_Die Gründung des englischen Kolonialreiches._
Es ist gewiss übertrieben, wenn Adam Smith[27] die _auri sacra fames_
für den einzigen Beweggrund erklärt, welcher die Ojeda, Balboa, Cortes
u. s. w. zur Eroberung des spanischen Amerikas geführt habe. Denn fast
alle grossen Ideen jener Zeit haben bei dieser Unternehmung
zusammengewirkt: ausser dem Golddurste des erwachenden Mercantilsystems
ganz besonders noch der ritterlich-fromme Bekehrungseifer des damaligen
spanischen Katholicismus[28]. Noch bei Weitem schwerer jedoch ist es zu
verantworten, dass Smith an derselben Stelle behauptet: «die ersten
Abenteuerer aller anderen europäischen Nationen, welche Niederlassungen
in Amerika versuchten, wurden von gleichen chimärischen Aussichten
beseelt.» Diese Behauptung nämlich beweist eine vollständige Unkenntniss
der Quellen, welche von den Gönnern und Führern der %ersten englischen
Kolonisationsversuche% selbst geschrieben sind. Sie wird nur dadurch
erklärbar, dass sich in den frühesten Acten der englischen
Kolonialgesetzgebung allerdings manche Anklänge an die spanische
Auffassungsweise finden. So z. B. pflegte in den Privilegien, welche
den s. g. Eigenthümerkolonien als Grundgesetz verliehen wurden, die
Abgabe eines Fünftheils vom Ertrage der Gold- und Silberminen an den
König vorbehalten zu sein[29]. Auch ist Sir Walter Raleigh in der
berühmten Schrift _The discoverie of the large, rich and beautifull
empire of Guiana (%Hackluyt% III, p. 627 ff.)_ ganz vorzugsweise
bemühet, den Goldreichthum des gepriesenen Landes ins Licht zu stellen.
Er meint (p. 660), «wo Goldvorrath ist, da wird es unnöthig sein,
anderer, für den Handel geeigneter Waaren zu gedenken;» obschon er
selbst unmittelbar darauf Brasilholz, andere Färbestoffe, Baumwolle,
Seide, Gummi, Pfeffer u. s. w. als Producte Guianas namhaft macht.
Indess sind dergleichen Ansichten bei den englischen Koloniegründern
nicht Regel, sondern Ausnahme.
Ich verweise zunächst auf den würdigen Halbbruder Raleighs, SIR HUMPHREY
GILBERT, der in seiner Schrift: _A discourse written to prove a passage
by the Northwest to Cathaia and the East-Indies, Chap. 10_ die Vortheile
schildert, welche aus einer Entdeckung dieser Durchfahrt hervorgehen
würden[30]. Oben an steht hier die Möglichkeit, mittelst Abkürzung der
Reise, die Waaren Indiens und anderer, civilisierter wie
uncivilisierter, Länder wohlfeiler zu kaufen, als die Spanier und
Portugiesen: also namentlich Gold, Silber, Juwelen, Seide, Gewürze und
ähnliche Kostbarkeiten. (Nr. 1-3. 5.) Sodann aber wird die Aussicht
gezeigt, in den neuentdeckten Ländern die arme Bevölkerung von England
anzusiedeln, welche daheim die öffentliche Ruhe stört, aus Noth
Verbrechen begeht, und oft den Galgen verwirkt. (Nr. 4.)[31] Es wird
ferner ein stark vermehrter Absatz der englischen Tuchindustrie nach
diesen Ländern gehofft, der überdem von jeder europäischen Macht
unabhängig sein würde. (Nr. 6.) So könnte auch die Anfertigung von
allerlei Spielwaaren u. s. w., welche die Indier schätzen, zur
Beschäftigung armer Kinder benutzt werden, was abermals die Zahl der
Vagabunden und Müssiggänger vermindern würde. (Nr. 8.) Dazu endlich noch
eine Vermehrung der Seemacht, ohne irgend welche Belästigung des
Staates. (Nr. 7.) Und Alles auf einem Wege, der keinem einzigen
christlichen Staate zu gerechter Beschwerde Anlass geben kann!
Derselbe Gilbert richtet in seiner vortrefflichen Beschreibung von
Neufundland[32] vorzugsweise auf solche Punkte sein Augenmerk, welche
dem blossen Goldsucher am fernsten zu liegen pflegen. Er beginnt also
mit den guten Häfen der Insel. Weiterhin sucht er die Wirthbarkeit des
dortigen Klimas zu prüfen, sowie die etwanige Gefahr, welche den
Ansiedelern von Seiten der Ureinwohner drohe. Unter den Producten,
theils zur Nahrung der Menschen, theils zum Betriebe des Handels, hebt
er besonders den Fischreichthum hervor; ferner Holzwaaren, als Pech,
Theer, Potasche, Masten, Dielen; endlich Häute, Pelzwerk, Hanf, Flachs,
Metalle. Der Boden sei zur Viehzucht vortrefflich geeignet.
«Ueberhaupt,» ruft er unwillig aus, «ist die Erde überreich mit
Geschöpfen zum Nutzen der Menschheit versehen, aber der Mensch hat nicht
den fünften Theil derselben benutzt! Um so schlimmer der Fehler und die
thörichte Faulheit so vieler unserer Landsleute, welche lieber von
unerlaubten Dingen leben, und sehr erbärmlich leben und sterben in
diesem von Menschen vollgepfropften Reiche, als dass sie, wie es Männern
geziemt, etwas wagten, um in jenen fernen Landen eine Wohnung zu
erlangen, wo die Natur den Bemühungen der Menschen verschwenderisch
entgegenkommt.» Indem er schliesslich von den Verarbeitungsstoffen
redet, welche der Industrie in Neufundland dargeboten werden, gedenkt er
hauptsächlich des Vorkommens von Eisen, Blei und Kupfer; ganz zuletzt
auch einiger Silberspuren, die aber freilich nicht weiter hatten
verfolgt werden können[33].
Als Martin Frobisher zur Entdeckung der nordwestlichen Durchfahrt seine
Reisen unternahm (1576-78), gab RICHARD HACKLUYT einigen Gentlemen
seiner Begleitung eine kurze Instruction darüber mit, auf welche Punkte
man bei Gründung einer Kolonie vorzüglich zu achten habe[34]. Von dieser
gilt nun ganz dasselbe, wie von der letzterwähnten Beschreibung. Wer
zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der wird finden, dass ihr eine
sehr viel umfassendere und klarere Ansicht von Nationalreichthum zu
Grunde liegt, als die Midasähnliche der Gold- und Silberanbeter. -- Auch
hier wird vor allen Dingen eingeschärft, eine gute Seelage zu wählen:
also einen bequemen, vertheidigungsfähigen Hafen, am liebsten auf einer
Insel in der Mündung eines schiffbaren Stromes, oder wenigstens auf
einer Landspitze neben einer solchen Mündung. Man ist so der Aus- und
Einfuhr, nach wie von allen Seiten, immer am sichersten. Wenn selbst die
nächsten Umwohner des Hafens übel gesinnt blieben, und die Kolonisten
von der Landseite her eingeschlossen hielten: so würde er doch für die
fernere Umgegend ein Stapelplatz werden, und mit der Zeit ein
bedeutendes Gebiet beherrschen können. Schifffahrt ist hier immer die
Hauptsache, und zwar eine solche, die auch im Kriege sich vertheidigen
kann. -- Die Niederlassung muss ferner in einem gemässigten Klima
geschehen, und an einer Stelle, wo süsses Wasser, Brennmaterial und
Lebensmittel in ausreichender Menge zu haben. Nur wenn Gold-, Silber-,
Kupfer- oder Quecksilberminen vorhanden sind, kann der Mangel jener
unentbehrlichen Dinge mittelst der Schifffahrt wohl ersetzt werden. (Die
einzige Beziehung, in welcher Hackluyt hier der edlen Metalle gedenkt!)
Als ganz unerlässliche Bedingung einer Kolonie _in civil sort_ werden
gehörige Baumaterialien bezeichnet. Demnächst soll gegen die
Eingeborenen die grösste Humanität und Höflichkeit beobachtet werden,
insbesondere ohne alle Rachsucht; auf diese Art kann man die
Landesproducte nicht bloss kennen lernen, sondern auch den auswärtigen
Vertrieb derselben für sich gewinnen. Die eigene Production der
Kolonisten muss sich ganz nach dem Klima und Boden richten. Hackluyt
erinnert vorzugsweise an Seesalz, Wein und Rosinen, Oliven, Cochenille
(beides zum Nutzen der englischen Tuchindustrie), Südfrüchte,
Zuckerrohr, Häute, Holzwaaren u. s. w. «Wir brauchen alsdann nicht mehr
von Spanien, Frankreich und den Ostseeküsten abzuhängen; brauchen nicht
mehr, so wie jetzt, unser Vermögen zu erschöpfen, und zweifelhafte
Freunde unmässig zu bereichern: sondern werden unsern Bedarf zur Hälfte
des jetzigen Preises einkaufen, durch unsere eigene Industrie und die
Güte des dortigen Bodens.» Sollte sich übrigens die Niederlassung auf
eine einzige Stadt beschränken müssen, so könnte doch immerhin der
Handel, die Seefahrt und der Reichthum Englands dadurch zunehmen, auch
ein Sicherheitsplatz gewonnen werden, der für den Fall religiöser
Unruhen oder bürgerlicher Kriege im Mutterlande von grossem Nutzen sein
würde.
* * * * *
Sehr ähnliche Ansichten hat SIR GEORGE PECKHAM entwickelt in seiner
Schrift: _A true report of the late discoveries and possession taken in
the right of the crowne of England of the newfound lands by that valiant
and worthy gentleman, Sir Humphrey Gilbert_[35]. Hier werden im 4.
Kapitel die Vortheile geschildert, welche England von solchen
Kolonisationsreisen ziehen müsste. Obenan steht darunter, wie
gewöhnlich, «das grösste Kleinod des Reiches und seine Hauptstärke in
Angriff und Vertheidigung,» nämlich die Menge der Schiffe und
Schiffsmannschaften, welche «der höchst stattlichen und königlichen
Marine Ihrer Majestät» zur Hülfe bereit sind. Es wird dabei vornehmlich
auf die nordamerikanische Fischerei hingewiesen, welche sich bisher, aus
Mangel einer festen Station der Engländer an Ort und Stelle, nicht
gehörig habe entwickeln können. Sodann wird der Absatz gepriesen,
welchen die englischen Gewerbetreibenden mit Putzwaaren,
Kleidungsstücken u. s. w. bei den Indianern finden würden. Diess könne
allen denjenigen englischen Städten und Dörfern, welche aus
Arbeitsmangel (wegen der so stark vermehrten Ausfuhr von roher Wolle)
heruntergekommen sind, neuen Aufschwung verschaffen. Eine Menge von
Müssiggängern wird schon dadurch beschäftigt, eine Menge halberwachsener
Kinder vor dem Müssiggange bewahrt werden. Viele Weiber können sich
überdiess mit Verarbeitung der Federn, des Hanfs, der Baumwolle und
Färbestoffe beschäftigen, welche Amerika in solcher Fülle produciert;
ihren Männern wird die Aussicht gestellt, in der Perlenfischerei, der
Minenarbeit und Landwirthschaft, dem Wall- und Heringsfange, der
Verfertigung grober Holzwaaren u. s. w. ein Unterkommen finden. Zum
Schlusse macht der Verfasser noch auf die Möglichkeit der
Nordwestpassage aufmerksam, und den hierdurch abgekürzten, wohlfeiler
und sicherer gewordenen Verkehr mit Hinterasien. Dabei ist es höchlich
charakteristisch, dass er auch für Spanien und Portugal den Hauptnutzen
ihrer Entdeckungen und Eroberungen in der vermehrten Seemacht zu
erblicken scheint. -- Im 5. Kapitel setzt Peckham voraus, dass sich zwei
verschiedene Kolonisationsgesellschaften bilden würden, eine von
Noblemen und Gentlemen, eine von Kaufleuten; und er sucht beiden
desshalb zu beweisen, wie sehr auch ihr Privatnutzen dadurch gefördert
werden müsste. Selbst den Eingeborenen würde die Ansiedelung zum grossen
Segen gereichen: hauptsächlich durch ihre Bekehrung zum Christenthume,
dann aber auch durch wirthschaftliche und sociale Civilisation und
Beschützung vor kannibalischen Nachbaren. (_Chap. 6._)
* * * * *
Hieran schliesst sich zunächst die interessante Parallele, welche
Captain CHRISTOPHER CARLEILL (April 1583) zwischen den zu hoffenden
Vortheilen des amerikanischen Handels und anderen, schon bestehenden
Handelszweigen gezogen hat: _A briefe and summary discourse upon the
intended voyage to the hithermost parts of America_[36]. Der Zweck
dieser kleinen Schrift ist dahin gerichtet, die Kaufleute, zumal der
russischen Gesellschaft, welche zu dem Carleill'schen Unternehmen Geld
vorgeschossen, über das nicht sofortige Eingehen ihres Gewinns zu
beruhigen. Die nächsten Vorzüge, welche dem amerikanischen Handel vor
dem russischen, türkischen u. s. w. nachgerühmt werden, sind
seemännischer Art: dass die Reise in kürzerer Zeit und mit Begünstigung
eines einzigen Windes, auch zu jeder Jahreszeit möglich ist; dass man
sie ganz auf hoher See zurücklegt, und weder von anderen Staaten (wie
z. B. Dänemark im Sunde, den Barbaresken im Mittelmeer), noch von
unsicheren Küsten dabei Gefahr läuft; dass die für diesen Verkehr
bestgelegenen Theile von England und Ireland reich an guten Häfen sind;
endlich noch, dass die Ansiedeler ihren Glauben in keiner Weise zu
verläugnen brauchen. In Amerika hat man nicht nöthig, einen grossen
Theil des Geschäftsfonds, wie in Russland, zu Geschenken an Kaiser,
Grosse oder Beamte zu verwenden; man bedarf keiner kostspieligen
Gesandtschaften; man braucht keine Rivalität der Holländer zu fürchten.
Dazu kommt nun, dass der amerikanische Handel mit der Zeit einer viel
grösseren Ausdehnung fähig ist, als selbst der russische. Nordamerikas
Producte können die russischen, Südamerikas die spanischen und
italienischen mehr als ersetzen. Dieser Umstand wird besonders dadurch
bedeutend, dass England mit seinen europäischen Nachbaren am ersten
fürchten muss in Rivalität und Feindschaft zu gerathen, mit fern
gelegenen Ländern schon weniger, mit einer Ansiedelung seiner eigenen
Landeskinder gar nicht. Auch Carleill erwähnt als weitere Vortheile die
Aussicht auf einen grossen Absatz englischer Fabrikate und auf die
Entdeckung eines bequemern Weges nach Ostindien. Er malt dabei mit
lebhaften Farben den traurigen Zustand von Uebervölkerung aus, in
welchen England durch «langen Frieden, glückliche Gesundheit und
gesegnete Fülle» gerathen sei, und der auch sittlich die schlimmsten
Folgen nach sich ziehen müsse. Um diesem abzuhelfen, sei die Beförderung
der Kolonisation eine Christenpflicht. Von Mineralschätzen dagegen
schweigt der Verfasser absichtlich; etwas Sicheres wisse man einstweilen
nicht darüber, und es sei mit der Aufregung derartiger Hoffnungen so
viel Missbrauch getrieben, dass Manche ein unbedingtes Misstrauen
dawider hätten. Die später so beliebte Theorie von günstiger oder
ungünstiger Handelsbilanz findet weder in dieser Schrift, noch in den
früher angezogenen eine Stelle.
* * * * *
Doch das merkwürdigste unter allen, hierher gehörigen, Büchern ist von
einem Ungenannten zur Zeit Jacobs I. geschrieben: VIRGINIAS VERGER, _or
a discourse shewing the benefits which may grow to this kingdom from
American-English plantations, and specially those of Virginia and Summer
Islands_[37]. Hat man sich hier durch die wunderliche, fast
unerträgliche Anhäufung von Bibelstellen hindurchgearbeitet, womit das
Recht der Engländer auf die Kolonisierung Virginiens soll bewiesen
werden: so stösst man, zwar immer noch im Tone einer geschmacklosen
Puritanerpredigt, auf die schönsten Ansichten vom Wesen des
Nationalreichthums. Der Verfasser tadelt alle Diejenigen, welche eine
Kolonie ohne Gold- und Silbergruben verachten, nicht bloss vom
sittlichen Standpunkte aus; nicht bloss darum, weil das spanische Eisen
den Indianern und das englische Eisen den Spaniern ihr Gold und Silber
zu rauben vermocht: sondern namentlich auch in wirthschaftlicher
Beziehung. «Wer hat dem Golde und Silber ein Monopol des Reichthums
gegeben? Fragen wir nur den weisesten Rathgeber! Kanaan, Abrahams
Verheissung, Israels Erbschaft, Abbild des Himmels und Freude der Erde:
welches waren seine Reichthümer? Waren es nicht die Trauben von Eschkol,
der Balsam von Gilead, der nahe Cedernwald des Libanon, das weidenreiche
Thal von Jericho, der Thau des Himmels, die Fruchtbarkeit des Bodens,
die Milde des Klimas, das Fliessen (nicht von Goldsand, aber) von Milch
und Honig (Bedürfnisse und Vergnügungen des Lebens, nicht bodenlose
Strudel der Begierde), die bequeme Lage an zwei Meeren, und ähnliche
Dinge, wie sie Virginien, nur in vielen Stücken überlegen, besitzt?
Welches Goldland hat je auf einer so kleinen Fläche mit seinen
natürlichen Vorräthen den hundertsten Theil der Menschen ernährt, welche
David dort musterte?..... Das ist das reichste Land, welches die meisten
Menschen ernähren kann, da der Mensch ein sterblicher Gott, der beste
Theil des besten Landes, das sichtbare Ziel der sichtbaren Welt ist.
Welche bemerkenswerthe Gold- und Silberminen hat Frankreich, Belgien,
die Lombardei, oder andere der reichsten Theile von Europa? Fragt unsere
letzten Reisenden, welche so viel von Spanien sahen, dem minenreichsten
Theile Europas im Alterthume und bereichert durch die Minen der neuen
Welt, ob ein Engländer einen Spanier zu beneiden braucht, oder
spanisches Leben und Glück seinem eigenen vorzuziehen. Ihre alten Minen
machten sie zu Knechten Roms und Karthagos, und was ihre Minen und Sinne
jetzt thun, überlasse ich Anderen.» Der Verfasser macht darauf
aufmerksam, dass Spanien, trotz seiner Gold- und Silberzuflüsse, weniger
edles Metall besitzt, als andere europäische Länder; dass seine
Circulation grösstentheils mit Kupfer betrieben wird; er behauptet, in
England werde mehr spanischer Wein und spanisches Oel verbraucht, als in
Spanien selbst. «Die Gold- und Silberquellen der Indianer fliessen nicht
für sie selber, sondern in die spanische Cisterne; diese Cisterne aber
gleicht der im Londoner Wasserhause, deren Abzugsröhren am Boden immer
offen sind, so dass tausend andere Cisternen mehr Wasser enthalten, als
sie. Ferner, sind nicht die Minenarbeiter die unglücklichsten Sklaven,
ewig angestrengt und den mannichfaltigsten Todesarten ausgesetzt für
Andere, indem sie die Schätze der Finsterniss an das Licht bringen und
leben (wenn das leben heisst) in den Vorhöfen der Hölle, um Andere vom
Himmel träumen zu lassen? Das Paradies enthielt keine Mineralien, und
weder Adam, noch Noah, beides Herren der Erde, waren mit Bergwerksarbeit
beschäftigt, sondern mit denselben glücklichen Arbeiten, wozu Virginien
England einladet, mit Wein-, Garten- und Ackerbau.» Insbesondere wird
noch daran erinnert, dass die Seiden-, Baumwoll- und Specereiwaaren des
Ostens allen Minenertrag des Westens verschlingen; und dass die
furchtbare Entvölkerung Amerikas gerade seinen Metallreichthümern
zugeschrieben werden muss. «Schon die Namen, so fährt er fort, _colony_
und _plantation_ enthalten den Begriff einer vernünftigen Kultur, einer
Anpflanzung, bevor die Ernte kann erwartet werden. Auch Spanien hat sich
in Amerika vorzugsweise durch die Waaren dieses Landes, welche in seine
Magazine strömten, bereichert. Was für Minen werden in Brasilien gebaut,
oder auf all den Inseln, wo doch so viele reiche Portugiesen und Spanier
wohnen? Ihr Ingwer, Zucker, Tabak, ihre Häute und sonstigen Waaren,
gewähren, wie ich dreist zu behaupten wage, der Gesammtheit der
spanischen Unterthanen durch die weite Welt einen viel grössern Nutzen,
als ihre Minen jetzt oder in der vergangenen Zeit gewährt haben.» -- Die
Besorgniss vor einer Entvölkerung durch Kolonien widerlegt der Verfasser
mit dem Beispiele von Spanien; viel eher seien Massregeln nothwendig, um
einer Uebervölkerung vorzubeugen. In der vortrefflichen Schilderung
Virginiens und der sich für England daran knüpfenden Aussichten
unterscheidet sich unsere Schrift von den früheren nur durch grössere
Vollständigkeit, auch durch Reichthum an geschichtlichen und klassischen
Reminiscenzen.
Das vorliegende Kapitel würde übrigens unvollständig sein, wenn wir
nicht, mindestens mit einigen Worten, des genialen Mittelpunktes aller
damaligen britischen Kolonisation, des geistigen Ahnherrn der
Vereinigten Staaten, SIR WALTER RALEIGHS (1552 bis 1618), gedächten[38].
Ein Universalgenie ersten Ranges, wie sie die grössere Arbeitstheilung
der neueren Jahrhunderte nicht mehr gestattet; dabei von einer
Productivität, Frische und Elasticität des Geistes, wie sie überhaupt
wenige ihres Gleichen hat: so ist Raleigh, je nachdem die Umstände
wechselten, als Admiral, Parliamentsglied und Gelehrter, als Höfling,
Ansiedeler und Poet bedeutend geworden. Man könnte Vieles von demjenigen
auf ihn übertragen, was Cornelius Nepos in seiner bekannten
Charakteristik von Alkibiades sagt. Eine irgend vollständige Schilderung
dieses reichen geistigen Lebens würde uns zu weit führen. Ich will
desshalb nur etliche Züge mittheilen, wodurch sich das individuelle Bild
Raleighs als Nationalökonomen von dem der früher genannten Kolonisatoren
unterscheidet.
Da tritt uns denn zunächst die merkwürdige Schrift entgegen:
_Observations touching trade and commerce with the Hollander and other
nations_[39]. Der Zweck dieser Schrift von nur 23 Octavseiten ist ein
ganz praktischer: es sollen die Ursachen der %holländischen
Handelsgrösse% aufgedeckt, und den Engländern gezeigt werden, dass sie
dieselben ohne grosse Schwierigkeit nachahmen könnten. Wenn der König
die hier empfohlenen Massregeln nur zusammenhängend und zweckmässig
ausführen wollte, so würde er in kurzer Frist ein für alle Nachbaren
erwünschter Freund oder gefürchteter Feind sein; der englische Handel
würde um 3 Millionen Pfund St. jährlich vermehrt werden u. s. w. Was der
Verfasser hauptsächlich an den Holländern bewundert, ist die geschickte
Art, wie sie auf die Erzeugnisse fremder Länder ihren eigenen
Gewerbfleiss und Handel zu begründen verstehen. So wenig Korn sie selbst
producieren, so ist ihre Hauptstadt doch das grosse Vorrathshaus, von
woher England, Frankreich, Spanien u. s. w. in Theuerungen versorgt
werden. Die Holländer selbst haben jederzeit Ueberfluss an Korn, und
bereichern sich durch jede fremde Missernte. So besitzt Holland die
grösste Fischerei und den bedeutendsten Handel mit Fischen, obwohl diese
Fische in den englischen Meeren gefangen werden müssen. Frankreich
erzeugt den meisten Wein, Spanien das meiste Salz, die Ostseereiche das
meiste Holz; die grössten Vorräthe jedoch und den stärksten Gewinn haben
von allen diesen Waaren die Holländer. Die Ursachen dieser grossen und
immer noch wachsenden Ueberlegenheit, welche den Welthandel zu
monopolisieren drohet, sind ohne Ausnahme in der Thätigkeit der Menschen
und Geschicklichkeit der Gesetze begründet. Hierher gehört z. B. die
Liberalität, womit sie Fremde in ihr Land und Bürgerrecht aufnehmen; die
Handelsfreiheit und Niedrigkeit der Zölle, deren sie geniessen, und
wodurch selbst ihr Fiscus keinen Schaden leidet, weil die gewaltige
Menge der verzollten Waaren den Gesammtertrag über doppelt so gross
macht, als in England; der völlige Steuernachlass und sonstige Vorschub,
den sie allen neuen Handelszweigen bewilligen, um dieselben rasch zur
Blüthe zu treiben; die eigenthümliche Wohlfeilheit der holländischen
Rhederei. Raleigh meint nun, dass England vermittelst einer Nachahmung
dieser Massregeln die Holländer bald überflügeln müsse; denn von der
Natur sei es ungleich günstiger bedacht. England erzeugt die meisten
Waaren selbst, die Holland erst von Anderen kaufen muss. Aber nicht
genug, dass die Holländer Englands Fische fangen, so besorgen sie auch
den grössten Theil der englischen Ausfuhr nach Russland auf ihren
Schiffen; ja, sie färben und appretiren das englische Tuch, das mit
wenig Ausnahmen halb roh exportirt wird, anstatt zu Hause vollendet zu
werden. Auf alle diese Art entziehen sie den Engländern eine Masse Geld
und eine Masse nützlicher Beschäftigung für die niederen Stände. So
macht es der Verfasser den englischen Kaufleuten auch zum ernsten
Vorwurfe, dass sie im Auslande entweder langen Credit nehmen, oder doch,
um nur sofort bezahlt zu werden, sich allerhand Nachtheile gefallen
lassen. -- Man sieht, es sind lauter Symptome einer noch nicht völlig
reifen Kultur, welche hier den Engländern vorgerückt werden. So
unbegründet der Tadel als solcher ist, so gerne verzeiht man ihn dem
praktisch eifrigen Manne, welchen es wurmt, sein Vaterland hinter
anderen Ländern zurück zu sehen. Als Mittel nun, welche der Staat in
dieser Hinsicht ergreifen sollte, werden besonders folgende angegeben:
officielle Leitung des Handels durch eine Commission unter einem
_State-Merchant_; Verbot der Ausfuhr unfertiger Gewerbsproducte;
Gestattung der Kohlenausfuhr, aber nur auf englischen Fahrzeugen; Hebung
der Fischerei; endlich Erhöhung des Geldwerthes, wodurch andere Länder
drei grosse Vortheile erreicht haben, ihr eigenes Geld zu behalten,
fremdes Geld herbeizulocken, und den Preis der ausgeführten Waaren auf
Kosten des Auslandes zu steigern[40].
In Bezug auf die %Grundlagen der Volkswirthschaft% unterscheidet Raleigh
drei Klassen. Zuerst Diejenigen, «welche von ihrer Arbeit leben;
gleichsam die Fruchtbäume des Landes, welche Gott bereits im V Buche
Mosis zu schonen geboten hat. Sie tragen Honig zusammen, und geniessen
kaum das Wachs; sie brechen den Boden um mit grosser Arbeit, und geben
den besten Theil ihres Korns den Ruhigen und Müssiggängern.» Sodann die
Kaufleute, welche vermittelst der See England bereichern, wie jene
erste Klasse es ernährt. Endlich die Gentry, «welche weder so tief
steht, um von jedem Thiere gebissen, noch so hoch, um von jedem Sturme
ergriffen zu werden, und welche die Garnison der guten Ordnung im Reiche
bildet»[41]. Man wird in dieser Eintheilung den rohen Keim der spätern
Lehre von den drei Productionsfactoren nicht verkennen mögen. -- Dass
Raleigh die %edlen Metalle% doch höher zu würdigen scheint, als seine
Gefährten in der Kolonisation, ist oben bereits erwähnt. So meint er
auch, die weltbedrohende Macht Philipps II werde nicht etwa durch den
spanischen Wein- oder Orangenhandel, noch durch irgend eine andere
Production des Mutterlandes genährt, sondern durch die Minen Amerikas:
«es ist das indische Gold, welches alle Völker Europas gefährdet und
beunruhigt; diess kauft die Einsicht, kriecht in die Rathsversammlung,
und fesselt die Gesetzlichkeit und Freiheit in den grössten Monarchien
Europas»[42]! Indessen ist schwer zu sagen, wieviel in solchen
Aussprüchen wirkliche Ueberzeugung des Raleigh gewesen, wieviel blosses
Rednermittel, um den Zweck der Expedition nach Guyana zu fördern; zumal
strenge Wahrheitsliebe nicht gerade zu den Tugenden unsers
Schriftstellers gehört. -- Vor %Uebervölkerung% scheint Raleigh
besondere Furcht zu hegen. Seine Ausdrücke erinnern hier geradezu an
Malthus; wenn er z. B. sagt: «die Menge der Menschen ist so gross, dass,
wenn sie nicht durch Krieg oder Pestilenz mitunter zu Tausenden
weggerafft würden, die Erde mit aller menschlichen Industrie keinen
Unterhalt für sie bieten könnte»[43]. So meint er auch, dass Spanien
durch seine vielen Kolonien nichts weniger als entvölkert werde, sondern
nach wie vor so viele Menschen enthalte, wie darin ernährt werden
können. Falls Eduard III sein Ziel erreicht hätte, Frankreich zu
erobern, so würde dieses Land jetzt voll Engländer sein, England selbst
aber desshalb nicht leerer von Menschen. Die überschüssige Bevölkerung
wird in gewöhnlichen Zeiten durch folgende Abzüge vermindert: Hunger und
Seuchen, Schwert und Strick; Viele enthalten sich der Ehe aus Mangel an
Mitteln, ihre Kinder zu ernähren; Andere werfen ihren Leib an reiche,
alte Frauen weg, oder freuen sich aus Armuth über die Unfruchtbarkeit
ihrer Weiber. Ganz besonders aber enthält die Vermehrung unsere
Geschlechtes einen starken Antrieb zu den täglichen Kriegen, welche die
Erde verwüsten; so dass mancher Fürst, der sich wegen Herausziehung des
Schwertes mit angeblicher Nothwendigkeit entschuldigt, mehr die Wahrheit
spricht, als er selber wohl glaubt. Die grosse Menge von jüngeren Söhnen
und Brüdern, von unbeschäftigten Kaufleuten u. s. w. kann einen sonst
gesunden Staat wirklich krank machen. Selbst wenn mehr Unterhaltsmittel
vorhanden sind, als eigentlich gebraucht werden, so fehlt es doch an
Wegen, um eine passende Vertheilung des Gesammtvorrathes unter die Menge
der Würdigen herbeizuführen. In solchen Fällen kann ein Land der
Ausleerung durch den Krieg bedürfen; der Krieg wirkt hier, wie ein
Rhabarbertrank, welcher die Galle aus dem Körper abführt[44]. -- Dass
Raleigh dem Institute der %Leibeigenschaft% nicht unbedingt entgegen
war, kann Niemand befremden, welcher den Geist jenes Zeitalters kennt.
Er hält dafür, dass es eine Menge von Menschen giebt, deren Unfähigkeit,
sich selbst zu regieren, sie von Natur Sklaven sein lässt. Darum
schreibt er auch der Emancipation der unfreien Landbewohner die übelsten
socialen Folgen zu. «Seit unsere Sklaven, die von grossem Nutzen und
Dienst waren, frei gemacht sind, ist eine Unzahl von Schurken,
Beutelschneidern und ähnlichen Gesellen aufgekommen, Sklaven von Natur,
aber nicht dem Gesetze nach»[45]. Wir gedenken hierbei des Umstandes,
dass Raleigh zeitlebens eine auffallend geringe Sympathie für die
niederen Stände gezeigt, und bei diesen wieder gefunden hat[46]. --
Einen desto schönern Eindruck macht es, wenn man den warmen Lobredner
der %Handelsfreiheit% in ihm wahrnimmt. Als im Parliamente die
zwangsweise Einführung der Hanfkultur besprochen wurde, da äusserte
Raleigh: «Ich liebe es nicht, wenn Menschen gezwungen werden, ihre
Grundstücke nach unserm Willen zu benutzen, sondern wünsche vielmehr,
dass Jedem freigelassen wird, seinen Grund und Boden zu dem zu
gebrauchen, wozu er am besten passt, und hierin seiner eigenen
Discretion zu folgen.» Bei einer andern Gelegenheit, wo es sich um die
Zurücknahme des berühmten _Statute of tillage_ handelte, erklärte
Raleigh, «dass die Niederländer, welche nie Korn säen, durch ihre
Industrie solche Fülle von Getreide besitzen, um selbst anderen Völkern
damit zu dienen; und dass es die beste Politik ist, den Ackerbau in
Freiheit zu setzen, und Jedermann darin freie Hand zu lassen, wie es der
Wunsch eines wahren Engländers ist»[47]. Als eine passende Folie zu
diesen grossartigen Aussprüchen führe ich die französischen Gesetze von
1577 und 1585 an, worin aller Handel und Gewerbfleiss für _droit
domanial_ erklärt worden waren[48].