Reue -- Reue --

Und eines nur hatte Bestand im gestaltlos wogenden Getriebe der

anklagenden, schamvoll zerrissenen Empfindung.

Dies eine Wissen: daß man einstehen werde für das eigene Tun --

regungslos -- eisernen Herzens -- ohne Wimperzucken -- bis ans Ende --

bis ans Ende.

Mannesehre ... Soldatenehre ... Offiziersehre -- wahrhaftig, doch kein

leerer Wahn das alles -- --!

Wenn es eine Sühne gab auf Erden, dann war es die: klaglos die

Stirne, die Brust hinhalten der rächenden Kugel ... stumm und stolz

zusammensinken ... hinabtauchen in den läuternden Tod ...

So sann Martin Flamberg. Und neben ihm in behaglichem

Verdauungsschweigen hockten mit übergeschlagenen Beinen auf ihren

Kisten die beiden blutjungen Knaben, der Leutnant, der Fahnenjunker ...

unkund der Schrecknisse des Lebens, der Leidenschaft ...

Und ringsum jubelte die Heimatsehnsucht von zehntausend jungen

Gesellen, die nach zwei Jahren in Königs Rock übermorgen in trunkener

Wiederkehrwonne nach Hause flattern würden.

Nach zwei Jahren, die ihnen mehr, weit mehr gewesen waren, als sie heut

ahnen konnten, als ihnen vielleicht jemals zum Bewußtsein kommen würde

...

Zwei Jahre, in denen sie Soldaten gewesen waren ... in denen ihr Leben

seiner Vereinzelung, seiner Kleinlichkeit und Alltäglichkeit entrissen

worden war und eingegliedert in die großen Verhältnisse, das mächtige

Leben der Gesamtheit ... der Nation ... des Volkes ...

Zwei Jahre, in denen sie aus Gelsenkirchenern und Rheydtern, aus

Erkelenzern und Neuwiedern zu Preußen ... aus Maurertagelöhnern

und Bandwirkern, aus Feilenhauern und Ackerknechten zu wehrhaften,

waffengeübten Soldaten geworden waren ...

Ach ja, wohl war's manchmal scharf hergegangen in den zwei Jahren --

aber das alles war ja nun überstanden ...

Was bleiben würde ... was sie mit nach Hause nahmen ... war's zu

verlangen, daß sie das heute schon begriffen -- vielleicht überhaupt je

begreifen lernten?!

Doch würde mancher vielleicht nach Jahren aus dem täglichen öden

Einerlei der Berufsarbeit, aus der Enge beschränkter, kinderreicher

Häuslichkeit mit Dankbarkeit und Sehnsucht zurückdenken an die zwei

Jahre in Luft und Sonne, in Waffenglanz und munterm Kampfspiel »auf

grüner Heid -- im freien Feld«!

Heut freilich -- heut hatten sie alle nur den einen Gedanken:

übermorgen geht's zu Muttern!

Und unablässig, immer von neuem klangen übers weite Feld die Weisen der

Reservelieder:

Nun scheiden wir aus eurem Kreise

und ziehen aus den bunten Rock!

Wir treten an die Heimatreise

mit einem Reservistenstock.

Geschlossen geht es aus dem Tore

zum letzten Mal vergnügt hinaus.

Die Mütze sitzt auf einem Ohre,

und keine Waffe schmückt uns aus!

»Herrgott von Bentheim!« fluchte Leutnant Carstanjen, »dieses verdammte

Reservistengegröhle wächst einem, weiß der Himmel, zum Halse heraus!«

Flamberg lächelte: »Das wird Sie wohl Ihr ganzes militärisches

Leben hindurch begleiten, lieber Freund! Und wenn Sie sich einmal

die Mühe geben wollen, sich in die Gefühle der Burschen, die da

singen, hineinzuversetzen, dann wird's Ihnen seltsam wohl und weh

dabei werden -- dann werden Sie anfangen, die Würde des hohen und

herrlichen Berufs, den Sie haben, ein wenig tiefer zu begreifen! --

Was da singt und jubelt, das ist das Heimatverlangen der deutschen

Jugend, die euch anvertraut ist zur Erziehung in Waffenkunde und

Mannhaftigkeit. -- Die Gefühle, mit denen diese Leute das Reservelied

singen, sind die Gradmesser für eure Berufstüchtigkeit -- wenn sich

in diese Heimkehrseligkeit nicht auch ein unverstandenes Gefühl von

Abschiedswehmut mischt, wenn diese Leute nicht in spätern Jahren mit

leuchtenden Augen und geheimem Erinnerungsschmerz am Stammtisch, im

Familienkreise, in der Schar ihrer Kinder von der Zeit erzählen, da sie

den bunten Rock trugen -- von Ihnen erzählen, kleiner Carstanjen --

ihrem muntern, liebenswürdigen kleinen Zugführer, dem es zwar zuweilen

auf eine Handvoll Schweinehunde und Kamelsnasen nicht ankam ... der

aber doch im Grunde seines Herzens ein todguter, lebensfreudiger und

grundehrenwerter Junge war, der in seinen Rekruten und alten Kerlen

etwas mehr sah als bloß die Objekte einer lästigen, stumpfsinnigen

Berufstätigkeit -- wenn das nicht so wäre -- dann sähe es schlimm aus

um unser deutsches Heer ... um unser deutsches Volk ...«

»Jesses, Jesses, er predigt -- die Reserve predigt!« rief Carstanjen

mit komischem Entsetzen und doch innerlich gepackt -- ein wenig

geschmeichelt -- ein wenig ergriffen aber auch -- »Junker, schnell 'ne

neue Pulle! --«

Da trat ein Füsilier, es war der Pferdebursche des Majors von

Sassenbach, zu den Herren heran, stand stramm: »Der Herr Major läßt die

Herren Offiziere bitten, ins Bataillonsstabszelt zu kommen zu einer

kleinen Bowle!«

»Wir werden kommen!« sagte Flamberg. »Ja, einer von uns muß natürlich

bei der Kompagnie bleiben -- also zunächst mal Sie! Ich löse Sie

nachher ab -- also auf Wiedersehen!«

Ein siedender Schreck hatte Martin plötzlich durchzuckt, als die

Ordonnanz des Majors herangekommen war ... Auf die hatte er ja den

ganzen Tag gewartet ...

Und nun erging der Ruf zu einem fröhlichen Zechen --!? Also die Stunde

der Abrechnung war noch immer nicht da ... der Major wußte noch von

nichts ...?!

Natürlich, jetzt saß Brandeis drüben im Dorfe, wo der Brigadestab lag,

mit seinem General zusammen, studierte die Korps- und Divisionsbefehle

für morgen -- redigierte den Brigadebefehl -- --

Da blieb ihm keine Zeit, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken --

mochten sie auch noch so dringlich ... noch so unaufschieblich

sein ...!

Im Hinschreiten ließ Flamberg seine Blicke über das weite Lager

schweifen ... Die Dämmerung sank hernieder .... die frühe Dämmerung des

Spätsommerabends ... hinter dem fernen braunen Strich des Idarwaldes

verglomm der letzte Tagesglast ...

Endlos hin über Berg und Tal zog sich das Biwak des Korps ... und

überall dieselbe Szene ... die lodernden Feuer mit den rastenden,

schmausenden, singenden jungen Männern drum herum ... überall niedere

Leinwandzelte ... Gewehrpyramiden ... Posten vor der Fahne ... Ein

ergreifendes Bild ruhender, gesammelter Volkskraft: »Lieb Vaterland,

magst ruhig sein ...«

Ach -- und immer wieder fühlte er dann den jähen Ruck am Herzen ...

Was hast du getan -- und was wird werden -- --?!

Wie anders müßte mir nun zumute sein ... wie leicht ... wie dankbar ...

wie voll Hoffnung ... voll überströmender Glückshoffnung -- Und wie ist

mir nun ...

Unmännlich hab ich mich hingegeben an diese Leidenschaft, die ich hätte

bekämpfen müssen von Anbeginn ... ausroden wie ein holdselig blühendes,

berauschend duftendes Giftgewächs ...

Ich hab sie wachsen lassen ... und eine einzige Sekunde hat mein Leben

... meine Zukunft ... mein Glück vernichtet ... ~Mein~ Glück ...

~Meines~ nur ...?

Und ~sie~ ... Agathe ... das vertrauensvolle Mädchen, das sein

Geschick in meine Hand gelegt hat ...?! Ach, Himmel, wenn sie ahnte ...

Und das, was kommen kann ... was kommen muß ...

Nein, nein -- nicht dran denken ... hinwegscheuchen die grausigen

Bilder alles dessen, was kommen wird --

Gespielt mit dem Heiligsten ... gedankenlos ... haltlos ... gewissenlos

...!

Im Künstlerübermut ... im Rausch des Machtgefühls hineingegriffen in

die festgefügte Ordnung, welche diese Lebenssphäre beherrscht, in die

der Dienst des Königs, des Vaterlandes mich, den Mann aus Kreisen

leichterer, freierer Daseinsführung, hineingeführt ...

Nein, das ging nicht ... das paßte nicht zusammen ... Entweder -- oder!

Nur zu einem Spiel ... nur zu einem Anlaß künstlerischer Sensationen

war das Gewand zu gut, das er trug, der Stand, dessen Zeichen es

war ...

Eine Offizierübung ist kein malerischer Motivenschatz ... die Ehe eines

Fritz von Brandeis ist kein Modellbureau ... Entweder -- oder! Entweder

man ist Offizier -- oder man ist es nicht! --

Nun ... er würde sühnen ... seine Schuld bezahlen ...

In tiefem Sinnen war Flamberg stehen geblieben am Rande des Gehölzes,

welches das Biwak deckte.

Sommerleutnants · 第 48 / 52 题