mühselig hingekritzelte »4« auf der sauberen Schulzeichnung entdeckt
und sich seine Gedanken dazu gemacht. Der Professor hatte seine
Arbeiten also schon früher gesehen ... Na ja -- die Mutter hatte es
wohl nicht lassen können, mit ihm zu renommieren.
Aber wie war denn das -- sollte etwa doch das Interesse an seinen, an
Richards eignen Arbeiten bei der Einladung des Professors irgendeine
Rolle gespielt haben? Sollte es nicht nur die Mutter und ihre
Pflegedienste gewesen sein? Bezog sich hierauf am Ende die Bemerkung
des Professors: »Merke dir eins, mein Junge -- beleidigen können mich
deine Ungezogenheiten gar nicht --! Es kommt weder auf dich noch auf
mich bei unserm Zusammenleben an -- sondern nur deine Ausbildung ist
von Wichtigkeit. Die deutsche Kunst ist das Wesentliche -- nicht der
einzelne Mensch und seine Gefühle oder Stimmungen!«
Solche Aussprüche ärgerten Richard wütend und er nahm sich dann erst
recht vor, seinen Haß und seine Verachtung in einer wohlverschlossenen
Herzenskammer sorgfältig aufzuheben.
Zufrieden war Rolfers ja doch nie mit seinen Leistungen, also warum
eigentlich dieser wiederholte Hinweis auf eine Kunst, in der er,
Richard, doch nie ein Meister werden würde.
Der Professor war der Mann, der zu beweisen verstand, warum er nicht
zufrieden war. Er zeigte dem Jungen Bilder, Skizzen, Reproduktionen
von Handzeichnungen bedeutender Meister alter und neuer Zeit -- machte
ihm an der Hand von Tatsachen klar, wie die Kerls geschuftet hatten --
manchmal, um nur eine Hand, einen Faltenwurf herauszukriegen, wie sie
es gewollt hatten. Die Schluderei und Verrohung vieler junger Talente
sah er in dem Mangel an langsamer sicherer Ausbildung der Grundlagen,
an der Nachlässigkeit gegenüber dem Handwerklichen. Er konnte
hinreißend sprechen, wenn er in Eifer kam, und dann hörte Richard ihm
mit glühendem Herzen zu, und der Eifer, der Wille lohte himmelhoch in
ihm auf.
Die langen Abende des Nachwinters, der nach linden Februartagen noch
einmal mit Schnee und Frost übers Land gekommen war, saßen sie mit
Mappen und Blättern unten im warmen Wohnzimmer, weil der Sturm so
heftig durch die großen Atelierfenster gepfiffen hatte, daß sie beide
vor Kälte zitterten und sich Husten und Schnupfen holten. Martha legte
Torfstücke in den großen Kachelofen oder strickte graue
Soldatenstrümpfe, die Beschäftigung aller deutschen Frauen und
Mädchen. Sie war schon froh, nicht mehr allein sitzen zu müssen im
feuchten Modergeruch, der mit den Nebeln vom Moor durch alle Wände
drang, und mit den Mäusen, die ihr über die Füße liefen. Sonst hatte
sie ja wenig von der Gesellschaft. Sogar Richard wies ihre Versuche,
das Gespräch auf Bahnen zu lenken, auf denen sie sich heimischer
fühlte, heftig und nachdrücklich zurück. Martha wurde innerlich
erschüttert von dieser Ablehnung. Niemals zuvor schien es ihr, daß
Richard rücksichtslos gegen sie gewesen sei. Jetzt ahmte er ja
geradezu den Ton des Professors nach. Übrigens täuschte sie sich,
Richard war immer ziemlich kurz und geradezu gewesen, wenn die Mutter
ihm in seine Sachen hineinzureden versuchte. Aber dann pflegte er es
wieder gutzumachen, indem er sie in den Arm nahm und hätschelte, wie
man ein kleines schwaches Kindchen hätschelt. Er hatte schon früh
diesen männlich behütenden Ton in seiner Liebe zu ihr, und ein klein
wenig von oben herab. Es fiel ihr nur mehr auf, als sie nun so
deutlich sah, wo diese seine Art herstammte. Früher war in ihr nur
Rührung gewesen und ein fernes, liebes Erinnern. Nun empfand sie oft
bitteren Ärger.
So wenn sie beide, der lange Professor und der kleine breitschultrige
Richard, lachend in die Stube kamen von einem Gang durchs Dorf oder
übers Moor und in den Wald. Sie fragte dann: »Was lacht ihr?« und
Richard sagte verschmitzt: »Ach, Mutti, das ist nur was für Männer!«
Der Junge hatte die Entdeckung gemacht, daß Rolfers Sinn hatte für
Schulgeschichten mit derber und meistens unanständiger Pointe. Wenn er
sie in seinem Berliner Schuldeutsch erzählte -- und das konnte er gut,
dafür hatte er schon auf der Penne einen Namen, hatten die Jungens
sich gewunden, und nun wollte auch der Professor sich ausschütten. Es
brachte ihn ihm bedeutend näher. Er war doch ein feiner Kerl.
Auch über Mädels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert
mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner
Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch
bestünden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unverändert und
es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der
Schmuddelige, Gutmütige, mit dem man Ulk trieb, bis er wütend wurde
und mit den Fäusten aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante,
der lächerliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen
spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem
man Respekt hatte. Alles war noch wie früher. Nur gehauen wurde in des
Professors Jugend mehr. Es war ein alltägliches Vorkommnis, daß man
sich feste Lehrbücher einknöpfte in die Buxen, übergelegt wurde und
mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine große Geschichte und
kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit vergaß. Aber
Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und
manche trieben's widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte
sich nicht viel aus den Mädels.
»Es wird noch kommen,« tröstete der Professor. »Aber es wird nie die
Hauptsache für dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten immer
nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchgänge ... Das
Wirkliche bleibt für uns immer nur die Kunst.«
Über das Wort mußte Richard viel nachdenken. Unsereinem -- hatte der
Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz.
Aber dann stieß er sich ... Durchgänge --? War auf diesem Wege
vielleicht die Erklärung zu finden für die Weise, wie Rolfers seiner
Mutter gegenüber gehandelt hatte --? Seit Richard ihn kannte, schien
ihm das Problem immer unbegreiflicher.
-- Durchgänge -- und das Wirkliche nur die Kunst? --
Nein, hier empörte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er
nicht auszudenken wagte: als habe eine göttliche Macht das zertretene
Menschliche an dem unglücklichen Manne gerächt.
* * * * *
In den frühen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der
Schule das Frühstück zurechtmachte, während Rolfers noch schlief, da
konnte es geschehen, daß eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die
sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers' Ansichten
angriff -- ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben
sich gelten lassen wollte -- der bedeutend sei -- wer hätte das
bezweifeln können -- aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt
trauen dürfe.
Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit
rieb sich an des Ältern Zersetzungslust. Dann küßten Mutter und Sohn
sich zum Abschied wärmer als sonst und fühlten sich aufs neue froh
vereint. Die Frau überkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust
das Bewußtsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen jetzt so allein
auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf mit dem
Schicksal ausfechten mußte.
Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt
wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine
heimliche Schuld an ihm zu sühnen.
In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor über
die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers für Richards Leistungen in
der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, daß er dem Jungen
Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den
Sonntagmorgen frei hatte, daß er ihm französische Übersetzungen und
mathematische Lösungen einfach diktierte und sich mit ihm über die
Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, daß er Richard
geradezu aufgefordert und mit tausend Gründen ermuntert habe, nur das
Freiwilligenzeugnis zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen,
nicht aber nach dem Abiturium zu streben, das für ihn nur
Zeitvergeudung bedeuten würde. Solche leichtsinnigen Äußerungen müßten
schädlich auf den Jungen einwirken, und sie müsse ihn dringend bitten,
sie zu unterlassen. Sie habe für Richards Zukunft als Mutter die
Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war laut und zornig, eine heftige
innere Gereiztheit fand ihre Entladung.
Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es
ausgesprochen habe, daß in dem Jungen ein Künstler stecke.
Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren
Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt könne er sicherer auf
Brot und Verdienst rechnen.
Worauf Rolfers ein lautes kräftiges Gelächter anstimmte und meinte,
das sei ohne Zweifel richtig, und der rechte Künstler sei immer auf
irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob
ein Mensch dies nun auf sich nehmen müsse, darüber entscheide nicht
Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine höhere
Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als daß sie eben
auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus
ihrem Munde so gefallen wie jenes: »Ich sagte nicht, er will Maler
werden, sondern er wird es.« Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die
ihr einmal gekommen, nicht durch nachträgliches kleinliches Sorgen
wieder zuschanden machen.
Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard später
regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur
gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers'
kaustischen Hohn über die Akademien als die Brutstätten aller
Mittelmäßigkeiten -- eine Überzeugung, die ihm von seiner kurzen
Lehrtätigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war.
»Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf
nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm
zu machen, der seinen Vater tüchtig überflügeln kann und ein
wirklicher Gewinn für die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst
mir nicht dazwischen pfuschen, Martha -- das erwarte ich von dir. Merk
dir's, Kind.«
Nannte Rolfers sie »Kind«, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz,
tausend Erinnerungen, süße und traurige, fielen über sie her und
machten sie schwach, so daß sie nur den Kopf schütteln und die Lider
senken konnte, damit er die Tränen, die darunter brannten, nicht
bemerkte.
* * * * *
Der Frühling kam spät und spärlich. Es war, als scheue er sich, seine
friedevolle Blumenschöne hineinzuwerfen in all das Morden, Würgen und
Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die
Hohlwege um Rolfers' Haus zwischen dem dürren Heckengeäst waren eine
unergründliche Schlammasse, oder ein jäher Frost ließ sie glashart
erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte
in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen.
Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht
gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgrün quollen die
Moosflecke auf den Stämmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem
Farngekräut, aus den faulenden Blättern der Weißbuchen. Efeu und
Waldrebe bildeten ein zähes nasses Gespinst, das Luft und Licht von
der Tiefe abhielt. Überall glitschte der Fuß auf Schlüpfrigem aus.
Vor einem nicht hohen, aber steil niederstürzenden Abhang blieb der
Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm,
den Schwindel zu überwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er
seine Kraft überschätzt. Es war lächerlich -- erbärmlich -- aber er
wußte, daß er da nicht hinunter kommen würde, mit diesem Gefühl von
Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortwährend
anzukämpfen hatte.
»Sie sind müde,« sagte der Junge. »Legen Sie doch die Hand auf meine
Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht
ausrutsche.«
Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten.
Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der
junge Führer den bösen Weg hinab. Unten kamen sie in einen
Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr dürres Laub, ihre Äste
knarrten und stöhnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase.
Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Töne, als jammerten verfolgte
Menschen in großer Qual.
»So denk' ich mir die Argonnen,« rief Richard atemlos. »Donnerwetter,
wenn man sich vorstellt, daß es so von allen Seiten kracht und
prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt dürrer
Zweige.«
»Und man tritt in Leichen, statt in faulende Blätter. Nein, Junge, man
kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,«
grollte Rolfers' Stimme. »Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen
die finsteren Moorwälder dort. Und die Angriffe nachts in der
rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man
nicht weiß, hat man Freund oder Feind im Griff der Fäuste -- man
ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von
Schlachtenbildern gesehen hat -- was man von früheren Kriegen in der
Schule gelernt hat -- alles kindischer lächerlicher Kitsch gegen die
Greuel von heute. Junge -- für's Vaterland sterben -- das klingt ...
Aber in so einem Mordwald liegenbleiben -- von den Weiterstürmenden
vergessen -- und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bäumen
herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab -- jeden
Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach
dem eigenen Messer -- kann nicht dazu -- kann nicht ... liegt wehrlos
da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glücklich vorüber
sind, der Durst, der wie die Hölle ist, der Hunger, das Rasen in den
Eingeweiden, die Angst -- und das kleine Viehzeug, was sich nun leise
scheußlich in den eignen Wunden an die Arbeit macht ... Junge, was
unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als
das Sterben fürs Vaterland --«
Richards Augen glühten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm
sprach. -- Er -- er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so
objektiv erzählte. Es wühlte in des Jungen Zügen, es riß wie Schmerz
und Lust an seinem Herzen. Sein glänzender Blick hing voll scheuer
Andacht an dem leeren Ärmel -- dort waren die Wunden, in denen die
Würmer gehaust -- er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling
der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene
stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis
über das schöne weiße qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fühlte den
Krieg -- fühlte jäh geoffenbart sein Entsetzen ...
Rolfers' Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des
Knaben blasses Gesicht und seine Erschütterung bemerkte, was
vollführe ich für ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen ...
»Komm weiter,« brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben
geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am
Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. Über den Himmel
jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder
gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die
sie trieben. Dazwischen glänzte hartes helles Blau -- die Landschaft
leuchtete in einem jähen Licht weit hinaus, in starken kindlichen
Farben: die blankgrüne Wintersaat, die fetten schwarzen
frischgebrochenen Äcker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen
Pflug mit hageren Gäulen, die gleich ihm daheim geblieben, über die
Breite führte. Und die sprießenden Moorwiesen, auf denen schon die
schwarz-weißen Kühe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre
Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefüge grün- und
braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische
Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsköpfige Kinder
spielend mit dem kläffenden Hündchen. Alles voll Heiterkeit und
blitzendem Frohsinn.
Rolfers ließ seine Augen schweifen: »Dafür lohnte sich's schon,« sagte
er. »Sieh, Richard, daß so was erhalten bleibt -- still und friedlich
bleibt -- die Kinder spielen dürfen -- das Hündchen kläffen, die alte
Hexe in der Sonne sitzen kann -- und die Felder so fröhlich blaugrün
sich breiten -- darum heißt es: fürs Vaterland sterben!«
Der Junge nickte stumm. Eine große Wolke fuhr herüber, nahm plötzlich
allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, ließ nur den Kampf
des Grau mit dem Grau. Er mußte seine Mütze packen, damit sie ihm
nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer stärker werdenden Sturm
kämpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in
einer weichhingedehnten schönen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers
überlegte einen Augenblick. »Wir können hier noch ein Stückchen weiter
gehen und ich zeige dir unser Schloß, einen famosen alten Barockbau.
Der Graf wird im Felde sein und die Gräfin in Hamburg. Ich denke, wir
können es ungestört besichtigen.«
-- -- 'Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile
ausruhen', dachte er dabei, denn es schien ihm unerträglich, den
Jungen noch einmal seine Erschöpfung merken zu lassen.
»Hast du schon einmal ein Schloß gesehen?« fragte er unterwegs.
»Das vom Kaiser in Berlin!«
»Na ja, natürlich, ich meine so ein feines Landschloß. Die gehören
auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldhütten. Sollst
schon sehen, wird dir gefallen.«
Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne schöne Baumgruppen
gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel
jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren
ungeschickten Sprüngen begeisterten. Der Hütejunge zog die schmierige
Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter
Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf
dem das graue Schlößchen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und
der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen
und Kastanien mochten ihm im Sommer einen grünen Hintergrund bilden.
Zur Seite zogen sich efeubesponnene Wirtschaftsgebäude um einen
länglichen Hof.
Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die
Karyatiden, die das Wappen über dem Portale trugen, und die
geflügelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem
Parterrefenster und grüßte.
»Sind Nachrichten vom Grafen da?« fragte Rolfers.
»Ja, es geht ihm gut. Aber der jüngste Bruder des Herrn ist gefallen.
Die Gräfin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?«
»Nein -- im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die
Herrschaften in Hamburg.«
»Sie sind gestern erst zurückgekehrt. -- Die Frau Gräfin würde sich
gewiß freuen!«
»Ich spreche in den nächsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.«
Rolfers lüftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee
weiter. Der Junge trat zwischen die Bäume und blickte noch einmal
zurück auf die weite Wiese.
»Das möchte ich malen -- -- die komischen kleinen Viecher auf dem
Grün ...«
»Versuch's -- geh morgen nachmittag her.«
»Sehen Sie mal -- die Bäume sind schon anders als im Winter -- so viel
dunkler und voller Saft ...«
»Ja -- ich mochte den Vorfrühling auch immer gern. Er ist bedeutend
malerischer als das volle Blühen. Zeichne mal eine Studie von dem
Geäst. Das ist wie Schmiedeeisen. -- Na -- da laufen wir der Gräfin
doch in die Arme.«
Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und
näherten sich ihnen.
Rolfers sah lachend auf den Jungen: »Mach' kein so verstörtes Gesicht,
sie fressen dich nicht.«
Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrüßte sie. Richard hatte
sich Gräfinnen anders vorgestellt. Die Jüngere trug einen grauen
Lodenmantel über dem Trauerkleid und einen ziemlich schäbigen
schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den
Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschürzt, die Füße in derben
Lederstiefeln. Trotz des ländlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm
aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor
sprachen, war sehr herzlich -- es mußten gute alte Bekannte sein. Die
junge Gräfin sagte, sie habe gestern erst gehört, daß er zurück sei
und schwer verwundet -- und habe bereits zum nächsten Morgen den Wagen
bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so
tapfer marschierend zu finden. Er müsse mit seinem jungen Gast zu
ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn später nach Haus
fahren lassen, denn er dürfe sich durchaus nicht überanstrengen.
Rolfers zögerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und
fragte mit der freien Liebenswürdigkeit, die zuweilen an den Damen der
großen Welt so bezaubernd wirken kann: »Nicht wahr, du bist auch
meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen
ist, muß er sich stärken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den
magst du doch?«
Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Füllen
auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.
»Mein Schüler,« stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gräfin rief
lebhaft: »Ja, verzeihen Sie, daß ich Sie du nannte -- Sie sehen noch
so jung aus ...«
»Das ist er auch noch -- vorläufig nichts weiter als ein Schulbub.«
Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurück, der Professor zwischen den
beiden Damen -- sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von
dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege
überhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er
verwunderte sich, daß die alte Dame nicht weinte, während sie von
ihrem jüngsten Sohn sprach -- er war noch nicht neunzehn Jahre alt
gewesen -- ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden
Ausdruck, ihr Mund lächelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her.
Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes -- über den
Kummer hinaus erhaben.
Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wänden schöne
gebauchte Rokokokommoden mit Meißner Porzellanfiguren standen, man
saß auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen.
Die Gräfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel
Silbergeschirr und eierschalendünnen Täßchen besetzt war. Nachdem der
alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid
heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre
Gestalt war.
Richard fand sich plötzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber
zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, daß
Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden
und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen
sprach.
»Sie müssen oft zu uns kommen, lieber Professor,« sagte die jüngere
Gräfin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur
Tür das Geleit gab. »Sie tun meiner Schwiegermutter und mir einen
wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig zerstreuen. Die Abende sind
fast nicht zu ertragen in diesem leeren Schlosse mit der Angst und
Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist bewunderungswürdig, aber dann
bricht sie zuweilen doch zusammen.«
Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Gräfin
reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch schüttelte. »Ihren
jungen Schüler bringen Sie aber mit,« sagte sie, dem Knaben herzlich
zulächelnd, »das heißt, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt.
Aber wir haben ja Bücher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher
interessieren werden.«
Richard wurde aufs neue sehr rot, während er die Aussicht,
wiederkommen zu dürfen, als etwas Entzückendes empfand, erschrak er
zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu denen er dadurch
gezwungen sein würde, beängstigten ihn.
Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Gräfin bestellt
hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen,
begann der Professor auch schon: »Wenn die Gräfin dir die Hand reicht,
hast du sie zu küssen -- nicht mit einem heftigen Schmatz -- sondern
nur mit einem leisen Berühren der Lippen. Übrigens könntest du dir
auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon längst
einmal sagen.«
»Ich bin doch kein Fatzke, der sich die Nägel poliert,« brummte
Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt.