Hans Friesen fuhr sich über die Stirn.
Sie hatte ihm die Freiheit wiedergeben wollen ... wie schön das war ...
und wie klug ...
Und auch in ihm tönte die Choralweise nach ...
Jetzt in das dumpfe Zelt kriechen, wo die Kommißunteroffiziere
schnarchten --? Nein ...!
Lieber hier am behaglich wärmenden, langsam verglostenden Feuerrest die
paar Nachtstunden verträumen -- unterm gleißenden Sternenhimmel ... in
tiefem Sinnen ... in einem glücklichen Traum von Zukunft -- Schönheit
-- Ruhm -- Glück -- in einem wundersamen Sicheinsfühlen mit dem weiten
All ringsum, dem Chor der Schläfer auf der weiten Bergeshalde ... dem
Gewimmel der Gestirne droben am Firmament ... mit allem Geschaffenen
und seinem Schöpfer --
»Ich bete an die Macht der Liebe ...«
Langhin streckte sich der Soldat auf den harten Stoppelboden, schob
Mollys Briefchen in die Brusttasche seines Waffenrocks ... und schaute
nun regungslos mit glänzenden Augen zum weißleuchtenden Nebelbogen der
Milchstraße empor.
* * * * *
Einsam, ein rüstiger Wanderer, schritt Martin Flamberg in der
Morgenfrühe des 22. September talabwärts auf der Chaussee, welche von
Leisel über Hettenrodt, Hettstein und Idar nach Oberstein an der Nahe
führte ...
Hier würde er den Zug erreichen, der ihn heimwärts führen sollte.
Frühmorgens im Lagerstroh hatte der Feldwebel ihn geweckt: »Verzeihen
Herr Leutnant, eine Ordonnanz vom Herrn Major ist da!«
»Soll ans Zelt kommen!«
»Herr Leutnant möchten so bald als möglich zum Herrn Major kommen!«
Sassenbach war just bei der Morgentoilette, als Flamberg ins Stabszelt
trat: »Na, Flamberg ... Brummschädel ...?«
»Danke gehorsamst -- nein, Herr Major!«
»Entschuldigen Sie -- muß mich eben fertig rasieren!«
Beim Schein einer Stallaterne, die der Bursche mitsamt einem winzigen
Spiegelchen seinem Herrn vorhielt, saß der Bataillonskommandeur auf
einem Faß, mit aufgeklapptem Waffenrock, und schabte die angegrauten
Stoppeln von seinen bronzebraunen Wangen.
»Also, lieber Freund, Sie haben morgen Hochzeit ... Da scheint's mir
doch besser, das Armeekorps behilft sich am letzten Übungstage ohne
Sie -- Sie sind also hiermit entlassen und haben möglichst schnell und
geräuschlos aus dem Bereich des Kriegsgetümmels zu verschwinden!«
»Aber ich bitte ganz gehorsamst, Herr Major ...«
»Keine Fisematenten! Ich befehl's -- und damit basta!«
»Und wer, befehlen Herr Major -- wer soll die erste Kompagnie heute
führen?«
»Ach was, die paar Stunden! Kann ja der Windhund, der Carstanjen
machen! -- Na, einverstanden?«
»Ich danke von ganzem Herzen, Herr Major!«
Sassenbach stand auf, und während der Bursche ihm im Stehen die kotigen
Stiefel an den Beinen mit der Wichsbürste bearbeitete, streckte er dem
Untergebenen die Hand hin: »Also stecken Sie sich einen grünen Zweig an
als Neutralitätsabzeichen und verschwinden Sie auf dem nächsten Wege,
solange es noch dunkel ist ... kommen Sie gut nach Hause, empfehlen Sie
mich unbekannterweise Ihrem verehrten Fräulein Braut -- und machen Sie
Ihre Sache gut -- na, Sie verstehn mich schon -- hahaha! Haben Sie auch
schönsten Dank für freundliche Unterstützung und leben Sie wohl!«
»Darf ich Herrn Major meinen gehorsamsten, tiefgefühlten Dank für die
gütige Aufnahme und alles Gute --«
»Schon gut, schon gut, lieber Flamberg -- es war uns eine Ehre und ein
Vergnügen!«
-- -- Und nun marschierte Martin Flamberg einsam talabwärts.
Von seinem Helm nickte ein grüner Busch. In seinem Wachstuchtornister
klapperte eine halbe Flasche Kognak, die Carstanjen ihm noch als
Abschiedsgabe eingepackt --
»Junger Ehemann +in spe+ -- -- können eine kleine Herzstärkung
gebrauchen! --«
Die Säbelscheide in der Linken, die Rechte taktmäßig pendelnd, stapfte
er bergab in munterm Soldatenschritt.
Und wie ringsum die Bergsäume sich rosig erhellten, erhellte sich auch
des Wanderers Herz -- --
Ja, es ging heimwärts ... heimwärts ... es ging in die Arme der Liebe
... der Liebe, der nun sein ganzes Leben gehören sollte ... sein ganzes
Leben ...!
Immer leuchtender stieg des fern harrenden Mädchens teures Bild vor
seinem Blick empor ... nun erst, da er schon fast abgerechnet mit
allem, was er besessen und erhofft hatte, lag's vor ihm in seinem
ganzen süßen, holden Glanz ...
Er zog Agathens letztes Briefchen hervor, dies Briefchen, das
nur das eine einzige, sehnsuchtsschwere Jubelwort enthielt:
»Über-über-übermorgen --!!!«