gelegene Landhaus. Seine Fenster blickten über einen schmalen
Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von
hohem Heckengestrüpp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie
weiße Blumen in dem dürren Geäst. Das Haus wagte keineswegs den
Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein niederes Kätnerhaus
mit einem höheren, mehrere geräumige Zimmer und eine Glasveranda
enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles überwuchs, verband die
beiden Gebäude zu grüner Einheit. Rolfers führte Martha in die für sie
bestimmten Zimmer und ergötzte sich an ihrer durch Befangenheit
schimmernde Freude über die hübschen, behaglich eingerichteten Räume.
Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und
streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen
Tannen, hohen Lebensbäumen und immergrünen Stechpalmengebüschen.
Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten,
buntgefleckten Stamm und die schöngebaute Krone vornehm, ungehemmt in
die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen
Gemüsebeete, von gradlinigem, buchsbaumumsäumtem Weg durchschnitten.
Hinter der abschließenden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das
frühere Kätnerhaus barg nur die Küche und zwei Wohnräume für das
Ehepaar Lütje. Vor seiner niederen Tür gab es noch einen uralten
moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits des Hofes fand er den Stall für
das braune Pferd, für ein paar Schweinchen, für Hühner und Enten,
deren Zucht das besondere Tätigkeitsfeld der alten Frau mit dem
schwarzen Tuch um den weißen Scheitel und dem winzigen Zöpfchen am
Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, während Richard dort stand,
mit einem Napf voll Futter für das Federvieh und nickte dem Jungen
freundlich zu, während er aufmerksam das eifrige Getümmel der Hennen
um die ausgestreuten Körner beobachtete. In der Scheune stand zwischen
Hafersäcken, Zaumzeug und Gartengerätschaften ein leichtes
Sommerwägelchen. Lütje putzte den Schlitten, der sie von der
Bahnstation hergeführt hatte.
-- -- Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu
einer Übersiedelung in Rolfers' Haus zu bewegen. Sie mußte sich
fragen, ob sie ihren Einfluß auf ihn nicht bedeutend überschätzt habe.
Er war empört und zürnte tief mit seiner Mutter, daß sie hinter seinem
Rücken die alten Beziehungen wieder angeknüpft und sogar gepflegt
hatte. Er nannte sie schwach und erbärmlich, von Rolfers auch nur ein
Stück Brot anzunehmen! Was --? sie sollten ihm so geradehin gehorchen,
dem Manne, der sie schmählich verlassen hatte, nun er sie herrisch
wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte
sich förmlich an zornigen höhnischen Worten, -- seine Mutter hatte ihn
noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte
ja ein mächtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die
Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig
sei, und vor der jede, aber auch jede persönliche Empfindlichkeit zu
schweigen habe. Vor diesem Einwurf mußte er verstummen, hier lag der
Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht länger zu widersetzen.
Keinesfalls wollte er sich aber durch die größere Bequemlichkeit der
Lebensführung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche
Erbärmlichkeiten verführen lassen, aus herber Abgeschlossenheit
herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa
einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. Übrigens
handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde
als lästiges Anhängsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich
empörend. Er beobachtete Rolfers mißtrauisch, konnte aber nichts
andres bemerken als eine gleichmäßige Höflichkeit im Betragen gegen
die Mutter. Donnerwetter, wär's anders gewesen, er war zu manchem
fähig und hätte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es
würgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha dem Mann mit
liebevoller Demut diente -- ihm hilfreich zur Hand ging, ihm das
Fleisch zubereitete, das Obst schälte, den Wein einschenkte. Durch
diese innerliche Wut bestärkte Richard sich dann wieder recht in dem
Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den guten Speisen, die
ihm vorzüglich schmeckten, nie zum zweitenmal zu nehmen, überhaupt nur
gerade soviel, wie er notdürftig gebrauchte, zu essen. Leicht wurde
ihm das nicht immer, denn die starke Luft dieses zwischen zwei Meeren
gelegenen Landstriches brachte ihm einen ungeahnten gesunden Appetit,
und der Professor wie die Mutter waren so grausam, ihm noch tüchtig
zuzureden.
Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl ländlich
einfach, doch mit selbstverständlichem künstlerischen Geschmack
eingerichtet waren und manches merkwürdige Stück an volkstümlichen
Schnitzereien und Webearbeiten, an seltsamen alten Büchern und
fremdländischen Gegenständen enthielten. Hundertmal wollte ihm eine
Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit
der Dinge über die Lippen springen und er mußte energisch die Zähne
zusammenbeißen, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es
immer, wenn am frühen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die
altertümliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und Lütje geschickt
wurde oder er selbst dahin stürmte, die neuen Zeitungen zu holen, und
er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte über all die
ungeheuren Taten, die draußen geschahen, sondern so stumm und abseits
stehen mußte. Es war schon mit solchen Gelübden eine bittere Sache!
Dann wieder sagte er sich, daß er sich mit dem Manne doch nie
verstehen würde. Für einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel
zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichgültigkeit, die den
Jungen empörte. Er konnte, wenn beängstigende oder glorreiche
Nachrichten kamen, die gedruckten Blätter schweigsam beiseite legen
und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren.
Das war dem Jungen unheimlich.
Am liebsten trieb er sich draußen im Garten und Hof, in Stall und
Scheune herum. Da fand er eine höchst anziehende Welt. Mit dem alten
Lütje hatte er sich schnell angefreundet und ließ sich von ihm nicht
nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im Füttern und
Aufzäumen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem
Ziehbrunnen, schaute, von Märchenschauern durchströmt, in seine enge
dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise glänzte, und lachte,
wenn der hohe ungefüge Schwengel bewegt und die vor Alter
kohlschwarzen Ledereimer an einem Strick herabgelassen wurden, um
gefüllt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das
Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als käme es aus dem
geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und trüge etwas von Urkraft
in sich. -- Es war ihm täglich ein neues Entzücken, früh im Dunkelgrau
des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu
schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Zügelführung zu
lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu
schnellster Gangart anzuspornen und mit einem kühnen Bogen vor der
altertümlichen Wirtschaft des Städtchens vorzufahren, wo die Liese
untergestellt wurde, während er selbst sich den Wissenschaften
zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten
Wissenswürdige von allen guten Dingen der Erde dünkten. Auch die
Schuljungen langweilten ihn. Mit der schweren verschlossenen, etwas
hinterhältigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und Gutsbesitzersöhne
wußte er nicht viel anzufangen. An Lebenserkenntnissen war er ihnen weit
voran. Machte er eine Bemerkung, die ihm selbstverständlich schien, so
begriffen sie ihn gar nicht, steckten hinter seinem Rücken die Köpfe
zusammen und lachten. Auch wenn er begeistert neu entdeckte, was
ihnen Altgewohntes war, und es nun plötzlich von einer ganz andern
Seite beleuchtete und betrachtete, die ihnen gesucht und sonderbar
vorkam. Hellauf loderte seine Freude an allem, was sich bewegte,
wuchs, lebendig war in Tier- und Pflanzenwelt. Er konnte versunken
stehen und den gefleckten Kühen nachschauen, die am Morgen durch
die stillen Stadtstraßen getrieben wurden, und darüber den
Schulanfang versäumen. Er brachte am liebsten selbst jeden Tag den
Schweinen das Futter und sah ihre gierigen Rüssel wühlen. Er
starrte mit einer Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten
Augen in das faltige scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, daß
der Alte verlegen und geärgert sich brummend umwandte, als könne
dieser Knabenblick ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf
unbegreifliche Weise ans Licht bringen, wieviel Geld er auf der
Sparbank liegen hatte, oder sonst Dinge ergründen, die nicht jeder
zu wissen brauchte.
* * * * *
Rolfers hörte im Nebenzimmer oft mit Vergnügen auf die frische Stimme,
die so übersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen
unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und
Kurioses begegnet war. Er hütete sich, die beiden durch sein
Erscheinen zu jähem Verstummen zu bringen. Es war ihm Bedürfnis, viel
allein zu sein, die Schmerzen, die ihn noch häufig plagten, mit sich
selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben,
ohne seine störende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden.
Das mußte wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige
Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu
anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig.
Ihn, der keineswegs Anlage zu Gefühlsseligkeit hatte, bewegte es
dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen
Geschäftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am
wenigsten in dieser Gegend zur Höflichkeit neigen, beim Anblick seines
leer niederhängenden Ärmels mit linkischer Ehrfurcht die Mützen zogen.
Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vorüberging, oder
sprangen herzu, ihm hilfreich eine Tür, ein Gatter zu öffnen. Frauen
traten näher, fragten, wo er sich »das« geholt -- und »Ihrer« sei auch
dabei, und wann er meine, daß der Friede käme, als habe die Tatsache
seiner Verwundung genügt, ihn mit hellseherischen Kräften auszurüsten.
Andre brachten ihm die letzten Äpfel, die ersten frischen Eier ins
Haus oder ein altes Huhn zu einer kräftigen Fleischbrühe. Rolfers
hatte niemals viel Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt -- er hatte vor
allem frei und unbelästigt in seinem Häuschen leben wollen -- er wußte
auch jetzt gut genug, daß diese Zeichen von Liebe und Freundlichkeit
kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen Empfinden der
Dankbarkeit gegen die Schützer des Vaterlandes gegeben wurden. Dennoch
taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn fester mit den Menschen,
die um ihn her unter den alten grünbemoosten hohen Strohdächern
wohnten. Sein Gruß wurde herzlicher. Hier und da blieb er selbst
stehen, mit den Alten, die auch die Söhne an der Front hatten, eine
Zwiesprache anzuknüpfen, nach Briefen zu fragen, Erklärungen zu geben,
soweit er es vermochte, Nachforschungen über Verwundete und Vermißte
in die richtigen Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, fühlte er sich
unter Freunden, und es bedrückte ihn nachgerade mit einer
unerträglichen Spannung, daß der eigene Sohn in ihm nur den »Feind« zu
sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards unfreundliches und
kaltes Wesen, was ihn bekümmerte, sondern vielmehr die Unfähigkeit des
Jungen, sich aus dem Persönlichen zu einer höheren und stärkeren
Anschauungswelt aufzuschwingen.
Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer
Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das
Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann kam seine Verwundung mit dem
hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des Ortes. Rolfers glaubte die
Angelegenheit längst vergessen und tat auch keine Schritte, sie wieder
in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm das Kreuz durch den Oberst
seines Regimentes im Auftrage des Generals doch noch übersandt. Er
ging hinüber in das gemeinsame Eßzimmer, wo er Martha und Richard
hörte, um der Frau das Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm
das schwarzweiße Bändchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wußte er
genau, er tat dies nur für den Knaben.
Richard kam näher, nahm das Kreuz, während es auf dem Tisch lag, in
die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann
wieder hin, warf einen scheuen glänzenden Seitenblick auf Rolfers und
beschäftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen.
»Du bist doch ein rechter Stoffel,« schalt Martha. »Kannst du nicht
dem Onkel Glück wünschen?« Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung für
die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden.
»Na, das hat doch beinahe jeder,« knurrte der Junge als Antwort. »Was
ist denn da weiter dabei!«
»Richard, wie kannst du nur so ungezogen sein -- ich muß mich ja für
dich schämen,« rief die Mutter und hatte Tränen in der Stimme.
»Laß nur Martha,« sagte Rolfers ruhig. »Er hat ja ganz recht. Es ist
wirklich nichts andres als ein Erinnerungszeichen, daß man seine
Pflicht getan hat. Man hat noch andre.«
Richard zog die Mundwinkel verächtlich herab. Er hatte sicher
erwartet, etwas Pathetisches aus Rolfers' Mund über das Eiserne Kreuz
zu hören, hatte sich bereits innerlich dagegen gewappnet, und es
kränkte ihn, daß nun nichts dergleichen kam.
»Der Kerl hat natürlich nicht das mindeste patriotische Gefühl,« so
ging es durch des Knaben Hirn. »Pfui, wie widerwärtig ist mir diese
herablassende Kälte!«
Und er schlenderte hinaus zu seinem Freund Lütje, die Tür mit
beträchtlichem Knall zuschlagend.
Rolfers trat neben die Mutter und strich leise über ihr Haar. Es war
die erste sanfte Berührung, seit sie zusammen hausten.
»Geduld, Kind,« sagte er. »Schnell gehen solche Eroberungen niemals.
Auf eine gute Portion kindischer Ungezogenheit habe ich mich gefaßt
gemacht. Das tut gar nichts zur Sache. Nur bitte ich dich, schilt den
Jungen nicht, sonst wird er vollends verstockt.«
Martha seufzte. Sie litt unter der Beklommenheit, die von ihrem
Zusammenleben nicht weichen wollte. Es hatten sich eine Fülle von
Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Blüte
kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Befürchtungen.
War es nicht tausendmal gemütlicher gewesen, als sie und ihr Junge in
der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung fröhlich hausten und sich
lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung
dem Manne -- und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben -- gebracht hatte,
nun für Früchte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu
erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten,
was sie für Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er
schien sehr genügsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in
der langen Zeit ihrer Trennung.
-- -- Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau,
gegen die er viele und zarte gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen
hatte? Demütigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine
Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach rückhaltlos mit ihr
über alle seine geschäftlichen und pekuniären Angelegenheiten. Aber
daneben übte er sich doch fortwährend im Schreiben mit der linken
Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem
geliebten Wesen endlich die erwünschten Nachrichten von sich selbst
ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte?
Hatte er in dem hübschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem
sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche
Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wußte davon ... die weißhaarige
Frau in dem Blaudruckkleide, die in der Küche mit dem Geschirr
klapperte, hätte ihr Auskunft geben können. Aber es wäre Martha Lebus
eine Unmöglichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers' Leben in
der Zwischenzeit, seitdem er sie verließ, gehörte ihm, -- wie ihr das
ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere Männer ihr nahegetreten
waren. Es kränkte Martha, daß er davon nichts wissen wollte. Warum
eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn
es ihm gleichgültig war?
* * * * *
Im Oberstock des Hauses hatte schon der frühere Besitzer ein
geräumiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es
verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die
Treppe, die nach oben führte, betreten.
Eines Nachmittags in der Schneedämmerung brachte der Fuhrmann zwei
Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung
zurückgesandt wurden. Lütje schleppte sie hinauf und rief Richard zu,
sich den Schlüssel zum Atelier von Herrn Rolfers geben zu lassen und
ihm die Türe zu öffnen. So betrat Richard die Werkstatt seines Vaters
-- zum erstenmal sah er die Werkstatt eines Künstlers.
»Lütje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen?« fragte Martha.
»Nee, der Richard ist noch oben!«
»Mein Gott -- so lange ... Ich will doch gleich ... Hoffentlich gibt
er keinen Unfug an!« rief sie besorgt.
»Nee -- Unfug macht er nich -- der guckt sich bloß die Bilder an,«
brummte Lütje.
»Laß ihn,« entschied Rolfers.
»Er kann ja gar nichts mehr sehen -- willst du nicht doch
hinaufgehen?«
Rolfers machte eine ablehnende Bewegung und setzte sich ans Fenster in
den alten Lehnstuhl, wo er gerne ruhte.
Nach einer Weile konnte die Mutter es nicht unterlassen, an die Tür zu
gehen und hinauszurufen:
»Richard, wo steckst du? Komm zu mir!«
Rolfers schüttelte den Kopf.
»Könnt ihr Frauen denn nie begreifen, was ein erster Eindruck für
einen Menschen bedeutet? Du liebst den Jungen -- und gönnst ihm das
nicht ...«
»Ich ängstige mich, er könnte etwas fallen lassen oder verderben ...«
»Und wenn schon -- was liegt daran ... Sehen möchte ich ihn -- sein
Gesicht -- wie er da herum geistert ...«
Martha hatte ihren grauen Soldatenstrumpf wieder vorgenommen. Die
Nadeln klapperten hastig, von unruhigen Fingern gerührt. Sonst hatte
ihr Richard stets gehorcht ...
Nach einer Weile hörten sie ihn vorsichtig die Treppe hinuntertappen,
durch den Flur schleichen, die Haustüre aufklinken.
»Er sollte doch zum Tee kommen,« bemerkte die Mutter.
»Nein, er soll jetzt nicht zum Tee kommen -- laß ihn laufen, er soll
mit sich allein sein.« Rolfers beugte sich vor, hob die Gardine und
blickte der kleinen Gestalt nach, die eilig am Gartengitter hinstrich,
um die Ecke bog, den einsamen Weg zum Moor einschlug. Als er wieder
ins Zimmer zurückschaute, wo die Frau inzwischen die Lampe angezündet
hatte, glänzten seine Züge warm und freudig.
»-- Ich werde nie vergessen, wie selig ich war, als ich zuerst in ein
Museum kam -- meine Mutter nahm mich eines Tages unverhofft mit in die
Stadt und ging mit mir hinein! -- Wie besoffen bin ich vier Tage lang
herumgelaufen -- kriegte Tadel über Tadel in der Schule, weil ich
nicht aufpaßte -- ja -- ich weiß noch -- ein kolossaler Schinken von
Rubens mit so 'nem springenden Löwenbiest und einer fetten
Frauensperson -- der überwältigte mich ganz und gar -- jetzt finde ich
ihn scheußlich -- es war einfach die Kraft, die Üppigkeit, die mich da
so anschrie ...« Er lachte gutlaunig, indem er sich in seine
Jugenderinnerungen vertiefte. »Damals ging mir's zuerst auf, daß ich
Maler werden müsse ...«
Martha fragte weiter und ließ sich erzählen, während sie ihn mit Tee
versorgte und ihm Zigaretten und Feuer brachte. Es waren immer ihre
liebsten Stunden gewesen, wenn er so ins Plaudern geriet -- es geschah
schon früher selten genug und war allemal ein Zeichen von besonders
guter Stimmung. Plötzlich kam ein Punkt, wo die Gegenwart sich wieder
unerbittlich, gespenstisch vor die heitere tatenfrohe Vergangenheit
schob. Und der Mann verstummte, lag im Stuhl, in einen blauen
Rauchdunst eingehüllt, und träumte von unwiederbringlichem Glück
ungehemmten Schaffens. Musikalische Erinnerungen stiegen in seinem
Hirn auf, aus den Melodien, wie sein inneres Ohr sie hörte, stiegen
Farben empor, fügten sich symphonisch ineinander, Linien glitten als
Leitmotive hinein, wollten etwas von ihm, seine Phantasie spann sie
zusammen zu Entwürfen. -- -- Rolfers blickte ihnen nach, wie sie
entstanden und mählich zerrannen ...
* * * * *
Der Professor gab Lütje den Auftrag, den Atelierraum zu heizen. Nach
dem Mittagessen sagte er in seiner kurzen Weise zu Richard:
»Die Bilder müssen ausgepackt und neuverschickt werden. Du kannst
nachher mit hinaufkommen und mir helfen.«
Das Gespräch beschränkte sich auch oben in dem verstaubten, mit
Skizzen, Zeichnungen behängten, mit beiseite gestellten Leinwänden,
mit Mappen, Flaschen, Farbentuben, Paletten und Staffeleien
vollgestopften Raum auf die Anweisungen, die Rolfers dem Jungen gab.
Er hantierte leidlich geschickt mit Schraubenzieher und Stemmeisen an
den flachen Kisten. Rolfers sah ihm zu und hatte keinen Blick für alle
Erinnerungen an geschaffene Werke, an Begonnenes, das nach Vollendung
schrie.
Als Richard eines der Bilder aus der Kiste hob, hieß er ihn, es auf
eine Staffelei stellen.
»Das ist unser Moor,« sagte der Junge erfreut.
»Woran erkennst du's?«
»Nu -- hier doch, die große Eberesche und der Torfgraben. Das muß fein
sein, wenn die Heide so blüht.«
»-- -- Ja -- von einer tollen Farbigkeit -- das Braun des Bodens steht
famos zu dem Purpur der Blütenfläche. In manchem Jahr ist sie auch
blasser -- lila -- Die Lufttöne sind hier immer so schwer und satt --«
»Das möchte ich sehen ...,« rief Richard, dessen Blicke aufmerksam an
dem Bilde hingen.
»Wirst du schon mit der Zeit.«
»Der Torfstecher ... das ist ja der alte Timme -- in dem Häuschen, wo
das viele Moos auf dem Dache wächst -- der sitzt immer so dösig vor
der Tür ...«
»Ja -- dösig ist er -- hat 'en Blick wie ein altes Tier, das eben aus
'm Moor rausgekrochen ist. Warte mal, -- irgendwo müssen hier herum
die Studien zu dem Bild sein -- daraus kannst du sehen, wie so was
wird.«
Der Junge stand verlegen, während Rolfers in den Mappen blätterte.
Eilig sprang er zu, die bezeichnete auf den großen Tisch zu tragen.
Rolfers nahm Blatt auf Blatt heraus -- erklärte, sprach über seine
Pläne, Versuche, erörterte die Unterschiede zwischen Bild und Studie,
über Raumverteilung und Perspektive -- über künstlerische Abgrenzung
als Geschmacksfrage ... Er dachte kaum noch daran, daß er einen Knaben
vor sich hatte, dem das alles böhmische Dörfer sein mußten. Er redete
geistreich, bildhaft und treffend, wie er vor seiner Malklasse von
herangewachsenen Akademieschülern gesprochen haben würde. Dabei ging
er in dem Atelier hin und her, belegte seine Ausführungen an dem
Vorhandenen, auch an Farbenskizzen von Kollegen mit sinnfälligen
Beispielen.
»Interessierst du dich eigentlich für diese Dinge?« fragte er, sich
unterbrechend.
Der Junge nickte eifrig.
Rolfers lächelte. Einen so quellklaren Blick hatte Martha zuweilen
haben können -- wenn sie ihm entgegenkam, bebend vor Liebe und
Zärtlichkeit, seine Umarmung, seine Küsse erwartend. Sonderbar, wie
tote Dinge aufleben konnten und dann doch so neu und anders wurden ...
Eine Stille war entstanden, in der Rolfers die Stimme des Knaben
hörte, scheu und heiser vor Erregung:
»Ich möchte Ihnen mal was zeigen -- na -- es ist nischt -- ich weiß
schon ...«
»Also -- hol's und dann werden wir sehen!«
Er schoß unten durch das Wohnzimmer an seiner Mutter vorüber: »Du --
er will meine Skizzen sehen ...«
Sie sah die leuchtende Geistesschönheit, die das junge Gesicht
durchglühte -- nein so -- so hatte sie ihren Jungen nie vorher
geschaut.
Ein Schmerz, der sie völlig schwindlig machte, rann ihr vom Herzen bis
in die Fingerspitzen.
Warum ließ ich seine Macht wieder in unser Leben hinein? dachte sie
voller Haß.
* * * * *
Nun wurde Richard der Schüler seines Vaters. Der war ihm ein harter
Lehrer. Oft hätte der Junge den Sonntagmorgen tausendmal lieber
verträumt, verbummelt, wäre ziellos im Dorf und in der Umgegend
herumgestreift. Das gab's nicht mehr. Die karge Zeit, die von den
Schulpflichten übrigblieb, mußte ausgenützt werden. Das Schlimmste für
Richard war: er sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Malkasten,
Pinsel und Farben beiseite lassen -- nur zeichnen, mit Kohle, mit
Rötel, mit Bleistift -- aber immer nur zeichnen. Das fand er
demütigend und philisterhaft. Er lehnte sich innerlich dagegen auf
und bereute oft genug, daß er Rolfers in seine Arbeiten hineinschauen
ließ. Es war ein liebes Träumen und Versuchen gewesen bisher, ein
Ausfüllen von Mußestunden. Was arbeiten heißen wollte, lernte er jetzt
erst.