Und erwachte -- --

Erwachte in dem hellen, freundlichen Schlafgemach des Schlößchens

Hettstein ... in dem messingfunkelnden englischen Bett unterm duftig

lichten Gardinenhimmel ...

Und neben ihr harrte eine andere, unberührte Lagerstatt, von

schimmernder Spitzenspreite bedeckt ...

Aber die Glocken ... die Glocken läuteten immer noch ...

Doch nein -- das waren ja die Kanonen ... die Kanonen des Korpsmanövers

ringsum auf den Hunsrückhöhen ...

Und heute, heute würden sie kommen ... ihre Gäste ... der Regimentsstab

der Niederländer Füsiliere!

Und kommen würden auch die beiden Männer, deren einer in ihrem Traum

an ihrer Seite gegangen war, bis der andere ihnen entgegentrat mit

der blutdurchsickerten Linken auf der Brust und dem fahlen, starren

Totenantlitz ...

Gott sei gedankt, er lebte ... Fritz lebte ...!

Frau Cäcilie richtete sich auf ... ihre Schläfen brannten ... die Augen

flimmerten, als habe sie die ganze Nacht schlummerlos durchwacht ...

und ihre Wangen waren kalt von nassen, bangen Tränen ...

Sie würden kommen ... würden sie anschauen ... beide ... und in beider

Augen würde sie mit wirrem Streite der Gefühle das Bekenntnis lesen

müssen: Ich gehöre dir ... meines Lebens Schicksal ruht in deiner Hand

...!

Das war ein grauenvolles Bewußtsein, also zweier Männer Seele zu

beherrschen -- und doch von einer geheimen, wilden Süßigkeit ... dieses

Machtgefühl ... dieses Herrschergefühl ...

Sie sprang aus dem Bette ... ging zum Spiegel ... schaute lange in ihre

Züge ...

Was ist denn eigentlich so Besonderes dran an dir, du weiße Larve mit

den brennenden Augen drin, daß du immerfort durch einen Wall, durch

einen Schwall von Huldigungen hinschweben mußt --?!

Bum, bum -- läuteten droben auf den Bergen ringsum im Kreise die

Kanonen, deren Sang ihren Traum wie Hochzeitsglocken durchwandelt ...

Dort oben stand das ganze rheinische Armeekorps, in zwei Parteien

geteilt, in lustiger Friedensschlacht ... mehr denn zwanzigtausend

rüstige Männer ... die Jugendblüte der schönsten und reichsten Provinz

des Vaterlandes ...

Und in ihrer Schar gab es zwei, von denen sie wußte, daß sie mitten im

Drang ihrer Pflicht ... im sengenden Sonnenbrande ... beim Marsch auf

staubüberwölkter Landstraße ... und beim Ansprung wider den Feind über

den Sturzacker -- die Stunden zählten, die sie noch vom Wiedersehen

trennten -- vom Wiedersehen mit ihr ...

Dies Wissen war beseligend und fürchterlich.

Was würde werden? Ihre Seele war schwer und glühend von der Ahnung

eines Schicksals, einer nahen Entscheidung, einer Entscheidung, der

sie wehrlos gegenüberstand, einer Entscheidung, die sie über sich

ergehen lassen würde wie ein unabwendbares Elementarereignis, wie einen

Wirbelsturm, wie ein erlösendes und zerschmetterndes Gewitter.

Ja, machtlos -- willenlos fühlte sie sich gegenüber dem Geschick.

Die beiden andern waren ja die Männer ... die mochten handeln, die

mußten entscheiden, was werden sollte.

Sie war das Weib ...! Ihrer harrte nur die äußere Pflicht, die Pflicht

der Hausfrau und Gastgeberin -- die würde sie erfüllen, korrekt und

anmutig ... von ihrer Erziehung, ihrem Instinkt unfehlbar geleitet ...

ohne daß an Willen und Entschluß irgendwelche Anforderungen gestellt

wurden.

Das andere ... das würde kommen von draußen her, unhemmbar, unabwendbar

...

* * * * *

Und droben im Turmkämmerchen träumten zwei andere Herzen einem

Wiedersehen ... träumten ihrem Schicksal entgegen ... ein

Kinderherzchen, so willenlos wie die reife Frau im Banne dumpfer,

triebhafter Gefühle -- und ein fester straffer Mädchenwille, der

während schlummerloser Nacht in Frische und Resignation über sein Leben

beschlossen hatte.

Ja, Nelly Sassenbach wußte, was sie wollte ...!

Heut abend freilich würden die Herren erst spät ins Quartier kommen

-- es war beschlossen, sie in Ruhe zu lassen. Nur der Regimentsstab,

der ohnehin dem Schlosse bestimmt war, würde zur Tafel erscheinen, und

natürlich der neue Schloßherr, obwohl er offiziell mit seiner Kompagnie

drunten im Dörfchen lag.

Die Herren der ersten und zweiten Kompagnie würden sich ausschlafen

beim Ortsvorsteher und bei den andern wohlhabenden Bauern, deren Höfen

sie zugewiesen waren, würden mit aller Bequemlichkeit gegen Abend in

der Schankwirtschaft ihre Mahlzeit einnehmen und um neun zu Bette

gehen.

Morgen aber ist Rasttag -- da werden die Herren gründlich ausgeruht als

Gäste der Schloßherrin auf Hettstein erscheinen -- man wird festlich

und fröhlich zusammen dinieren -- wird im Park spazieren gehen.

Und dann -- dann wird es geschehen -- dann soll es geschehen!

Dann wird sie die Braut des hagern Gelehrten werden, des

Schulmeistersohnes vom Westerwald, des miserabeln Reiters und Tänzers,

des Mannes aus dem Froschtümpel, des Entgleisten vom Kasinoparkett.

Es war beschlossen -- es würde sich vollziehen -- sie wollte es. Und

daß er die gleiche Sehnsucht hatte, das wußte sie, seit er ihr von

seiner Mutter erzählt, im Regenbiwak unter der »Marscheider Burr«.

Ja, viel -- gar viel Resignation steckte in diesem Entschluß.

Ganz, ganz anders sah ihr Erwählter aus als die Gestalten, die einst

durch ihre Mädchenträume geschwebt waren.

Aber wenn sie seiner gedachte, dann kam ein so tiefes Ruhegefühl ...

ein so freudiges Geborgensein über sie ...

Ja ... er war doch der Rechte ... der, für den das Schicksal sie

aufgespart hatte, das in ihrer Mutter Gestalt so manchen glänzenden,

stattlichen Bewerber aus ihrer eigenen Welt von ihrer Seite gescheucht

hatte ...

Ich danke dir, Mutter -- es ist gut gewesen, daß ich den schwarzen

Baron Höningen nicht bekommen hab, der jetzt in Amerika Pferde hütet

... und nicht den riesigen Bettingen, der nun drunten in Südwestafrika

im Wüstensande liegt ...

Es ist gut so, Mutter ...!

Was morgen kommt, das ist fürs ganze Leben ... kein stürmisches

Backfischglück wie das, von dem gewiß das blonde Schwesterchen jetzt

träumt, das so eigenwillig sein Köpfchen der rosaroten Tapete zukehrt

... aber eine frohe Ruhe ... eine festlich stille Gewißheit ... eine

Heimstatt für freudiges Wirken und Hineinwachsen in eine helle, lichte

Welt, in ein höheres, geistigeres Dasein, als meine Jugend es je geahnt

...

Wilhelm Frobenius, du Prachtkerl! -- Du sollst es gut haben bei deiner

Nelly -- hol mich der Teufel!

* * * * *

Bum, bum, drohten die Geschütze ringsum auf den Bergen ohn' Unterlaß

...

»Nun, gnädige Frau, wen bekomm' ich ...?«

Die drei Freundinnen standen im feierlich halbdunkeln, getäfelten

Speisesaal des einstmals kurtrierschen Schlößchens, das ein Kölner

Bankier vor acht Jahren aus einer ziemlich wohlerhaltenen Ruine in

einen behaglichen weltfernen Herrensitz zurückverwandelt hatte ... und

Frau Cäcilie legte die Tischkarten ...

»Abwarten, Kleine! -- Also: Ans Kopfende komme selbstverständlich ich

-- leider, leider zwischen die beiden Herren Kommandeure ... den Oberst

zu meiner Linken, Ihren lieben Brummbär Papa zu meiner Rechten!«

»Donnerwetter, fabelhafter Dusel für Papa! -- Na, der wird schmunzeln

... gut, daß Mama nichts davon ahnt ... das gäb' ein paar schlaflose

Nächte!«

»Schäm dich, Nelly!« zürnte das jugendliche Ebenbild der Entfernten.

»Na, und nun gehen wir mal zunächst hier links hinunter, damit die

kleine Neugier auch lange genug auf die Folter gespannt wird! Also

neben den Herrn Regimentskommandeur natürlich Sie, Nelly!«

»Um Gottes Willen! -- läßt sich das nicht vermeiden?«

»Unmöglich, Kind! -- Die Tischordnung versteht sich sozusagen von

selbst ... es geht gar nicht anders, als ich's aufgesetzt habe! Aber

nun kommt die Entschädigung: zu Ihrer Linken sitzt -- Herr Oberleutnant

von Schoenawa!«

Ernsthaft hatte die Wirtin das gesagt ... aber ihre Augen blitzten

schelmisch prüfend zu der schlanken Freundin hinüber.

Die bewahrte Haltung. Was lag an dem Diner? ... Sie wußte ja doch, was

sie wollte ...

»Zu Befehl, gnädige Frau!«

»Also wirklich -- vollkommen einverstanden?!«

»Vollkommen!«

»Aber ich nicht! -- Der gestrenge Herr Regimentsadjutant ist mir zu

feierlich und offiziell für Sie ... Außerdem ist ein Herr da, der zwar

eine Charge unter ihm steht, aber an Jahren der nächste nach den beiden

Herren Kandillenträgern ist!«

Und nach der Melodie des Lockens zum Parademarsch trällerte die schöne

Frau:

»Großmutter, die Landwehr kommt,

Die Landwehr kommt, die Landwehr kommt,

Großmutter, die Landwehr kommt ...«

Da errötete Nelly denn doch ein wenig und verstummte.

»Na, ich seh schon, ich hab's getroffen ... da, Kindchen, legen Sie

selber den Zettel hin! -- Also, neben Herrn Frobenius setzen wir

Herrn Oberleutnant Menshausen und neben den: Herrn Flamberg ... Herr

Menshausen kann die Herren vom Beurlaubtenstande nicht leiden -- ich

kann Herrn Menshausen nicht leiden -- Rache ist süß, krächzte der

Habicht!«

Außerdem kann es nicht schaden, dachte sie, daß ich Flamberg recht weit

von mir entfernt auf einen schlechten Platz setze ... Fritz machte

neulich im Biwak einmal so merkwürdige Augen ...

»Ans Fußende kommt natürlich das grüne Gemüse -- unten meines Mannes

Fahnenjunker, der kaum geborene Erichsen -- zwischen ihn und den Herrn

von der Reserve setze ich Herrn Quincke!«

Den Herrn von der Reserve! dachte Nelly -- diese Heuchlerin!

»-- dem gegenüber Herrn Carstanjen ... dann kommt mein Mann ... neben

den kommen Sie, kleine Molly!«

»Sehr einverstanden! -- Himmlisch!«

Der Backfisch hatte ein wenig für Fritz von Brandeis geschwärmt, ehe

dieser anderweitig vergeben worden war.

»-- an Ihre andere Seite der Adjutant des ersten Bataillons!«

Sommerleutnants · 第 33 / 52 题