»Also los -- gehen Sie mit uns!«
»Wenn die gnädige Frau gestattet --?«
»Ich bitte darum, Herr Flamberg!«
Blowitz schloß sich ungeladen an.
Zwischen dem Oberst und dem Major schritt Frau Cäcilie voran --
schweigsam, mit verschlossenen Gesichtern folgten die beiden
Oberleutnants -- die beiden Leutnants machten den Beschluß.
Frau von Brandeis führte die Herren durch den Speisesaal, in welchem
die Mägde mit den drei beurlaubten Burschen die Tafel abräumten, und
in die behagliche, ganz als Wohnraum eingerichtete Diele hinüber. Dort
lief die bequeme, breite Treppe zum Obergeschoß hinan, das einen
gleich großen Dielenraum enthielt. Hirschgeweihe, tief nachgedunkelte
Ölgemälde schmückten da die Wände.
Im Emporsteigen drehte die Hausfrau die elektrische Beleuchtung auf,
und man gewahrte, daß von der obern Diele aus mehrere Türen nach den
innern Gemächern führten. Durch eine dieser Türen betraten die Gäste
das Herrenzimmer, das nun ebenfalls auf einen Druck von Frau Cäciliens
Fingern in Lichtfülle erglänzte.
Und sieh! -- Da hing über einem wuchtigen Diplomatenschreibtisch die
Schöpfung Martin Flambergs.
»Ah!« riefen der Major und sein Adjutant.
Die Herren des Regimentsstabes hatten das Bild bereits gestern zu sehen
bekommen, sie waren nicht mehr zur Bewunderung verpflichtet.
Frau Cäcilie tat ein paar rasche Schritte zur Seite. Da stand die Tür
zu einem Nachbarzimmer halb offen. Die gelben Messingstangen zweier
englischen Bettstellen, das lichte Weiß eines Spitzenhimmels leuchtete
aus der Dunkelheit. Ruhig schloß die Hausfrau die Tür.
Stumm hingen aller Blicke an dem Gemälde.
»Aha,« sagte Sassenbach, »das ist also das berühmte Bild!«
»Das berühmte -- wieso?« fragte Frau Cäcilie.
»Nun -- Sie können sich wohl denken, verehrte gnädige Frau, daß das
ganze Regiment von dem Bilde spricht -- ich meine -- ich will sagen
-- wenn eine Dame des Regiments von einem so vielgefeierten Maler wie
unserm Herrn Leutnant der Reserve gemalt wird -- das ist doch natürlich
ein Ereignis!«
Alles schwieg und starrte regungslos zu dem Frauenbildnis hinan.
Das schaute leuchtend herab auf die Herren im Waffenkleid --
leuchtend in einer Hoheit, um die es seltsam wob wie ein Hauch von
Unvergänglichkeit -- von zeitloser Verklärung.
»Fabelhaft,« sagte der Oberst, »ich gratuliere Ihnen, lieber Flamberg!
Ich verstehe nicht allzu viel von Kunst -- aber das da, das imponiert
mir -- ohne Scherz, das imponiert mir --«
»Ja,« sagte Menshausen halblaut, »man möchte sagen: mit Liebe gemalt!«
Der Major warf dem Oberleutnant einen wütenden Blick zu, und jeder
fühlte: taktlos -- unverschämt.
»Nun, Herr Flamberg,« fragte die Hausfrau, ohne den Maler anzusehen,
»sind Sie einverstanden? -- mit dem Platze, meine ich!«
»Dazu müßte ich das Bild erst mal bei Tageslicht sehn! -- So, bei
dieser künstlichen Beleuchtung, allerdings einwandfrei!«
»Sie würden auch am Tage mit dem Platze zufrieden sein -- schade, daß
Sie es so bald nicht in natürlicher Beleuchtung zu sehen bekommen
werden!«
»Schwerlich!« sagte Flamberg.
»Na, lieber Sassenbach, Sie sagen ja gar nichts,« bemerkte der Oberst.
»Tja, wie der Herr Oberst bereits gesagt haben: ich verstehe ebenfalls
nichts von der Kunst!«
»Dann sagen Sie uns doch wenigstens, wie es Ihnen gefällt!«
»Gefallen? -- Tja, Flamberg, Sie dürfen mir's aber nicht übel
nehmen --«
»Aber ich bitte ganz gehorsamst, Herr Major!«
»Ich ... ich finde es eigentlich nicht so recht ähnlich!« sagte der
Major. »Ich finde ... es ist was drin ... etwas, was ich wenigstens
nicht kenne an unserer hochverehrten Frau Wirtin --!«
»Und das wäre?« fragte Frau Cäcilie.
»Ja, wie soll ich das ausdrücken -- so was Fremdartiges ... so was
Unheimliches, möchte ich sagen!«
Cäcilie warf dem Maler einen verstohlenen Blick zu. »Ja, sehn Sie, Herr
Major,« sagte sie, »vielleicht hat Herr Flamberg etwas hinzugetan,
etwas von seinem Eigenen, etwas, das wirklich mehr ist als ich, als
mein Leben -- aber das tun große, starke Künstler wohl immer, meine
ich!«
»Das ist mir zu hoch,« sagte Sassenbach. »Ich kann mir nicht helfen --
ich finde es nicht ähnlich! Es ist was dran, was mir bisher an Ihnen
wenigstens niemals aufgefallen ist!«
»Was Ihnen vielleicht nicht aufgefallen ist, Herr von Sassenbach,«
sagte langsam mit sinnendem Lächeln Frau Cäcilie, »darum ist aber noch
nicht gesagt, daß es etwas Falsches ist ... vielleicht ist's auch doch
nicht was Hinzugetanes ... vielleicht ist's doch etwas, was nur Sie
nicht bemerkt haben, weil Sie mich nicht kennen ...«
»So, und Herr Flamberg, der ... der kennt Sie also besser, meine
verehrte gnädige Frau?!«
Wiederum eine eisige Stille. Regungslos stand der ganze Kreis.
Jeder fühlte: der gute Major hatte da in aller Harmlosigkeit etwas
ausgesprochen, etwas, das -- --
Der Oberst fühlte sich verpflichtet, einzurenken.
»Na, das ist doch selbstverständlich, lieber Sassenbach, daß ein Maler
an ... an den Menschen, die er malt ... daß er da allerlei entdeckt ...
was ... was wir gewöhnlichen Sterblichen nicht zu sehen bekommen ...«
Abermals befangenes Schweigen. Der Oberst bekam einen roten Kopf.
Cäciliens Lippen bebten. Sie litt bis ins Herz.
Gott, all diese plumpen Hände ... die höchste und zarteste Dinge
berührten wie tappige Knabenpfoten holden Schmetterlingsschmelz ...
Wenn nur er selber nicht dabei gewesen wäre ... sie war ihn ja gewohnt,
diesen ungeschlachten Ton ... Diese geraden, einfachen Männer ... was
sie zu verschleiern suchten, trat ungewollt zutage.
Medisance, Bosheit, verständnislose Verketzerung hatten bereits
ein dichtes, trübes Gespinst gewirkt um dies Werk ... um seine
Entstehungsgeschichte ... sein Modell ... seinen Schöpfer ...
Da scholl in das peinliche Schweigen hinein von draußen ein lustiges
Krachen, Knattern, Prasseln.
Frau Cäcilie atmete auf.
Wie der Blitz waren die Adjutanten am Fenster.
Eine Garbe roter Leuchtkugeln schwebte soeben ruhigen Falles aus der
Höhe nieder und goß einen Märchenglast über das schmale, schweigende
Tal, die heitern Linien des friedumschirmten Schlößchens ...
»Hurra, Feuerwerk!« rief Blowitz.
»Feuerwerk -- bravo, bravo, bravissimo!« applaudierte der Oberst
geräuschvoll. »Nein, meine gnädige Frau, so etwas von einer Bewirtung
ist ja überhaupt noch gar nicht dagewesen! -- Zauberfest mit allen
Schikanen!«
»Wollen wir nicht in den Garten?« meinte der Major, »für den ist doch
jedenfalls der ganze Apparat berechnet -- hier geht uns ja die Hälfte
von der Herrlichkeit verloren!«
»Selbstverständlich, meine Herren,« sagte die Hausfrau, »nur schnell
hinunter -- sonst ist alles vorbei, ehe wir am Platze sind!«
Niemand nahm auch nur mit einem Blick Abschied von dem Bilde, das da
droben hing wie ein Gast aus heiligen Fernen ...
Mit kindlicher Eile stürmten die Herren hinunter, um nur ja nicht eine
Rakete, nicht ein Feuerrad zu verlieren -- oder war's die Hast, von dem
Werk hinwegzukommen, das sie alle unheimlich, übergewaltig hatte ahnen
lassen, daß ein Fremdling aus einer unbekannten, hoheitleuchtenden Welt
in ihrer Mitte weilte, aus einer Welt, deren Lebensgesetze wirkten
jenseits ihres Begreifens --? Und auch Frau Cäcilie war gegangen,
hastig, ohne Abschied ...
Langsam, als letzter, schritt der Maler die Treppenstufen hinunter ...
Nun machte er plötzlich kehrt ... stieg langsam wieder empor ...
Er wollte einsamen Abschied nehmen ... Abschied von seinem Werk ...
Abschied von der Sphäre, der es nun angehören sollte wie sein Urbild
... Abschied von der unerhofften süßschaurigen Schickung dieser acht
Wochen ...
Er trat in das Herrenzimmer zurück, warf einen langen Blick in dem Raum
umher.
Der Schwiegervater des Hauptmanns hatte das Schlößchen mit der ganzen
Einrichtung gekauft. Das Zimmer trug noch nicht den Wesensstempel
seines jetzigen Besitzers.
Inmitten des behaglichen, doch konventionellen Prunks war Cäciliens
Bild das einzige besondere Stück, verlieh dem ganzen Raum sein Gepräge,
beherrschte ihn.
Links von der Tür war eine Erkernische, dort ließ sich Martin in einen
unergründlichen Ledersessel fallen. Sein ringsum forschendes Auge blieb
an der Tür haften, die vorhin beim Eintreten offen gestanden ... die
Frau Cäcilie ruhig geschlossen hatte ...
Ja, ja -- da war das Allerheiligste der Gottheit, in deren Vorhof er
hatte weilen dürfen --