Du großer tapriger, hilfloser Junge du ... nun, wenn du nicht sehen
kannst, sollst du wenigstens fühlen! -- Jedenfalls unverlobt geh ich
nicht wieder hinunter ...!
Und mit einer raschen, wie besitzergreifenden Bewegung schob sie ihre
Hand in des Mannes Arm, lehnte sich fest an seine Schulter.
Da warf es den langen Gesellen auf einmal um ... Wie ein schmachtender,
stammelnder Knabe neigte er sich tief, tief hernieder, drückte seine
Lippen auf den festen Arm. »Gott ... Fräulein Nelly ... Nelly ...!«
Da nahm das Mädchen des Mannes stoppelbärtige Wangen in beide Hände,
beugte sich nieder und küßte ihn, wohin ihre Lippen zuerst trafen ...
auf seine kahle Platte.
* * * * *
Molly hatte gewußt, daß er auf sie wartete.
Sie hatte sich sofort nach Aufhebung der Tafel für einen Augenblick
bei der Hausherrin entschuldigt und war in ihr Turmkämmerchen
hinaufgeschlüpft.
Von dort aus konnte man die Chaussee überblicken ... die erhellten
Schloßfenster zeichneten scharfumrissene Lichtplakate auf den staubigen
Straßendamm, und von drüben tauchten die regungslosen Fächeräste der
Buchen in den Glast hinein ...
Schau -- blinkte da nicht in den Büschen des Straßensaumes, halb
versteckt, eine senkrechte Reihe flimmernder gelber Punkte aus dem
Dunkel --? Und konnte dies Phänomen von etwas anderm herrühren denn von
einer blankgeputzten Knopfreihe ...?
Wenn das nicht Hans Friesen war --!
Wie nur aus dem Schloß kommen, ohne gesehen zu werden? Zwar ... die
Dinergesellschaft würde nichts merken, wenn Molly durchs Schloßportal
huschte ... denn die war an der andern Seite im Garten versammelt
-- aber die Dienstboten --? Was würden sie denken, wenn das gnädige
Fräulein aus der Schloßpforte spazierte, um sich auf der Chaussee ein
Rendezvous mit einem Unteroffizier zu geben?
Aber es mußte gewagt werden ... es mußte einfach! -- Der gute Junge
mußte getröstet werden, sonst grämte er sich gar zu sehr über die
Flegelei von diesem Leutnant Quincke ... redete sich am Ende gar
ein, sie wolle nichts mehr von ihm wissen, seit er die erbärmliche
Vergewaltigung seines Vorgesetzten in ihrer Gegenwart hatte
hinunterwürgen müssen ... jedenfalls wollte sie ihm gleich ein Zeichen
geben ...
Sie zündete eine Kerze an, bog sich weit aus dem Turmfensterchen, indem
sie den vollen Schein des Lichtes auf ihr Gesichtchen fallen ließ,
und winkte zugleich mit ihrem Taschentuch -- das flatterte lustig im
Abendhauch, der kühl vom Berge niederschwebte.
Schau -- da löste sich die Knopfreihe drunten aus der Dunkelheit ...
ein grauer Unteroffizierdrillichrock schob sich für einen Augenblick
aus dem Gebüsch in den Bereich der Lichtgevierte ... eine Feldmütze
wurde mit raschem Winken geschwenkt ...
Ach ... du Goldiger!
Nun schnell hinunter! -- Auf dem ersten Treppenabsatz machte sie einen
Augenblick halt, spähte durch ein schmales, schießschartenähnliches
Fensterchen auf die Landstraße hinaus und lauschte, ob drunten die Luft
rein sei.
Schwatzend schäkerten die Mägde in der Küche mit den Burschen, welche
zu ihrer Unterstützung kommandiert waren.
Himmel -- an denen mußte sie vorüber! Na ... vielleicht machten sie
einmal die Küchentür zu ...
Auf einmal hörte sie von der Chaussee her scharfe Worte: »Halt, was da
im Busch steckt! Kommen Sie gefälligst mal sofort 'raus!«
Leutnant Quinckes Stimme! Gott im Himmel -- der mußte spioniert haben!
»Ich befehle Ihnen 'rauszukommen! -- Zum Donnerwetter, komm 'raus,
Kerl, sonst ruf ich die ganzen Burschen zusammen und lasse eine Razzia
nach dir veranstalten!«
In atemlosen Entsetzen spähte Molly auf die Chaussee.
Wahrhaftig -- da stand der Leutnant hart am jenseitigen Chausseerand
und versuchte, ins dichte Gestrüpp des Berghanges einzudringen ... er
griff mit den langen Armen ins Dickicht hinein ...
»Aha, Bursche -- jetzt hab ich dich!«
»Ich bitte Herrn Leutnant, mich loszulassen -- ich komme gutwillig!«
O Gott -- mit einem raschen Schritt trat Hans Friesen aus dem Dickicht
... stand stramm im hellen Fensterlicht ... in Drillichanzug,
Feldmütze, gelben Schnürschuhen ... ohne Seitengewehr ...
»Sieh da, der Herr Einjährige! -- Haben Sie Urlaub, die Ortsunterkunft
zu verlassen?!«
»Nein, Herr Leutnant!«
»So --?! Na, dann scheren Sie sich gefälligst mal augenblicklich ins
Dorf und kriechen Sie in Ihr Quartier! -- Verstanden? -- Ich werde
Sie dem Herrn Kompagnieführer melden -- das weitere findet sich! Ihre
Offizierqualifikation können Sie sich aber einsalzen ... das kann ich
Ihnen schon jetzt sagen! -- Also: kehrt marsch! na wird's bald?!!«
Hans Friesen machte eine stramme Wendung und ging zu Tal ... seine
Schritte verhallten in der Dunkelheit.
Mit zufriedenem Grinsen sah der Leutnant einen Augenblick ihm nach,
dann trat er ins Tor zurück.
Wie der Blitz war Molly die Treppe hinunter ... trat dem Offizier im
Korridor entgegen: »Herr Leutnant -- Sie werden den Unteroffizier
Friesen nicht melden!«
»Ah -- gnädiges Fräulein haben gehört ... das ist ja ein merkwürdiges
Zusammentreffen!«
»Nein, das ist gar nicht merkwürdig ... Herr Friesen hat nämlich ~auf
mich~ da unten gewartet, daß Sie's wissen ... und darum werden Sie
ihn nicht melden ... verstehen Sie mich ...?!«
»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, mein gnädiges Fräulein
-- aber Dienst ist Dienst ... der Einjährige hat sich einer
Urlaubsüberschreitung schuldig gemacht ... und somit ist es einfach
meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit --«
»Dann erlauben Sie mir vielleicht die Frage, Herr Leutnant, wie Sie auf
die Chaussee gekommen sind -- auch in Ausübung Ihrer verdammten Pflicht
und Schuldigkeit?!«
»Darüber bin ich Ihnen wohl schwerlich Rechenschaft schuldig, mein
verehrtes gnädiges Fräulein! -- Bei allem Respekt glaube ich das denn
doch aussprechen zu müssen --«
»Nun, dann will ich's Ihnen sagen: Sie haben gelauert ... geschnüffelt
haben Sie -- wie ein ganz elender Spion --! Sie haben sich gedacht, daß
ich mich irgendwo mit dem Einjährigen treffen wollte, und haben uns
aufgepaßt! -- Na, stimmt's?!«
»Ich -- ich bewundere Ihre Kombinationsgabe, meine Gnädigste -- --«
»So -- nun wissen Sie also, daß ich Sie durchschaut habe, Herr
Leutnant! -- und nun will ich Ihnen mal was sagen: Wenn Sie Herrn
Friesen melden, dann mache ich Ihnen einen Krach, wie Sie noch nie
einen erlebt haben -- so wahr ich Molly Sassenbach heiße --!!«
Wie eine Königin raschelte sie von dannen.
Quincke aber machte das dümmste Gesicht seines Lebens -- und ~das~
wollte was heißen.
Viertes Kapitel.
Fritz von Brandeis stand an der Treppe, die von der Veranda in den
Garten hinunterführte. Hinter ihm harrten die fünf Burschen, sein
eigener und die vier seiner Gäste, kriegsgemäß in Drillichzeug und
Schnürschuhen, nur durch die Serviette über ihrem linken Arm als
herrschaftliche Leibdiener gekennzeichnet, der Befehle des Hausherrn
gewärtig.
Scharfen Blicks überflog der Hauptmann das lustige Bild des Gartens,
der festlich schimmerte im mattbunten Glanz der Lampions, im gelben
Flimmer der Kerzen auf den Bowlentischen.
Na, alles gut versorgt? -- Jawohl, alles klappte!
Ein alter dicker, runder Mauerturm sprang an der nördlichen Ecke des
Gartens weit ins Gebüsch hinein, das aus dem ehemaligen Burggraben
aufgewuchert. Wilder Wein überrankte hier das weiße Staketengezäun
einer Laube: darinnen saßen die wichtigsten der Gäste bei der
Pfirsichbowle, der Oberst und der Major.
Schau, schau -- auch nach Tisch hatten die alten Herren sich
anscheinend nicht von ihrer Tischnachbarin trennen können!
Und sie, seine Cäcilie -- sie schien ja auch vollkommen zufrieden in
der Gesellschaft der Herren Stabsoffiziere -- hatte heut abend noch
kaum ein Wort mit dem Maler gesprochen.
Na also -- hätten wir uns ja wohl unnötige Unruhe gemacht!
Schoenawa, des Obersten Adjutant, und Menshausen, sein
Manöver-Ordonnanzoffizier, hockten pflichtschuldigst bei ihrem
Kommandeur -- aber wo steckte denn Leutnant Blowitz? -- ah -- er war
des trockenen Tons wohl satt, des beständigen »Schusterns« bei den
hohen Stäben, hatte sich zur Jugend geflüchtet --
Aus der Nachbarlaube, in der auf rundem Tisch gleichfalls eine mächtige
Pfirsichbowle aufgebaut war, klang schmetterndes Gelächter. Dort saß
der Adjutant des ersten Bataillons mit den Offizieren der ersten
Kompagnie, mit Flamberg und Carstanjen. Selbstverständlich war hier
auch der Fahnenjunker von Erichsen zu finden, der immer wieder die
Gläser füllen mußte. Nur die jungen Damen fehlten in der Runde der
Jugend ... wo mochten die bloß stecken ...? und es fehlte auch die
Landwehr ...
Aha -- ach so --!!
Ja, Nellychen, über'n Geschmack ist nicht zu streiten ... aber Sie sind
Manns genug, um selber zu wissen, was Ihrem Besten dient ...
Und das Schwesterchen? -- Auch verschwunden? -- Sieh da!
Und der Leutnant Quincke fehlte ebenfalls -- hm, hm -- -- ~den~
Geschmack hätte man der Kleinen nun gerade nicht zugetraut --
Aber in Gottes Namen!
Heute mochten die zwei losgelassenen Füllen herumspringen, mit wem sie
wollten ... Daß nichts Ernstes aus ihren Flirts wurde, dafür würde im
geeigneten Augenblick die Frau Mama daheim schon sorgen, wie bisher
noch immer ... auf Schloß Hettstein sollten sie jedenfalls machen
dürfen, was sie mochten.
Also alles in schönster Ordnung!
Vergnügt schmunzelnd wandte sich der Hausherr zu der regungslos
harrenden Phalanx der Burschen zurück:
»Na, Jungens, nun könnt ihr euch gegenseitig ablösen! Zwei von euch
haben immer hier auf der Veranda zu warten, die andern drei in die
Küche zum Bierempfang! -- zunächst bleiben Kempges und Schnettelker
hier! -- Die andern drei -- abschwirren!«
Er fühlte sich in Laune kommen.
Zu dumm, sich überhaupt Gedanken gemacht zu haben Cäciliens wegen! Pah
-- ~seine~ Cäcilie --!
Seine Lippen pfiffen leise das Avanciersignal, während er die Treppe
hinuntersprang und quer durch den Garten auf die Jugendlaube zuschritt:
»Tut mir leid, meine Herren, Ihre Hebe muß ich Ihnen für ein halbes
Stündchen ausspannen! -- Sie, kleiner Erichsen, und Sie, etwas größerer
Carstanjen, kommen Sie mal einen Moment her!«
Die Angeredeten schossen in die Höhe.
»Also kommt 'mal raus, Kinder,« sagte der Kompagniechef, »ihr müßt mir
eine Überraschung deichseln helfen. Die Burschen würden mir die Sache
jedenfalls verderben: Ich habe also drüben auf der Wiese jenseits der
Chaussee ein kleines Feuerwerk aufbauen lassen, das müssen Sie beide
mir abbrennen. Kommen Sie mit, ich werde Sie instruieren!«
Blowitz und Flamberg blieben allein bei der riesigen Bowle zurück. Der
Maler trank hastig und sprach wenig. Der Adjutant war auch kein Mann
von vielen Worten. Es wurde still am Jugendtisch.
Und immer wieder zog es Martins Blicke dorthin, wo im matten Lichte
der Lampions ein weißes Frauenantlitz zwischen den gebräunten,
verwitterten, weinerregten Gesichtern der Stabsoffiziere, den
frostigen, lauernden der beiden Oberleutnants stand.
Auf einmal erhob sich dorten die ganze Gruppe und kam die niedrige
Stiege hinunter in den Garten, schritt der hellerleuchteten Veranda zu,
die dem Speisesaal vorgelagert war.
Major von Sassenbach warf einen Blick zur Jugendlaube hinüber: »Ah, da
sitzt ja auch unser Malermeister -- unser Pinselheld! -- Sie, Flamberg,
die gnädige Frau will uns das Bild zeigen, das Sie von ihr gemalt haben
-- kommen Sie doch mal mit! Oder haben Sie's schon auf seinem neuen
Platz gesehen?«