Molly rümpfte das Näschen: »Der ist so entsetzlich brav!«

»Ja, ich hab niemand andern mehr ... nur noch Herr von Schoenawa ist

übrig!«

»Ne, danke ... dann immer noch lieber Herrn Blowitz!«

»Gut -- dann also Herrn von Schoenawa zwischen Blowitz und Ihren Vater!

Na, ist das nicht tadellos, Kinder?«

»Ausgezeichnet -- ganz vorzüglich, gnädige Frau!«

»Ach was -- ihr immer mit eurer langweiligen gnädigen Frau --! Machen

wir's uns doch endlich mal gemütlich: sagen wir du zueinander!«

Tief erglühend vor Seligkeit boten die Mädchen der vergötterten Wirtin

ihre Lippen.

Und über alle drei kam's wie ein Festrausch. So herrlich strahlte

draußen die Spätsommersonne ... die eben leise sich bräunenden

Bergwälder schlossen sich so traulich um das Schlößchen wie ernste,

fromme Hüter eines geheiligten Asyls ...

Und immer näher ... immer drängender scholl draußen das mächtige

Geläute der Kanonen auf den Höhen ringsum ...

»Ach, Kinder, das Leben ist doch schön!«

»Das weiß der Himmel!« sagte Nelly aus tiefer, dankbar hoffender Brust.

»Ja wahrhaftig, das weiß der Himmel!« echote auch die Neunzehnjährige

... und sie träumte von einem, der morgen abend zwar nicht hier mit

an der Tafel sitzen würde ... den sie aber doch sehen wollte ...

heimlich, verstohlen sehen -- und küssen ... draußen irgendwo in den

verschwiegenen Bosketten, die sich über den Trümmern der alten, nicht

wieder hergestellten Bastionen buschten ...

Sie mußte ihn ja trösten ... mußte ihn entschädigen für die Unbill, die

der widerwärtige Quincke ihm zugefügt ... offenbar mit Absicht in ihrer

Gegenwart ... um ihn zu blamieren vor ihr ...!

Zu blamieren vor ihr ... haha ... als ob das möglich gewesen wäre ...!

Aber er durfte sich's um Gottes willen nicht zu sehr zu Herzen nehmen

... ihr süßer Junge ... ihr Dichter ... dessen himmlische Verse, rasch

mit Bleistift auf einer Meldekarte niedergekritzelt, unter der Bluse an

ihrem Herzchen knisterten ...

Und darum mußte sie ihn trösten -- unbedingt ... damit er keine

Dummheiten machte! -- Na, das würde ihr schon gelingen. -- --

Bum, bum, bum, läuteten draußen die Kanonen ...

* * * * *

»Sie kommen! sie kommen!«

Die aufgeregt harrenden Mägde drunten am Schloßtor schrien's zuerst ...

Der Gärtner, der Chauffeur gaben's weiter ...

Das Hausfräulein stürzte zu den Damen hinein, die eben im Herrenzimmer

die kleinere Tafel für den heutigen Abend mit Blumen schmückten.

»Wer kommt?« fragte die Hausfrau.

»Soldaten! Soldaten wie Sand am Meer!«

Von den tiefen Nischen der Fenster des Schloßturms aus konnte man

den Weg überschauen, der durch die buschigen Abhänge nördlich des

Beierbachs empor sich schlängelte nach Hettenrodt zu ...

Von dort stieg jetzt, ein Pferd hinter dem andern, vorsichtig ein

endlose Linie von Reitern in hellblauen Waffenröcken hernieder --

Saarbrücker Siebente Dragoner. --

»Die sind nicht von den Unsern!« erklärte Nelly sachverständig, »seht,

sie tragen Helmbezüge ... das ist der böse Feind; der ist jedenfalls

geschlagen und muß sich zurückziehen ...«

»Geschieht ihm recht!« rief Molly mit blitzenden Augen.

Nun sprengte auf der Chaussee, die an der andern Seite des Schlößchens

von Mackenrodt her in langen Zickzackwendungen ins Tal hinunterkroch,

ein Trupp Artillerieoffiziere, gleichfalls in Helmbezügen, hart am

Schloß vorüber, bergab ins Tal ... verschwand drunten zwischen den

Häusern des Dörfchens und tauchte an der andern Berglehne wieder

auf, galoppierte jenseits in das Seitentälchen hinein, das sich gen

Vollmersbach hinaufzog. Sie schwenkten rechts ab, erschienen, klein wie

Bleisoldaten, droben auf der kahlen Höhe ...

Und durch die Gläser konnten die Damen deutlich erkennen, daß sie

droben Halt machten und mit ihren Feldstechern übers Schlößchen hinweg

Ausschau hielten.

»Sie suchen eine Stellung für die zurückgehende feindliche Artillerie

aus; die soll den Rückzug des gegnerischen Detachements decken!« wußte

Nelly wiederum zu erläutern.

»Da werden wir ja das Kanonenkonzert aus allernächster Nähe zu genießen

bekommen!«

Und richtig! -- Nach wenigen Minuten rasselte eine schier endlose

Artilleriekolonne die Chaussee hinunter, so schnell als der abschüssige

Weg mit seinen zahllosen, scharfen Krümmungen es nur irgend gestattete.

Die Kanoniere saßen mit rauchgeschwärzten, staubbekrusteten Gesichtern

auf den Protzkästen und hielten sich krampfhaft fest, um nicht beim

Rumpeln der federlosen Gestelle abgeschleudert zu werden ...

Das Sitzfleisch tat einem weh vom bloßen Ansehen ...!

Drüben den steilen Talweg ging's hinan ... da mußten die Kanoniere

absitzen und die Geschütze bergan schieben helfen ... Die armen Kerle!

Ganz deutlich war's zu verfolgen, wie nun drüben die Mündungen der

Geschütze über dem hohen Kamm auftauchten ...

Bum -- da krachte auch schon der erste Schuß, bum -- der zweite ...

Dicke weiße Wolken stiegen auf, doch verflogen sie in der blauen

Nachmittagsluft wie der Rauch einer Zigarre ...

Die Damen hielten sich die Ohren zu, so heftig knallten die Schüsse ...

widerhallend kam das Echo zurück von all den dunkelbelaubten Berghängen

ringsum ...

Eine Viertelstunde später begann der Abstieg der geschlagenen

feindlichen Infanterie ... eine dunkelblaue Schlange mit grau und

silbern schillernden Schuppen, so wälzte sich der Zug des Fußvolks

nieder ins Tal ... Kompagnie hinter Kompagnie ... Bataillon hinter

Bataillon ...

Ganz dicht unter den Schloßfenstern wogte der endlose Schwall vorüber

...

Sommerleutnants · 第 34 / 52 题