VII.

_Die Nachahmung der niederländischen Handelsblüthe._

Von SIR THOMAS CULPEPER[89] sind zwei Werkchen bekannt: zuerst eine

Denkschrift, welche unter dem Titel _A tract against the high rate of

usury_ 1623 dem Parliamente überreicht wurde, um die Herabsetzung des

legalen Zinsfusses von 10 auf 6 Procent zu empfehlen; sodann eine

Fortsetzung derselben vom Jahre 1640, worin die guten Folgen der

wirklich erreichten Zinserniedrigung auf 8 Procent (_21 James I, C. 17_)

dazu benutzt werden, eine neue und abermals neue Herabsetzung, bis

endlich zum Niveau des holländischen Zinsfusses, vorzuschlagen.

Höchst merkwürdige Schriften beide! Eine tiefe Einsicht in den

Zusammenhang der meisten Symptome höherer Kultur lässt sich dem

Verfasser gewiss nicht absprechen. Der lebhafte, vielseitige und durch

starke Concurrenz angespornte Handel; der eigene active Betrieb der

Schifffahrt; die Wohlfeilheit in der Bedienung auswärtiger Kunden; die

Fähigkeit, Steuern, Almosen u. s. w. ohne grosse Beschwerde zu einem

hohen Ertrage zu steigern; die wirthschaftliche Möglichkeit der

Hochwaldkultur; der hohe Preis der Grundstücke: alles Diess wird nach

Culpeper von der %Niedrigkeit des Zinsfusses% bedingt. Namentlich hebt

er hervor, dass es bei einem niedrigen Zinsfusse gewinnbringender ist,

den alten Boden zu meliorieren, als neuen Boden zu kaufen; ja, dass

Entwässerungen, Eindeichungen, irgend kostspielige Düngungen,

Spatenkultur u. s. w., ebenso wie Kolonien und gewerbliche Erfindungen,

nur unter dieser Voraussetzung möglich sind. Lauter richtige Thatsachen;

Schade nur, dass die Wechselseitigkeit der Beziehungen so gut wie völlig

übersehen ist. Der niedrige Zinsfuss ist ebenso wohl eine Folge, wie

eine Ursache der angeführten Zustände: es sind eben alles verschiedene

Seiten desselben grossen Organismus, welcher hochkultivierte

Volkswirthschaft heisst. Dagegen meint Culpeper, als wenn der Staat

durch künstliche Herabdrückung des Zinsfusses alles Uebrige erzwingen

könnte. Eine solche Einseitigkeit ist gerade bei praktischen

Volkswirthen nicht unerhört. Wie oft sind nicht Schutzzölle, bis auf

unsern List herunter, als eine Art von Zaubermittel empfohlen worden, um

Kultur und Reichthum zu schaffen! Und selbst die Theoretiker werden in

der Kindheit ihrer Wissenschaft gar häufig von einzelnen bedeutenden

Wahrheiten so eingenommen, dass sie alles Andere gleichsam nur durch

diese hindurch sehen können. Ich gedenke der frühesten Philosophen und

Naturforscher bei den Griechen. -- Hinsichtlich der Handelsbilanz

theilte Culpeper die gewöhnlichen Ansichten des s. g. Mercantilsystems.

(Also bereits 4 Jahre nach Colberts Geburt!) Er hegt eine grosse

Abneigung wider Kapitalanlehen aus der Fremde, die meistens nicht in

edlen Metallen, sondern in überflüssigen Fremdwaaren eingingen, und an

Zinsen u. s. w. mehr aus dem Lande zögen, als an Stamm hereinbrächten.

Als Ausnahme, wo selbst eine ungünstige Handelsbilanz nicht erschöpfe,

werden schwachbevölkerte Länder genannt, deren Bewohner ihre

Naturproducte nicht aufzehren könnten.

Ein naher Geistesverwandter des Vorigen ist SIR JOSIAH CHILD, Baronet.

Seine Stellung als Mitdirector der ostindischen Compagnie mag ebenso

wohl zur Trübung, wie zur Aufklärung seiner nationalökonomischen

Ansichten beigetragen haben[90]. Jedenfalls war er mit dem Handel aus

eigener vieljähriger Erfahrung vertraut, und hat die Resultate derselben

in zwei Schriften niedergelegt: _Brief observations concerning trade and

the interest of money. By J. C. 4. London 1668._ (Verfasst

grösstentheils schon 1665, wo Child während der Pest auf dem Lande

lebte.) _A new discourse of trade. 1690. (5 ed. Glasgow 1751.)_ Ich habe

leider nur das letzte Buch, und zwar in einer französischen Uebersetzung

von 1754, benutzen können. Ausserdem soll noch von Child sein: _A

treatise, wherein it is demonstrated, that the East-India trade is the

most national of all foreign trades. By Φιλοπἁτρις.

London 1681. 4. Confutation of a treatise, intituled: A iustification

of the directors of the Netherlands East-India-Company. 1688._

Als Mittelpunkt auch des Child'schen Systemes muss der Satz betrachtet

werden, dass ein %niedriger Zinsfuss% die _causa causans_ alles

Reichthums sei (p. 68); für den Handel, sogar für den Ackerbau, was die

Seele für den Körper (p. 363). Diess könne man schon in England sehen,

wo die gesetzlichen Erniedrigungen des Zinsfusses eine völlig

entsprechende Reichthumsvermehrung nach sich gezogen hätten. Seit dem

Jahre 1651, d. h. also der Zinsreduction auf 6 Procent, habe sich die

Zahl der Kutschen auf das Hundertfache vermehrt; die Kammerfrauen trügen

jetzt bessere Kleider, als damals die Ladies; auf der Börse gäbe es

jetzt mehr Personen mit 10000 Pfund St. Vermögen, als damals mit 1000.

Geht man gar zurück bis zur ersten Zinsreduction von 1545, so hat sich

der Reichthum von England seitdem versechsfacht (p. 69 ff.). Etwas

Aehnliches ergiebt sich aus einer Vergleichung z. B. von Holland oder

Italien mit Ireland, trotz seiner Fruchtbarkeit, Spanien, trotz seiner

Edelminen, der Türkei u. s. w. Mit einem Worte, über den Grad des

Reichthums, der Handelsklugheit u. s. w., welchen ein bestimmtes Land

erreicht hat, lässt sich ganz einfach aus der Höhe seines Zinsfusses

urtheilen (p. 74). -- Nun hatte aber schon damals ein scharfblickender

Anonymus in der Schrift: _Interest of money mistaken_ (1668) die Sache

umgedreht, und, im Gegensatze zu der ersten Schrift von Child, den

niedrigen Zinsfuss eine Folge, nicht eine Ursache des Nationalreichthums

genannt. Unser Child ist daher bemühet, das Gegentheil nachzuweisen

(p. 77-98). Jedoch bestehen seine einzigen wirklich relevanten Gründe

darin, dass ein niedriger Zinsfuss die Geschäftsmänner hindert, ein

müssiges Rentenierleben zu führen, oder ihre Kinder dafür zu erziehen;

ebenso auch, dass die Sparsamkeit des Volkes dadurch gefördert wird

(p. 89 fg. 120). Er giebt desshalb auch an einer andern Stelle zu, dass

es sich mit diesen Dingen ähnlich verhalten möge, wie mit den Eiern,

welche sowohl die Ursache, wie die Wirkung der Hühner sind (p. 121.

156). -- Den Einfluss einzelner gesetzgeberischer Acte überschätzt der

Verfasser ebenso sehr, wie Culpeper (p. 3); ja, er meint geradezu, alle

Menschen seien von Natur gleich, und bloss durch die Verschiedenheit

ihrer Gesetze verschieden geworden (p. 146. 294). Hinsichtlich des

Zinsfusses ist sein Ideal das mosaische Recht, welches den Juden unter

einander das Zinsnehmen gänzlich verbot, von Fremden aber ausdrücklich

gestattete. Hierdurch allein schon mussten die Juden reich werden

(p. 95 fg.). Denn eine Zinserhöhung von 2 Procent ist viel

nachtheiliger, als eine Zollerhöhung von 4 Procent; die letztere drückt

nur auf ein Geschäft, nämlich Aus- und Einfuhr, und nur einmal jährlich;

die erstere auf alle Geschäfte und unablässig (p. 38).

Uebrigens ist der letzte Grund alles Zinses, die Productivität des

Kapitals selber, dem Child noch völlig dunkel. Schon der so häufig bei

ihm vorkommende Ausdruck, _price of money_ für Zins, weiset darauf hin.

Der Gläubiger mästet sich immer auf Kosten des Schuldners (p. 79); und

wenn man namentlich die wunderbaren Erfolge des Zinseszinses bedenkt, so

muss es, nach Child, einleuchten, wesshalb Kapitalanleihen so schädlich

sind (p. 91). Damals war erst vor Kurzem der jetzt in England so hoch

entwickelte Brauch aufgekommen, dass Jedermann seine irgend

überflüssigen Baarvorräthe einem Bankier übergab. Offenbar muss diess

zur Wohlfeilheit des Geldes und Niedrigkeit des Zinsfusses beitragen;

Child jedoch hat die entgegengesetzte Meinung (p. 46). -- Von seinen

theoretischen Ansichten sind ausserdem noch folgende wichtig. Er bemerkt

sehr wohl den nothwendigen Zusammenhang zwischen Handelsblüthe und hohem

%Preise der Grundstücke%[91] (p. 22); auch das ist begründet, dass ein

nachhaltig hoher Preis der Lebensmittel nur bei reichen Nationen

vorkommt, und umgekehrt. Dagegen ist es eine offenbare Uebertreibung,

wenn selbst eine vorübergehende Jahrestheuerung den Armen vortheilhafter

sein soll, als besonders reichliche Jahre (p. 81 fg.) -- Vorzüglich gut

entwickelt sind Childs Ansichten von der %Volksvermehrung%. Zwar theilt

er den Irrthum, welcher im 17. und 18. Jahrhundert so weit verbreitet

war, als wenn die Zunahme der Population immer ein Reichthums- und

Kulturfortschritt sein müsste (p. 298). Indessen wird die, auch hier zu

Grunde liegende, bedingte Wahrheit (p. 368 ff.) ungleich besser

formuliert. Was aber die Voraussetzungen der Populationszunahme

betrifft, so bestreitet Child sehr lebhaft die Behauptung, dass Englands

Volksmenge durch die amerikanischen Ansiedelungen geschwächt worden

(p. 371 ff.)[92] «Unsere Bevölkerung wird immer mit der Beschäftigung,

die wir ihr geben können, im Verhältnisse stehen. Wenn England nur 100

Menschen zu beschäftigen vermöchte, während 150 aufgezogen wären: so

würden 50 auswandern oder umkommen müssen, ohne Rücksicht darauf, ob wir

Kolonien hätten, oder nicht hätten.» Und andererseits, wäre ja die

Auswanderung zu stark gewesen, etwa durch die Leichtigkeit des

Koloniallebens verlockt, so würde sich die Lücke im Mutterlande sehr

bald und von selbst wieder füllen. Der Mangel an Menschen würde eine

grosse Steigerung des Arbeitslohnes verursachen, und diese wiederum zu

einer vermehrten Zahl von Trauungen und Einwanderungen führen

(p. 379 fg. 149). Also ganz die Keime des Malthusischen Gesetzes! -- Wie

bei den meisten Nationalökonomen jener Zeit, so spielt auch bei Child

die s. g. %Handelsbilanz% eine grosse Rolle. Er verehrt den Erfinder

dieses grossen Problems (p. 314), dessen Lösung um so wichtiger ist, je

verderblicher für ein Land der Verbrauch fremder Manufacturwaaren (p. 8.

358). Dem niedrigen Zinsfusse wird ganz besonders nachgerühmt, dass er

das Hauptmittel sei, die Bilanz günstig zu gestalten (p. 101). Eben

desswegen aber hat Child gegen die gewöhnliche Art, die Bilanz zu

ermitteln, eine Menge wichtiger Einwände (p. 312-363). So erwähnt er

z. B. die Trüglichkeit der Zollregister durch Schmuggelei und

fehlerhafte Abschätzungen. Vom Werthe der eingeführten Waaren müsste die

selbstverdiente Fracht abgerechnet werden. Nicht selten erleidet die

Ausfuhr solche Abgänge, oder ist die Einfuhr so vortheilhaft gekauft,

dass eine scheinbar günstige Bilanz ärmer macht, eine scheinbar

ungünstige bereichert. Länder, wie Ireland, viele Kolonien u. s. w.,

haben um desswillen ein Uebergewicht der Ausfuhr, weil sie vermittelst

derselben abwesenden Kapitalisten oder Eigenthümern eine Rente zahlen,

d. h. also verarmen. Alles diess beschränkt die herkömmliche

Voraussetzung, als wenn der allgemeine Ueberschuss der Ausfuhr über die

Einfuhr immer durch baares Geld ausgeglichen würde. Ausserdem kann im

Einzelnen z. B. England aus Norwegen oder Ostindien sehr viel mehr

Waaren einführen, als dahin absetzen; aber die eingeführten Waaren sind

von solcher Wichtigkeit, etwa für die Seemacht, oder für den weitern

Vertrieb an dritte Nationen, dass der ganze Verkehr doch sehr

vortheilhaft genannt werden muss. So ist namentlich Ostindien die

vornehmste und sicherste Salpeterquelle, und vermehrt die englische

Marine ganz vorzugsweise mit kriegsfähigen Schiffen. Auch bringt die

Wiederausfuhr ostindischer Waaren leicht 6mal so viel Geld nach England

zurück, wie die Einfuhr gekostet hat. Selbst der Wechselcurs will Child

für die Ermittelung der Handelsbilanz nicht immer genügen. Lieber

empfiehlt er, aus der nachhaltigen Zu- oder Abnahme der Schifffahrt auf

das Wachsen oder Schwinden des Handelsreichthums vermittelst der Bilanz

zu schliessen. Uebrigens sieht er vollkommen ein, dass ein Volk, um an

fremde Nationen zu verkaufen, auch von ihnen kaufen müsse (p. 358).

Als praktische Grundlage des ganzen Child'schen Systemes muss das

Streben gelten, England auf dieselbe Kulturstufe zu erheben, worauf

Holland sich damals befand; oder richtiger gesagt, %England vom

wirthschaftlichen Uebergewichte der Holländer zu emancipieren%. Child

ist der grösste Bewunderer alles Holländischen; aber freilich nicht in

der quietistisch resignierten Weise, in welcher so viele Deutsche z. B.

England bewundern[93]; und eben desshalb für unser Volk und Zeitalter

vorzüglich belehrend. Ist doch ein Haupttheil seines Buches während des

holländisch-englischen Krieges von 1664 bis 67 geschrieben (p. 69). Als

die vornehmsten Ursachen der holländischen Handelsblüthe werden ausser

der Niedrigkeit des Zinsfusses folgende aufgeführt: die Theilnahme

praktischer Kaufleute an den höchsten Staatsgeschäften[94]; die

Aufhebung des Erstgeburtsrechtes bei Erbtheilungen[95]; die rechtliche

Solidität der Gewerbetreibenden; die grossen Aufmunterungen, welche

Erfindern u. s. w. von Staatswegen gewährt werden; die Geschicklichkeit

und Wohlfeilheit der Rhederei, welche bei der mindesten Gefahr durch

Staatsconvois geschützt wird; die eigenthümlich nationale Sparsamkeit;

die allgemeine Verbreitung mathematischer Kenntnisse; die Niedrigkeit

der Aus- und Einfuhrzölle, wogegen die Staatsbedürfnisse durch hohe

Accisen, diese gleichmässigste, unmerklichste und unschädlichste

Abgabenart, bestritten werden; die gute Armenversorgung; die Banken; die

leichte Aufnahme Fremder; die schnelle und wohlfeile Entscheidung von

Handelsprocessen; die ausgebildete Circulation der Handelspapiere;

endlich das musterhafte Hypothekenwesen (p. 57 ff.). -- Man darf nicht

vergessen, dass Child gerade im Augenblicke des höchsten holländischen

Glanzes schrieb: zur Zeit, wo Colbert, in einer Depesche an den

französischen Gesandten daselbst vom 21. März 1669[96], den

Gesammtbetrag aller Handelsflotten auf 20000 Seeschiffe angab, davon

15-16000 auf Holland, 5-600 auf Frankreich kämen. Wenig Jahre später

konnte der scharfblickende Temple schon die Ansicht äussern, dass der

holländische Handel seinen Zenith passiert habe[97].

In einer Reihe von besonderen Kapiteln werden nun die wichtigsten Punkte

des Obigen den Engländern noch näher gelegt. Der Vorschlag einer

grössern Centralisation der Armenpflege[98], wenigstens für London und

dessen Umgegend (p. 187-217), ist aus der holländischen Ansicht

hervorgegangen, dass jeder lebhafte Handel einen freien Ab- und Zufluss

der Bevölkerung fordert; eine stark localisierte Armenpflege steht aber

nothwendig mit streng festgehaltenem Heimathsrechte in Verbindung. --

%Privilegierte Handelsgesellschaften% billigt Child in solchen Ländern,

«wo der König keine Verbindungen hat und haben kann, sei es nun wegen

ihrer Entfernung, oder wegen ihrer Barbarei und Unchristlichkeit;

ebenso, wo Festungen und Truppen für den Handel gehalten werden

müssen.» Uebrigens sollten auch hier alle Landsleute gegen eine mässige

Abgabe am Handel der Compagnie Theil nehmen dürfen. Die hiergegen

vorgebrachten Gründe widerlegt unser Verfasser mit Erfolg. Auch verwirft

er Compagnievorrechte in allen den Fällen, wo die obigen Bedingungen

nicht vorhanden sind: den Verfall z. B. des englischen Ostseehandels,

Grönlandverkehrs u. s. w. schreibt er den hierfür privilegierten

Gesellschaften zu, während sich der freie Handel mit der Levante, mit

Spanien u. s. w. vortrefflich gegen die Holländer behauptet habe (p. 24.

218 ff.). Namentlich soll das Hinkümmern des französischen Westindiens

vom Compagniemonopole herrühren (p. 403). Man sieht, diess sind ganz

ähnliche Grundsätze, wie Adam Smith sie hatte: nur dass Child die

Ausnahme von der Regel sehr viel breiter fasst. -- Auch die Smith'sche

Ansicht von der %Navigationsacte% ist bei Child vorbereitet

(p. 238 ff.). Er nennt diess Gesetz die _Magna Charta maritima_ (p. 36),

obwohl er keineswegs übersieht, dass dadurch zu Gunsten einer kleinen

Zahl von Rhedern u. s. w. der grossen Mehrzahl des englischen Volkes die

Schifffahrtsdienste vertheuert worden. Indessen sei der militärische

Nutzen für den ganzen Staat doch entschieden überwiegend. Aus diesem

Grunde will er besonders diejenigen Handelszweige begünstigt wissen, die

verhältnissmässig am meisten Schifffahrt erfordern; hier ist nicht bloss

der Frachtgewinn, also ein reines Plus, sondern zugleich der

militärische Nebennutzen am bedeutendsten (p. 29).[99] -- Wie Child

überall in echt holländischer Weise zur bereitwilligen Naturalisierung

der Fremden, zur Toleranz gegen Nonconformisten u. s. w. räth, so

empfiehlt er namentlich auch, nach gehöriger Abwägung der Gegengründe,

die Aufnahme der Juden (p. 290 ff.). -- Ganz vortrefflich ist seine

Ansicht von %Gewerbereglements% (p. 305 ff.). Er glaubt im Allgemeinen,

dass solche Staatsmassregeln, um die technische Güte der

Gewerbserzeugnisse zu verbürgen, schwer durchzusetzen sind; und werden

sie gleichwohl durchgesetzt, so legen sie dem Producenten, gegenüber den

Schwankungen der Mode u. s. w., die nachtheiligsten Fesseln an. Ein

Volk, welches den Welthandel beherrschen will, muss Waaren von jeder

Qualität verfertigen, um eben jedem Bedürfnisse und Geschmacke

entsprechen zu können. Wo ausnahmsweise ein obrigkeitlicher Stempel für

gewisse Qualitäten besteht, da muss allerdings gewissenhaft mit ihm

verfahren werden; allein die nicht vorschriftsmässigen Waaren sollte man

nur durch Verweigerung des Stempels bestrafen. Daneben empfiehlt er

sehr, dass jeder Fabrikant sein Privatzeichen habe, und Länge, Breite

u. s. w. der Waare äusserlich angebe; wo denn Betrug in einer dieser

Beziehungen aufs Härteste geahndet werden müsste. -- Ueberhaupt ist

Child in der Regel ein warmer Freund der %Gewerbe-% und

%Handelsfreiheit%. Er ist gegen die städtischen Zunftprivilegien; gegen

die Vorschrift von _5 Elizab._, dass Niemand ein Gewerbe treiben darf,

in welchem er keine Lehrzeit bestanden (p. 290); gegen die Gesetze,

welche die Zahl der Gewerbetreibenden, der Lehrlinge u. s. w. fixieren,

die Verbindung nahe verwandter Gewerbe in Einer Person verbieten (p. 29.

306). Wie er gegen obrigkeitliche Taxen eifert, so ist er ein

Vertheidiger der freien Ausfuhr nicht allein des rohen, sondern auch des

gemünzten Goldes und Silbers[100]. Von dem Verbote der rohen Wollausfuhr

(seit 1647) sagt er: «Diejenigen, welche den besten Preis für eine Waare

zahlen können, werden sie immer auf die eine oder andere Weise zu

beziehen wissen, trotz aller Gesetze, trotz aller Dazwischenkunft irgend

einer See- oder Landmacht: solche Stärke, Feinheit und Gewalt hat der

allgemeine Lauf des Handels.»[101] Das Aufspeichern des Kornes erklärt

er für einen der nützlichsten Dienste, welche dem Handel geleistet

werden können (p. 172 ff.). Dasselbe holländische Beispiel hatte ihn

auch von der Nützlichkeit der Gemeinheitstheilungen, Kanalisierungen

u. s. w. überzeugt (p. 170). So unbegründet ist die Ansicht, welche den

Child mit dem banalen Vorwurfe des Mercantilismus glaubte abfertigen zu

können! -- Was endlich die %Kolonien% betrifft, so theilt der Verfasser

die Ansicht, welche bis vor Kurzem die Praxis, und bis auf J. Tucker

herab die Theorie fast ausschliesslich beherrschte. Jede Kolonisation

schadet dem Mutterlande, wenn dasselbe nicht durch gute und streng

durchgeführte Gesetze den Handel der Kolonie allein bekommt. Ohne solche

Gesetze würde aller Kolonialhandel den Holländern zufallen. Der

Menschenverlust aber, der zunächst in jeder Kolonisation liegt, kann nur

dadurch wieder gut gemacht, ja zum Gewinne verkehrt werden, dass die

Ausgewanderten indirect in der zurückgelassenen Heimath eine stärkere

Production zu Wege bringen (p. 394 ff.). Uebrigens enthält der Abschnitt

von den Kolonien eine Menge der treffendsten, oft geradezu prophetischen

Urtheile. So wird z. B. das verschiedene Kolonisationstalent der

Spanier, Holländer und Franzosen ungemein gut charakterisiert, und den

Engländern der Trost ertheilt, dass sie auf dem Felde der eigentlichen

Ansiedelung von deren Rivalität nicht viel zu fürchten haben

(p. 397 ff.). Einen für die Zukunft höchst gefährlichen Nebenbuhler

sieht Child dagegen in Neuengland erstehen, zumal was die Seemacht

betrifft (p. 428. 433). Er hat die spätere Grösse der Vereinigten

Staaten merkwürdig vorausgeahnt.

Bei einem so reichen und bedeutenden Inhalte des Child'schen Werkes

können die Mängel seiner Form, die zahlreichen Wiederholungen, selbst

Widersprüche im Einzelnen (vgl. z. B. p. 24 und 224), wohl ein milderes

Urtheil fordern. Es sind eben Fehler, wie sie bei Praktikern, die

pamphletmässig arbeiten, gewöhnlich vorkommen[102].

Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre aus dem III. Bande der Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften · 第 11 / 16 题