In all den fremdartigen Lebensumständen geleitete doch ein

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INS NEUE LAND

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung

zeitgenössischer Romane

[Verlagslogo]

Ullstein & Co / Berlin Und Wien

INS NEUE LAND

VON

GABRIELE REUTER

[Verlagslogo]

Ullstein & Co / Berlin Und Wien

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin.

* * * * *

Die Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem

Parterresaal der Verwundetenbaracke.

»Wie geht's unserm Finsteren?« fragte der junge Doktor im weißen

Operationsmantel, mit der unpersönlichen Heiterkeit, die Ärzten und

Pflegerinnen im Verkehr untereinander und mit den Patienten zur

Gewohnheit geworden ist.

»Wieder etwas Temperatur, der geistige Zustand derselbe, schwere

Depression. Antwortet kaum auf eine teilnehmende Frage. Reden Sie doch

mal mit ihm, Herr Doktor ...«

»Ja, das will ich, Schwester ... Sonderbar, gerade den Gebildeten

unter den Verwundeten geht es oft so besonders hart an, sich mit

ihrem Schicksal abzufinden. Man sollte meinen ...«

»Sie haben eben die größere Denkfähigkeit, um sich alle

Schwierigkeiten der gehemmten Zukunft deutlich vorzustellen,«

antwortete die Schwester. »Haben Sie mal auf die ausgearbeitete Stirn

unseres Finsteren geachtet?«

»Was Ihnen noch alles auffällt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester ...

Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.«

Der junge Arzt öffnete die Glastür. Aus langen Reihen weißer

Eisenbetten grüßten ihn die Augen von bärtigen und unbärtigen, jungen

und alten Männerköpfen. Feine wie stumpfe, törichte wie kluge

Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese

Krieger, welche ihr Leben rücksichtslos dem Tode entgegengeworfen

hatten, waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen Nächten so mürbe

geworden, daß sie von einem blonden fröhlich blickenden jungen Manne

im weißen Kittel sehnsüchtig irgendeine Linderung ihrer Leiden,

irgendeinen Trost für unerträgliche Pein des Körpers oder der Seele

erwarteten.

Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte

sich für einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, für eingetroffene

Briefe wie für die Fiebertabellen zu Häupten der Verwundeten und für

ihre Verbände. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der,

aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er

zärtlich, wie einem jungen Bruder über den kurzgeschorenen Kopf.

»Weiterschlafen, -- ruhig weiterschlafen!«

Der »Finstere«, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in

reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf

ausgeprägtes Gesicht mit großer Hakennase und dunklem Bartgestoppel um

das energische Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken

Verbänden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung.

»Damit können wir jetzt aufhören,« sagte der Arzt. Er löste mit Hilfe

der Schwester die Binden und Gehänge. »Es hat keinen Zweck mehr. Die

Heilung schreitet ja gut voran. Die Schmerzen sind wohl erträglicher,

seit wir uns zu dem letzten Schritt entschlossen haben? -- -- Was?«

Ein bitterer Zug, der ein Lächeln vorstellen sollte, verzog den Mund

des Mannes. Er brummte etwas Unverständliches.

»Nun heißt es nur, auch den Allgemeinzustand heben,« fuhr der junge

Arzt fort. »Dazu können Sie selbst ein gutes Teil beitragen, lieber

Herr! Sich keinen Zukunftssorgen hingeben -- -- wird schon alles

wieder werden! Der Staat sorgt für seine Verteidiger -- --, na und

einem Manne wie Sie wird es ja nicht schwer werden, wenn's sein muß,

sich in einen andern Beruf einzuarbeiten ... Sie leben doch -- --

werden wieder gesund ...«

Ein Blick aus dem fahlen Gesicht traf den Tröster, scharf,

durchdringend, ein Blick von so machtvollem Hohn, daß er verlegen

schwieg.

»Lassen wir die Zukunft,« sagte der Verstümmelte herrisch. »Wäre es

nicht möglich, mir ein Einzelzimmer zu geben? Die Schwester meinte,

oben sei eins frei geworden ... Wenn Sie das einrichten könnten, wär'

ich Ihnen dankbar.«

»Gewiß, gewiß -- -- das läßt sich tun! Nur, ich weiß nicht, ob Ihnen

jetzt die Einsamkeit frommt. Hier haben Sie doch Zerstreuung,

Ablenkung ... Sie liegen unter Kameraden, die alle von der gleichen

Idee beseelt sind! Durchhalten! Durchhalten!!« Als der andre nicht

antwortete, fuhr er zögernd fort: »Könnte nicht jemand von Ihrer

Familie Sie mal besuchen?«

»Ich habe keine Familie,« sagte der Mann schroff. »Bitte nur um das

Einzelzimmer. Sind besondere Kosten zu entrichten, so kann ich dafür

aufkommen.«

Der junge blonde Mediziner nickte eifrig.

»Ich werde es besorgen,« sagte er in einem Ton, der plötzlich

bescheiden und beinahe schüchtern geworden war. »Schwester, -- -- der

Patient hier soll auf Nummer sechsunddreißig umgebettet werden. Sie

könnten das in die Hand nehmen, nicht wahr?« Er ging hinaus, die

Schwester folgte ihm.

»Was ist der Mann eigentlich, -- -- ich meine, seiner bürgerlichen

Stellung nach?« fragte er draußen.

»Ich glaube, Künstler, Maler, oder so etwas. Er redet nie über sich.

Man kommt ihm nicht näher. Aber trotzdem, ich denke oft: er ist wer!«

»Mein Gott,« murmelte der Doktor bekümmert, »wenn man immer wüßte -- --

es ist so schwer ...«

Er seufzte, nickte der Schwester zu und schritt eilig durch den

Garten, der die verschiedenen Baulichkeiten umgab, seinen Rundgang zu

vollenden.

* * * * *

Franz Rolfers lag wieder mit geschlossenen Augen. Er litt die

seltsamen Schmerzen in seinem Armstumpf, diese aufregenden

Empfindungen, als tue noch jeder Nerv des entfernten Gliedes bis zu

den Fingerspitzen weh. Mit krankhafter Neugier folgte er den

verschiedenen Anfällen seiner Körperpein, nur um sein Denken nicht auf

das dunkle Loch zu richten, das ihm die Zukunft bedeutete. Um ihn her

waren Beine zerschmettert, Gedärme zerrissen, Lungen durchbohrt,

Schädel zertrümmert worden ... alles hätte er mit Mut und Freude

erlitten. -- -- Nur nicht die Augen, -- -- nicht Hand und Arm. Doch

gerade das -- -- das Schwerste wurde von ihm gefordert.

Im Grunde lag so wenig daran, wenn auf dieser zertrümmerten Welt

einige Bilder nicht gemalt wurden ... In der Theorie war ihm das klar

-- -- selbstverständlich klar.

Als er im Begriff stand, sich als Freiwilliger zu melden, war ihm die

Möglichkeit in der Phantasie aufgestiegen -- -- er hatte sie mit

Gewalt erdrosselt, sie in den tiefsten Schacht des Bewußtseins

hinabgeschleudert, sie dort eisern gefangen gehalten.

Danach wurde alles Erleben ein unwahrscheinlicher, greller tosender

Traum.

-- -- Das Zeitungsblatt mit der Kunde der Mobilmachung ... -- Er sah

es zuweilen vor sich, wenn er des Nachts erwachte. Fühlte wieder

genau, wie alles sich für ihn abgespielt hatte. -- Das Boot des

norwegischen Fischerjungen, das an der einsamen Schäreninsel, wo er

malte, allabendlich angelegt hatte, ihm seine Korrespondenz zu

bringen. Die Tage zuvor nur eine Empfindung von Ungeduld, von Ärger:

»Widerlich, diese Menschenbande, die nicht Ruhe halten kann ...« Und:

Sie werden sich am Ende schon irgendwie vertragen. Es ist ja immer so.

Vor allem, sich nicht stören lassen in der Arbeit ... Nun schrie ihm

der Fischer in einer fremden Sprache das Ungeheure entgegen und

schwenkte die Drucksachen wild in die Lüfte.

... Zunächst ein Verstummen -- ein Versagen jeglichen Gefühls.

Plötzlich diese fürchterliche Selbstverständlichkeit des

Unbegreiflichsten. Im rasenden Wirbel tausendfältiger blitzartiger

Gedankenbilder als Kern im Mittelpunkte seines Ich die dunkle

verworrene Empfindung: Dich geht das alles doch nicht an ...

Rolfers hatte niemals gedient. Militärisches Wesen lag völlig

außerhalb seiner Lebenssphäre. Weit hinter dem erzgrauen Meer mochte

das Entsetzen wüten -- wenn er wollte, konnte er morgen weiter

arbeiten wie gestern und alle Tage zuvor. Niemand würde ihn hier in

seiner Nordlandeinsamkeit hindern.

Auf dem schwarzen sonndurchwärmten Granitfelsen saß er abends, schaute

über die wogenden Gewässer, die von lila und flaschengrünen Streifen

durchzogen waren und in einem milchigen Weiß verdämmerten. Geruhsam

klatschte das Wasser regelmäßig gegen den Stein, den die Umwälzungen

von Urwelten aus der Tiefe emporgehoben hatten.

Da kam es plötzlich ...: Aus dem langsamen Näherrollen der fernen

großen Wellen wurde ein Heranwogen endloser Massen von Feinden ...

Aus den tückischen Stimmen der Tiefe drang das böse Gemurmel ihres

Hasses in sein Bewußtsein. Er schaute die wimmelnde Menge frecher

Hohngesichter, wie er sie auf den Boulevards von Paris geschaut ...

Und umringt von ihnen ein Weib ... gewaltig -- überlebensgroß an Formen

und Gestalt ... Doch auf dem Antlitz Angst und Not ... Er sah ihre

Arme verzweifelt gen Himmel gereckt, sah ihre Gewänder wehen in der

Eile der Flucht ... Aus dem blutigen Rot des Abendhimmels drangen

Scharen neuer Feinde gegen sie vor: Kalmückengesichter, verzerrt von

einer dumpfen tierischen Wut ... Kosakenpeitschen wurden gegen sie

geschwungen, sausten klatschend über ihre edle Stirne, daß Blut

herniedertroff und sie zusammenbrach vor Schmerzen ... Und die Meute

gräßlicher Gestalten raste über sie dahin, immer teuflischer, immer

grauenvoller an Aussehen und Gebärden ... Schwarze Rauchgespenster

wälzten sich über den Himmel, Feuergarben schossen auf ... Ein Lachen,

wie er es nie gehört ... War es um sie geschehen? Die Angst erstickte

ihn, er rang nach Luft, das Herz schlug mit gewaltigen Schlägen, die

Brust war ganz erfüllt von diesem Pochen und Hämmern ... Gott -- Gott

-- sie erhob sich -- blutend, zerfetzt, taumelnd, mit Kot und Schweiß

bedeckt -- Sie sah auf ihn -- auf ihn, Franz Rolfers -- aus

unergründlichen Augen ... Wie seine Mutter auf ihn geschaut, als sie

sterben mußte ...

* * * * *

Eine Stunde später waren seine paar Malergerätschaften

zusammengepackt, der alte Fischer, bei dem er wohnte, mit dem Glanz

eines Goldstückes und der Macht seiner herrischen Person bestochen,

ihn hinüberzurudern zum Festland. Das Boot glitt durch die helle

nordische Nacht, in der alle Zauber göttlicher Friedensschönheit über

den Wassern ruhten. Rolfers sah sie nicht mehr. Über öde Heideflächen,

durch Ginster und Wacholdergestrüpp, durch Birkenwälder und

Felsenwildnisse stundenweit zur nächsten Bahnstation gelaufen. In

atemloser Hast den Schnellzug genommen -- hinein gestürmt in den sich

heimwärts ergießenden Schwall von Reisenden. Angehörige aller

europäischen Völker in engsten Räumen zusammengepreßt einer neuen

Trennung der Stämme entgegenreisend, einer Scheidung, die erfolgen

mußte mit der Schärfe und Grausamkeit chemischer Scheidungen ...

Gepäckstücke waren sie alle, nichts weiter, die befördert wurden,

liegen blieben, weitergeschafft wurden, ohne jede Rücksicht auf

menschliche Bedürfnisse wie Essen, Schlaf, Kleider gegen Frost und

Nässe, Schutz gegen Sommergluten. Nur weiter, weiter zwischen

schluchzenden Frauen, schreienden Kindern, finster gefaßten oder

aufgeregt redenden Männern -- bis man in einer unbegreiflichen Weise

zum Ziele kam und die deutsche Grenze überschritt.

Von Militärbehörde zu Militärbehörde. Hier zurückgewiesen, dort

vertröstet, -- endlich doch eingestellt. Kriegsfreiwilliger, wie

Tausende von andern Männern und jungen Knaben. Eingeordnet in die

ungeheure, bewunderungswürdig genau arbeitende Maschine des deutschen

Heerwesens.

Es folgte die Drillzeit als gemeiner Soldat, schwer und peinlich für

ihn und noch für manchen der gepflegten, verfeinerten, nicht mehr

jungen Männer. Die ausbildenden Feldwebel schwelgten in dem

Machtbewußtsein ihrer Herrschaft über die Fülle von Kraft, Geist und

gelassener Vornehmheit, die ihnen so plötzlich zur Verfügung gestellt

wurde. Aufgaben, für die in gewöhnlichen Zeiten Jahre vorgesehen

waren, mußten in Wochen bewältigt werden. Ohne Roheit, ja Grausamkeit

in der Behandlung war das kaum zu schaffen. Rolfers kam seine

körperliche Abhärtung, seine Gelenkigkeit, die auf hundert

abenteuerlichen Studienfahrten erworben war, zugute. Übrigens ging

alles Denken unter in dem wilden finsteren Verlangen: nur an den Feind

heran ... Nur ihn endlich fassen dürfen ... Hinaus -- hinaus ins Feld,

an die Front ...!

-- -- Der Rausch des Abschieds, Blumen und Tränen, Singen, Jubeln,

flatternde Tücher, winkende Hände, brausende Musik ... Rolfers

marschierte, von einigen Schülern begleitet, die dem gleichen Los mit

Ungeduld entgegenfieberten, im Strom der Tiefbewegten dem Bahnhof zu.

Ein Gefühl in ihnen allen ... Das Persönliche in dieser Stunde völlig

ausgelöscht -- himmelhoch aufschlagend die Flamme _eines_ Wollens in

Millionen ... Das Erlebnis von ungeheurer Wucht für ihn, den Einsiedler,

der im Kampf um seine Kunst auf innere Menschengemeinschaft längst

verzichtet hatte. Heut empfand er das Untertauchen im Gefühl aller als

etwas Köstliches, als einen hehren und flüchtigen Besitz.

Er kannte sich. Bald genug würden Kritik und Zweifelsucht und das

innerliche Zurückweichen vor der Masse wieder sein Los sein. Das

begann schon während der langen Eisenbahnfahrten unter all den

schwitzenden, stinkenden Männern mit ihren plumpen Späßen, ihren

törichten Unterhaltungen, mit dem sich fortgesetzt wiederholenden

Singen, Schreien, Begrüßen an den Bahnhöfen. Doch herrschte ein

Unbekanntes in ihm. Es war die Überzeugung von der völligen

Nichtigkeit alles dessen, was er selbst als Franz Rolfers fühlte und

dachte. Das waren nur noch übriggebliebene Fetzen aus einem abgetanen

und gestorbenen Leben. Es war ihm selbst so gleichgültig wie den

andern.

Nur vorwärts, vorwärts zu dem ersehnten, ertrotzten Ziel! --

Märsche von rasender Eile, bei denen die Glieder zu zerbrechen drohten

vor Schmerzen, bei denen der Schweiß am Körper niedertroff und ihn in

ekle Dünste hüllte, bei denen man mit entzündeten Augenlidern im

Sonnenbrand, unter dicken weißen Staubschichten, Staub in der

ausgetrockneten Gurgel, die gleich Feuer brannte, endlose blendend

helle Landstraßen entlang trabte. Dann wieder in finsteren

Regennächten durch unergründlichen zähen Schlamm vorwärts torkelnd,

kaum den Vordermann zu unterscheiden vermögend und doch mit ihm die

dumpfe letzte tierische Gier teilend: sich ausstrecken -- schlafen --

fressen ...

Manchem zarten Jungen liefen die Tränen stromweis über die Backen in

Überreizung, in Aufbietung der letzten Anstrengung, die der Körper

herzugeben vermochte. Niemand achtete darauf, es war alles gleich --

nur vorwärts -- vorwärts -- vorwärts!

Der Hunger wühlte und riß in den Eingeweiden, quälte die erschöpfte

Phantasie mit sonderbaren Bildern. Die Not des Vaterlandes versank in

trüben Nebeln. Hartnäckig stiegen alberne Vorstellungen auf. Rolfers'

Sehnsucht kreiste um ein lindes Leinenlaken, er beschäftigte sich mit

einer Daunendecke von violetter Seide, kühl und zart anzufühlen, in

die er einst nach anstrengender Bergbesteigung in dem Landhaus einer

Freundin die Glieder hatte hüllen dürfen. Er sah das Monogramm, das

er einmal gezeichnet, in dem Überschlag, die Freiherrenkrone über den

Buchstaben ... Schwerer roter Burgunder glühte in großen

Kristallkelchen -- immer hatte er eine Vorliebe gehabt für edles

Kristall und alte Spitzen auf den Tischzeugen -- er spürte den

Geschmack des Weines auf der Zunge -- Fasanenpastete reichte der

Diener ... Er roch den feinen Duft der Trüffeln -- widerlich, daß man

von den dummen Erinnerungen nicht loskam ...

»Verflucht feine Klöße konnte meine Olle kochen,« hörte er eine

brummige Stimme hinter sich ... »ick sage schon, wenn ick davon 'ne

Schüssel hier hätte -- mit Speckstippe ... Dunnerschlag ja ...!«

-- -- Franz Rolfers mußte lachen -- laut und erlösend. Hatte er das

Menschliche je so stark in seiner Macht erkannt?

* * * * *

Es kam keine große Schlacht für sie, keine der gewaltigen Taten mit

Niederwerfung, Umklammerung, Vernichtung des Feindes -- mit

schmetternden Siegesfanfaren und brausenden Hurras auf den

leichenübersäten Feldern.

Das war andern Kameraden beschieden, nicht gerade seinem Regiment.

Lange bekamen sie keinen Feind zu Gesicht. Doch auch über ihren Köpfen

vernahmen sie die kleinen Vögel, die so seltsam fein und scharf

sangen, wenn man sie am Ohr vorüberfliegen hörte ... Hier -- dort

streckte einer den Arm in die Luft, taumelte ein paar Schritte

vorwärts -- sank in sich zusammen.

* * * * *

Die erste Zeit im Schützengraben ... Strenges Verbot zu feuern,

nachdem einige der in den Gräben vor dem ihren liegenden Kameraden

getroffen worden waren. Untätiges Liegen. -- Warten. -- Tage und

Nächte hindurch. Die Granaten krachten, platzten, rissen lebendige

Menschen zu einem Klumpen von Blut, Fleischfetzen, zuckenden

Gliedmaßen zusammen. Knattern, Sausen, Brüllen, Dröhnen, Donnern --

die Luft auf Meilen ringsum von Getöse erfüllt. Ein Heulen in letzter

Todesqual -- Angstgekreisch aus rasenden Schmerzen -- obszöne Scherze

-- krampfiges Gelächter -- betende Hilferufe, abgelöst von starrem

Schweigen hinter zusammengebissenen Zähnen, während die Granaten in

ihren Reihen wüteten in der stockrabenschwarzen Finsternis. Rolfers

lag, wie die Nachbarn, das Gesicht in den nassen Lehm gedrückt, den

Tornister zum Schutz auf den Nacken gerückt. Plötzlich fühlte er sich

erwachen, nachdem er wie in einem tiefen Schlund untergesunken

-- erkannte, daß er geschlafen hatte, mitten im Tosen und Krachen der

explodierenden Geschosse. An seiner Seite, zur Rechten, zur Linken

ein schweres Schnarchen anderer toderschöpfter Männer. Er -- Franz

Rolfers, der seinen Namen in die Ewigkeit zu schreiben beabsichtigte

-- nur einer von vielen -- vom Todesgrauen in Bleischlaf gestürzt --

wie der Metalldreher dort, der Schusterjunge hier, der den Knabenkopf

schlaftrunken an seine Schulter drängte.

Als der Morgen dämmerte, der Befehl zum Angriff an sie gelangte, stieß

er das heisere wilde Hurra aus verdorrter Kehle gleich den andern,

sprang, schlich, stürzte, sprang wieder in weiten Sätzen, wie sie die

Sehnen nur leisten konnten, über die glitschigen Lehmschollen, die

faulenden Blätter der Rübenfelder. Springen, sich niederwerfen, wieder

springen mit dem schweren Tornister auf dem Rücken, das Gewehr mit

aufgepflanztem Bajonett schwingend, -- ja, wie sie brüllten schrien,

tobten -- die Gesichter blaurot -- die Augen aus den Höhlen gequollen,

kein menschlicher Ausdruck mehr -- vom Blutrausch ergriffen, eine

Schar von Teufeln, von Vernichtern ... Und im Nebel auftauchend die

blutigroten Flecken der Franzosenhosen -- die feindlichen Gestalten,

die sich, schreiend, kreischend wie sie selbst, ihnen entgegenstürzten

-- im grauen klatschenden Regen ... Im Nahkampf sich packten mit

Fäusten und Kolbenhieben und Messern, und der Stahl der Bajonette

sauste in weiches Menschenfleisch, und Blutfontänen spritzten in die

Lüfte, die Knochen krachten, die Augen sprangen aus den Höhlen -- die

Nase füllte sich mit dem Gestank des Todes ... Keiner -- nicht Freund

noch Feind -- mehr Mensch mit menschlichen Schicksalen und Leiden

-- nur noch ungeheure Gewalten, in wütender Wollust und grausiger

Umarmung gegeneinander ringend -- in jedem Blutstropfen nur noch das

Leben des Vaterlandes spürend ...

-- -- Vernichtet, zerstampft mußte sie werden, die feindliche Gewalt,

wie Hirnmasse und Schädeldecken zerstampft wurden in den grausamen

Kämpfen ... Rolfers raste, tobte, schoß, schlug, haute um sich,

brüllte und würgte im Wahnsinn der Kampfgier gleich den andern.

Vernichtet mußte sie werden, die französische Kultur, die er studiert,

zergliedert, an der er gelernt, die er geliebt hatte wie wenig Dinge

auf Erden. Notwendigste Ergänzung des eigenen Besitzes war ihm

Frankreich gewesen in Zeiten, die undenkbar ferne schienen ... Welch

ein wahnsinniger Traum ...

-- -- Viele Nächte in Kellern oder zerschossenen Bauernhütten, wo man

in der nächsten Sekunde in Flammen eingehüllt sein konnte, mit Gestank

und Ungeziefer, zwischen einer feindlichen Bevölkerung, von der man

sich aller Greuel und jeder Heimtücke zu versehen hatte. Ihm kam die

Kenntnis der Landessprache mit allen Provinz- und Volksausdrücken

zugute -- er hatte einst viel gemalt in diesen Gegenden. Nun konnte er

Händel schlichten zwischen den Leuten und den Kameraden, die bis zur

gegenseitigen Raserei ausarteten und oft nur aus Mißverständnissen

hervorwuchsen. Die Einwohner, besonders Frauen und Kinder, faßten

trotz seines kurz angebundenen Wesens ein wenig Vertrauen zu ihm, er

sah hinein in das grenzenlose Elend, das der Krieg über alle diese

Familien brachte. Und konnte nicht mehr herzerleichternd mit den

Kameraden schimpfen: dreckige, verruchte Bestien! Mit starrem Schmerz

fühlte er nur: auch sie morden ja für den einen göttlichen Begriff:

Vaterland -- Heimat!

Unter den eignen Landsleuten nahm er dieselbe Stellung ein wie überall

sonst zwischen Menschen: er genoß Achtung, ja zuweilen Verehrung, ohne

geliebt zu werden. Trotz all des tief Gemeinsamen, was ihn mit den

Kameraden verband, blieb eine kühle Ferne zwischen Rolfers und den

Mannschaften. Das änderte sich auch nicht durch die brüderliche

Teilung von Liebesgaben, durch die Trauer um Gefallene, durch die

Schulter an Schulter bestandenen Gefahren. Rolfers war keine Natur,

die sich warm erschließen konnte, oder die Öffnung andrer Herzen zu

erwecken vermochte. Früher hatte er diesen Mangel schmerzlichst

beklagt, später nahm er ihn als unabänderlichen Teil seines Wesens.

Dürstete ihn nach Erhebung, so wandte er sich an die Natur. Sie sprach

zu ihm, wie nur zu Auserwählten, er war ihr ein Liebhaber, dem sie

intimste Reize erschloß, den sie trunken machen konnte mit einem

Zauber, der andern vorenthalten blieb. Zwar beobachtete Rolfers, daß

auch unter Offizieren wie Soldaten manche während dieses Feldzuges die

Rückkehr in den Zustand des wilden Urzeitmenschen mit einer tiefen

Lust genossen. -- Würde solche erstaunliche Veränderung Früchte tragen

in einem Frieden, der höchst unwahrscheinlich ferne, unerreichbar

schien? ... Würde sie als wertvolle Vereinfachung von Sitten und

Empfindungen eine Neugestaltung überfeinerter Kultur bewirken können?

Oder würde sie mit allen Erlebnissen dieser innerhalb der

schauerlichsten Todesbezirke vertrotzten Zeit in die dunkeln Gründe,

die unter dem wachen Bewußtsein schlummern, zurückgeworfen und dem

Vergessen überantwortet werden?

Solchen Gedankengespinsten hing Rolfers gern in müßigen Stunden nach.

Antwort konnte er nicht geben, denn noch befand sich alles in

strömender Bewegung, in fürchterlicher Aufwühlung von unmöglichen

Gegensätzen, in denen zu jeder Stunde Rückfälle in Barbarentum und

Tierheit mit den strahlendsten Beweisen höchsten Menschentums

zusammenstießen. Gleicherweise bei Freund und Feind.

In all den fremdartigen Lebensumständen geleitete doch ein

tiefgewohntes Heiligvertrautes den Kriegsfreiwilligen Franz Rolfers.

Gleich den Blutströmen in seinem Adergeflecht, die unempfunden in

steter gleichmäßiger Tätigkeit zum Herzen fluteten, von dort wieder

zurück den Weg durch Lunge und Körper nahmen, ihn mit tausend

geheimnisvollen Kräften nährend, blieb der starke Strom seines

Kunstgefühls zu jeder Sekunde in ihm rege tätig. Ohne daß die Gedanken

teilzunehmen schienen, wurde die Bildnerkraft seines Innern

unaufhörlich getränkt mit Farben, Linien, mit Gruppen und Gebärden

von Menschen, die groß, einfach und gewaltig waren, wie er nichts

Ähnliches früher je geschaut. Er sah Anstrengung der Muskeln von

Pferden und Männern, die alles Glaubhafte weit hinter sich ließen,

wenn sie schreiend und fluchend eines dieser modernen Ungetüme von

Haubitzen eine Anhöhe hinauf zu zerren suchten oder das Geschütz, den

Munitionswagen aus einem Sumpf herausholten. Er sah das rasende

Umsichschlagen verendender Rosse und die Todesangst, das eherne

Ertragen wütenden Schmerzes in den Gesichtern der sterbenden Menschen,

gegen die antike Masken von Kriegern gleichgültig wurden. Alles, alles

war zum Äußersten gesteigert: Ausbrüche der Freude, der Wut, der

Liebe, der Frömmigkeit und des Hasses, die tief heraufgeholt wurden

aus Urschlünden und Abgründen ferner Zeiten, da Mensch und Tier

begann zu werden ... Und wieder Sommer- und Herbstnächte voll der

süßesten Schönheit und friedevoller Einsamkeit mit allen Lauten,

Tönen, Düften, die ihn zauberisch erquickten, weil sie das

Altvertraute mit dem kaum begriffenen Neuen so einfach verknüpften,

daß es nun Erfahrung werden durfte, sich in ihm aufspeicherte zu

unsichtbarem, machtschwangerem Besitz.

* * * * *

Ein Patrouillengang des Nachts durch ein kleines Waldtal -- der

Leutnant, er und noch ein paar Kerls. Es hatte am Mittag des Tages

eine Schießerei in dem Gelände stattgefunden, die Rothosen waren

überwältigt, einige gefangengenommen, die andern hatten sich eilig

zurückgezogen. Nun sollten sie auskundschaften, ob die Gegend restlos

vom Feind gesäubert war. Man fand nichts Verdächtiges, kehrte,

vorsichtig am Waldrand entlang schleichend, zurück. Der Offizier und

die Mehrzahl der Leute waren schon ein Stück weit voran, als Rolfers

seinen Nebenmann auf ein dunkles Etwas aufmerksam machte, das im

tiefen Baumschatten neben ihrem Wege lag.

»Ein Toter oder Verwundeter,« flüsterte er seinem Nachbar zu.

»Ach was, schnell vorwärts,« murrte der. »Wir verlieren den Anschluß,

und wer weiß, ob die Bande nicht noch im Dickicht hockt.«

Winselnde Wehelaute drangen aus dem Dunkel zu ihnen empor. Das Grausen

fuhr Rolfers ins Herz, einen hilflosen Menschen hier liegen zu lassen

in der finsteren Regennacht. Er hielt die Mütze vor und leuchtete mit

der elektrischen Taschenlaterne dem Verwundeten ins Gesicht. Der hob

sich mühsam; schwarze Augen stierten Rolfers an, eine hastige Bewegung

-- in demselben Moment krachte der Schuß.

Ein dumpfer Schlag durchfuhr Rolfers -- er stürzte wie ein Stück Vieh

quer über den Franzosen.

* * * * *

Als er erwachte, schien der Mond still durch die Bäume. Er bewegte den

Kopf, blickte aus nächster Nähe in ein gelbes Totengesicht. Die Augen,

deren Ausdruck voll rasenden Hasses sofort wieder vor sein Gedächtnis

trat, lagen grau gebrochen unter nur halb geschlossenen Lidern, der

Mund war wie von einem müden Ekel schiefgezogen. Ein knabenjunges,

feines Antlitz, von erstem Bartflaum umrandet.

Rolfers suchte sich zu erheben -- da packte ihn wütender Schmerz in

Arm und Schulter und atemlose Angst ... War's möglich, war's nur zu

denken, daß das Schlimmste getragen werden mußte?

Und er schlug wieder hin, von aller Kraft verlassen -- auf den starren

Körper des Knaben, der ihm das getan ... Die Nacht verging in halber

Bewußtlosigkeit, in Durstqual und fieberisch gesteigerten Ängsten. Bei

grauendem Morgenlicht fanden ihn zwei Sanitätssoldaten, die von den

Kameraden ausgeschickt waren, ihn zu bergen.

Der Arm war in Fetzen und Splitter geschossen, von einem dieser

heimtückisch im Innern des Körpers platzenden Geschosse.

Im Etappenlazarett wollte man ihn sofort amputieren.

Rolfers widersetzte sich so leidenschaftlich, daß der Stabsarzt

begriff, um welchen Wert es sich hier handelte, und versuchte, durch

zahllose mühselige Kleinoperationen die Knochensplitter einzeln zu

entfernen. Der Mann litt standhaft, was gelitten werden mußte. Die

wütenden Schmerzen heimlich zehrender Eiterungen, wilde Fieberzeiten,

unterbrochen von dumpfem Morphiumschlaf. Ein Auf- und Abwogen von

Hoffnung und Verzweiflung.

In seinen Phantasien verfolgte ihn ein immer wiederkehrendes Bild. Er

sah mit peinvoller Deutlichkeit den schlanken jungen Franzosen, auf

einem gefällten Baumstamm am Waldrand sitzend, in der lässigen Grazie,

die Rolfers an den Pariser Jungen so oft bezaubert hatte, das holde

Profil tief gesenkt, von weichen dunkeln Wimpern die bernsteingelbe

Wange beschattet, ein lauernd grausames Lächeln um den roten

Kindermund, wie er behutsam mit der Feile seines Taschenmessers

arbeitete und schabte, den Stahlmantel des blanken Geschosses zwischen

seinen Fingern zu spalten, damit es gerade die entsetzliche Wirkung

üben sollte, von der in den Schützengräben mit wollüstigem Vergnügen

geredet wurde.

Ein erregendes Verlangen plagte Rolfers, diese Gestalt, dieses Antlitz

seines Verderbers zu zeichnen, das Gemisch von Überfeinerung und

Verruchtheit eines todgeweihten Volkes -- aber zugleich versank in ihm

die Hoffnung tiefer und tiefer, daß er jemals wieder Stift und Pinsel

führen könne.

Der letzte Versuch einer Rettung des Armes sollte durch die Behandlung

eines großen Chirurgen in Berlin ausgeführt werden. Der Lazarettzug

trug ihn mit vielen Leidensgefährten durchs deutsche Land.

Einmal, während sie, die Einfahrt in einen Bahnhof erwartend, in

langsamer Fahrt dahinrollten, hatte Rolfers aus den sonderbaren

Fieberzuständen heraus, in denen die Dinge urplötzlich so

geheimnisvolle Bedeutungen annehmen können, einen Anblick, der ihn

grenzenlos erschütterte.

Auf dem Bahndamm, hoch über dem unten fahrenden Zug, stand eine Frau.

Als sie die Soldaten in den Fenstern sah, hob sie ihre beiden Arme

steil gen Himmel, faltete die Hände und beugte sich tief, bis zur Erde

nieder.

Nie hatte Rolfers eine Bewegung von so viel Größe und Inbrunst

geschaut. Ihm war zumute, als grüße in der Gestalt dieser Bauersfrau

Germania selbst ihre geopferten Söhne.

Und nun schien es ihm nicht schwer zu vergehen. Er fühlte sich mit

einer dunkeln Lust tiefer und tiefer in die Schlünde des Todes

hinabsinken, gegrüßt von jener göttlich-hohen, inbrünstig-demütigen

Gebärde.

Noch am Abend nach der Ankunft in Berlin erfolgte die Amputation des

brandig gewordenen Armes, trotzdem er lallend schrie, ihn sterben zu

lassen.

* * * * *

Ohne irgendeine Basis, ohne irgendeine Notwendigkeit, irgendeinen

Wunsch, seine künftigen Tage hinschleppen zu müssen ... Konnte das

Pflicht sein? -- Unsinn!

Er hatte seine Pflicht geleistet, rücksichtslos, instinktiv, wie alle

Volksgenossen. -- -- Was nun noch kam, ging einzig ihn selbst, Franz

Rolfers, an. Er war aus einem Stück der Allgemeinheit wieder zur

Einzelperson geworden. Wollte er aus dem Lande der Lebendigen

fortgehen, wer durfte ihn hindern? Sobald er das Lazarett als geheilt

verlassen würde, mußte die Erlösungsstunde für ihn kommen. Dies hatte

er in sich beschlossen und wartete. Mit starrer Geduld, schon entrückt

den Interessen der Kameraden.

Barmherzig war er nie gewesen, und in Liebesdiensten für andere sich

hinzugeben, diesen letzten Trost der Verstümmelten, das lag ihm nicht.

Er haßte Heuchelei -- auch gegen sich selbst.

* * * * *

Besuchsstunde. Neben den weißen Betten, auf den kleinen Glastischen

Blumen oder Früchte: Trauben, Birnen, Äpfel auf Tellern, in braunen

Tüten, weiße Kästchen mit Konfekt, Marmeladetöpfchen, Bücher und

Zeitungen. Es staute sich das Mannigfachste. Vor den Betten standen

Kinder, Frauen, Mütterchen, Freundinnen, Onkels und Tanten. Ein

Lachen, Schwatzen, Scherzen erfüllte den hohen Saal. Verstohlen

wischte hie und da eine Frauenhand niederstürzende Tränen von der

Wange. Ein altes Jüngferchen, dürftig gekleidet, mit einem lieben

Lächeln auf dem Runzelgesichtlein, verteilte Tellerchen mit süßem

roten Gelee und weißer Schlagsahne. Jedesmal an sechs Krieger. Für

mehr reichten ihre Mittel nicht, bekannte sie ganz offen. Aber sie kam

täglich mit neuen Erzeugnissen ihrer Kochkunst. Die Soldaten nannten

sie die Lazarettmutter und verstanden sich gut mit ihr. Bisweilen

rauschten Damen mit kostbaren Pelzen und Reiherhüten durch das

bescheidene Besuchsvolk, schritten von Bett zu Bett, verteilten

Zigarren und huldvolle Worte. Die Schwestern mit den weißen Häubchen,

den hellen Kleidern eilten hin und wieder, Ordnung zu halten, riefen

ein mahnendes Wort, dem lachend gefolgt wurde.

Alles in allem hätte man zwischen zwei und vier Uhr nicht glauben

können, welch eine Summe von Elend und Kummer in diesem weißen, von

heiterem Stimmenwirrwarr erfüllten Saal ausgefochten wurde.

Rolfers tönten die schrillen Berliner Stimmen verletzend im Ohr. Seine

Gefühle waren zwiespältig gemischt aus Anerkennung der herzlichen und

opferwilligen Güte, die sich in den kurzen Stunden ringsumher

bekundete, und aus einem peinlichen Schmerz über die Anmutlosigkeit

der Gebärden, der Erscheinungsform dieser Liebe, über die Torheit der

Gespräche, die Zudringlichkeit der Wohltäterinnen.

Die Besuchsstunde war jedesmal eine harte Prüfung seiner krankhaft

gereizten Nerven. Anfangs hatte er mit einer gewissen Anteilnahme

beobachtet. Jetzt lag er mit geschlossenen Augen oder hielt sich eine

Zeitung vors Gesicht, um die Aufmerksamkeit möglichst wenig auf seine

Person zu lenken. Vor wenigen Tagen war es geschehen, daß eine

hübsche, sehr elegante junge Dame bei der Beschäftigung, riesige

Stücke Napfkuchen zu verteilen, neben seinem Lager plötzlich gestutzt

hatte und dann einen Schrei tat: »Meister --! Ja, Meister Rolfers,

sind Sie's oder sind Sie's nicht? Und Berlin weiß nicht, daß Sie hier

liegen? Aber das ist ja unerhört -- aber da muß ich doch gleich ...

Was kann ich nur für Sie tun?«

»Nichts, gnädige Frau, als zu schweigen!« hatte Rolfers geantwortet.

Dies war freilich das stärkste Verlangen, was man an die

liebenswürdige Schwätzerin richten konnte. Sie hatte sich auf seinen

Bettrand niedergesetzt, hatte dort auf und ab gewippt mit dem

Lackschuh -- jede Berührung seines Lagers verursachte ihm noch immer

unerträgliche Pein -- und hatte ihm versichert, daß er ganz der Alte

geblieben sei in seiner genialen Grobheit, die nur er sich erlauben

dürfe. Darauf machte sie ihm den Vorschlag, seine Überführung in das

Privatlazarett ihres Mannes zu veranlassen, wo er alle Bequemlichkeit

haben würde und geistige Anregung und ihre eigene, ganz besondere

Fürsorge.

Rolfers sah, während die junge Frau so plauderte, auf den blaßroten

Mund, dessen feine Linien an den Winkeln ein wenig nach oben gebogen

waren, und der unter dem weißen Schleier eigentümlich reizvoll

blühte. Es fiel ihm ein, daß er diesen Mund einmal in der Nachtlaune

eines Künstlerfestes sehr lange und innig geküßt hatte. Er dachte

daran, wie man an Dinge von gestern denkt. Er hatte die junge Dame im

Auftrag ihrer Eltern gemalt und guten Erfolg mit dem Porträt gehabt.

Es hatte ihm die goldene Medaille eingetragen, und wahrscheinlich wäre

ihm auch das reiche Mädchen nicht unzugänglich gewesen, doch nach dem

Kuß auf den blühenden blaßroten Mund packte ihn plötzlich ein Grauen

vor all dieser wohlarrangierten Bürgerlichkeit, und er hatte sich jäh

zurückgezogen. Leicht bewegte Anmut, die war ja nun hier und bot ihm

aufs freundlichste ihre Gaben. Wie völlig belanglos schien ihm auch

dies und jede Hoffnung, die sich daran knüpfen mochte. -- Widerwärtige

Vorstellung: des Vaterlandes Not und Triumph zu benützen, um als

Krüppel über einen gesunden, wohlbestallten Professor und Gatten

obzusiegen ...

Der jungen Frau wurde mit einem höflichen Lächeln ablehnend gedankt

für all ihre gütigen Pläne. Als trotzdem am folgenden Tage eine

Fruchtschale und Rosen von wundervollster Üppigkeit eintrafen, ließ

Rolfers Trauben und Blumen unter die Kameraden verteilen. Sein Gesicht

wurde nicht einen Augenblick heller. Der Vorgang bestärkte ihn nur in

dem Wunsche nach einem abgelegenen Zimmer, wo er für solche Besuche

unauffindbar blieb. Die Pflegerinnen meinten seitdem, er habe doch

wirklich einen unleidlichen Charakter. Rolfers beobachtete die

steigende Kühle ihm gegenüber mit Humor.

Ihm selbst war ruhiger und gelassener, ja zuweilen ganz

menschenfreundlich zumute, seitdem er mit sich fertig geworden war und

seine Persönlichkeit aus dem Wirbel des Geschehens zurückgenommen

hatte, um dieser Zusammensetzung, die sich Franz Rolfers nannte und

die nur durch Hand und Arm für die Menschheit Wert gehabt, aus

selbstherrlichem Willen ein Ziel zu setzen. Er brauchte sich

wahrhaftig nun noch weniger als je zuvor darum zu kümmern, wie er auf

seine Umgebung wirken mochte.

* * * * *

»-- -- Fräulein Niemann ist krank und schickt mich an ihrer Stelle,

Sie sollen doch Ihr gewohntes Labsal nicht vermissen,« hörte Rolfers

eine weibliche Stimme mehrmals wiederholen. Den Klang kannte er --

oder täuschte er sich? Wo mochte es gewesen sein, daß er die Stimme

gehört hatte? Sie war weich, ruhig, angenehm ... Erinnerungen kamen

ihm -- das war schon die Zeit von vorgestern, als er diese Stimme

heller und fröhlicher als heut hatte neben sich schwatzen hören, und

leise Liebesworte plaudern ... Er beobachtete hinter seiner Zeitung

verborgen die mittelgroße, einfach gekleidete Frau, die von Bett zu

Bett ging, mit den Schüsselchen, die sonst von dem alten Fräulein

verteilt wurden.

-- -- Sie war es wirklich, die kleine Martha, die er einmal liebgehabt

... wie hübsch sie damals war mit dem blonden krausen Haar und den

hellen Augen -- lieber Gott -- nun sah sie aus wie irgend jemand ...

farblos -- das war wohl heut die Formel für sie ...

Er fühlte nicht das mindeste Bedürfnis nach einer neuen

Erkennungsszene -- aber im Grunde war es ja vollkommen gleichgültig,

und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn

es einmal nicht zu umgehen war.

Die Frau näherte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: »Das

tut mir nun leid -- für Sie habe ich nichts mehr.«

»Der Herr liebt sowieso keine süßen Speisen!« bemerkte bissig eine

junge Pflegerin, die vorüberlief.

Rolfers legte die Zeitung beiseite. »Die Schwester hat recht -- machen

Sie sich also keine Sorge,« sagte er höflich und hielt die Frau, die

an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen.

»Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?«

»Es ist nichts Ernstes -- nur eine Erkältung,« antwortete die Frau.

Ein Erröten stieg ihr vom Hals hinauf, lief über Wangen und Stirn.

Ihre Augen bekamen, während sie Rolfers anschauten, einen hilflosen

Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue

zu flüchten versuchte. Tränen quollen empor, verhüllten die

hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen

Schleier, bis sie langsam über die Wangen niedertropften.

»-- Ja, Martha,« sagte der Mann sanft, »so steht es nun mit mir.«

Sie nahm hastig ihr Tuch und verhüllte ihr Gesicht.

»Komm, setze dich, es ist nicht gerade nötig, daß die Menschen auf uns

merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm -- Es ist lieb, daß

das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht

anders ...«

Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl,

den sie ein wenig von seinem Bette fortrückte. Sie blickte ihn mit

ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren Ränder nun

leicht gerötet waren, aufmerksam an. »Hast du viel Schmerzen gehabt?«

fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die

sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte.

'... Sie ist alt geworden,' dachte er. 'Merkwürdig, wie schnell das

bei blonden Frauen geht. Wie die Züge sich verändern, alle festen

Formen verlieren.' -- -- »Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,«

sagte er laut. »Aber das ist ja gleichgültig. Das Schlimmste ist

überstanden. -- -- Wie lebst du, Martha?«

»Wie immer -- ich bin bei einem Rechtsanwalt angestellt und habe mein

Brot. Wird der Chef eingezogen, weiß ich freilich nicht, wie es gehen

soll ... Aber ich werde wieder etwas finden, mir ist nicht bange,«

fügte sie eilig hinzu.

»Und der Junge?«

»Ein großer Kerl -- schon in Obertertia.«

»Ich habe mich gefreut, daß du ihn bei dir behalten hast. Hoffentlich

wächst er dir nicht zu sehr über den Kopf, quält dich nicht ...«

»O nein,« entgegnete sie lebhaft, wurde wieder rot, und ihre Augen

begannen zu glänzen. »Wir verstehen uns gut. Es ist ein lieber Junge

und begabt! Hat für alles Interesse. Das sagen auch die Lehrer.« Kaum

hörbar flüsterte sie: »Ich bin dir dankbar, daß ich ihn aufs Gymnasium

schicken kann. Von meinem Verdienst ginge es nicht!«

»Das ist doch nur selbstverständlich!« antwortete Rolfers ablehnend,

seine Brauen zogen sich zusammen.

Martha Lebus erhob sich sofort. »Ich muß nun gehen,« sagte sie scheu,

und der verwirrte Blick machte ihr Gesicht unbedeutend und

mitleiderweckend. »Darf ich dich bald einmal wieder besuchen?«

Rolfers lächelte und hielt ihr seine linke Hand entgegen, die sehr

bleich und durchsichtig geworden war, wie die Hand einer leidenden

Frau.

»Gewiß, Martha, das ist hübsch. Komm nur!«

Sie hatte seine Hand gefaßt, hielt sie vorsichtig und wagte nicht, sie

zu drücken.

»Lasse dir dann von der Schwester das Zimmer zeigen, wo ich liegen

werde. Du findest mich allein, und wir können freier miteinander

plaudern. Lebe wohl, Martha.«

Mit gesenktem Kopf, in gesammelter Haltung ging Martha durch den Saal.

An der Tür blickte sie noch einmal zurück und nickte Rolfers zu. Er

grüßte mit der linken Hand.

Die Klingel tönte, die Besucher, männliche und weibliche, entfernten

sich nach und nach. Kaffeebecher und Semmeln wurden verteilt, dann kam

das Glas mit den Fieberthermometern. Es wurde Temperatur gemessen. Der

Krankensaal kehrte in seine Abgeschlossenheit und zur alltäglichen

Ordnung zurück. Die meisten der Verwundeten waren müde von den

ungewohnten Familienfreuden und schlummerten oder ruhten mit

geschlossenen Augen. So lag auch Rolfers.

'... Es scheint, daß ich noch einmal einen Überblick über mein

ganzes Leben bekommen soll,' dachte er. 'Ob ich sie auf der Straße

wiedererkannt hätte? Arme kleine Martha -- Die Zeit ist doch grausam

gegen die Frauen' ... Das war Jugend, als sie beide in dem kahlen

verstaubten Atelier hausten, die unmöglichsten Gerichte auf dem

Spirituskocher fabrizierten, im Sommer auf den Studienfahrten in den

unmöglichsten Wirtschaften nächtigten ... Die Winterabende, an denen

man bis zum Morgengrauen mit den Freunden stritt, sich die Köpfe heiß

und die Kehlen trocken redete über lauter Kunstfragen, die er heute

belächelte. Und Martha in einem von ihm entworfenen Kleidchen, das

so schlicht an ihrer schlanken Mädchengestalt niederfiel, ging, von

all dem Zigarrendampf wie in einen blauen Nebel gehüllt, hin und

wieder und legte Kohlen in das eiserne Öfchen, bis es rot glühte,

oder sie braute einen Grog nach dem andern. Er blickte zuweilen aus

dem hitzigen Streit der Meinungen hinaus auf ihre ruhigen weichen

Bewegungen, die ihn unsäglich rührten. -- -- Wie vorsichtig sie

heute den Stuhl gesetzt hatte, sein Lager nicht zu berühren ...

* * * * *

Warum hatte er sie am Ende verlassen? Er konnte sich keiner bestimmten

Ursache für den Bruch mehr erinnern. Es war wohl auch eigentlich kein

Bruch gewesen. Mehr ein Fortgleiten von ihr auf dem Flusse ferner

Entwicklung.

Als das Kind erwartet wurde, verhinderte sie ihr Zustand, ihn auf der

sommerlichen Studienfahrt zu begleiten. Und er kehrte im Herbst nicht

zurück zu ihr. Das Atelier als Kinderstube eingerichtet -- was er an

ihr geliebt, die schlanke behende Linie ihrer Gestalt ohnehin zerstört

-- all das Armselige, Lächerliche einer Familienwirtschaft ohne Geld

... Es graute ihm davor. -- Er fühlte sich nicht im mindesten reif für

die Pflichten eines Vaters.

Das schrieb er ihr, als er allein nach Paris ging. Sie nahm es

gelassen und natürlich. Ihr Leben richtete sie mit der Verständigkeit

zurecht, die seine Verliebtheit allzuoft gestört, die ihn leicht ein

wenig gelangweilt hatte. Andere Frauen kamen in sein Leben, und der

Dämon seiner Kunst herrschte immer stärker über ihn. -- Die

regelmäßigen Zahlungen für den Jungen, die von ihm erhöht wurden, als

er besser verdiente, ließ er durch seinen Bankier übermitteln. Er

selbst wollte möglichst wenig und selten an diese Jugendepisode

gemahnt werden.

* * * * *

Martha Lebus hatte Rolfers vorgelesen mit ihrer angenehmen Stimme, die

er gerne hörte. -- Es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, daß sie

täglich am Nachmittag für einige Stunden bei ihm war, Aufträge für ihn

besorgte, Briefe für ihn schrieb, ihm in mancherlei Weise zur Hand

ging. Sie tat dies alles in einer selbstverständlichen schlichten

Weise, so daß es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, ihre Dienste

abzulehnen.

Sie nannte Richard oft und erzählte diesen oder jenen Zug von dem

Knaben. Es war ersichtlich, ihr ganzes Denken und Fühlen beschäftigte

sich mit ihm. Rolfers hörte höflich zu, ohne wärmere Anteilnahme zu

zeigen. Trotzdem fragte sie endlich zaghaft, ob sie den Jungen nicht

einmal mitbringen dürfe.

Die Frage berührte ihn peinlich. -- Sein Sohn? -- Ein Stück seiner

eigenen Persönlichkeit zu einem fremden Leben erwacht? Keine

Gewohnheitskette verband ihn mit diesem Begriff. Keine Überraschung

prägte ihn als ein neues Ereignis in sein Geschick. Er hatte ja immer

gewußt, daß da irgendwo ein Sohn von ihm lebe und von der Mutter

sicherlich gut und tüchtig erzogen würde.

Er antwortete auf Marthas Frage nur mit einer verneinenden Bewegung.

Als er die traurige enttäuschte Miene sah, mit der sie den Kopf zur

Seite wandte, von ihm fort, dauerte sie ihn.

»Martha -- Kind -- was hat es denn für einen Sinn? Der Junge wird kaum

sehr freundliche Gefühle für mich haben können.«

»Darum eben dachte ich ...,« stotterte sie verlegen.

»Ihr Frauen denkt immer, das Unmögliche geht -- weil ihr es wünscht.

Wozu den armen Kerl quälen mit unangenehmen Situationen? Ja, -- wenn

er nie von mir gehört hätte ... Aber er ist doch wohl alt genug, um

sich bereits Gedanken über seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht

-- desto besser für ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?«

»Neugierig schon ...«

»Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier

eines Buben zu befriedigen!« sagte Rolfers schroff.

Martha ließ das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett

bringen dürfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich für die Linke

zurecht und winkte ihm mit freundlichem Lächeln zu beginnen.

'Jetzt hätten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Tränen und

Vorwürfen,' dachte Rolfers. 'Ob das Leben sie so gleichgültig hat werden

lassen? -- Früher konnte sie doch genug Temperament aufweisen -- Oder

nennt man das nun weibliches Heldentum?'

Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn

ein Dämon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller

als sonst.

'So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel

verfolgt,' überlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen

die Gedanken ungestört nach allen Seiten wandern und Umschau halten

konnten. 'Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich

bin hilflos, pflegebedürftig ... Sie sieht, daß mir ihre Dienste nicht

unangenehm sind ... Wollte ich überhaupt leben -- warum dann nicht

ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft -- die

schließlich dieselben Wünsche und Pläne haben würde -- und ohne ihre

Berechtigung. Sie will mich einfangen -- zweifellos -- das Muttertier

kämpft für ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden

hat -- tausendmal bewies sie es --, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit

einfach erwürgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege

steht!'

Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne Rührung nach. Es war eine

gleichmütig-philosophische Rührung.

Lieben kann sie mich kaum noch -- so wenig, wie ich sie noch liebe.

Das Aufflackern solcher Gefühle, die einmal ausgeschöpft und ausgelebt

wurden, kommt wohl überhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite

würde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu

befürchten sein ...

Er faßte noch einmal eine mögliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich

einen Tag, der noch zu leben sei -- ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den

tiefen Rausch des Schaffens ... zerlegte ihn in seine einzelnen

Bestandteile und erkannte schaudernd, daß für solches im Jahre 365 mal

sich wiederholendes Martyrium seine ethische Kraft bei weitem nicht

ausreichen würde.

Ins neue Land · 第 1 / 8 段