -- das Biest hält auch keine Sekunde still ...«

»Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt,« sagte Rolfers,

beugte sich über Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. »Siehst Du

-- so muß es einsetzen.« Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er

gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche

heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte.

»Zum Teufel,« schrie Richard wütend, »was machen Sie denn da -- Sie

verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie können doch nicht mehr

malen ...«

Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmiß voll

Zorn die Leinwand daneben.

»So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon

gequält. Und ich hätt's auch noch gepackt -- wenn Sie nicht

dazugekommen wären.«

Rolfers war weiß geworden und seine Züge erstarrten. Er regte sich

nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als

vermöchte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wußte, diese Sekunde

war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher

Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich

jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen -- und

das kann ich nicht ertragen -- dann muß ich ihn erwürgen ...

Er hörte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und

knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und fühlte, er müsse ihm den

Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg

unmöglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren

Steifheit und Schwäche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee

hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er

in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines

Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein

Todfeind.

Lange saß er auf einem gefällten Stamm unter den hohen Buchen und

ächzte laut in bitteren Qualen, und fühlte, wie es ihm heiß und salzig

aus den Augen rann und die Wangen hinablief.

* * * * *

Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu

beweisen, daß Manneswille das Unmögliche erzwingen kann. Wie die

draußen an der Front Tag und Nacht das Unmögliche dem höchstgespannten

Menschenwillen abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehörte er

nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue

Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen

verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen

neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die Übermacht eines

ungeheuren Schicksals besiegen, das mußte er als einzelner ihnen

gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem

Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend

heranwuchs -- und wieder Kunst machen und Schönheit neu schaffen und

die Alten verachten durfte ...

* * * * *

Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nächsten --

in vielen folgenden Nächten, die er einsam arbeitend durchwachte und

durchkämpfte.

Ins neue Land · 第 5 / 8 段