_Die Anfänge des englischen Welthandels._
Vom Leben des THOMAS MUN ist nur so viel gewiss, dass er ein
ausgezeichneter Kaufmann war[66], der schon 1623 im Rufe grosser
Erfahrung stand[67], 1628 eine Bittschrift der ostindischen Compagnie
ans Parliament ausarbeitete[68], 1630 vom Grossherzoge von Toscana
Darlehen zu Handelszwecken erhielt[69], 1664 aber, als sein Hauptwerk
von seinem Sohne herausgegeben wurde, bereits nicht mehr lebte.
Seine früheste Schrift: _A discourse of trade from England unto the
East-Indies, answering to diverse objections, which are usually made
against the same. By T. M._ soll schon 1609 erschienen sein; dass sie
1621 in London wieder gedruckt wurde, ist unzweifelhaft. Sie hat die
Tendenz, den englisch-ostindischen Handel als vortheilhaft
nachzuweisen, obgleich er von England aus vornehmlich durch edle
Metallsendungen betrieben werden musste[70]. -- Bei Weitem vollständiger
und systematischer sind Muns Ansichten in dem posthumen Werke
vorgetragen: _Englands treasure by forraign trade, or the balance of our
forraign trade is the rule of our treasure. Written by %Thomas Mun% of
London, merchant, and now published for the common good by his son,
%John Mun% of Bearsted. (London 1664. 8.)_ Das Buch, welches der
Herausgeber für den edelsten Theil seiner Erbschaft erklärt, ist dem
ehrwürdigen Grafen von Southampton, damaligen ersten Lord des Schatzes,
gewidmet.
Die Einleitung (_Ch. 1._) giebt eine beinah enthusiastische Beschreibung
der Eigenschaften, welche zum guten Kaufmanne gehören. Ein solcher sei
in Wahrheit der _steward of the kingdoms store_. Der weitere Inhalt des
Buches lässt sich mit wenig Ausnahmen in zwei Rubriken scheiden: nämlich
theoretische Betrachtungen über das Wesen der %Handelsbilanz%[71], und
praktische Vorschläge, dieselbe für England günstiger zu gestalten. --
Baares Geld und Vermögen (_treasure_) gelten dem Mun durchaus für
gleichbedeutend (_Ch. 2._). Eben desshalb sollte Luxus nur mit
einheimischen Waaren getrieben werden; da gewinnt der Arme, was der
Reiche verliert. Dem Auslande ist möglichst viel abzuverdienen, während
man selber ihm möglichst wenig zu verdienen giebt. Daher wird der active
Betrieb des Seehandels, der Zwischenhandel, der directe Handel mit
fernen Ländern auf das Wärmste empfohlen; ebenso Fabriken u. s. w., weil
Tuch und Eisenwaaren soviel mehr werth sind, als Wolle und Erz.
(_Ch. 3._) Gleichwohl bezweifelt der Verfasser nicht, dass unter
Umständen die Waareneinfuhr und Geldausfuhr sehr nützlich sein können.
So habe z. B. der Grossherzog von Toscana ihm selbst und anderen
Kaufleuten Geld geliehen, obschon er recht wohl gewusst, dass sie diess
benutzen würden, um dafür Waaren aus der Levante u. s. w. kommen zu
lassen. Es bringt aber dergleichen, zweckmässig geleitet, _a duck in his
mouth_ zurück, wie das Sprüchwort sagt; und Livorno u. A. ist dadurch
aus einem elenden Oertchen eine grosse Handelsstadt geworden. Man darf
den Geldexporteur, welcher reexportable Waaren dafür zurückbringt, mit
dem Säemanne vergleichen. Denjenigen, die Waaren besitzen, kann es nicht
an Gelde fehlen. Es ist gar nicht einmal wünschenswerth, sehr viel Geld
im Lande zu haben; das vertheuert nur die Waaren, und erschwert folglich
deren Ausfuhr. Die Italiener pflegen das baare Geld durch Wechsel,
Banken u. s. w. zu ersetzen, und nutzen es selbst alsdann im Auslande.
(_Ch. 4._) Aus diesem Grunde tadelt Mun die alten englischen Gesetze,
wonach, wer Korn, Fische u. s. w. ausführte, Geld wieder heimbringen,
und wer fremde Waaren einführte, mit englischen Waaren bezahlen
sollte[72]. Nur der wirkliche Ueberschuss der Ausfuhr über die
Selbstconsumtion kann das Volk bereichern. (_Ch. 15._) Im Allgemeinen
ist Mun gegen alle Zwangsgesetze, welche den Handel leiten sollen. (_Ch.
10 ff._) -- Je wichtiger ihm die Handelsbilanz erscheint, desto
sorgfältiger natürlich verfährt er bei der Berechnung derselben. Daher
z. B. auch solche Posten, wie Schiffbrüche, Jesuitensteuern u. s. w.
nicht übersehen werden dürfen; daher zum Werthe der Exporten, wenn die
Ausfuhr auf englischen Schiffen erfolgt, 25 Procent als Frachtverdienst
zugerechnet, vom Werthe der Importen, unter gleicher Voraussetzung, 25
Procent abgerechnet werden müssen. (_Ch. 20._) Uebrigens sind bei jeder
Handelsbilanz drei betheiligte Personen zu unterscheiden: der Kaufmann
kann verlieren, wenn das Volk im Ganzen gewinnt, und umgekehrt; der
König mit seinen Zöllen gewinnt dabei immer (_Ch. 7._) -- Die Vorbilder,
welche Mun seinen Landsleuten zur Nacheiferung anempfiehlt, sind immer
Holland, Venedig, Genua, Toscana: freilich die nationalökonomisch höchst
entwickelten Länder seiner Zeit. Ganz vortrefflich stellt er die
Gegensätze des natürlichen und künstlichen Reichthums auf, wo denn z. B.
England und die Türkei zur ersten, Holland und Italien zur zweiten
Kategorie gehören. (_Ch. 19._) So hoch er übrigens die Holländer achtet,
so wenig ist er ihnen Freund. (_Ch. 3._) Hollands Grösse beruhet
wesentlich auf seiner Fischerei in den englischen Meeren, und schadet
den Engländern gar sehr viel mehr, als die Nebenbuhlerschaft Frankreichs
oder Spaniens. (_Ch. 19._) Wie es komme, dass Spanien den amerikanischen
Gold- und Silberregen so wenig nutzbar festhalten kann, wird aus seiner
Productenarmuth und seinen zahlreichen Kriegen erklärt. (_Ch. 6._) Jede
Verschlechterung oder nominelle Erhöhung der Münzen, mag sie nun zur
Füllung der Staatskasse erfolgt sein, oder um das Geld mehr im Lande zu
halten, wird von Mun gemissbilligt[73]. (_Ch. 8._) Das Nehmen hoher
Zinsen (_usury_) hält er dem Handel nicht für nachtheilig. (_Ch. 15._)
Hohe Steuern dagegen werden nur wegen Kriegsgefahr gebilligt; der
Aemterverkauf als Finanzmassregel unbedingt getadelt. (_Ch. 16._) Für
Staatsschätze ist Mun sehr (_Ch. 17_); doch soll in keinem Jahre mehr
aufgehäuft werden, als das Volk durch seine Handelsbilanz gewonnen hat.
(_Ch. 18._)