in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angefüllt mit
den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund
gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des
Vergehens über die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach
Tod ergriff stärker als jemals sein ganzes Wesen und löste seine
Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, spülte sie gleichsam hinweg,
wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und
verspülen, daß der Boden glatt, weiß, unberührt daliegt, wie am ersten
Schöpfungstag.
Als Franz Rolfers am nächsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis
aller Nachtträume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt kommen zu
lassen und sein Testament aufzusetzen. Die Hälfte dessen, was die
wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte,
sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen
ein gut Teil in sich tragen mußte, die Zukunft sichern, dem Jungen vor
allem die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung geben. -- Die andere
Hälfte wollte er zu jeweiligen Unterstützungen an junge Künstler von
Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten, angelegt wissen.
Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um so etwas wie
Kunst in diesen wilden Zeitläuften ein ingrimmiges Lächeln nicht
unterdrücken konnte.
* * * * *
Aus solchen Erwägungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie
das nächste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu
einem Beruf zeige.
»Er wird Maler wie du,« antwortete sie ohne sichtliche Freude oder
Abneigung.
»Ein zeitgemäßer Plan,« höhnte Rolfers. »Waffenfabrikant soll er
werden. Etwas anderes wird in den nächsten fünfzig Jahren bei uns kaum
in Ehren stehen. Natürlich hast du dem Bengel die Kateridee
beigebracht?«
»Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet,« sagte Martha.
Aber Rolfers fuhr im gleichen gereizten Tone fort: »Ihr Frauen seid
unbegreifliche Geschöpfe. Ich erinnere mich gut, daß du meine Kunst im
Grunde immer haßtest -- wenn du es auch ziemlich geschickt verbergen
konntest. Bei Gelegenheit brach's doch durch. Ganz elementar. War ja
auch für dich eine fragwürdige feindliche Macht. Wäre ich einfacher
Bürger gewesen, hätte ich doch schwerlich so gehandelt, wie ich eben
handelte ... na, lassen wir das. Nun willst du in einer Art von
sentimentaler Erinnerung den Bengel in etwas hineinzwingen, was ihm
vermutlich nicht im mindesten liegt. Wo bleibt da deine vielerprobte
Verständigkeit? Wie alt ist der Bub eigentlich? Zwölf Jahr'?«
»Nein -- vierzehn,« berichtigte sie mit zitterndem Munde.
»Ach, so alt schon ...? Ja -- verzeih -- ich habe Tage und Jahre
niemals nachgezählt!« Sie hob die Augen und sah ihn schweigend an, mit
einem eigentümlich hoffnungslosen Blick. Franz erwiderte den Blick
ernst und ruhig.
»Wir wollten von dem Jungen sprechen,« sagte er nach einer Weile kühl.
»Du hast mir neulich angedeutet, daß er nicht gerade von liebevollen
Gefühlen gegen mich beseelt ist, was ich ihm wahrhaftig nicht
verdenken kann.«
»Ich habe immer versucht, gerecht zu sein, wenn ich von dir sprach,«
verteidigte sich Martha.
»Das traue ich dir zu. Aber der Junge müßte doch ein Schlappinsky
erster Güte sein, wenn er nicht einen ehrlichen Haß gegen mich hätte
-- Teufel auch! Denke ich mich an seine Stelle ... Kennt er denn
Bilder von mir?«
»Außer der Pastellzeichnung, die du von mir gemacht hast und die bei
uns hängt, keine. Er war auch nie zu bewegen, in die Nationalgalerie
zu gehen und die 'Düne im Sturm' zu sehen, die sie dort von dir
angekauft haben.«
»Ja -- dann verstehe ich aber noch weniger ...«
»Er will auch gar nicht Maler werden. Er haßt alle Künstler --
'verachtet' sie, wie er sich ausdrückt. Er hat ja nie einen gesehen
und gesprochen --,« fügte sie mit einem kleinen Lachen ein ... »Er
will Jura studieren und Rechtsanwalt werden -- weil er gehört hat,
die verdienten unter den Juristen am meisten Geld ...«
»So so -- also doch ein Berliner Kind der Neuzeit.«
»Er will dir dann die Kosten für seine Erziehung mit Zinsen
zurückgeben, hat er mir gesagt,« antwortete die Mutter und reckte sich
in die Höhe.
»Donnerwetter! Das ist ungewöhnlich!« rief Rolfers verblüfft.
»Er will dir nichts zu verdanken haben!«
»Famos -- famos! -- Mir scheint, er wird mir doch einiges zu verdanken
haben, was er mir nicht gut zurückgeben kann!«
»Ja, einen harten Willen hat er!«
»Also -- was ist's dann mit dem Gefasel von der Künstlerschaft?«
»Ich sagte ja nicht, er will Maler werden, sondern er wird es werden.
Ich muß dir einmal seine Mappen mit Skizzen bringen. Die sollst du
wenigstens sehen!«
»Ja, tue das -- morgen! Der Junge interessiert mich nun doch,« rief
Rolfers, und seine dunkeln Augen sprühten Feuer.
* * * * *
Als Martha am folgenden Tage mit der ungefügen Mappe aus grauem
Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem Erstaunen außer
Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er es zu tragen liebte,
statt des blau- und weißgestreiften Lazarettanzuges hatte er die
feldgraue Uniform angelegt. Der rechte Ärmel hing lose herab. Das
Gesicht war noch schmaler als sonst, der feine Knochenbau des Kopfes
erschien nur wie von ganz dünner wachsgelber Haut überzogen, unter der
jede Form sich scharf und hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in
einem Korbstuhl gesessen und erhob sich, als Martha nach flüchtigem
Klopfen eintrat. Er kam ihr entgegen, ein Lächeln auf den Lippen, ein
freundliches Glänzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in
braunen Schatten liegenden Augen.
Der Frau schossen die Tränen unter die Wimpern. Sie fühlte mit jäher
Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger,
dem sie unpersönlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat --
der für sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer
geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste
Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und küßte sie.
Sie stand rot und heiß und schämte sich, denn es war ja das
Unpassendste, was sie hätte tun können. Doch verstand er sie, und
wenngleich das Lächeln von seinem Gesicht verschwand und es noch um
einen Schatten bleicher wurde, sagte er doch kein mahnendes oder
bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als
scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverständliches.
»Da hast du die Mappe,« sagte er, »das ist ja gut -- ich hatte beinahe
Furcht, der Bengel würde sie nicht herausrücken.«
»Er weiß gar nicht, daß ich sie nahm.«
»So -- desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster
rücken, bitte -- da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich,
mir die Blätter zu geben. Danke -- ja -- so ist's gut. Das ist ja eine
Menge! Fleißig scheint er zu sein.«
Schweigend vertiefte er sich in die Arbeiten seines Sohnes, die nun
die Mutter mit Fingern, die zuweilen nervös zitterten, vor ihn
hinlegte. Kohle- und Rötelzeichnungen, dann ausgeführtere Aquarelle,
auch einige Versuche in Öl. Landschaftsstudien, ein einzelner
Baumstamm mit ein paar Blumen darunter, ein Stückchen Ährenfeld, ein
toter Vogel. Eine ganze Reihe von Versuchen, seiner Mutter Gesicht zu
fassen, Studien nach ihrer Hand. Skizzen von abziehenden Soldaten, von
Pferden und Munitionswagen, von Fliegern und Flugzeugen, wie er sie in
Johannisthal beobachtet haben mochte. Auch reine Bewegungsstudien, nur
in ein paar Linien für das Gedächtnis festgehalten.
»Doll -- ganz doll,« murmelte Rolfers ein paarmal. »Was der Kerl
riskiert -- eine unverschämte Keckheit --« Er schüttelte den Kopf,
hielt ein Blatt lange vor sich hin. »Wieder mal recht kindlich --
Dieses hier ist mißlungen, -- das auch, -- das -- -- nee, wahrhaftig,
er fängt die Geschichte nochmals an ... Armer Kerl, der mag sich
innerlich gebost haben. -- -- Dies ist nun geradezu unglaublich --!
Dieser Sinn für Raumverteilung -- Köstlich -- jetzt kommen wohl die
Schulzeichnungen? So 'n ganz andres Kaliber! Na ja -- hier schludert
er richtig und macht so was für den Lehrer zurecht. #Ia#.
Selbstverständlich! Schweinerei!«
Rolfers nahm einen Bleistift und zeichnete mühsam mit der Linken eine
»#4b#« neben die Schulnote.
»Meinst du nicht auch, daß er Talent hat?« fragte Martha zaghaft.
Er hob den Kopf, sah sie mit einem seiner scharfen Blicke an.
»Talent -- Talent hat heut jeder Lausejunge -- fragt sich, ob er den
Charakter hat, ein Könner zu werden!«
Rolfers zog zwei Blätter aus den übrigen hervor.
»Donnerwetter -- was ist denn hier -- freie Phantasien ...« Mit den
Seitenstreifen von Postmarken waren sie zusammengeheftet und trugen
die Unterschriften: »Der Schlafende« --»Der Erwachte«. In kühnen
kräftigen Strichen grundiert, dann mit Wasserfarben leicht getönt,
zeigten sie eine ganz eigentümliche und persönliche Technik. Eine Bank
auf einer Anhöhe unter einem Baum, der ungefähr eine Eiche vorstellen
mochte. Hier saß ein nackter Mann, einen alten ungefügen
Kavalleriesäbel über den Knien, den Kopf tief auf die Brust gesenkt,
in Schlaf versunken. Vor sich eine helle Landschaft, mit Obstbäumen,
grünen und gelben Feldern, einem zierlich ausgetuschten Dörfchen im
Hintergrunde. Zur rechten Seite ganz vorn, wie alte Meister zuweilen
kleine Gruppen von Gestalten primitiv einfach nebeneinander stellen,
ein paar Kinder, die mit langen Schilfkolben, sogenannten Bumskeulen,
Soldaten spielten. Das zweite Blatt zeigte dieselbe Landschaft
verfinstert und wildverstört, das Dörfchen in gelb und roten Flammen,
die Obstbäume ausgerissen und durcheinander geschleudert, quer durch
das Bild raste im Hintergrunde ein Eisenbahnzug. Die Eiche war vom
Sturm durchwühlt, der Mann hatte sich erhoben und schritt in scharfer
Silhouette mit mächtigem Schritt die Anhöhe hinab, den Säbel gewaltig
schwingend. In der Ecke die Kinder streckten hilfeflehend die Arme
nach ihm aus.
»-- -- Wo hat der Kerl nur die Studien zu dem Akt gemacht?« fragte
Rolfers lebhaft ... »Das ist ja famos! die Gelöstheit der Glieder im
Schlaf -- die Macht des Schreitens -- das ist einfach verblüffend --
die Majestät der aufgereckten Haltung -- das soll erst mal einer von
uns Älteren rauskriegen, was dem Bengel da geglückt ist ... Ha -- hier
kommen die Studien -- wahrhaftig, leicht macht er sich nichts! Also --
die Badeanstalt!«
»Ja -- von dort kam er immer zu spät heim -- da hat er Stunden und
Stunden verhockt -- und wie viel Schelte hat er gekriegt, bis ich die
Sachen entdeckte.«
Rolfers vertiefte sich mit zusammengefaßter Aufmerksamkeit in die
Skizzen.
»Durch die Profilstellung hat er sich geholfen. -- Na ja -- Anatomie
fehlt noch -- aber die Auffassung der menschlichen Gestalt ...
merkwürdig -- höchst merkwürdig.«
Plötzlich lehnte er sich zurück und lachte herzlich.
»Der Bengel will Rechtsanwalt werden -- richtig so 'ne ausgeklügelte
Chose --! Na, wenn von Deutschland nur zwei Steine aufeinander
bleiben, sitzt der noch drauf und zeichnet die Verwüstung
ab! -- -- -- --
Du -- schade eigentlich, daß du ihm gesagt hast ... wüßte er nicht,
daß ich sein Vater bin, -- den Kerl hätte ich gern zum Schüler gehabt
-- aus dem ließe sich was machen ... Teufel ja -- das könnte mich
reizen ...«
Marthas Blick glitt über ihn hin -- er fühlte ihn, sah auf, traf den
Ausdruck eines erschütterten Mitleids in ihren Zügen.
»-- Ja -- du hast ja recht ... ich hatte vergessen ...«
Heftig stieß er den Stuhl zurück, sprang auf, schritt mit starken
Schritten im Zimmer hin und her und setzte sich plötzlich taumelnd auf
den Bettrand, weiß, hohläugig -- mit gezerrten Zügen, wie ein
Sterbender anzuschauen.
Martha lief, ihm von dem Wein einzuschenken, der in der Nähe stand. Er
trank das Glas leer und belebte sich allmählich wieder. Die Frau stand
neben ihm und strich ihm zaghaft tröstend über das Haar. Er lehnte den
Kopf an ihren Arm, schloß die Augen und murmelte: »Wie gut du bist.
Aber geh jetzt -- ruf mir die Schwester -- ich muß mich hinlegen --
man ist ja zu nichts mehr nütze.«
»Du wirst dich schon erholen. Du bist doch auf dem besten Wege ...«
»Ach, Marthchen -- erholen ... wozu ...?«
Er starrte in Gedanken vor sich nieder, während sie die Blätter wieder
in die Mappe legte, die Bänder zuknüpfte, ihren Hut aufsetzte, sich
still und gehorsam zum Fortgehen anschickte.
»Sag' dem Jungen vorläufig nichts davon, daß ich die Zeichnungen
gesehen habe,« sagte Rolfers, »wenn sich's tun läßt.«
»Gewiß nicht -- obschon es ihn natürlich doch beglücken würde -- aber
es war ja eigentlich ein Vertrauensbruch, daß ich sie ohne sein Wissen
mitbrachte.«
Sie lächelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben.
»Ich denke, den Vertrauensbruch können wir verantworten,« sagte
Rolfers.
* * * * *
Wieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und
Stille ausgefochten werden mußte und zu keinem Siege, zu keiner
Klarheit führte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in
ihm, während er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gefühl
der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf
sich geladen hatte. Darüber kam er nicht hinweg. Er wußte, daß er im
gleichen Falle wieder genau so handeln würde, wie er gehandelt hatte.
Aber das Wissen nahm das Schuldgefühl nicht von ihm. Zwei Mächte
rangen um seine Seele -- gleich an Kraft und gleich in ihrer
unerbittlichen Forderung an den Menschen, mußten sie sich ewig
feindlich einander gegenüberstehen: das Individuelle und das Soziale.
-- Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen
verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der Steigerung
seiner einen persönlichen Kunst willen, tausendmal zuvor am Sozialen
gesündigt, hatte es tausendmal verneint -- weil er an die ewige
Herrlichkeit seiner Göttin mit blindem Fanatismus geglaubt hatte ...
Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in gewaltiger Jugend und
Schöne hinaus über alle Kriege, über alle blutrünstigen
Zerfleischungen und Wahnsinnsanfälle des Menschengeschlechtes -- war
sie nicht unvergänglicher als alle Vaterländer und alle nationalen
Ideen? Die Staaten zerfielen -- die Rassen veränderten sich und
versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen
Forderungen und Idealen -- die Kunst lächelte ernst und heiter hinweg
über sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben geborenes Kind
begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben die Welt aufs
neue zu erobern -- die selbe Welt, in der ihre höchsten Offenbarungen
rücksichtslos zerstampft und verwüstet dem Sozialen zum Opfer fielen.
Rolfers wußte, warum er sterben wollte: In seiner völligen Opferung
sah er einzig die Sühne für eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen
müssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer
einzigen Idee -- der kann nicht mit zerklüfteter Seele armselig dumpf
sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten
Krankenhaus, das angefüllt war bis unter das Dach mit den mannigfachen
Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der
ihn ganz verstanden hätte. Wohl ihnen, daß die soziale Kraft in ihnen
allen so übermächtig geworden war -- wie hätten sie anders ihr
Riesenwerk vollbringen können? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers
unter ihnen wieder als der Einsame gefühlt, der er immer gewesen.
Nur heut war ein Funke in ihm aufgesprüht, der eine flüchtige
leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem
andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach
heißen oder nicht -- gleichviel -- da war ein Geschöpf auf Erden, in
dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartnäckige Wille lebte, der
ihn erfüllte -- ein Wille, den er aufstacheln, bewußt machen, auf
dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. -- Und
das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch
geben? ... Marthas Mitleid brannte ihn wie glühend Eisen, das sich
tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft bäumte
sich auf gegen das Mitleid -- in sich spürte er ein wildes Tier, das
die Zähne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich
mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes Weib! Wie er
sie haßte, weil sie seine Schwäche gesehen hatte! Wie sich die Flamme
seines Lebenswillens von Minute zu Minute stärker entfachte, wenn er
sich ihres barmherzig-wehmutsvollen Blickes erinnerte ... Da -- da --
bei dem Knaben! Da war Sühnung und neuer Beginn! Er ahnte, daß in ihm
das Unvereinbare zu verknüpfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf
dem er nicht selbst ein Kämpfer in den ersten Reihen vorwärts
schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer -- Weiser --
Hüter sein durfte -- desto eigensinniger sein Verlangen, das
Ungewohnte zu ertrotzen.
* * * * *
Martha hatte bereits durch die Oberschwester erfahren, daß Rolfers in
den nächsten Tagen entlassen würde. Die Trennung stand vor der Tür,
schneller, als sie es erwartet hatte.
»Was wirst du nun beginnen? Bleibst du in Berlin?« so fragte sie
beklommen, weil sie sich nicht stärker über seine Genesung zu freuen
vermochte.
»In Berlin? Auf keinen Fall!« antwortete Rolfers heftig. »Sich hier
als Krüppel anstaunen zu lassen -- nein, das wäre das letzte, was ich
ertragen könnte. Ich habe in Holstein so ein kleines Häuschen --
dorthin will ich mich verkriechen. Es gehörte früher meinem Freunde
Pötsch. Du hast ihn doch auch gekannt -- den Pötsch, der die
Moorbilder malte -- immer mit derselben Birkengruppe. Sie steht nicht
weit von dem Anwesen. Und einmal habe ich zu ihm gesagt: Kerl, ehe du
nicht von der Birkengruppe fortkommst, eher kommst du auch nicht
weiter mit deiner Malerei. Na -- und daraufhin habe ich ihm die
Geschichte abgekauft. Ich wollte einen Ort haben, um meinen Kram,
Bücher, Bilder und Skizzen sicher unterzubringen. Ein altes Ehepaar
hält mir die Sache in Ordnung, der Mann besorgt den Garten, die Frau
kocht, wenn ich dort bin. Es war selten genug bei meinem Wanderleben.
Ja -- nun wollte ich dich bitten, den Brief an Lütjes zu schreiben,
sie sollen die Zimmer in Ordnung bringen und einheizen und Vorräte
anschaffen, damit wir's gemütlich finden, wenn wir hinkommen.«
Martha blickte hastig auf.
»Ich wollte dir den Vorschlag machen, mich für eine Weile zu
begleiten.«
»Aber der Junge?«
»Der kommt natürlich mit!«
»Er muß doch in die Schule!«
»In der nächsten Stadt ist ein Gymnasium. Lütje fährt ihn hin, bis er
die alte Liese selber regieren kann. Der Sohn vom Doktor muß in seinem
Alter sein. Die Jungens können sich zusammentun. Das wäre kein
Hinderungsgrund.«
»Ja, das ließe sich machen,« antwortete Martha -- »Nur ...«
»-- Du hast mir neulich angedeutet,« sagte Rolfers bedächtig, »daß
deine Stellung durch den Krieg in Frage gestellt ist. Ich muß jemand
haben, der mir hilft. Es ist doch auch geschäftlich immerfort etwas zu
erledigen. Deine Art kenne ich einmal. Es ist eine rein praktische
Frage. Nimm sie auch so. Vielleicht hast du selbst schon an etwas
Ähnliches gedacht?«
»Zuweilen habe ich daran gedacht,« gestand die Frau zögernd.
»Also! -- Ohne Verbindlichkeiten für die Zukunft, so wenig von deiner
wie von meiner Seite.«
»Nein!« rief Martha hastig. »Es geht doch nicht! Ich kann mich nicht
dazu entschließen!«
»Sage mir offen deine Gründe -- wir reden ruhig darüber.«
»Du wirst lachen, wenn ich sage: mein armes eingeschränktes Leben ist
mir wert geworden. Ich mag's nicht aufgeben. Wie es war, war's
harmonisch -- friedlich.«
»Kann unser Zusammenleben nicht auch friedlich sein? Ich hoffe es. Für
Kampf bin ich nicht mehr gestimmt -- wenigstens nicht für einen Kampf
mit dir!«
»Ach, Franz -- das sagt man so. Nachher ist's doch anders. Jeder will
etwas für sich und der andre weiß nichts davon und will das Gegenteil.
Und so quält man sich ...«
»Wir müssen eben nicht zu viel wollen -- wir beiden Alten,« sagte
Rolfers und lächelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig kühl
und spöttisch.
»Mit dem Jungen ist's anders. Der soll nur wollen! Für ihn fällt doch
manches Gute dabei heraus. Die neue Umgebung -- Ein frisches Stück
Welt ... Etwas sperren wird er sich anfangs ...«
»Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,«
antwortete Martha in glücklichem Mutterstolz.
»Damit sprichst du sehr viel aus, Martha,« sagte Rolfers. »Ein
besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die größten
Pädagogen niemals angestrebt. Ich wünsche dir Glück dazu! -- Nun
wollen wir den Brief an Lütjes aufsetzen ... Es sind zwei hübsche
Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie für dich und Richard
herrichten! Paß auf -- es gefällt dir, mal wieder auf dem Lande zu
sein!«
»Es wird mir schon gefallen,« sagte Martha Lebus, und über ihr Gesicht
verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit.
* * * * *
Die erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der
Abreise in Berlin statt. Sie begrüßten einander auf dem Bahnhof wie
zwei Fremde, die durch äußere Zufälle gezwungen sind, miteinander zu
verkehren. Während der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der
hartnäckig aus dem Fenster schaute. Er ließ es ruhig geschehen, daß
Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, »Herr
Professor« oder »Herr Rolfers« nannte. Es widerstrebte ihm durchaus,
Ansprüche auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine
Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, gänzlich außer acht
gelassen hatte. Er hätte auch kaum gewußt, wie er Vaterwürde
darstellen sollte.
Zunächst enttäuschte ihn Richards Äußeres ziemlich stark. Er hatte
unwillkürlich ein Abbild der eigenen Persönlichkeit erwartet, nur mit
dem Reiz der Jugend neugeschmückt --: eine schlanke geschmeidige
Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur
eben mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch
ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der
etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute
Lächeln, das eigentümlich sonnig zuweilen über sein stubenblasses
Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergnügen,
daß er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise
gefällig erwies. Das war ihm vorläufig wertvoller, als hätte sich
Richard ihm gegenüber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den
Stolz seiner Zurückhaltung.
Bei der langen Schlittenfahrt über die sturmumsauste Landstraße und
später durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und geschützten
Hohlwege, die Knicks der holsteinischen Gegend, weilte sein Auge doch
häufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm
gegenüber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportmütze über
die Ohren gezogen, auf dem schmalen Rücksitz das Gleichgewicht zu
halten suchte, und sich nicht rührte, wenn dem Professor die
schützende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft
werden mußte. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig
hübschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen
hätte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen.
-- Ob das störrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in
diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen zähen
Kampf wird's kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn
immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin würde man auch wissen, ob
Deutschland in seinem Gigantenkampf Sieger bleiben würde. Ehe man
nicht diese _eine_ von allen Gewißheiten mit sich nehmen konnte, eher
hätte man doch nicht von hinnen gehen können.
* * * * *