I.

_Der Socialismus im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts._

Im eigentlichen %Mittelalter% haben es die Engländer ebenso wenig, wie

irgend ein anderes neueres Volk, zu einem Systeme der Staatswissenschaft

bringen können. Offenbar aus demselben Grunde, wesshalb auch die

Griechen erst seit Perikles dazu gekommen sind. Grosse Thaten zu

verrichten, schöne Kunstwerke zu erschaffen, vermag schon die Jugend; um

aber systematisch darüber zu reflectieren, wird eine Reife des Geistes

erfordert, welche sich bei Völkern, wie bei Individuen, erst im spätern

Leben ausbildet. Und zwar sind regelmässig die Systeme der

Volkswirthschaft noch jünger, als die der s. g. höhern Politik; gerade

so, wie die Naturforschung weit früher die Bewegung der Himmelskörper,

als die einfachen Vorgänge des Kochens, Düngens u. s. w. ergründet hat.

An die Spitze der englischen Volkswirthschaftslehre stellen wir die

Utopia des THOMAS MORUS[3]. Wer das spätere Leben des Verfassers kennt,

seine grausamen Ketzerverfolgungen, seinen Märtyrertod für die

katholische Kirche (1534), der wird erstaunt sein, in dieser frühern

Schrift einen Gedankenkreis zu finden, welcher einerseits an die

gelehrten Indifferentisten und Skeptiker gränzt, wie Erasmus,

andererseits an die Bauernkriege und Wiedertäufer jener Periode. Morus

selber drückt sich über das Verhältniss seiner Person zum Inhalte seiner

Schrift mit Vorsicht aus. Der grösste Theil derselben ist einem,

angeblich aus Utopia zurückgekehrten Reisenden, Raphael Hythlodeus in

den Mund gelegt. Selbst dieser versichert mitunter, dass er die

Einrichtungen der Utopier nicht sowohl vertheidigen, als beschreiben

wolle (p. 141). Und Morus behält sich ausdrücklich vor, dass er

keineswegs mit Allem einverstanden sei (p. 202 und öfter). Gleichwohl

ist nicht zu bezweifeln, dass sein Ideal in der Utopia wirklich

vorliegt. Wie derselbe Mann durch oberflächliche Betrachtung

menschlichen Elends zum Socialisten werden, hernach aber durch lebendige

Erfahrung der hiermit verbundenen Thorheiten, Frevel und

Unmöglichkeiten[4] zu leidenschaftlicher Anhänglichkeit an das

Bestehende zurückkehren kann, das wird gerade unsere Zeit wohl

nachzuempfinden wissen.

Wie die Geschichte lehrt, so haben %socialistische% oder %communistische

Theorien% einen breitern und tiefern Anklang nur da gefunden, wo

folgende zwei Bedingungen zusammentrafen: erstens ein schroffer

Unterschied von Reich und Arm, wodurch einerseits Hochmuth und

Menschenverachtung, andererseits Hoffnungslosigkeit und Neid auf einen

ungewöhnlichen Grad gesteigert wurden, zumal wenn gleichzeitig eine hoch

entwickelte Arbeitstheilung den Zusammenhang zwischen Verdienst und Lohn

für Laien verdunkelt hatte: sodann eine Verwirrung und Abstumpfung des

öffentlichen Rechtsgefühls in Folge bedeutender, wohl gar

entgegengesetzter Revolutionen. So ist es heutzutage; so war es im

Zeitalter des sinkenden Griechenthums; in den letzten anderthalb

Jahrhunderten vor Christus; so auch im Anfange der neuern Zeit bis zur

Mitte des 17. Jahrhunderts. -- Diess ist die Zeit, wo die grosse

Minenproduction von Amerika nebst anderen verwandten Vorgängen ihren

Einfluss auf die europäischen Preisverhältnisse ausübte. Jedes Sinken

aber der Circulationsmittel, so nützlich es den Gewerbsunternehmern ist,

pflegt die niederen Klassen hart zu drücken, weil diese den Preis ihrer

Arbeit nur sehr allmählig, und zwar nur durch vermindertes Angebot,

d. h. Auswanderung oder Aussterben, entsprechend zu erhöhen vermögen.

Nach Kornpreisen berechnet, stand der englische Tagelohn um 1495 zwei-

bis dreimal so hoch, als hundert Jahre später. Diess ist ferner die

Zeit, wo in so vielen Ländern das alte patriarchalische System des

Ackerbaues mit dem neuen speculativen vertauscht wurde: ein Uebergang,

der sich namentlich in England durch Einführung der Feldgraswirthschaft

statt des Dreifeldersystems, durch Legung zahlloser Bauerhöfe und

Bildung grosser Zeitpachten vollzogen hat. Hier wäre nun offenbar das

Natürlichste gewesen, die auf solche Art überflüssig gewordenen

Feldarbeiter im Gewerbfleisse unterzubringen. Allein die

Finanzwirthschaft des 16. Jahrhunderts, welche grösstentheils auf

Staatsmonopolien beruhete, und damit natürlich die Gewerbe furchtbar

drückte, machte diess unmöglich. Dazu kam die Aufhebung der Klöster,

wodurch gleichfalls die unmittelbare Armennoth sehr gesteigert werden

musste. Am deutlichsten spricht sich diese ganze Lage der Dinge in den

zahlreichen Gesetzen aus, die seit dem 27. Regierungsjahre

Heinrichs VIII. zur Unterstützung der Armen, Errichtung von

Arbeitshäusern u. s. w. gegeben wurden, und die in den letzten Jahren

der Elisabeth endlich zu der berühmten Armenacte führten. Es sollen in

der spätern Zeit der Elisabeth wohl 3-400 kräftige Vagabunden in jeder

Grafschaft existiert haben, die von Raub und Diebstahl lebten, in

Banden, bis 60 Mann stark, auftraten, und selbst der Obrigkeit zu

imponieren wussten[5]. -- Was nun andererseits die Stimmung des Volkes

inmitten dieser Drangsale betrifft, so gedenke man des Bauernkrieges,

der Wiedertäufer, des niederländischen Aufstandes, der Reformation und

Gegenreformation, zumal in England, der Thronstreitigkeiten unter

Elisabeth, der Verfassungskämpfe unter den ersten Stuarts, endlich der

Revolution und Republik. Es war unter Cromwell eine sehr weit

verbreitete Ansicht, dass Niemand seinem Grundherrn ferner Pacht

schuldig sei. So wenig standen die politischen und kirchlichen Ansichten

der Levellers vereinzelt da.

Die ersten Anfänge dieser Bewegung, welche fast anderthalb Jahrhunderte

lang Westeuropa durchzitterte, bilden die Grundlage zum Verständnisse

des Morus'schen Werkes. Wie in allen socialistischen Systemen, so ist

auch hier der %kritische Theil% verhältnissmässig am wahrsten. -- Vor

Allem klagt Morus über die gewaltige Zahl der Faullenzer im Staate,

wogegen die Fleissigen, obschon sie jene doch ernähren müssen, fast

verschwänden. Er rechnet dazu die Geistlichen, Edelleute, ganz

besonders auch die Gefolge der letzteren, die Mehrzahl der Weiber, die

Bettler u. s. w. Und selbst die Arbeiter werden grösstentheils mit ganz

unnützen Dingen beschäftigt, bloss um für Geld die Eitelkeit der

Reichen zu befriedigen (p. 39 ff. 99). Den kostspieligen Soldheeren

will More nicht einmal militärischen Nutzen zugestehen (p. 40). Wollten

Alle fleissig sein, und nur wahrhaft nützliche Geschäfte treiben, so

brauchte sich Niemand sehr anzustrengen; während jetzt die wenigen

wahren Arbeiter schlimmer als das Vieh genährt und überhetzt werden,

zumal wenn man ihre Aussichtslosigkeit für Alter, Krankheitsfälle

u. s. w. mitbedenkt (p. 96. 197). Ebenso unzufrieden ist Morus mit der

gegenwärtigen Art der Consumtion; er eifert gegen die Wein-, Bier- und

Hurenhäuser, gegen Würfel, Karten und andere Hazardspiele (p. 46. 95).

Jedes Streben, äusserlich vor Anderen hervorzuragen, ist ihm eine

strafbare Thorheit; wesshalb er z. B. das nützliche Eisen höher achtet,

als das seltene Gold (p. 117), und den Vorzug der feinen Wollzeuge vor

den groben damit lächerlich macht, dass ja auch die besseren vorher nur

von Schafen getragen worden (p. 131 fg.). Besonders eifert er gegen die

fiscalischen Plusmachereien, die seiner Zeit üblich waren: so z. B.

Münzveränderungen, Steuerforderungen wegen bloss scheinbarer

Kriegsgefahr, Geldstrafen wegen Uebertretung längst verschollener

Gesetze u. s. w. (p. 65); oder gar die extreme Regaltheorie des 16.

Jahrhunderts, wonach alles Gut des Volkes dem Fürsten gehören sollte

(p. 68). Die oben erwähnten agronomischen Veränderungen[6] betrachtet

er in einem so ungünstigen Lichte, dass er die Schafe reissende Bestien

nennt, welche Menschen fressen, und Land wie Stadt verwüsten

(p. 42)[7]. Mit vorzüglicher Energie werden am Schlusse des ganzen

Werkes alle angeblichen Gräuel unserer Civilisation nochmals

zusammengestellt (p. 197 ff.). Da heisst es geradezu, alle heutigen

Staaten seien eigentlich nur Verschwörungen der Reichen, um unter der

Maske des Gemeinwohls ihren Privatnutzen zu fördern. Der Arbeiter werde

von der _respublica_ während seiner kräftigen Jahre ausgebeutet;

hernach aber, wenn er durch Alter und Krankheit gebeugt, völlig

hülfsbedürftig geworden, mit dem schnödesten Undanke belohnt. All diess

Elend jedoch, Diebstahl, Betrug und Raub, Streit, Mord und Aufruhr,

Kummer, Sorgen, die Armuth sogar würden mit Abschaffung des Geldes von

selbst wegfallen; sowie man ja schon gegenwärtig nach jeder Missernte

sehen könne, dass die Hungersnoth lediglich eine Folge der, durch das

Geld bewirkten, üblen Vertheilung des Kornvorrathes sei.

Die positiven Behauptungen und Heilvorschläge des Morus sind denen der

neuesten Socialisten so ungemein ähnlich, dass sich schon hierin die

leicht erschöpfte Unfruchtbarkeit des ganzen s. g. Socialismus erkennen

lässt. Ich will nur das Wichtigste anführen. -- Die utopische

Lebensphilosophie ist ein vollständiger Eudämonismus. Alle Tugend

besteht darin, der Natur gemäss zu leben; die Natur selbst aber gebietet

uns, das Vergnügen (_voluptatem, vitam iucundam_) als den Zweck aller

unserer Handlungen zu betrachten (p. 129). Dass dieses Vergnügen auf

keine allzu rohe Art gefasst wird, versteht sich bei Thomas Morus von

selbst. Hierzu kommt ein anderer Grundsatz: Niemand kann etwas gewinnen,

was nicht ein Anderer verloren hat (p. 79). Wer diese beiden Principien

zugiebt, wird nicht umhin können, das Privateigenthum zu verwerfen

(p. 76). In Utopien herrscht daher %Gütergemeinschaft% und

%Arbeitsorganisation%, so dass insbesondere die Behörden fast

ausschliesslich damit beschäftigt sind, jeden Müssiggang zu verhüten

(p. 96). Freilich ist jeder Stadt ein gewisser Landbezirk eigenthümlich

zugewiesen (p. 86); und auch die einzelnen Familien bilden in mancher

Hinsicht abgeschlossene Kreise. Indessen wird die Gleichmässigkeit der

Bevölkerung durch Uebersiedelung aus einer Stadt und Familie, die zu

voll geworden[8], in andere, zu leere fortwährend erhalten (p. 104).

Ackerbau treiben Alle, indem sie periodisch mit einander abwechseln

(p. 86); ausserdem beschäftigt sich Jeder noch mit einem Handwerke

(p. 95). Man speist an gemeinschaftlichen Tafeln (p. 108 ff.); die

Kleidung Aller ist auf das Genaueste uniform (p. 102). Nur mit

obrigkeitlicher Genehmigung darf sich Jemand den Studien ausschliesslich

widmen (p. 100); auch nur mit einem Passe auf Reisen gehen, wobei

übrigens kein Gepäck mitgenommen wird, da Jedermann überall zu Hause ist

(p. 113). Aller wechselseitige Mangel und Ueberfluss wird unter Leitung

des Staates durch Geschenke ausgeglichen (p. 114). Das edle Metall,

welches auf dem Wege des auswärtigen Handels in grosser Menge nach

Utopien strömt, wird lediglich zu dem Zwecke aufbewahrt, um auswärtige

Kriege damit zu führen; im Lande selbst behandelt man es mit der

grössten Verachtung, so dass z. B. die Verbrecher goldene Ketten tragen,

die kleinen Kinder mit Perlen und Edelsteinen spielen, die

Nachtgeschirre von Gold und Silber gemacht werden (p. 115 ff.).

Es ist ebenso bekannt, wie erklärbar, dass die Theoretiker der

Gütergemeinschaft in der Regel auch für Weibergemeinschaft und

%Emancipation der Frauen% geschwärmt haben. Denn Tisch und Bett, Haus

und Ehe sind ja nur verschiedene Seiten eines und desselben

Verhältnisses, des Familienlebens; daher die consequenten Gegner des

Sondereigenthums kaum unterlassen können, auch die Sonderehe zu

bekämpfen. Und was die Frauenemancipation betrifft, so wird der extreme

Gleichheitssinn, welcher zur Gütergemeinschaft führt, auch die sociale

Ungleichheit der beiden Geschlechter nicht anerkennen wollen. Mit den

Wiedertäufern ist nun Morus auf diesem Gebiete nicht zusammenzustellen;

jedoch fehlt es bei ihm durchaus nicht an allen Analogien. So lässt er

die utopischen Frauen nicht bloss an dem wissenschaftlichen Unterrichte

(p. 97), sondern auch an den militärischen Uebungen der Männer

theilnehmen (p. 164); selbst das Priesteramt können alte und ehelose

Frauen bekleiden (p. 187). Hinsichtlich der Ehe ist seine vornehmste

Reform darauf gerichtet, dass Braut und Bräutigam, vor Knüpfung des

unauflöslichen Bandes, im Beisein passender Zeugen einander nackend

sehen (p. 150); ausserdem sollen auch Ehescheidungen auf eine,

wenigstens für Katholiken bedenkliche, Art erleichtert werden (p. 152).

Charakteristisch sind endlich noch folgende Punkte: 1) Die grosse

religiöse %Toleranz% des Morus, die zwar in damaliger Zeit bei klassisch

gebildeten Männern nichts Seltenes war, alsbald aber so gründlich

beseitigt wurde, dass z. B. 1613 in England Personen als Verleumder mit

lebenslänglicher Kerkerstrafe belegt worden sind, weil sie behauptet,

einzelne Geheimerathsmitglieder hätten ein Toleranzgesetz empfohlen. In

Utopien dagegen herrscht die völligste Glaubensfreiheit, nicht allein

des Friedens willen, sondern auch weil man sie eben der Religion und

Wahrheit selber am zuträglichsten findet (p. 180). In den Tempeln wird

eine kluge Neutralität beobachtet, namentlich Alles vermieden, was

irgend einer Secte irgendwie anstössig sein könnte (p. 190). Ueberhaupt

ist es hier Grundsatz, ja nicht leichtfertig über irgend eine Religion

zu urtheilen (p. 185). Freilich schmeckt diess Alles etwas nach

Indifferentismus, zumal wenn man bedenkt, wie gut der Idealstaat des

Morus auch ohne Christenthum hat fertig werden können. Die Einführung

des Christenthums scheint ihm ungefähr auf derselben Stufe zu stehen,

wie die Einführung der griechischen Literatur[9], obschon er dem

erstern seine Hinneigung zur Gütergemeinschaft nachrühmt (p. 177).

Uebrigens bleibt die utopische Toleranz doch immer noch sehr hinter der

heutigen zurück; denn Ansichten, welche die Unsterblichkeit der Seele,

die Vergeltung nach dem Tode, die göttliche Vorsehung leugnen, gelten

dort für unmenschlich, und machen unfähig zum Bürgerrechte (p. 180). --

2) Seine %Milde gegen Verbrecher%. Morus gehört zu den erklärtesten

Gegnern der Todesstrafe, die er fast in allen Fällen durch

Freiheitsstrafen, gezwungene Arbeit u. dergl. ersetzen will (p. 153).

Namentlich scheint es ihm rechts- und bibelwidrig zu sein, wenn Diebe

getödtet werden[10] (p. 49). Ja, es kommen Anklänge an die neuerdings

beliebte Meinung vor, als wenn zur Verhütung von Verbrechen nicht sowohl

die Verbrecher selbst, sondern vielmehr die bürgerliche Gesellschaft

sich ändern müsste (p. 38 ff. 52). -- 3) Im Allgemeinen sind die Utopier

zwar äusserst friedfertig; sie verachten insbesondere den herkömmlichen

Begriff soldatischer Ehre bis zu dem Grade, dass sie vorzugsweise durch

Prämien auf die Ermordung oder Auslieferung der feindlichen Fürsten und

Offiziere zu wirken suchen (p. 164 fg.). Dagegen schreiten sie,

abgesehen von der Vertheidigung, in zwei Fällen ganz unbedenklich zum

%Kriege%: erstens, um fremde Nationen von Tyrannenherrschaft zu befreien

(_quod humanitatis gratia faciunt_: p. 161); sodann auch, um ihrer

überschüssigen Population in minder bevölkerten Ländern, die gleichwohl

ein friedliches Eingehen auf die utopische Verfassung verschmähen, ein

Unterkommen zu verschaffen (p. 105).

Wer mit der neuern socialistischen Literatur irgend vertraut ist, wird

die Bedeutung dieser Ansichten würdigen können.

Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre aus dem III. Bande der Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften · 第 5 / 16 题