_Der weitere Aufschwung des englischen Welthandels._
Von den äusseren Lebensumständen des CHARLES DAVENANT (Doctors der
Rechte) bemerke ich nur so viel, dass er 1656 geboren war, und 1714
starb; dass er einer ritterlichen Familie angehörte, zu wiederholten
Malen ins Unterhaus gewählt, eine Zeitlang Accise-Commissär und zuletzt
General-Inspector der Aus- und Einfuhr wurde. Abgesehen von den
dramatischen Arbeiten seiner Jugend, fällt seine schriftstellerische
Thätigkeit in die Jahre 1695 bis 1712; und zwar hat er folgende Werke
verfasst: _An essay on ways and means of supplying the war_ (1695), _An
essay on the East-India-trade_ (1697), _Discourses on the public
revenues and of the trade of England_ (1698), _An essay on the probable
methods of making the people gainers in the balance of trade_ (1699),
_Essays on the balance of power, the right of making war, peace and
alliances; universal monarchy_ (1701), _A picture of a modern whig_
(1701), _Essays on peace at home and war abroad_ (1704), _Reflections on
the constitution and management of the trade to Africa_ (1709), _Reports
to the commissioners for putting in execution the act, entitled, an act
for the taking, examining and stating the public accounts of the
kingdom_. (1712.)[189]
In all diesen Schriften, welche nach der eigenen Aussage des
Verfassers hauptsächlich für _country-gentlemen_ bestimmt sind (II,
78), zeigt sich Davenant als einen ebenso vielseitig gebildeten, wie
geistreichen Mann. Dass er gründliche classische Studien gemacht,
beweisen die vielen und wohlgewählten Parallelen, die er aus Livius,
Tacitus u. A. herbeizieht; so ist auch seiner Abhandlung über die
Staatseinkünfte und den Handel von England das xenophontische Buch
περὶ πὁρων in vollständiger Uebersetzung und Erklärung
angehängt. Man darf nicht vergessen, dass in England damals überhaupt
die classischen Studien nach langem Darniederliegen wieder aufzublühen
anfingen.[190] -- Von neueren Staatslehrern benutzt er am liebsten
Machiavelli und das politische Testament des Richelieu. In der
englischen Rechtsgeschichte ist er musterhaft bewandert; und welchen
Werth er auf staatsrechtliche Erörterungen legt, das zeigt sich in
sonderbarer Schärfe II, 240 ff., wo er die Befugniss Englands
deduciert, in Ireland jede Wollfabrication zu verbieten. Ueberhaupt
finden wir bei Davenant, wie bei den meisten älteren Schriftstellern,
dass die einzelnen Zweige der Staatswissenschaft viel weniger getrennt
sind, als heutzutage. Die grosse Arbeitstheilung auf diesem Gebiete,
welche seit A. Smith üblich ist, und in Ricardos Schule ihren Gipfel
erreicht hat, existierte damals nicht. Wenn diess in gewisser Hinsicht
als eine Unvollkommenheit gelten muss, -- erst wenn er grösser wird,
spaltet sich der Baum in Aeste, die Aeste wieder in Zweige u. s. w. --
so war es doch zugleich ein wichtiges Schutzmittel gegen Einseitigkeit
und Materialismus. Wie schön ist nicht, bei Gelegenheit der
nordamerikanischen Kolonien, die Ausführung des Satzes: die Wohlfahrt
aller Länder in der Welt hängt von der Sittlichkeit ihres Volkes ab!
(II, 41 ff.) Selbst das reichste Volk muss verarmen, wenn es sittlich
verfällt. Insbesondere kann die Volkswirthschaft nur da gedeihen, wo
politische Freiheit blühet (II, 336 ff. 380 fg.); ganz davon
abgesehen, dass der Reichthum ohne Freiheit keinen Werth hätte. (II,
285.) Ein Hauptmerkmal des Freiheitsbegriffes ist auch bei Davenant
immer die Sicherheit des Eigenthumes. Als praktischer Staatsmann lebt
er gänzlich in den Ideen, welche Jacob II. gestürzt und Wilhelm III.
auf den Thron geführt hatten. Die Grundbedingung alles Glückes,
namentlich auch alles Reichthumes in England ist die Constitution (II,
301 fg. 309.), und diese Constitution wird in echt englischer Weise
als eine siebenhundertjährige betrachtet. (II, 302.) Den beiden
grossen Parteien, deren Vereinigung die Revolution bewirkt hatte,
weiss er gleichmässig gerecht zu werden: die Whigs hätten das Uebel am
frühesten bemerkt, und nach ihren Grundsätzen wäre auch die Abhülfe
erfolgt; zu dieser letztern aber hätten die Tories factisch das Meiste
beigetragen. (II, 329 fg.) Je treuer Davenant übrigens den Grundsätzen
der alten Whigpartei ergeben war, desto schmerzlicher musste es ihn
berühren, wenn viele seiner Genossen, sowie sie aus den
Oppositionsbänken ans Ruder gelangt, von denselben abfielen. Er eifert
dagegen auf das Lebhafteste, besonders in dem satirischen Gespräche:
_Picture of a modern Whig_;[191] und ist insoferne gar kein
Parteimann. «Eine Tyrannei, welche durch das Schwert herrscht, hat
wenig andere Freunde, als die Männer des Schwertes; aber eine
gesetzliche Tyrannei, wo das Volk nur berufen wird, um Unbilligkeit
durch seine eigene Stimme zu bekräftigen, hat auf ihrer Seite die
Reichen, die Furchtsamen, die Trägen, Diejenigen, welche das Gesetz
kennen und davon leben, ehrgeizige Kirchenmänner, und alle Solche,
deren Existenz von einer ruhigen Weltlage abhängt; und die hier
genannten Personen bilden den einflussreichern Theil der meisten
Nationen, so dass eine derartige Tyrannei kaum abzuschütteln ist.»
(II, 301.) Selbst die freudig anerkannte Trefflichkeit des damaligen
Königs hält Davenant nicht ab, die Garantien der englischen Verfassung
gegen etwanige schlechte Nachfolger, also namentlich das
parliamentarische Geld- und Heerbewilligungsrecht, auf das
Sorgfältigste zu behüten. Hinsichtlich der auswärtigen Politik ist er
ein warmer Vertheidiger des europäischen Gleichgewichtes gegen jede,
zumal französische, Universalmonarchie.
In dem volkswirthschaftlichen Systeme Davenants, soferne hier nämlich
bei der pamphletischen Art seiner meisten Schriften von einem Systeme
geredet werden kann, bildet die %Handelsbilanz% den Mittelpunkt. Dass
Vermehrung des Nationalreichthumes und günstige Bilanz wesentlich
dasselbe bedeuten, wird an vielen Stellen versichert. (II, 172. 195.
199.) Eben desshalb können auch die jüngsten, unleugbaren Fortschritte
der englischen Volkswirthschaft nur vom Aufblühen des auswärtigen
Handels herrühren (I, 359), und in jedem Lande muss der Ueberschuss der
Bilanz die Gränze bestimmen, über welche hinaus die Staatsausgaben nicht
ohne Zerrüttung des Nationalvermögens wachsen können. (I, 13.) Aus
demselben Grunde hält Davenant Offensivkriege für schädlicher, als
Defensivkriege, bei welchen kein Geld ausser Landes geschickt zu werden
braucht; gerade so, wie einzelne Wunden minder gefährlich sind, als
Auszehrung. (I, 403 ff.) Auch Seekriege sind unbedenklicher, als
Landkriege, weil alles Material der ersteren daheim verfertigt, aller
Sold daheim verausgabt wird (V, 451), wogegen die Landheere fremde
Länder bereichern. (!) Gleichwohl ist die öffentliche Meinung voll von
Irrthümern in dieser Hinsicht. So widerlegt z. B. der _Report for
stating the public accounts_ (V, 362 ff.) die populäre Ansicht, als wenn
die Bilanz des englisch-französischen Handels für England sehr ungünstig
sei, obschon dem Verfasser die politisch-patriotischen Erklärungsgründe
dieses Irrthums sehr wohl einleuchten. Jedenfalls aber wäre hier zu
bedenken, was England, wenn nicht von Frankreich, dann von anderen
Ländern würde kaufen müssen, und zwar vielleicht zu einem ungleich
höhern Preise. Umgekehrt beruhet die scheinbar günstige Bilanz gegen
Holland grossentheils darauf, dass Holland, und zwar zum Schaden
Englands, so viele englische Waaren an dritte Nationen vermittelt.
(V, 434.) Was ferner den ostindischen Handel betrifft, der also
vergängliche Luxusartikel mit edlen Metallen bezahlt, so würde es
freilich gut sein, wenn ganz Europa ihm entsagen wollte. England und
Holland speciell aber gewinnen durch ihren indischen Zwischenhandel viel
mehr, als sie durch ihren eigenen Consum indischer Waaren verlieren.
Davenant ist daher entschieden gegen ein Verbot dieses letztern, wovon
damals so häufig die Rede war. (I, 90 ff.) Im Gegentheil, es wäre aus
Gründen der Sparsamkeit zu wünschen, dass England, statt eigener
Wollzeuge, indische Calicos verbrauchte, und jene ausführte. Sonst
würden die Calicos dem auswärtigen Absatze der englischen Wollzeuge
schaden.[192] So haben es die Holländer gemacht, die z. B. ihre gute
Butter auswärts verkaufen, und sich statt dessen an wohlfeilerer
englischer Butter genügen lassen. «In der Wollindustrie gewinnt England
nicht durch Dasjenige, was daheim vom Volke selbst, sondern was von
fremden Ländern gekauft wird.» (I, 102.) -- Davenants Methode, die
Handelsbilanz zu berechnen, stimmt mit der von Child und Mun
verbesserten wesentlich überein. (II, 12 ff. 234. V, 366.) Hiernach
schätzt er den jährlichen Gewinn Englands auf 2 Millionen Pfund St.,
wovon 900000 auf den Kolonialhandel kommen, 600000 auf den ostindischen
und 500000 auf die eigenen englischen Ausfuhren. -- Ganz consequent ist
Davenant übrigens nicht. So heisst es z. B. I, 102, dass beim innern
Absatze der Eine nur soviel gewinnen kann, wie der Andere verliert, und
das Volk im Allgemeinen sich also nicht bereichert. Dagegen wird II, 19
neben dem auswärtigen Handel auch der innere als Reichthumsquelle
anerkannt. So warnt er dringend, ja keinen Zweig des Handels wegen
seiner vermeintlich ungünstigen Bilanz abzuschneiden, weil andere,
entschieden vortheilhafte Zweige dadurch bedingt sein können. (I, 387
ff.) «Im Allgemeinen kann versichert werden, dass jedweder Handelszweig
dem Lande nützlich ist.» (I, 99.) Und doch soll das warm empfohlene
_Council of trade_ ganz vorzüglich auf die Bilanz achten, und wo diese
einem bestimmten Lande gegenüber nachtheilig wird, wenigstens durch
Aufwandsgesetze dawider einschreiten. (I, 425.)
Ungleich vielseitiger und gründlicher, als man hiernach erwarten sollte,
ist Davenants Ansicht von %Geld% und %Reichthum%. Auf das Lebhafteste
polemisiert er gegen Pollexfen[193] und den Verfasser der _Britannia
languens_: von welchen der Erstere Gold und Silber für den einzig wahren
Reichthum erklärt, der Letztere die Fabricationsregister der Münze als
das Hauptkriterium der Handelsbilanz gebraucht hatte. Dagegen sagt
Davenant: Reichthum ist ursprünglich Alles, was Land und Arbeit
hervorgebracht haben. So kann ein Volk reich werden ohne Geld, und sich
dann beliebig Geld verschaffen. Wenn die Holländer zwei Drittel ihres
Geldvorrathes ausliehen, so würden sie darum nicht ärmer sein. Auch kann
das Aufblühen eines Volkes an ganz anderen Symptomen, als der vermehrten
Baarschaft, erkannt werden. Er gedenkt z. B. der vermehrten Schiffe,
Häuser, Waarenvorräthe u. s. w., welche nicht bloss vermehrten Reichthum
beweisen, sondern vermehrter Reichthum sind, ja vielleicht dessen
nützlichste Bestandtheile. (I, 354 ff.) Auf der andern Seite müssen
hoher Zinsfuss, niedriger Bodenpreis und Arbeitslohn, verminderte
Bevölkerung, Zunahme des unbebauten Landes u. s. w. als Zeichen der
nationalen Verarmung betrachtet werden: mögen immerhin Einzelne im Volk
ihren Privatreichthum während dessen vergrössern. (I, 358. II, 283.) In
der ausführlichen Definition des Reichthumes (I, 381 fg.) wird geradezu
Alles erwähnt, «was Fürst und Volk in Ueberfluss, Ruhe und Sicherheit
versetzt:» also nicht bloss materielle Güter, selbst vergänglicher Art,
sondern auch geistige Kräfte, Verhältnisse, wie z. B. Allianzen, u. dgl.
m. Eben desshalb scheint es Davenant auch nothwendig, in die Schrift:
_On the probable methods of making a people gainers in the balance of
trade_, eine vollständige Statistik von England, wie man sie damals
haben konnte, aufzunehmen. Jedes Volk, behauptet er, muss im Handel so
viel gewinnen, wie seine Einfuhr mehr werth ist, als die Ausfuhr, mag
jene nun in dauerhaften, oder schnell vergänglichen Waaren bestehen.
(II, 11.) Man sieht aus Allem, dass sich Davenant von den Irrthümern der
_Britannia languens_ u. s. w. zwar noch nicht gänzlich frei gemacht hat,
dass sie ihm jedoch nur noch, wie eine halbgesprengte Kette,
nachschleifen. -- Seine Geldtheorie können wir daraus beurtheilen, dass
_servant of trade, measure of trade_, seine Lieblingsbezeichnungen für
den Dienst des Geldes sind. Ja, dasselbe wird einmal sogar mit
Zahlpfennigen zur Erleichterung des Rechnens verglichen. (I, 355.) Bei
Gelegenheit des Papiercredites wird die Möglichkeit zugegeben, dass die
Menschen jeden andern Gegenstand zum Handelsmasse erheben, und dieser,
wo er eben als solches anerkannt ist, ganz dieselben Dienste leisten
könne, wie Gold und Silber. (I, 444.) Sehr fein ist die Beobachtung, wie
gerade ein sehr reiches Volk relativ weniger Baarschaft nöthig hat, als
ein eben erst aufblühendes; daher von einem gewissen Punkte an die
fortdauernde Einfuhr edler Metalle gar nicht besonders wünschenswerth
ist. (IV, 106 ff.)[194]
Hinsichtlich der %Bevölkerung% sind die Hauptgrundsätze Davenants
folgende. Die Menschen vermehren sich überall, wo sie behaglich leben
können. (II, 233.) Insbesondere muss unter einer freien Staatsverfassung
die Population fast unfehlbar dicht werden. (II, 185.) Aber auch
umgekehrt ist die Volksvermehrung eins der wirksamsten Mittel zur
Volksbereicherung (II, 3. I, 73 ff.); wesshalb u. A. Aufnahme
politischer Flüchtlinge (II, 6), Belohnungen für zahlreiche Familien
u. s. w. empfohlen werden. (II, 191.) Doch erkennt Davenant, nach dem
Vorgange des Statistikers King, einen Unterschied an zwischen solchen
Menschenklassen, welche den Volksreichthum vermehren, und solchen,
welche ihn vermindern. In die erste Kategorie stellt er Diejenigen,
welche von Grundstücken, Kunst oder Industrie nicht nur sich selbst
erhalten, sondern auch zur Vermehrung des Nationalkapitals (_nations
general stock_) und zur Erhaltung Anderer beitragen; in die zweite,
offenbar nach Petty, ausser den Bettlern und Vagabunden, den Kranken und
Schwächlichen, auch die Gesammtmasse der _Cottagers_-Familien. (II,
202.) -- Interessant ist noch der Irrthum, welchen er von King
adoptiert, als wenn sich England erst nach 600 Jahren zu einer Volkszahl
von 11 Millionen erheben würde. (II, 176.)[195]
Den strengen %Prohibitivsystemen% seiner Zeit gegenüber, könnte man
Davenant fast einen Anhänger der %Handelsfreiheit% nennen. Zwar ist er
ein warmer Lobredner der Navigationsacte (I, 397); er warnt in seinen
frühesten Werken auch wohl im Allgemeinen vor dem blossen Gehenlassen,
weil Alles schlecht gehen müsse, wo die Menschen bloss ihr
Privatinteresse und ihre Sondergewinnsucht zu fragen brauchen. (1, 422.)
Doch meint er in seiner letzten Schrift, man solle den Handel nur seinen
eigenen Lauf nehmen lassen; dann werde er seine Kanäle schon selber
finden. Wenn die Kaufleute nur ermuthigt, ihre Interessen im Auslande
energisch vertreten werden; wenn die Zölle nicht allzu hoch sind: so
wird ein Volk mit guten Häfen, mit See- und Handelsgeist, mit einem
productenreichen Lande und solchen Kolonien, wie die amerikanischen, gar
nicht umhin können, durch den Handel reich zu werden. (V, 453.) Wo nicht
politische Gründe eine Ausnahme gebieten, da muss jede Handelsnation,
zum Vortheile des Einzelnen, wie der Gesammtheit, darauf achten, woher
die ausländischen Waaren am wohlfeilsten bezogen werden können.
(V, 378.) Diejenigen, welche den Absatz ihrer eigenen Landesproducte
durch eine allgemeine Entmuthigung fremder Waaren zu befördern denken,
werden mit der Zeit finden, dass sie wenig oder gar keinen Handel
besitzen, und dass ihre eigenen Waaren als Ladenhüter ihnen zur Last
fallen. Die Völker, welche unsere Producte empfangen, werden immer
erwarten, dass wir eine verhältnissmässige Quote der ihrigen nehmen, was
durch ausschweifende Zölle unmöglich wird. Wollen wir grossen Verkehr in
der Welt haben, so dürfen wir Andere nicht schlechter behandeln, als sie
uns; wir müssen sowohl kaufen, wie verkaufen, und uns nicht mit der
Hoffnung schmeicheln, bloss durch die Ausfuhr unserer eigenen Boden- und
Gewerbserzeugnisse zu existieren.[196] (V, 387 fg.) -- Es ist nicht ohne
Bedeutung, dass diese liberaleren Ansichten bei Davenant erst dann
völlig durchdrangen, nachdem er selbst in einer hohen praktischen
Stellung sich bei der Handelspolitik von England betheiligt hatte.
Indessen war er bereits 1697 ein Gegner des alten englischen Gesetzes,
wonach die Leichen, zur Hebung der Wollindustrie, in Wolltüchern
begraben werden sollten; diess, meint er, sei eine Consumtion von
Manufacten, welche dem Lande gar keinen Vortheil bringt. Ueberhaupt
seien recht wenig Handelsgesetze ein Zeichen, dass die Nation durch
Handel blühet. (I, 99.) So ist er auch Zeitlebens ein Gegner der
unglücklichen Sucht gewesen, dass jedes Volk Alles selbst producieren
wollte. England z. B. soll keine Seiden- oder Leinenindustrie
erkünsteln, sondern lieber seine Wollproduction, seine Heringsfischerei
u. s. w., wozu es natürliche Anlagen besitzt, vergrössern. (I, 104 ff.)
Die Vorsehung hat desswegen die Natur der verschiedenen Länder so
verschieden eingerichtet, damit sie sich gegenseitig aushelfen möchten.
(II, 235.) -- Am schönsten zeigt sich die Vorurtheilsfreiheit unsers
Davenant beim Kornhandel, über welchen bekanntlich die gehässigsten
Vorurtheile am breitesten und tiefsten zu wurzeln pflegen. Nicht genug,
dass er die Assecuranz des Volkes gegen Hungersnoth am besten durch
Privatpersonen besorgt findet, so gönnt er diesen auch «in Gottes
Namen» ihren Gewinn, und fürchtet hier noch weniger Missbrauch, als in
anderen öffentlichen Geschäften. (II, 226 fg.)[197]
Eine wichtige Stelle in Davenants geistigem Leben nimmt seine
Vertheidigung der %privilegierten Handelsgesellschaften% für den Verkehr
mit Afrika und Ostindien ein. Den Gegnern derselben ruft er zu, dass
sich die Mängel bestehender Einrichtungen sehr leicht erkennen lassen,
während keine menschliche Weisheit im Stande ist, die Fehler
neuzuschaffender Institute klar vorauszusehen. (II, 135.) Seine Gründe
für die vorhandene ostindische Compagnie im Gegensatze einer _regulated
company_, d. h. des Freihandels unter Beobachtung gewisser Vorschriften,
Besoldung gewisser Anstalten, u. s. w. sind ziemlich dieselben, welche
nachher bei jeder Verlängerung der Compagnieprivilegien geltend gemacht
wurden. Der Wetteifer der Privatkaufleute müsse in Ostindien den Preis
der Waaren steigern, in England dagegen herabdrücken. Die hierdurch
entstandenen Verluste würden gar bald eine Menge von Speculanten wieder
verscheuchen, so dass, zum grössten Schaden des Handels selbst, die
äusserste Ueberfüllung und Entleerung der Concurrenz mit einander
wechselten. Nun aber ist kein Handelszweig in der Welt einer gewissen
Stetigkeit so sehr bedürftig, wie der ostindische; schon weil die
unendliche Entfernung, der Charakter aller dortigen Regierungen, die
Eifersucht der Holländer kriegerische Anstalten fortwährend nothwendig
machen. Der Einzelne ist dort schwach, d. h. rechtlos; die Forts aber,
die Factoreien u. s. w. können unmöglich durch Steuern der
Privatkaufleute erhalten werden, schon wegen der Unmöglichkeit einer
gehörigen Repartition. (II, 126 ff.) Davenant erklärt sich desshalb für
eine lange und gesicherte Dauer der Compagnieprivilegien, was er II, 153
mit schönen Gemeinplätzen über das Princip der Stetigkeit
einleitet.[198] -- Für den afrikanischen Handel hatte Davenant früher
eine s. g. _regulated company_ gewünscht, vornehmlich wegen der
Geringfügigkeit des hier beschäftigten Kapitals und wegen des Mangels
bedeutender Nebenbuhler. (II, 39.) Späterhin jedoch ist die
umfangsreiche und auf gründliche Geschichtsstudien basierte Schrift:
_Reflections on the African trade_ vornehmlich in der Absicht
geschrieben, die Wichtigkeit dieses Handels und die Nothwendigkeit einer
privilegierten Gesellschaft dafür zu beweisen. Unter seinen Gründen
nehmen sich zwei allerdings sehr wunderlich aus: dass es beim freien
Privathandel weit schwerer falle, den wahren Gewinn und Verlust der
Nation zu berechnen; und dass eine Gesellschaft überhaupt klüger sei,
also auch ihr eigenes Interesse richtiger wahrnehme, als die Einzelnen.
(V, 139 ff.)
In dem Kapitel vom Nutzen des %Kolonialhandels% (II, 1-76) wird doch
fast lediglich darauf verwiesen, dass die Kolonien England in Stand
setzen, mittelst ihrer Producte eine grössere Fremdwaareneinfuhr, die
ohnehin stattfindet, zu decken. Daher z. B. Neuengland keinen andern
Nutzen hat, als durch sein Korn, Vieh, Holz u. s. w. den tropischen
Anbau Westindiens möglich zu machen. Freilich könnte Westindien auch vom
Mutterlande mit solchen Bedürfnissen versorgt werden. Da jedoch an
Rohstoffen viel weniger zu verdienen ist, als an Manufacten, so kann es
dem Mutterlande nur Vortheil bringen, wenn die Zufuhr nach den
tropischen Kolonien umschweifig erfolgt, indem englische Gewerbsproducte
zum Eintausche nordamerikanischer Lebensmittel u. s. w. verwandt werden.
(II, 21.) Jede Unabhängigkeit der Kolonien, jeder eigene Gewerbfleiss
derselben ist Davenant ein Gräuel. Westindien steht ihm so sehr im
Vordergrunde, dass er Sklaven für das erste und nothwendigste Material
einer Ansiedelung erklärt. (II, 38.) Hinsichtlich der Gefahren, welche
die neuenglischen Kolonien später einmal dem Mutterlande bringen können,
theilt er die Ansicht von Child. (II, 9.) Um so merkwürdiger sein
Vorschlag, ihnen ein gemeinschaftliches Parliament in Neuyork zu geben
(II, 40 fg.), dem freilich im Mutterlande ein permanentes Conseil nach
Art des spanischen Rathes von Indien gegenüber stehen soll.[199] (II,
29 ff.) Die Idee der Strafkolonien, welche schon Cromwell und Jacob II.
gegen politische Feinde geltend gemacht, wird von Davenant besonders
auch wegen der zu grossen Härte vieler englischen Criminalgesetze
empfohlen. (II, 4.) Ueber Ireland, das wesentlich als Kolonie betrachtet
wird, äussert er sich im Allgemeinen viel milder, als seine Zeitgenossen
(II, 236 ff.); doch ist er z. B. über den Gedanken, die Ireländer
könnten ihre Wolle anderswohin, als nach England, ausführen, so
entsetzt, dass er davon «mit einem Schlage den Untergang der ganzen
englischen Wollindustrie» erwartet! (II, 249.)
Hinsichtlich der %Steuern% finden sich hübsche Anfänge der Einsicht,
dass der unmittelbar Zahlende nicht immer der eigentliche Träger der
Last: II, 201; obschon die an Locke erinnernde Aeusserung (I,77): _All
taxes whatsoever are in their last resort a charge upon land_, bei
Davenant keine weitere Entwickelung erhalten hat.[200] Als die beste
Abgabenart empfiehlt er, trotz Locke, die Accisen, deren Nachtheile für
den Handel durch eine daran zu knüpfende bessere Ordnung der Markt- und
Messpolizei u. s. w. aufgewogen werden können. (I, 62 ff. II, 201.)
Recht gründlich hat er auch die Frage behandelt, ob die Steuern
zweckmässig zu verpachten sind. (I, 207 ff.) In England war das
Pachtsystem bei dem Postgelde, der Heerdsteuer, den Zöllen und Accisen
versucht worden; und Davenant empfiehlt es für neue, wenig bekannte
Einkünfte, sowie für solche, die durch Untüchtigkeit der Beamten
unergiebig geworden sind: doch immer nur für kurze Zeit und mit einem
streng festgehaltenen Maximum des Pächtergewinnes. Wirklich musterhaft
sind die Erörterungen über den politischen Charakter des Steuerwesens:
dass sich das Volk z. B. die illegale Forterhebung alter Steuern viel
eher gefallen lässt, als die Auflage neuer (II, 285 ff.); sowie
überhaupt die Gefahren, welche von jedem grossen Steuersysteme her der
öffentlichen Freiheit drohen. -- Aus diesem letzten Grunde erklärt sich
Davenants lebhafter Widerwille gegen %Staatsschulden%, deren riesenhafte
Entwickelung in England bekanntlich erst seit jener Zeit beginnt. Sie
erhöhen den Zinsfuss, und schaden somit dem Handel (I, 18 ff.); sie
verlocken Viele zu einem müssigen Rentenierleben, was der Industrie
Nachtheil bringt. (II, 294.) Daher England, wie er meint, selbst
wirthschaftlich nicht eher aufblühen könne, ehe nicht der grösste Theil
der Staatsschuld getilgt worden. (II, 283.)[201] Indessen die Hauptsache
bleibt doch immer die grosse Gefahr der freien Steuerbewilligung und
öffentlichen Freiheit im Allgemeinen, welche in jeder bedeutenden
Staatsschuld liegt. Auf das Entschiedenste predigt desshalb unser
Verfasser Sparsamkeit, sowohl des ganzen Volkes nach holländischer
Weise, wie der Regierung insbesondere. (I, 390. IV, 434.)
Ich muss schliesslich noch des wichtigen Platzes gedenken, welchen
Davenant in der Geschichte der %Statistik% einnimmt. Er ist in dieser
Hinsicht der Nachfolger Pettys, obschon er durchaus nicht ganz auf
eigenen Füssen steht, sondern oft nur die Manuscripte von Gregory King
benutzt. (II, 165 ff.)[202] Die Theorie der Wissenschaft ist in der
interessanten Abhandlung: _Of the use of political arithmetic_ (I,
127 ff.) erläutert, welche die Schrift über die Staatseinkünfte und den
Handel von England einleitet. Nichts würde inzwischen ungerechter sein,
als wenn man ihn des Materialismus, wohl gar Mammonsdienstes
beschuldigen wollte, zu welchem die blossen Zahlstatistiker so leicht
hinneigen. Unser Schriftsteller giebt wiederholentlich zu, dass die
Ausbildung des Handels ein Fortschritt von sehr zweideutigem Werthe ist.
Der Handel führt Reichthum herbei, aber auch Luxus, Betrug und Habsucht;
er zerstört die Tugend und Sitteneinfalt, und die solchergestalt
bewirkte Verderbniss der Nation endet unfehlbar zuletzt mit innerer oder
auswärtiger Sklaverei. (II, 275.) Aber freilich, die Einfachheit
patriarchalischer Zustände, ohne Handel nach Aussen, wo alle Renten
u. s. w. in Natura gezahlt werden, alle Gutsherren auf dem Lande wohnen,
kann nicht ewig dauern, schon wegen des Wetteifers mit anderen Völkern
nicht. Darum haben kleine Nationen, von grossen Nachbaren umringt, sich
zuerst auf den Handel gelegt, um so ihre Kleinheit gleichsam künstlich
zu vergrössern. (I, 348 ff.) Auch England bedarf eines bedeutenden
Handels um der Flotte willen, und der Flotte wieder um der politischen
Sicherheit willen. (II, 275.)[203]
* * * * *
Ehe wir schliessen, blicken wir noch einmal auf die zwei Jahrhunderte im
Ganzen zurück, durch die wir die Entwickelung der englischen
Volkswirthschaftslehre begleitet haben.
Sie entstand also in der äusserlich stillen, innerlich aber tief
bewegten Periode, wo das Mittelalter von England wich, und die neuere
Zeit unter Krämpfen und Wehen hereinbrach. Diesem Zustande trat sie
zunächst als socialistische Kritik gegenüber; sie vertiefte sich mit
Leidenschaft in seine schlimmen Seiten, und hielt ihm strafend ein
Ideal entgegen, welches die Grundlagen der rohesten Urzeit mit den
Entwickelungen der feinsten Kultur vereinigen sollte: freilich ein
utopisches Ideal! Wie die Alchymie der Chemie, die Astrologie der
Astronomie, so ist der Socialismus der eigentlichen Nationalökonomie
vorangegangen. -- In den zwei folgenden Menschenaltern war der Streit
um kirchliche Reform oder Reaction viel zu überwiegend, als dass sich
die Volkswirthschaft daneben sehr hätte ausbilden können. Nur einige
praktische Fragen von der breitesten Bedeutung und stärksten
Aufdringlichkeit wurden mit einem gewissen Erfolge weitergeführt: der
Uebergang aus der feudalen in die ökonomische Landwirthschaft, und die
Preiserniedrigung der edlen Metalle. -- Gegen Ende des 16. und Anfang
des 17. Jahrhunderts gab die Vorbereitung des englischen
Kolonialreiches einen grossartigen Anstoss, über den Ursprung des
Reichthumes in neukultivierten Ländern, über die Anfänge der
Bevölkerung und ähnliche Fundamentalfragen nachzudenken. Ein günstiges
Geschick, welches die englische Kolonisation auf das atlantische
Nordamerika beschränkte, hielt diese Forschungen von zahlreichen
Irrwegen zurück, wohin die meisten Continentalvölker durch die gold-
und silberreiche, aber hafenarme und zum europäischen Ackerbau wenig
geeignete Natur der spanischen Eroberungskolonien verlockt wurden. So
gewann die englische Nationalökonomie eine wissenschaftlich und
volksthümlich sichere Grundlage; obschon Bacons Werke den Beweis geben,
wie wenig einstweilen noch auf dieser Grundlage war fortgebaut worden.
-- Die grossen politischen Kämpfe, welche die erste Hälfte des 17.
Jahrhunderts erfüllen, mussten das Volksinteresse an der
Nationalökonomie zunächst wieder mindern. Die Theorie derselben wurde
nur von einzelnen systematischen Köpfen weiter gefördert, und zwar
besonders auf solchen Gebieten, welche zugleich allgemeiner Art und an
das staatsrechtlich-politische Gebiet angränzend waren. -- Uebrigens
macht sich schon während der Pausen des Revolutionskampfes, und mehr
noch seit Wiederherstellung des Stuart'schen Thrones, eine ganz
bestimmte Tendenz bemerklich, den Holländern das Geheimniss ihrer
wirthschaftlichen Grösse abzulernen. Diese Tendenz begleitet Schritt
für Schritt das Emporblühen des englischen Welthandels, der sich bald
genug, wie es bei entwickelungsfähigen Nationen zu gehen pflegt, aus
dem Piratenthume der Elisabeth'schen Zeit herausbildete. Unter den
mannichfachsten Gestalten tritt sie auf: als Pflege der Seefischerei,
als Rechtfertigung des ostindischen Handels, als Sehnsucht nach einem
erniedrigten Zinsfusse, als Vertheidigung der Navigationsacte, als
Streben nach Toleranz, als Empfehlung der indirecten Abgaben statt der
directen, als Lobrede auf die Handelsfreiheit im Innern. Aber der
Grundgedanke bleibt immer derselbe: man liebt die Religion und Politik
der Holländer, man bewundert ihre Klugheit und Macht, und will ihnen
desshalb nacheifern; selbst wenn ihre Freundschaft dadurch verscherzt
würde. Uebrigens wurde sie nicht einmal verscherzt, wenigstens nicht
auf die Dauer; denn die nämliche Richtung hat in ihrem weitern Verlaufe
zur Tripelallianz und zur Thronbesteigung Wilhelms III. geführt.
Hiermit verbindet sich noch eine lebhafte Opposition gegen Frankreich,
die nicht allein das politische und religiöse Verhalten des englischen
Volkes, sondern auch seine wirthschaftlichen Ansichten und Wünsche
bestimmte. -- Ihren höchsten Gipfel erreichte die vorhume'sche
Nationalökonomie der Engländer in dem grossen Triumvirate: Petty, North
und Locke. Hier finden wir die Lehren von Werth und Preis, von Geld
und Münze, von Zinsfuss und Arbeitslohn, von Handelsbilanz und
Handelsfreiheit, also lauter Punkte von der äussersten Wichtigkeit,
dergestalt entwickelt, dass selbst A. Smith gar wenig daran zu
berichtigen hätte. Wie die Nationalökonomie überhaupt eine gewisse
Mittelstellung einnimmt zwischen der exacten Naturwissenschaft und der
praktischen Politik: so ist dieser grossartige Aufschwung derselben
einerseits durch die gleichzeitige hohe Blüthe der englischen
«Naturphilosophie,» andererseits durch den Umstand zu erklären, dass
gerade die Parteikämpfe unter Karl II. und Jacob II. die politische
Hochschule des englischen Volkes gewesen sind. -- Die vier
nächstfolgenden Jahrzehnte haben weder Staatsmänner, noch
Staatsinteressen gehabt, welche mit denen im letzten Viertel des 17.
Jahrhunderts zu vergleichen wären. Es mag hiermit zusammenhängen, wenn
sich auch in der nationalökonomischen Literatur dieser Zeit eine
gewisse Abnahme der geistigen Kraft bemerken lässt. Schon der
Eklektiker Davenant ist ein Beweis dafür. Den neuen Aufschwung, welcher
das Leben des englischen Volkes auf seine höchste Höhe führen sollte,
beginnen alsdann David Hume, der Theoretiker, und Lord Chatham, der
praktische Staatsmann.
Sind die vorstehenden Untersuchungen ihrem Hauptinhalte nach begründet,
so wird sich die herkömmliche Ansicht der Nationalökonomen über die
Geschichte ihrer Wissenschaft in drei, nicht unwichtigen, Punkten ändern
müssen.
1) Unsere weitverbreitete Gewohnheit, die ganze Entwickelungsperiode
der Volkswirthschaftslehre, welche den Physiokraten vorausgeht, mit dem
Namen des %Mercantilsystemes% zu bezeichnen, ist allerwenigstens eine
sehr ungenügende. Das bekannte Bild, welches die Lehrbüchertradition
von einem Mercantilisten zu entwerfen pflegt, passt immerhin auf manche
unbedeutendere Schriftsteller des 17. und 18. Jahrhunderts; aber die
bedeutendsten werden keinesweges dadurch getroffen. In einigen Punkten
stimmen sie wohl damit überein; in anderen, ebenso wichtigen, sind sie
völlig davon abweichend. So verschiedenartige Männer, wie Mun, Child,
Davenant, mit dem einen Worte «Mercantilist» zu charakterisieren,
geht ebenso wenig an, als wenn ein katholischer Kirchenhistoriker
alle protestantischen Theologen, von Hengstenberg bis auf Strauss,
mit dem einen Worte «Akatholiken» oder «Häretiker» hinlänglich
meinte bezeichnet zu haben. Kurz, die gewöhnliche Eintheilung der
nationalökonomischen Literatur in Mercantilismus, Physiokratie und
Industriesystem ist zwar bequem genug, in der Wirklichkeit aber ohne
hinreichenden Grund. Allermindestens werden sich unsere Lehrbücher
dazu bequemen müssen, die Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts in
zwei verschiedenen Abschnitten zu behandeln. Der eine, den Continent
betreffende, mag dann immer noch den Titel «Mercantilsystem» führen;
der andere muss überschrieben werden: «ältere englische Schule.»
2) %Adam Smith% ist keinesweges in dem Grade, wie man gewöhnlich
annimmt, Erfinder der von ihm ausgesprochenen Wahrheiten. So wenig wir
gemeint sind, eine absichtliche Verkleinerung seiner Vorgänger bei ihm
vorauszusetzen:[204] so gewiss hat sein wundervolles Talent für System
und Form unabsichtlich dazu beigetragen, diese letzteren mehr, als sie
es verdienen, in Schatten zu stellen. Fast alle Hauptzüge seines
Systemes sind in dem Sinne national, dass sich die Keime derselben bei
der Mehrzahl seiner bedeutenderen Vorgänger nachweisen lassen. Und
selbst im Einzelnen haben gar viele wichtige Resultate des goldenen
Zeitalters ein halbes Jahrhundert oder länger noch vorher ihren
unmittelbaren Vorläufer gehabt.[205] Dem Ruhme Smiths thut diese
Einsicht gewiss keinen Abbruch; ebenso wenig, als wenn die vollkommenere
Entwickelung seiner Lehre durch seine Nachfolger gezeigt wird. Vielmehr
ist es das höchste Lob, welches einem grossen Manne gezollt werden kann,
ihn gleichsam in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, so dass
alles Frühere als Vorbereitung auf ihn, alles Spätere als Entwickelung
von ihm erscheint.
3) Endlich ist auch der Eindruck ein irreführender, welchen so viele
Geschichten der Nationalökonomie zurücklassen, als wenn bis nach der
Mitte des 18. Jahrhunderts die Franzosen und Italiener eine Art von
Alleinbesitz oder doch Vorausbesitz der nationalökonomischen
Wissenschaft gehabt hätten. Seit Cromwells Zeiten, ja schon unter
Elisabeth kann %England% in ähnlicher Weise als das klassische Land der
Volkswirthschaftslehre betrachtet werden, wie es heute dafür gilt. So
sind die Engländer schon damals in manchen Stücken bedeutend weiter
gewesen, als die so sehr viel spätere Physiokratie. Insbesondere hat sie
schon damals ihre nationale Eigenthümlichkeit, die Theorie nur dann zu
erweitern, wenn eine wichtige praktische Frage dazu Anlass gab, zwar von
manchen Fortschritten abgehalten, aber auch vor unzähligen Irrthümern
bewahrt.[206]