Das klang vom Bataillonszelt her ... Die Kameraden hatten ihn entdeckt.
Er trat hastig näher.
»Na Meister ... bißchen Stimmung geschunden ... bißchen photographiert
für den Winter?! So, nun kommen Sie mal 'ran ... die Bowle ist prima,
prima ...« so klang's durcheinander.
Der Major thronte inmitten der Tafelrunde, die sich auf Feldstühlen,
Kisten und Koffern um den grauen Klapptisch gruppiert hatte, der ein
Vorrecht des Bataillonsstabes war. Sein Gesicht war gerötet, die
zerknitterte Manövermütze saß ihm im Genick, den Kragen des Waffenrocks
hatte er aufgehakt ...
Und an seiner rechten Seite saß der Leutnant der Landwehr Frobenius
... seine Brillengläser funkelten ... seine klugen Augen leuchteten
so seltsam ... die rotumbarteten Lippen zuckten wie in freudiger,
festlicher Erregung ...
»So, lieber Dormagen,« sagte der Major mit einer gewissen Feierlichkeit
zu dem jüngsten der Herren des Bataillons, dem eleganten Referendar aus
Koblenz, »nun füllen Sie gefälligst mal alle Gemäße --!«
Schäumend floß der Kasinosekt über die Ränder der Emaillebecher, der
Bierseidel, der henkellosen Kaffeetassen ...
Und Sassenbach erhob sich: »Meine Herren -- ich weiß, daß ich Ihnen
allen eine Freude machen werde mit dem, was ich Ihnen jetzt mitzuteilen
habe: Erstens -- unser verehrter Kamerad, Herr Frobenius, bislang
Privatdozent der Literaturgeschichte an der Universität Bonn -- ein
Herr, der in den acht Wochen, während deren er inmitten unseres
Regiments geweilt hat, trotz gewisser -- hm hm -- -- anfänglicher
Schwierigkeiten ... trotz einer gewissen Vorliebe für den Aufenthalt
in Froschtümpeln und auf Parkettböden ... die uns ein wenig befremdet
hat ... auf die Dauer unsere größte kameradschaftliche Hochachtung und
Sympathie erworben hat -- dieser Ihnen wohlbekannte Herr hat soeben
einen telegraphischen Ruf als ordentlicher Professor an die Universität
Tübingen erhalten -- --«
Das gab einen Sturm --!
Ja, wahrhaftig, sie mochten ihn alle leiden, den bescheidenen,
gutmütigen, pflichtgetreuen Mann ...
»Famos ... tadellos ... bravo, bravo Frobenius ... gratuliere
tausendmal ...!!«
»Halt, meine Herren!« überschrie der Major den Tumult, »ich bitte
dringend um Ihre Aufmerksamkeit! -- ich bin nämlich noch nicht zu Ende
--: Ich habe die angenehme Pflicht, Ihnen die Verlobung meiner Tochter
Nelly mit --!«
Weiter kam er nicht -- keiner verlangte, den Namen des Erkorenen zu
wissen.
Es gab einen Jubel, daß an allen Lagerfeuern des ganzen Bataillons
alle Köpfe dorthin sich wandten, wo bei der Fahne auf einer leichten
Bodenerhebung die Herren vorm Bataillonszelt tafelten ...
»Das Brautpaar: hurra, hurra, hurra -- --!«
Und vor versammeltem Kriegsvolk nahm der Major seinen Schwiegersohn
beim Kragen und preßte seine langwallenden Schnurrbartzipfel auf den
roten Bart des Herrn Professors.
* * * * *
Wenige Minuten vor neun Uhr ließen die Kompagnieführer ihre Leute bei
den Gewehren antreten. Es war kühl geworden, die Mäntel hatten schon
längst angezogen werden müssen ...
In langen dunkeln Reihen standen die Kompagnien ... es kam der
Augenblick des Abendgebets.
Die Kompagnieführer standen vor der Front, die Zugführer am rechten
Flügel ihrer Züge.
Und nun erklang von rechts her in ruhig heiterm Schreiten das
Schmettern der Regimentsmusik ... sie spielte die alte stolze Weise des
»Großen Zapfenstreichs« ...
Langsam marschierte das Musikkorps, die Spielleute aller drei
Bataillone voran, an der Front des ganzen Regiments vorbei, dessen drei
Bataillone ihre Biwaks nebeneinander aufgebaut hatten ...
Gelblich leuchteten die Instrumente auf im Widerschein der Lagerfeuer
...
Und aus der Ferne von rechts und links kam's wie ein Widerhall ...
dort, wo die andern Regimenter des Korps biwakierten, vollzog sich die
gleiche Feierlichkeit ...
Nun war die Musik am linken Flügel des dritten Bataillons angekommen,
sie machte kehrt, zog abermals vor den dunkeln Massen der lauschenden
Truppen entlang bis in die Mitte des zweiten Bataillons, in die Mitte
der ganzen Regimentsfront. Da machte sie halt.
Hier stand der Oberst mit seinem Stabe. Er gab mit weithin schallender
Stimme das Kommando: »Mützen ab zum Gebet!«
Die Bataillonskommandeure, die Kompagniechefs wiederholten den Befehl.
Alle Mützen flogen von den Köpfen ... ein tiefes, andächtiges Schweigen
lagerte über dem nächtigen Plan ...
Nun scholl ein dumpfer, langhinrollender Trommelwirbel ... die
achtundvierzig Tambours des Regiments ließen leise rasselnd ihre
Schlägel auf die entspannten Kalbfelle niederfallen ... darüber
schwebte ein leiser, flehender Triller der Flöten ... und nun setzte
der volle Ton der Trompeten, Tuben, Posaunen ein mit herzerschütternder
Choralmelodie ...
»Ich bete an die Macht der Liebe,
die uns vom Himmel offenbart ...
ich geb' mich hin dem freien Triebe,
mit dem ich je geliebet ward.
Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken ...«
-- Das griff in jede Brust ... übergewaltig ... versöhnend ... Frieden
spendend ... Himmelsfrieden ..
Stumm ... regungslos lauschten die zwölfhundert jungen Männer im
Waffenrock der Niederländer Füsiliere ... und alles weithin übers
endlose Waffengefild lauschte ... sie alle, die jugendschwellenden,
hochaufschauernden Kriegerherzen ...
Und keiner ... keiner war so arm ... so heimat- und friedlos, daß er
nicht an ein Liebes hätte denken können, dessen Herz in weiter Ferne
für ihn schlug ...
Martin Flambergs Herz aber schrie auf in wildem Gram ... in fressender
Reue ...
Agathe ... Agathe ...!!
»Mützen auf -- weggetreten --!«
-- Als Flamberg sich umwandte, dem Kompagniezelt zu -- stand plötzlich
der Hauptmann von Brandeis hinter ihm: »Guten Abend, Flamberg -- haben
Sie einen Moment Zeit für mich?!«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«
»Kommen Sie ... wir gehen ein paar Schritte in den Busch hinein ...«
Stumm folgte Martin Flamberg -- in seinem Kopf und Herzen war ein
brandender Schwall -- er konnte nichts denken -- nichts fühlen ...
Unter der vordersten Buche des Gehölzes machte der Hauptmann halt.
Dicht standen die Männer einander gegenüber ... ihre Gesichter
schimmerten nur schwach im Widerschein der Biwaksfeuer ...
»Wir wollen nicht viele Worte machen, Flamberg ... Sie haben mir sehr
... sehr weh getan ... wissen Sie das ...?«
»Ich weiß es, Herr Hauptmann!«
»Was Sie sich dabei gedacht haben -- Gott mag's wissen! -- Ich will zu
Ihren Gunsten annehmen, nicht allzuviel! -- Ich will Ihnen auch nicht
Moral predigen -- ich wette, das haben Sie selber genügend besorgt
in den Stunden seit ... seit gestern abend ... also zur Sache: es
ist der Wunsch meiner Frau ... daß Sie und ich uns ... friedlich ...
auseinandersetzen. Ich respektiere diesen Wunsch ... und ... ohne daß
Sie erst darum zu bitten brauchen ... soll Ihnen verziehen sein.«
»Herr Hauptmann!« stammelte Martin.
»Ich versteh das alles ja sehr gut ... Sie sind -- wie sagt man doch --
eine glänzende Erscheinung ... ein außergewöhnlicher Mensch ... eine
Berühmtheit ... Ich bin ein einfacher Soldat ... Aber ich hab diese
Frau sehr lieb ... ganz gewiß lieber, als irgendein anderer Mensch sie
haben kann ... und schließlich bin ich doch am Ende ihr Mann, nicht
wahr?! Also kurz: Meine Frau hat mir erzählt: was zwischen euch beiden
geschehen ist, gestern abend ... das ist ein Abschied gewesen ... Nun
-- so will ich's denn als ... Abschied ... gelten lassen. Nur eins
versprechen Sie mir, Flamberg, nur das eine: halten Sie das Angedenken
dieser Frau in Ehren ... in hohen Ehren, Flamberg! wollen Sie mir das
versprechen ...?«
»Das -- -- versprech ich ... Herr Hauptmann!«
»Nun noch eins -- Sie heiraten ja übermorgen ... Sie müssen Ihrer
jungen Frau einmal ... erzählen ... was Sie getan haben ... nicht jetzt
... nicht im Flitterwochenrausch ... später einmal, wenn ihr euch
beide kennt ... dann sollen Sie's ihr erzählen ... das wird euch zwei
zusammenketten, das ... und Sie vor mancherlei bewahren, was vielleicht
... noch kommen könnte ...! Werden Sie das tun --?«
»Ich werd's tun, Herr Hauptmann!«
»Ich danke Ihnen -- und nun ... ich hab morgen Dienst beim Herrn
General, und wir werden uns vor Ihrer Entlassung wohl kaum mehr sehen
... also ... leben Sie wohl ...!«
Er streckte dem Kameraden die Rechte hin. Flamberg schlug ein -- er
konnte nicht reden.
»Soll ich ... Cäcilie ... einen Gruß ... von Ihnen bestellen ...?«
»Ich ... bitte darum, Herr Hauptmann ...!«
»Ich werd's ausrichten! -- Addio, lieber Flamberg!«
Noch einmal drückte der Hauptmann kräftig Martins Rechte ... legte die
Hand an die Mütze ... schritt rasch von dannen ...
Und Flamberg ging langsam zu seiner Kompagnie.
Begnadigt! -- Dem Leben ... der Heimat ... der Braut wiedergeschenkt
...
Begnadigt --!
In Martins Herzen hallte der Schluß der Gebetsweise wider ...
»Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken ...«
* * * * *
Die letzten Lagerfeuer erloschen.
Die letzten der Offiziere, die sich noch durch ein paar Glas Feuerbowle
für den Schlummer im Stroh, die scharfe Kühle der Frühherbstnacht auf
hohem Gebirgsplateau gestärkt hatten, krochen ins Stroh ...
Die Unteroffiziere, die Mannschaften schnarchten längst in den langen
Zugzelten ...
Am verglimmenden Lagerfeuer der zweiten Kompagnie lag bäuchlings
hingestreckt noch ein einsamer Unteroffizier ...
Beim letzten Glosten der zuckenden Flämmchen, die den mächtigen
Aschenhaufen umschwelten, las er ein Briefchen:
»-- -- Du sollst nicht heut und nicht morgen kommen, lieber Hans. Du
sollst noch ein paar Jährchen warten, bis Du Deinen Assessor gemacht
hast. Wenn Du mich dann nicht leid geworden bist, dann komm und hol
mich -- wenn ich dann noch da bin. Wir sind ja beide noch Kinder, und
ich weiß nicht, ob nicht einem von uns beiden doch mal einer begegnen
wird, der ihm lieber ist als die Erinnerung an einen heißen Kuß im
Garten des Offizierkasinos -- weißt Du noch, mein Hans?! Wenn das
kommen sollte, dann soll keiner von uns sich an den andern gebunden
halten. Ich glaub's ja nicht, daß es mir passieren wird, ich sag's
auch mehr Deinetwegen als meinetwegen. --
Aber -- man kann nicht wissen --!
Also -- leb wohl, mein Süßer, und denk manchmal an mich!
Vielleicht einmal, vielleicht -- --!