VIII.

_Der politische Arithmetiker Petty._

SIR WILLIAM PETTY (1623-1687) hat sich im Leben dermassen umgetrieben,

dass die ihm angeborene Vielseitigkeit und praktische Gewandtheit,

vielleicht auf Kosten seines sittlichen Charakters, im höchsten Grade

entwickelt werden mussten. Sohn eines Tuchmachers, erwarb er sich schon

im Knabenalter, neben klassischen und mathematischen Studien, die

praktische Kenntniss einer Menge von Handwerken. Als Jüngling trieb er

Handelsgeschäfte, warf sich aber alsbald, namentlich in Paris und

Holland, auf das Studium der Anatomie und Arzeneiwissenschaft, wobei ihm

u. A. die Freundschaft des Hobbes förderlich war. In den letztgenannten

Fächern, sowie in der Chemie, lehrte und prakticierte er seit 1648 zu

Oxford. Seine Verbindung mit Ireland, die später auch wissenschaftlich

so bedeutende Fruchte bringen sollte, begann mit einer Anstellung als

Ober-Militärarzt, worin er sich ausser seinem Gehalte ein Honorar von

jährlich 4000 Pfund St. zu verdienen wusste. Hier fand er Gelegenheit,

die schlechte Vermessung und Vertheilung der ungeheueren Landstriche

wahrzunehmen, die in Ireland confisciert worden waren. Er machte die

Regierung aufmerksam darauf, und erhielt nun selber die Leitung des

ganzen Verfahrens. Die Karten, welche zu diesem Zwecke ausgearbeitet

wurden, galten damals für die genauesten, deren sich irgend ein Land

rühmen konnte[103]; und sie haben in Ireland bis auf den heutigen Tag

gerichtliche Beweiskraft[104]. Die Summen, welche Petty mit dieser

Arbeit verdiente, wurden von ihm zu Güterkäufen und Creditspeculationen

mit dem glücklichsten Erfolge angewendet. Auch darin war er ebenso

rücksichtslos, wie geschickt, dass er während der Revolution als

Anhänger des Parliamentes auftrat, während der Restauration aber von

Karl II. mit Gunstbezeugungen nicht vergessen wurde. Eine, dem König

dedicierte, Abhandlung überschreibt er sehr offenherzig mit dem Motto:

_Qui sciret regibus uti, fastidiret olus!_ Bei seinem Tode hinterliess

er ein Jahreseinkommen von 15000 Pfund St. Sein Sohn wurde nachmals zum

Baron Shelburne ernannt, und ist der Stammvater der heutigen Marquis von

Lansdowne[105].

Pettys reiche und glänzende Bildung ist von seinen Zeitgenossen vielfach

bewundert worden. So erklärt ihn Evelyn (a. a. O.) für einen der besten

lateinischen Dichter unter den Lebenden. _He is so exceeding nice in

sifting and examining all possible contingencies, that he adventures at

nothing which is not demonstration. There were not in the whole world

his equal for a superintendent of manufacture and improvement of trade,

or to govern a plantation.... There is nothing difficult to him._ Auch

seiner grossen Geschicklichkeit wird erwähnt, andere Menschen

nachzuahmen: so z. B. die verschiedensten Prediger, Quäker, Mönche,

Presbyterianer u. s. w. in derselben Stunde zu copieren. Was Pepys[106]

namentlich an ihm hervorhebt, ist die Schärfe seines Verstandes und die

Klarheit seiner Auseinandersetzungen. Zu seinen unzweideutigsten

Verdiensten gehört die Theilnahme an der Gründung und Leitung der _Royal

Society_; sowie er auch in technischer Beziehung als Erfinder geglänzt

hat.

Unter den Schriften Pettys sind die wichtigsten folgende. _A treatise of

taxes and contributions, shewing the nature and measures of crown-lands,

assessments, customs, poll-money, lotteries, benevolences etc. (4.

London 1679.) Quantulumcunque, or a tract concerning money, addressed to

the Marquis of Halifax. (4. London 1682.) Several essays in political

arithmetick_; zuerst 1682 erschienen, dann mit der schönen posthumen

Abhandlung _Political arithmetick concerning the value of lands etc._

vermehrt 1691. (_4. edition London 1755. 8._) _Political survey or

anatomy of Ireland, with the establishment of that kingdom, when the

Duke of Ormond was Lordlieutenant etc. (8. London 1791.)_ -- Eine

würdige Gesammtausgabe seiner Werke fehlt noch immer, was um so mehr zu

beklagen ist, als sich ungedruckte Aufsätze über irische Statistik und

Aehnliches im Besitze der Lansdowne'schen Familie befinden sollen.

Pettys %statistische% Arbeiten zeugen ebenso sehr von der genialen

Umsicht und Klarheit seines persönlichen Blickes, wie von der grossen

Unvollkommenheit aller damaligen Hülfsmittel. -- Was in unserer

heutigen Statistik ziemlich das Sicherste, verhältnissmässig auch

Leichteste ist, die Bevölkerungszahl im Allgemeinen, das musste Petty

auf den unsichersten und mühsamsten Umwegen zu errathen suchen[107]. Er

schliesst zuvörderst aus der Menge der Häuser, die in London sind;

weiterhin meint er, wenn in Paris jedes Haus 3 oder 4 Familien zählt, so

werde in London wohl ein Zehntel der Häuser je 2 Familien enthalten, die

übrigen nur eine; endlich die Personenzahl einer Familie hatte schon

Graunt bei Kaufleuten auf 8 im Durchschnitte angegeben, Petty schlägt

sie in den vornehmeren Familien auf über 10, in den ärmeren auf 5, den

Gesammtdurchschnitt auf 6 an. Die auf solche Art gewonnene Menschenzahl

Londons wird nun von Petty auf zweierlei Weise controliert: einmal,

indem er die Mittelzahl der jährlichen Todesfälle mit 30 multipliciert;

sodann, indem er die Zahl der an der Pest des Jahres 1665 Gestorbenen,

die ein Fünftel der damaligen Bevölkerung gewesen sein sollte, zu Grunde

legt, und den natürlichen Zuwachs bis auf seine Zeit hinzurechnet. Alle

drei Methoden stimmen soweit überein, dass die erste eine Zahl von

695076, die zweite 696360, die dritte 653000 giebt. So stützt sich

Pettys Berechnung des ireländischen Viehstandes auf die Grösse der

Wiesen- und Weideflächen (_supposing to be competently well stock'd_);

er räth sodann (_I guess_), dass ein Drittel der kleinen Familien je ein

Pferd halte, und vermuthet (_suppose_) bei den 16000 grösseren Familien

zusammen 40000 Pferde u. s. w.[108] Bei dieser Ungewissheit vieler

seiner Grundlagen darf man sich nicht verwundern, wenn z. B. die

_Observations upon the Dublin bills of mortality_ (1681) mit dem

Ergebnisse schliessen, dass Dublin eher 58000, als 32000 Einwohner

zähle[109]. Ja, es kommen sogar recht auffallende Sprünge in seinen

Calculen vor: wie z. B., wo er die irische Butter- und Viehausfuhr des

Jahres 1664 um ein Drittel grösser findet, als 1641, und nun daraus

folgert, es sei in dem letztern Jahre die Bevölkerung ein Drittel

grösser gewesen[110].

Doch genug von diesen Mängeln, wo die Vorzüge ein so entschiedenes

Uebergewicht haben! Man darf in der That nur die besten der s. g.

_Respublicae Elzevirianae_, oder Comings Arbeiten mit Petty

zusammenstellen, um den epochemachenden Fortschritt zu erkennen, welchen

der Letztere begründet hat. Die Beobachtung ist das eine Auge der

Statistik, die Vergleichung das andere; und in beiderlei Rücksicht ist

Petty bewunderungswerth. So will es ihm z. B. wenig genügen, wenn man

die Luft von Ireland für mild und gemässigt, für feucht erklärt u. s. w.

Vielmehr bedürfe es hierzu langer, mühsamer und wiederholter

Beobachtungen, einfacher und comparativer, in verschiedenen Theilen der

Insel und verschiedenen Jahreszeiten angestellt, und verglichen mit

ähnlichen Beobachtungen aus anderen Erdtheilen. Er fordert namentlich

Instrumente, um die Bewegung und Stärke des Windes zu messen, sowie

Beobachtungen, wie viele Stunden täglich im ganzen Jahre der Wind aus

einer bestimmten Himmelsgegend weht; ferner Messungen des jährlichen

Regenfalles, des höchsten und niedrigsten Grades der Luftfeuchtigkeit;

thermometrische und barometrische Beobachtungen von Stunde zu Stunde

u. dgl. m.[111] Um die Gesundheit des Klimas zu beurtheilen, soll nicht

bloss ermittelt werden, wie viele Geburten und Todesfälle jährlich auf

eine gegebene Anzahl von Lebenden kommen, sondern auch die mittlere

Lebensdauer[112]. Gerade die letzterwähnten Verhältnisse scheinen ihm

wichtig genug, um sie das _Abc_ der _publick economy_ zu nennen[113]. --

Uebrigens soll der schildernde Theil der Statistik durchaus nicht, wie

bei so vielen Neueren, hinter dem tabellarischen Theile zurücktreten. So

z. B. ist die Beschreibung der Parteien in Ireland, ihrer tieferen

Ansichten und letzten Beweggründe, zumal des Verhältnisses zwischen den

katholischen Priestern und Gemeinden, durchaus musterhaft[114]. Ebenso

werden die Nahrung, Kleidung, Sitten, Bildung u. s. w. der verschiedenen

Volksklassen mit der schönsten Anschaulichkeit, obwohl zugleich mit der

prägnantesten Kürze geschildert (p. 91 ff.). Jede gute Statistik, um mit

Schlözer zu reden, ist der Querdurchschnitt eines geschichtlichen

Stromes. Nun hat sich unser Petty zwar mit gelehrten historischen

Studien schwerlich viel abgegeben; ein gesunder historischer Blick aber

ist ihm gewiss nicht abzusprechen. So schliesst er, lediglich gestützt

auf die Natur der Gegend, dass die ältesten Bewohner Irelands von

Schottland ausgegangen, und in der Nähe von Carrickfergus übergesiedelt

sind. Denn die Schifffahrt sei damals viel zu roh gewesen, um eine

Uebersiedelung anderswoher, als von Grossbritannien, vermuthen zu

lassen. Von den wallisischen Vorgebirgen aus könne Ireland oft gar nicht

und niemals klar gesehen werden, dagegen Carrickfergus von Schottland

aus sehr wohl und immer. Ein kleines Boot rudert hier in 3 bis 4 Stunden

über; die irische Küste ist hier viel besser, als die gegenüber liegende

schottische; auch die Sprachen beider Länder hier am ähnlichsten. Es

kommt noch hinzu, dass die vornehmsten und wahrscheinlich ältesten

Bischofssitze hier in der Nähe liegen[115]. -- Man sieht, die Methode

ist ganz die unserer besten neueren Forschungen, wie sie freilich auch

der alte Thukydides bereits geübt hat![116] -- Ebenso praktisch und

historisch zugleich ist die Erklärung, wesshalb Ireland, wie alle dünn

bevölkerten Gegenden, an Eigenthumsunsicherheit leidet; und dass es

unpassend ist, solche Länder mit den Gesetzen dicht bevölkerter Staaten

ohne Weiteres curieren zu wollen (p. 98).

Wie die politische Anatomie von Ireland[117] für die damalige Zeit das

Muster einer Einzelstatistik darbietet, so die posthume Schrift

_%Political arithmetick%_ das Muster einer Comparativstatistik. Der

reiche Inhalt dieses Werkchens, das doch nur 90 Octavseiten zählt, wird

durch den langen Titel bezeichnet: _A discourse concerning the extent

and value of lands, people, buildings; husbandry, manufactures,

commerce, fishery, artizans, seamen, soldiers; publick revenues,

interest, taxes, superlucration, registries, banks; valuation of men,

increasing of seamen, of militias, harbours, situation, shipping, power

at sea etc. As the same relates to every country in general, but more

particularly to the territories of his Majesty of Great-Britain, and his

neighbour of Holland, Zealand and France._ Zu tadeln ist auch hier

wieder das kecke Gruppieren von Ziffern, deren Unsicherheit der

Verfasser am besten wissen konnte: so z. B. wenn er alle Waaren, die aus

irgend einem Theile der mercantilen Welt ausgeführt werden, auf jährlich

45 Millionen Pfund St. schätzt, und nun daraus folgert, dass England

Kapital genug besitze, um den Welthandel an sich zu reissen

(p. 180 ff.). Desto rühmlicher ist sein Streben, das statistische

Material in allen wichtigeren Staaten jener Zeit gleichmässig zu

beherrschen; die geistvolle Hervorhebung nur des wirklich Relevanten und

Interessanten; sowie der echt staatsmännische Tact, mit welchem

gleichsam die Muskeln und Nerven der Staatsmacht herausgefühlt werden,

während die Mehrzahl der Statistiker nicht einmal durch die äusseren

Gewänder hindurchdringen kann. -- Die grossen Vorzüge der Holländer

weiss Petty nach Verdienst zu würdigen; seine Darstellung derselben

stimmt in vielen Punkten mit der von Child überein; aber seine Erklärung

ist besser. Es zeigt sich bei ihm das _Nil admirari_ des wahren Kenners,

der grossentheils nachzuweisen vermag, wie die bewunderten Dinge nicht

sowohl genial erfunden, sondern fast mit Nothwendigkeit aus den

Umständen hervorgegangen sind (p. 115). -- Auch seine kleineren _Essays

on political arithmetick_, die meistens für die königliche Gesellschaft

der Wissenschaften geschrieben wurden, gehören zum grossen Theile der

vergleichenden Statistik an: so z. B. die schönen Untersuchungen über

London und Paris, London und Rom, Dublin und mehrere andere Grossstädte.

Die oben erwähnte Hauptarbeit schliesst mit den Worten, man werde aus

dem Gesagten ersehen können, was der Verfasser unter politischer

Arithmetik verstehe. Es ist das im Wesentlichen eben, was wir eine

vergleichende und in Ziffern möglichst exacte Statistik nennen

würden[118]. Wie neu diese Wissenschaft damals war, zeigt sich noch am

Ende des 17. Jahrhunderts in dem begeisterten Lobe, welches ihr von

Davenant[119] gespendet wird. Unser Petty kann desshalb zu den

vornehmsten Begründern derselben gezählt werden; obschon die Behauptung

seines Sohnes, er sei notorisch der Erfinder dieser Methode[120], eine

Uebertreibung enthält. Ihm ist nämlich in vielen Punkten der Weg gebahnt

worden durch die treffliche Schrift seines Collegen in der königlichen

Gesellschaft, Capitän %John Graunt% _Natural and political observations

upon the bills of mortality, chiefly with reference to the government,

religion, trade, growth, air, diseases etc. of the city of London. (4.

London 1662.)_ Petty selbst beruft sich oftmals auf diesen Vorgänger,

nach dessen Tode er 1676 die 5. Ausgabe des gedachten Werkes

besorgte[121]. Was übrigens die von Graunt und Petty gefundenen

Sterbegesetze anbetrifft, welche auf den Registern der Städte London und

Dublin beruhen, so hat bereits Halley[122] dawider geltend gemacht, dass

der starke Ab- und Zufluss, den diese Städte durch Aus- und Einwanderung

erleiden, das Resultat der Rechnung sehr stören müsse. Er selber zog

desshalb vor, die Stadt Breslau bei seinen Untersuchungen zu Grunde zu

legen. -- Jene Vergleichstatistik von England, Frankreich und Holland

ist aber noch aus einem andern Grunde wichtig. Sie ist nämlich direct in

der Absicht geschrieben, um der weitverbreiteten Klage, als wenn der

englische Staat in raschem Verfall begriffen wäre, entgegen zu treten.

Man glaubte damals, «die Grundrente sei allgemein gesunken; das ganze

Reich werde von Tag zu Tage ärmer; es herrsche Mangel an edlen Metallen;

das Land sei untervölkert, und habe gleichwohl keine hinreichende

Beschäftigung für seine Bewohner; die Steuern seien zu hoch; Ireland und

Amerika nur eine Last für England, Schottland wenigstens kein Vortheil;

der Handel im kläglichsten Sinken begriffen; die Holländer seien mit

ihrer Seemacht den Engländern fast gleich, und die Franzosen überholten

beide an Reichthum und Macht so sehr, dass nur ihre Gnade sie von dem

Verschlingen ihrer Nachbaren abhalte; mit einem Worte, Kirche und Staat

von England schwebten in derselben Gefahr, wie der englische

Handel.»[123] Dagegen zeigt nun Petty, dass kleine Länder und Völker

durch Lage, Handel und Politik viel grösseren an Reichthum und Macht

gleichkommen können; dass Frankreich insbesondere an Seemacht den

Engländern und Holländern immer nachstehen müsse; dass Land und Volk des

englischen Königs von Natur fast ebenso bedeutend seien, wie Frankreich;

dass Englands Macht und Reichthum seit 40 Jahren zugenommen haben, und

alle Hindernisse, welche dem fernem Wachsthume entgegenstehen, beseitigt

werden können; endlich dass es an Geld nicht fehle, um den englischen

Handel, ja den Handel der ganzen Welt zu treiben. -- Mit diesen

Erörterungen wird eine Controverse vorläufig geschlossen, welche zwanzig

Jahre lang die englischen Nationalökonomen in zwei Heerlager gespalten

hatte, und deren praktische Bedeutung, namentlich für die

Handelspolitik, ausserordentlich gewesen war[124]. Es ist übrigens

charakteristisch für die damalige Abhängigkeit der stuartischen

Regierung von Frankreich, und der englischen Presse wieder von der

Regierung, dass diese vortreffliche, echt patriotische und loyale

Schrift erst 1694 gedruckt werden durfte, weil sie _offended France_!

Wir gehen nunmehr zu den %nationalökonomischen% Ansichten über, welche

Pettys Arbeiten zu Grunde liegen.

Der im Keime schon von Hobbes aufgestellte Satz, dass der %Preis% jedes

Gutes von der, zu seiner Hervorbringung erforderlichen, Arbeit abhängt,

ist durch Petty bedeutend weiter entwickelt. «Wenn Jemand eine Unze

Silber aus der Erde Perus nach London bringen kann, in derselben Zeit,

welche er nöthig hat, um einen Büschel Getreide zu erzeugen, so ist das

Eine der natürliche Preis des Andern. Und ferner, wenn vermittelst

neuer, leichterer Minen ein Mann ebenso leicht zwei Unzen Silbers

gewinnen kann, wie früher eine Unze, dann wird Getreide zu 10 Schilling

der Büschel ebenso wohlfeil sein, wie früher zu 5 Schilling,

vorausgesetzt, dass die übrigen Umstände gleich sind.»[125] «Natürliche

Theuerung und Wohlfeilheit hängen von der grössern oder geringern Zahl

der Hände ab, welche für die nothwendigsten Dinge erfordert werden. So

ist das Korn wohlfeiler, wo ein Mann den Kornbedarf für 10 hervorbringen

kann, als wo er diess nur für 6 zu thun vermag; wobei noch

berücksichtigt werden muss, wie das Klima die Menschen zwingt, mehr oder

weniger zu verbrauchen. Getreide wird doppelt so theuer sein, wo 200

Bauern dieselbe Arbeit verrichten müssen, welche 100 thun könnten.»[126]

Unter diese Regel fallen auch solche Arbeiten, welche sich durch

Künstlichkeit oder Gefährlichkeit auszeichnen. «Wenn die Production des

Silbers mehr Kunst erfordert, oder mehr Gefahr mit sich bringt, als die

des Kornes, so lasse man 100 Menschen 10 Jahre lang auf Korn arbeiten,

und ebenso viele ebenso lange auf Silber: dann behaupte ich, dass der

Reinertrag des Silbers der Preis sein wird für den ganzen Reinertrag des

Kornes, und gleiche Quoten des einen der Preis für gleiche Quoten des

andern. Obschon nicht so viele Silberarbeiter die Kunst des Raffinierens

und Münzens gelernt, oder die Gefahren und Krankheiten der Grubenarbeit

überlebt haben werden.»[127] -- Petty erklärt es für «die wichtigste

Betrachtung der politischen Oekonomie,» ein %Preismass% zu finden,

welches namentlich auf Grundstücke und Arbeit gleichmässig angewandt

werden könnte. Als ein solches Preismass empfiehlt er nun den

durchschnittlichen Nahrungsbedarf eines Mannes für einen Tag; und zwar,

weil die verschiedenen Nahrungsmittel verschiedene Arbeitsmengen zu

ihrer Production erheischen, den Nahrungsbedarf auf die wohlfeilsten

Lebensmittel zurückgeführt. An diesen Massstab gehalten, ist z. B. das

Silber in Russland viermal so theuer, als in Peru: wegen der

Frachtkosten und Gefahren, womit ein Transport desselben aus Peru nach

Russland verbunden zu sein pflegt[128].

Nicht weniger anziehend sind die Bemerkungen Pettys über die drei

grossen Einkommenszweige. Das natürliche Sinken des %Zinsfusses% erklärt

er für eine Folge der Geldvermehrung. Staatsgesetze könnten in dieser

Rücksicht direct wenig thun[129]. Wenn er desshalb für Ireland eine

Erniedrigung des Zinsfusses, etwa von 10 auf 5-6 Procent, wünschenswerth

findet, so empfiehlt er zur Erreichung dieses Zweckes, ausser einer

Landbank, doch nur solche Massregeln, welche die Handelsthätigkeit und

Creditsicherheit vergrössern[130]. Gegen die üblichen Vorschriften

eines Zinsmaximums eifert er schon desshalb, weil verschiedene

Darlehensgeschäfte eine so sehr verschiedene Gefahr mit sich

bringen[131]. -- Hinsichtlich der %Grundrente% unterscheidet Petty die

_natural and genuine rent of lands_, d. h. den Ertrag in Bodenproducten,

von dem Geldertrage[132]. Um nun die Grundrente im engern Sinne des

Wortes zu ermitteln, soll man den durchschnittlichen Rohertrag der

Ländereien, etwa eines Kirchspiels, und die Ausgaben der umwohnenden

Arbeiterbevölkerung (_within a market-days journey_) erforschen; der

letztere Punkt wird alsdann einen Schluss auf die Kosten erlauben,

mittelst welcher der obige Rohertrag gewonnen worden ist. Eleganter noch

ist folgendes Verfahren. Wenn ein Kalb auf freier Weide innerhalb einer

gewissen Zeit um so viel Fleisch zunimmt, wie 50 tägliche Mannsnahrungen

(_days-food_) kosten, und ein Arbeiter auf demselben Lande und binnen

derselben Zeit = 60 tägliche Mannsnahrungen produciert: so muss die

Grundrente = 50, der Arbeitslohn = 10 betragen[133]. Von der Erfahrung

übrigens, dass die Gaben der Natur bei steigender Bevölkerung mit

relativ immer grösseren Kosten errungen werden müssen, dieser Grundlage

des Ricardo'schen Gesetzes, hat Petty keine Ahnung. Er findet, dass

Englands Grundrente verhältnissmässig 4 bis 5 mal so hoch ist, wie die

irische, aber nur 1/4 bis 1/3 so hoch, wie die holländische; und bringt

diess alsdann ganz einfach mit der Bevölkerung in Zusammenhang, welche

in Holland 4 mal dichter sei, als in England, und in England 4 bis 5 mal

dichter, als in Ireland. Ob diess Verhältniss eine Gränze habe, kümmert

ihn so wenig, dass er, in seinem Eifer für Dichtigkeit der Bevölkerung,

es für einen Vortheil halten würde, ganz Ireland und Hochschottland

aufzugeben, die Bewohner aber nach England herüberzusiedeln![134] Desto

schöner ist die Beobachtung, dass mit der Zunahme des Handels und

Gewerbfleisses eine Abnahme der landwirthschaftlichen Arbeiterpopulation

verbunden zu sein pflegt: wie z. B. die Holländer ihr Getreide und

Jungvieh aus Polen und Dänemark beziehen, ihr eigenes Land aber zu

Gartenbau, Milchwirthschaft u. s. w. verwenden. Ein solcher Fortschritt,

meint der Verfasser, müsse die Grundrente erniedrigen[135]. -- Die

Verschiedenheiten des %Arbeitslohnes% erklärt Petty auf folgende Weise.

Gesetzt, ein Maler habe seine Porträts bisher zu 5 Pfund St. das Stück

geliefert, erhalte aber zu diesem Preise einen grössern Zuspruch von

Kunden, als er befriedigen kann: so wird er seinen Preis auf 6 Pfund St.

erhöhen, sobald er glaubt, dass eine hinreichende Zahl von Kunden, um

seine ganze Arbeitszeit auszufüllen, zu diesem Preise bereit ist. Etwas

Aehnliches ergiebt sich, wenn bisher z. B. 1000 gemeine Arbeitstage 100

Aecker Landes zu bestellen pflegten, jetzt aber ein denkender Kopf in

100tägiger Geistesarbeit eine solche Verbesserung der Landwirthschaft

aussinnt, dass in den übrigen 900 Tagen, statt 100, 200 Aecker damit

bestellt werden können. Hier ist die 100tägige Geistesarbeit offenbar so

viel werth, wie die gemeine Handarbeit eines ganzen Menschenlebens[136].

Vermittelst einer Kapitalisierung des Arbeitslohnes hat Petty zu

wiederholten Malen den «Werth des Volkes» zu schätzen gesucht. Er

bedient sich hierbei, ohne Rücksicht auf die Vergänglichkeit der

individuellen Arbeitskraft, desselben Multiplicators, wie bei der

Kapitalisierung von Grundrenten: weil die menschliche Gattung ebenso

unvergänglich ist, wie die Grundstücke[137].

Sehr ausgebildet ist die Lehre Pettys vom Unterschiede der %productiven%

und %unproductiven Arbeit%. In seiner politischen Arithmetik stellt er

zwei Klassen von Menschen einander gegenüber: «solche, die materielle

Dinge producieren, oder Dinge von wirklichem Nutzen für das Gemeinwohl,

die insbesondere durch Handel oder Waffen den Gold-, Silber- und

Juwelenreichthum des Landes vergrössern; und solche, die weiter Nichts

thun, als Essen, Trinken, Singen, Spielen und Tanzen,» wohin der

Verfasser auch das Studium der Metaphysik und andere «unnütze

Speculationen» rechnet. Die letztere Klasse vermindert den

Volksreichthum; ausser insofern, als solche Uebungen zur Erholung und

Erfrischung des Geistes dienen, und bei massigem Gebrauche die Menschen

für andere, an sich wichtigere Geschäfte besser disponieren können. Als

eine dritte Klasse werden noch diejenigen Geschäfte angeführt, welche

unbedingt schädlich sind: als Betteln, Betrügen, Stehlen, Hazardspielen

u. s. w.[138] -- Der Handel, meint Petty, kann sowohl productiv sein,

als unproductiv. Die meisten Betreiber fassen ihn freilich unproductiv,

indem sie viel mehr bemühet sind, ihre Quote auf Kosten des Ganzen, als

das Ganze auf Kosten ihrer Quote zu vergrössern. Petty gedenkt hier

namentlich der zahllosen Processe und Chicanen, welche in Ireland durch

die grosse Rechtsunsicherheit sowohl des Grundbesitzes, wie der Steuern,

Criminalgesetze u. s. w. veranlasst werden. In all diesen Fällen werde

das Volksvermögen ebenso wenig vergrössert, wie bei Spielern,

gutentheils sogar falschen Spielern. Es beschäftigen sich aber zwei

Drittel der irischen höheren Stände mit solcher unproductiven Arbeit,

gerade wie Heuschrecken oder Raupen![139] Hierher gehört auch der

Umstand, dass etwa ein Drittel aller städtischen Häuser in Ireland

Bierhäuser sind[140].

Ueber die Bewegung der %Population% sind Pettys Beobachtungen äusserst

unzureichend, so mannichfaltig die Gesichtspunkte waren, die er dabei

aufzustellen dachte[141]. Er ist aber nicht einmal dahin gekommen, die

Nothwendigkeit verschiedener Mortalitäts-, Nativitäts- u. s. w.

Verhältnisse auf verschiedenen Kulturstufen zu erkennen. So giebt er als

Regel an, dass sich 300000 Menschen im Laufe von 500 Jahren auf 1200000

vermehrten[142]. Anderswo berechnet er, dass 1842 die Bevölkerung von

London = 10718889, die des ganzen übrigen Englands = 10917389 betragen

werde[143]. -- Von der Nützlichkeit dichter Bevölkerung ist er fast

leidenschaftlich eingenommen; so dass er 1000 Acres, welche 1000

Menschen ernähren können, geradezu für besser erklärt, als 10000 Acres

mit demselben Effecte. Er beruft sich darauf, dass im erstern Falle jede

Vereinigung zu gemeinsamen Zwecken, jede Seelsorge, Rechtspflege,

militärische Vertheidigung, jede Arbeitstheilung und Versorgung mit

Vorräthen ungleich bequemer ist[144]. Den Nutzen der Arbeitstheilung,

namentlich um die Producte wohlfeiler zu machen, hat er sehr gut

erkannt[145]. Während die früheren Könige mehr als einmal versucht

hatten, dem riesenhaften Anschwellen der Hauptstadt Gränzen zu

setzen[146], findet Petty dasselbe nur erfreulich. Er meint, dass durch

eine Vergrösserung Londons auf mehr als 4-1/2 Millionen Einwohner der

Staat nach Aussen leichter zu vertheidigen, nach Innen leichter zu

regieren sein würde; die Arbeitstheilung würde in den Gewerben

vollkommener, die Concurrenz grösser, die Transport- und Reisekosten

aller Art geringer, die Steuern einträglicher werden[147].

Ausgezeichnet stark ist Petty in der Lehre vom %Gelde%. Dass der

Reichthum eines Volkes nicht vorzugsweise, oder gar ausschliesslich in

edlen Metallen bestehen könne, davon hatten ihn seine statistischen

Untersuchungen auf das Lebhafteste überzeugt. In den meisten Ländern,

namentlich in Ireland, selbst in England, beträgt der gesammte

Münzvorrath nur etwa 10 Procent der jährlichen Volksausgaben und kaum

ein Procent des Nationalvermögens[148]. Jedes Land hat auch für seinen

Verkehr nur eine gewisse Menge von Geld nöthig; es wäre eine schlechte

Wirthschaft, den Baarvorrath zu vergrössern, wo der Reichthum sich nicht

vergrössert hat. Denn es kann ebenso wohl zu viel, wie zu wenig Geld

vorhanden sein; nur dass im erstern Falle die Abhülfe leichter ist, etwa

durch Anfertigung von Gold- und Silbergeräthschaften[149]. «Das Geld ist

gleichsam das Fett des Staatskörpers, wovon das Zuviel ebenso oft die

Beweglichkeit des letztern hindert, wie das Zuwenig krank macht. Wie das

Fett die Bewegung der Muskeln schmeidigt, in Ermangelung von

Lebensmitteln ernährt, unebene Höhlungen ausfüllt, und den Körper

verschönert: so beschleunigt im Staate das Geld dessen Bewegungen; es

ernährt aus der Fremde in Zeiten der Theuerung; es gleicht Rechnungen

aus vermöge seiner Theilbarkeit, und verschönert das Ganze, vor Allem

die Personen, welche es in Menge besitzen.»[150] England bedarf in

seinen Verhältnissen soviel Geld, wie die Hälfte aller Grundrenten, ein

Viertel aller Hausmiethen und 1/52 aller Arbeiterausgaben im Jahre

beträgt: weil die Grundrenten halbjährlich, die Hausmiethen

vierteljährlich, die Arbeitslöhne wöchentlich gezahlt zu werden

pflegen[151]. Aus diesem Grunde verwirft Petty alle Verbote der

Geldausfuhr; er hält dieselbe auch in dem Falle für nützlich, wenn

Waaren dafür zurückgebracht werden, die auch nur im Inlande mehr Werth

haben, als das ausgeführte Geldquantum[152]. Rücksichtlich der

Handelsbilanz sieht er richtig ein, dass die Schwankungen des

Wechselcurses im natürlichen Zustande nie mehr betragen können, als die

Kosten und Gefahren des Geldtransportes[153]. -- Er schreibt übrigens

den edlen Metallen, sowie auch den Edelsteinen einen höhern Grad von

Reichthumsqualität zu, als anderen Waaren. Jene sind minder vergänglich,

und haben zu allen Zeiten und an allen Orten Werth, wogegen z. B. Wein-,

Korn-, Fleischvorräthe nur hier und dort als Reichthum gelten können.

Daher sieht Petty allerdings solche Handelsgeschäfte, welche edles

Metall einführen, als besonders vortheilhaft an, und will sie bei der

Besteuerung vorzüglich geschont wissen. Aus demselben Grunde achtet er

den auswärtigen Handel mehr, als den inländischen[154]. -- Gegen die

verderbliche Finanzmassregel nomineller Gelderhöhungen hat er mehrfach

und lebhaft geeifert; ihre Folgen rücksichtlich aller Waarenpreise und

Creditverhältnisse waren ihm dermassen klar, dass er meint, ein offen

erklärter Staatsbankerott sei immer noch ein geringeres Uebel[155].

Uebrigens erkennt schon Petty, dass man als wirkliches Geld nur das

eine der beiden Edelmetalle zu Grunde legen kann, das andere daneben

als Waare umlaufen muss[156]. -- Das Bankwesen ist ihm vorzüglich aus

holländischen Erfahrungen bekannt. Er schreibt ihm die Wirkung zu,

eine kleinere Geldsumme im Verkehr einer grössern äquivalent zu

machen. Doch spielt dieser Gegenstand keine grosse Rolle in seinem

Gedankenkreise[157].

Hinsichtlich der %Consumtion% spricht unser Verfasser eine ebenso

bedeutende, als wahre Meinung aus, deren lange vernachlässigter Kern

erst in Malthus Schriften zur vollen Entfaltung gekommen ist: ich meine

den Satz, dass jede Productionsvermehrung durch eine entsprechende

Consumtionsvermehrung bedingt werde[158]. Petty unterscheidet nämlich

zwei Volksklassen in Ireland: 184000 Familien, die nur in Hütten ohne

Kamin oder höchstens mit einem Kamine wohnen, und 16000 vornehmere, die

Häuser mit mehreren Kaminen besitzen. Die erste Klasse giebt dem Handel

fast gar Nichts zu verdienen, da sie, mit alleiniger Ausnahme des

Tabaks, alle ihre Bedürfnisse durch unmittelbare Hausarbeit befriedigt,

und fast alle ihre Erzeugnisse selbst verbraucht. Nun fragt der

Verfasser, ob es für das Gemeinwohl besser sein würde, die Ausgabe der

Optimaten zu verringern, oder aber die Plebejer zum Luxus zu erziehen.

Er entscheidet sich durchaus für das letztere: die Plebejer würden

alsdann noch einmal so viel ausgeben, wie jetzt, aber auch noch einmal

so viel verdienen, und das Ganze dadurch reicher werden; im erstern

Falle würde nur, mit geringem Vortheile des Staates, die ohnehin weit

verbreitete Schmutzigkeit des Lebens sich noch weiter ausbreiten. An

einer andern Stelle verwirft er die Meinung, als wenn die Trägheit der

Ireländer auf einer schlimmen Naturanlage beruhete. «Was brauchen Die zu

arbeiten, welche sich mit Kartoffeln begnügen, worin die Arbeit eines

Mannes 40 Menschen ernähren kann;..... und die ein Haus in drei Tagen

erbauen können? Und warum sollten sie ein besseres, obschon

arbeitsvolleres Leben wünschen, wenn man sie lehrt, dass diese Lebensart

mehr den alten Patriarchen und neuen Heiligen ähnlich ist, durch deren

Gebet und Verdienst sie erlöst werden sollen, und deren Beispiel sie

daher nachahmen müssen? Warum sollten sie mehr Vieh züchten, da dessen

Ausfuhr nach England verboten ist? Warum mehr Waaren hervorbringen, da

keine Kaufleute da sind mit hinreichendem Kapital, sie ihnen abzukaufen,

oder mit anderen, sie mehr ansprechenden Fremdwaaren, die man ihnen zum

Tausch bieten könnte? Und wie sollten die Kaufleute Kapital haben, da

der Handel durch Englands Gesetze verboten und gefesselt ist?»[159] --

Dagegen bestreitet Petty die sehr gewöhnliche Ansicht, dass der

%Absenteeismus% Irelands Armuth verschulde. Wenn ein Engländer in

Ireland Güter kauft, und deren Rente in England verzehrt, so wird das

irische Volksvermögen dadurch nicht mehr geschmälert, als das englische

durch die Uebersendung des Kaufschillings. Wäre es möglich, die

gekauften Grundstücke selbst nach England zu versetzen, so würden die

übrigen, in Ireland gebliebenen, Ländereien dadurch nicht beeinträchtigt

werden; wesshalb denn durch die blosse Zahlung der Renten ins Ausland?

Ein Verbot des Absenteeismus, in allen Consequenzen ausgebildet, würde

dahin führen, dass Jedermann auf der von ihm bebauten Scholle sitzen

müsste; das wäre denn freilich eine allgemeine Gleichheit, aber nur die

Gleichheit der Armuth, Verwirrung und Anarchie[160].

In der praktischen Nationalökonomie Pettys nimmt den Mittelpunkt ein

seine lebhafte Vertheidigung der %Union% zwischen Ireland und England.

Ausser einer verhältnissmässigen Vertretung beider Länder in demselben

Parliamente, verlangt er noch eine, durch wechselseitig starke

Immigrationen bewirkte, Verschmelzung der beiden Völker. Der bisherigen

Trennung wird eine Menge absurder Folgen nachgewiesen, theils

politischer und juristischer, theils wirthschaftlicher Art. So z. B.

dass die Unterthanen desselben Herrschers gleich Ausländern gegen

einander Zölle bezahlen müssen; dass die Iren, wenn sie nach Amerika

schiffen wollen, erst mit grossen Kosten und Gefahren auf der englischen

Küste umzuladen gezwungen sind, und überhaupt in vieler Hinsicht mit dem

Auslande näher verkehren, als mit England. Wäre es nicht ebenso klug,

zwischen England und Wales, zwischen Süd- und Nordengland u. s. w.

ähnliche Schlagbäume aufzurichten?[161] -- Aus demselben Gesichtspunkte

verwirft Petty das Stapelrecht gegenüber seinen %Kolonien%, welches sich

England vermittelst und seit der berühmten Schifffahrtsacte angemasst

hatte[162]. Freilich wäre hiermit die ganze Grundlage damaliger

Kolonialpolitik weggefallen!

Ich gedenke schliesslich noch der Petty'schen %Steuertheorie%. Was diese

besonders anziehend macht, ist sein Bestreben, systematisch auf die

Steuerquellen zurückzugehen[163]. Da er den Ertrag aller Kapitalien und

Ländereien von England auf 3/8, den Arbeitslohn auf 5/8 des jährlichen

Volkseinkommens anschlägt, so verlangt er, dass auch die Steuern zu 5/8

dem _people_, zu 3/8 dem _land and stock_ aufgebürdet werden; das

letztere wiederum soll man quotenweise auf die Häuser, Viehheerden,

Mobilien u. s. w. vertheilen. -- Eine zweckmässig angelegte Steuer kann

dem Volksvermögen selbst unmittelbar nützen: wenn sie z. B. das Geld aus

schlecht wirthschaftenden Händen wegnimmt, und in gut wirthschaftende

überträgt; wenn sie Müssiggänger zur Arbeit nöthigt u. s. w.[164] Aus

diesem Grunde ist Petty sehr für indirecte Steuern, wie sie in Holland

vorherrschen. Die Menschen sollen nach ihren Ausgaben besteuert werden,

nicht nach ihren Einnahmen; und zwar ist vorzugsweise die Consumtion

rasch vergänglicher Waaren, als z. B. das Essen und Trinken, zu

belasten[165]. Also dieselbe Ansicht, wie bei Hobbes: eine Ansicht, die

überhaupt seit anderthalb Jahrhunderten als die in England

volksthümliche gelten kann. -- Die Verpachtung der Steuern wird

gemissbilligt, «weil das Volk dabei doppelt so viel zahlen müsse, als

der König empfängt.»[166] Aecht historisch und praktisch endlich ist der

Vorschlag, in Ireland statt der Geldsteuern lieber Naturalabgaben (in

Flachs) und Frohnarbeiten zu fordern[167]: weil das Land in seinem

jetzigen, niedrig kultivierten Zustande Arbeit im grössten Ueberflusse,

aber Mangel an Geld habe.

Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre aus dem III. Bande der Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften · 第 12 / 16 题