W. ROSCHER.

Ihr eigentlich %goldenes Zeitalter% scheint die volkswirthschaftliche

Literatur der Engländer zwischen 1742 und 1823 gehabt zu haben, d. h.

von dem ersten Erscheinen der Hume'schen _Essays_ an bis auf den Tod von

David Ricardo. Hume, Adam Smith, Malthus und Ricardo sind die Chorführer

dieser Periode, die Häupter der englischen Schule der Nationalökonomie.

Und ich wüsste unter den Neueren kein Volk, keine Zeit, die in irgend

einer Kunst oder Wissenschaft eine relativ vollkommenere Schule besessen

hätten. -- Jene vier grossen Engländer stehen im innigsten geistigen

Zusammenhange unter einander; jeder von ihnen hat den Faden der

Untersuchung fast genau da aufgenommen, wo ihn die Vorgänger hatten

liegen lassen. Zugleich aber hat jeder auch durch neue, umfassende, ganz

eigenthümliche Urbarungen das Feld der Wissenschaft erweitert; und nicht

bloss dem Umfange nach, sondern ebenso sehr durch Vertiefung und

Verschärfung der Methode selber. -- Diese Schule ist im höchsten Grade

universal: noch heute gilt insbesondere Adam Smith bei der Mehrzahl für

den Gründer der wissenschaftlichen Nationalökonomie überhaupt, englische

Schule und Theorie überhaupt für gleichbedeutend; wie sie denn

allerdings gerade in den allgemeinsten, abstractesten Lehren ihre

vornehmliche Stärke hat. Zugleich aber ist sie im höchsten Grade

national: jene Männer sind durch und durch Engländer, mit Leib und

Seele; ihre Grundsätze, ihre Beispiele wurzeln gänzlich in der Politik

und Geschichte ihres Volkes, sind insgemein auf dessen Gesichtskreis

beschränkt. Diesen Gesichtskreis übrigens haben sie mit

bewunderungswürdigem Erfolge zu umfassen und zu beherrschen gesucht: sie

haben die englische Philologie und Geschichtsschreibung, die englische

Geographie und Naturforschung vortrefflich für ihre Zwecke ausgebeutet.

Von allem dem, was die Engländer neuerdings auf dem Gebiete des

abstractern, systematischern Denkens geleistet haben, ist ihre

Nationalökonomie ziemlich anerkannter Massen das Vollkommenste. Daher

die grosse Popularität dieser Wissenschaft in England, für die sich

Alles, vom Premierminister an bis zum Fabrikarbeiter herab, auf das

Lebhafteste interessiert. Ueberhaupt kann man sagen, dass die

klassischen Volkswirthschaftslehrer von England sehr gut jene gerade

Mittelstrasse eingehalten haben zwischen Speculation und Erfahrung,

Theorie und Praxis, Allgemeinem und Besonderem, Originalität und

Studium, welche von jeher die besten Schulen in ihrer besten Zeit zu

charakterisieren pflegt.

Heutzutage sind die Verhältnisse in vieler Hinsicht anders geworden.

Nicht, als ob es in England gegenwärtig fehlte an tüchtigen

Nationalökonomen. Die Namen Senior, MacCulloch, Torrens, Tooke, Loyd,

Porter u. A. wird kein Sachkundiger anders, als mit Hochachtung

aussprechen. Ebenso wenig aber können sie den früheren grossen Meistern

zur Seite gestellt werden. Sie haben die vorhandenen Methoden vielfach

genauer, detaillierter angewandt, aber nicht eigentlich verbessert,

oder neue hinzu erfunden; sie haben das Material der Wissenschaft

vielfach bereichert, jedoch immer nur auf den schon bekannten Gebieten,

also ohne wahrhaft universaler zu werden; sie haben die Widersprüche

der früheren Systeme vielfach ausgeglichen, ohne jedoch diese

Ausgleichung selbst wieder zum Systeme zu erheben. Es ist der

Unterschied blosser wackerer Gelehrten, deren Resultate man immer

dankbar annimmt, und grosser schöpferischer Genien, die selbst in ihren

Irrthümern unendlich viel Belehrendes haben. Wie wenige, für die

Wissenschaft bedeutende Probleme sind in England seit dem Schweigen von

Ricardo und Malthus zur Sprache gebracht, die nicht schon von den

älteren, klassischen Meistern behandelt wären! Allerdings hat die

Popularität der volkswirthschaftlichen Untersuchungen dort immer

zugenommen; ja, sie ist noch jetzt in fortwährendem Steigen begriffen.

Nationalökonomische Irrthümer, wie sie Pitt geläufig waren, könnten

einen heutigen englischen Minister um seinen Ruf bringen. Wer aber die

Geschichte anderer Schulen in irgend einem Fache studiert hat, dem wird

es nicht entgangen sein, dass fast überall die grösste Extensität einer

Kunst oder Wissenschaft ihre grösste Ausbreitung und Beliebtheit beim

Publicum nach der Periode ihrer grössten Intensität, also nach der

Schöpfung ihrer klassischen Meisterwerke einzutreten pflegt[1]. -- Zwar

hat neuerdings John Stuart Mill einen Versuch gemacht, den

abgeschlossenen Kreis der englischen Nationalökonomie bedeutend zu

erweitern, indem er nicht bloss eine Menge praktischer Fragen

hereinzog, welche die abstracte Theorie bisher verschmähet hatte,

sondern auch durch das Studium continentaler Verhältnisse eine Menge

von britischen Nationalvorurtheilen beseitigte. Er selbst

charakterisiert sein System dadurch, dass es die Volkswirthschaftslehre

auf die sociale Philosophie anwende. Eine solche Socialphilosophie, die

im Sinne der aristotelischen Politik und mit den Hülfsmitteln unserer

Gegenwart die wirthschaftlichen Verhältnisse der ganzen Menschheit zu

verarbeiten suchte, würde ohne Zweifel eins der grössten

wissenschaftlichen Bedürfnisse befriedigen. In dieser Ausdehnung ist

aber die Aufgabe von Mill gar nicht gefasst worden; es wären auch weder

seine geschichtlichen Vorstudien, noch sein ethischer Gesichtskreis für

einen solchen Zweck umfassend genug. So dass auch durch Mill die

gegenwärtige britische Nationalökonomie den Charakter eines %silbernen

Zeitalters% nicht verloren hat.

Die nachfolgenden Untersuchungen haben den Zweck, über die wenig

bekannte Periode der englischen Volkswirthschaftslehre, welche dem

goldenen Zeitalter vorangeht, Licht zu verbreiten. Ich werde in dieser

Abhandlung nur bis zum Anfange des 18. Jahrhunderts kommen; eine spätere

soll dann, so Gott will, die weiteren Fortschritte bis auf Hume und Adam

Smith erörtern. Den anspruchslosen Titel »Zur Geschichte« habe ich

desshalb vorgezogen, weil es zu sehr an Vorarbeiten fehlt[2], und auch

die Quellenschriften auf unseren deutschen Bibliotheken viel zu selten

gefunden werden, als dass ich eine erschöpfende Vollständigkeit

garantieren könnte. Etwas Bedeutendes wird mir aber doch schwerlich

entgangen sein.

Zur Geschichte der englischen Volkswirthschaftslehre aus dem III. Bande der Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften · 第 4 / 16 题