Erstes Kapitel.
»Dat is en janz schöne Jegend hier ... oben Regen ... unten Dreck ...
nix im Magen -- der Düwel soll't holen!«
In unaufhaltsamem Marsch schob sich das erste Bataillon des Regiments
Prinz Heinrich der Niederlande dem »Feind« entgegen.
Unaufhaltsam strömte der Regen ... seit Tagen ... seit Wochen ...
Unaufhaltsam fluchten und wetterten die Unteroffiziere der Königlichen
Zweiten:
»Ich glaub, hier regnet et überhaupt et janze Jahr!«
»Weiß der Kuckuck, die vierzehn Dag, dat mer als hier obe rumkrabbeln,
hann mer noch kei' trockne Minute jehatt!«
»Ich sinn als janz aus em Leim ... die Buxen reißen wie Schafleder ...
an de Stieweln platzen die Sohlen ab ...!«
»Und trocken kriegt man die Brocken überhaupt nit mehr!«
»Na, Friesen, Sie sagen ja gar nix!«
Der Einjährige schwieg.
Die Tragriemen des feldmarschmäßig gepackten Tornisters schnitten tief
in die Achseln. Alle fünf Minuten wanderte das Gewehr von der rechten
Schulter auf die linke und von der linken auf die rechte ... in den
Stiefeln schwappte eine lehmige Flüssigkeit ... und hinter den Ohren
entlang rieselte ein beständiges Rinnsal eiskalten Regenwassers in die
Halsbinde hinein ...
Von dem allen merkte Hans Friesen in diesem Augenblick auch nicht das
Mindeste ...
Hans Friesen merkte nicht einmal, daß ihm der kurze Pfeifenstummel
zwischen den Lippen längst kalt geworden war ...
Hans Friesen dichtete.
Ach ... herrlich konnte man dichten auf solch einem endlosen Marsch ...
Den Kameraden, den aktiven Unteroffizieren, ging immer nach der ersten
Stunde der Stoff für ihre Kommißgespräche aus.
Die Berichte über das letzte Quartier, die Klagen über den miserabeln
Fraß, die Renommistereien über Abenteuer mit den Bauernmädeln, das
reichte nie weiter als eine knappe Meile. Dann bemächtigte sich der
Kilometerstumpfsinn der marschierenden Kolonne, zumal dann das Gewicht
des gepackten Affen allmählich immer fühlbarer wurde ...
Dann aber begann Hans Friesens gute Zeit.
Wie mutwillige Schwalben schossen dann seine Gedanken der Marschkolonne
voraus ... strichen durch die regennassen Wälder zur Rechten und zur
Linken, wo in der triefenden Feuchte zwischen vermodernden Baumstümpfen
und Farndickichten ganze Kolonien grauer, gelber, violetter Pilze
aus dem Boden gewachsen waren und mit ihren breiten Schirmdächern in
lustigen Gruppen beisammen hockten ...
Aber weiter flatterten des Poeten Träume ... zurück zur Garnison ...
um das blonde Haupt eines gewissen jungen Mädchens, das chargenmäßig
in unerreichbarer Höhe über dem Unteroffizier stand, das er räumlich
in weiter Ferne wähnte ... und das in Wirklichkeit, ohne daß Hans
Friesen etwas davon ahnte, nur einen Tagemarsch weit in süßträumender
Ferienruhe unter den rauschenden Hunsrückwäldern weilte ...
Und Hans Friesen dichtete.
Eine Strophe nach der andern fügte er zusammen ... feilte Zeile
auf Zeile in Gedanken durch und sprach sie sich so oft vor, bis
sie sich unvergeßlich seinem Hirn eingeprägt hatten, damit er sie
am Abend blank und sauber in sein Dienstnotizbuch eintragen könne
... zwischen Vermerken über Brotempfang ... Kompagniebefehle ...
Vorposteninstruktionen ...
Nun wiederholte er noch einmal die ersten Strophen des Gedichts, das
ihm aus den triefenden Nebeln zugeweht war:
»Bist du die Oreade,
die lauschend hinterm Felsen schwieg?
bist du des Quells Najade,
die aus der Plätscherwelle stieg?
Aus welcher Märchenferne
hast du dich in mein Sein verirrt?
Von welchem fernen Sterne
bist du an meine Brust geschwirrt?«
Ja, die zwei Strophen saßen! Das ließ sich nicht bestreiten! Nun mußte
die Antwort kommen ... also munter weitergereimt ...!
»Was soll das zage Fragen?
Ich halte dich ans Herz gepreßt ...«
Ja, wahrhaftig, das hatte er getan, wenn es auch noch so märchenhaft
klang ... er hatte sie gehalten, die schlanke, blonde Majorstochter,
gehalten an seinem Herzen, das unterm Tressenrock des Unteroffiziers so
verdammt unvorschriftsmäßig gepocht hatte ...
Ach, und als er seinen Arm zum ersten Male um den weichen Körper gelegt
... Richtig -- so mußte es ja weitergehen:
»fühl' deines Herzens Schlagen ...«
Ach ... und dann ... dann war ja das Unvergeßliche ... das schier
Unglaubliche gekommen ...
»und Lippe weilt auf Lippe fest ...«
Schau, da war ja wieder eine Strophe beisammen -- und auch die stand
fest auf ihren vierzehn Versfüßen ...
Vor dem Dichter trottete in mürrischem Schweigen sein
Kompagnieoffizier, der Leutnant Quincke.
Scheußliche Sache, so ein Manöver! -- Eigentlich Dienst von morgens
früh um drei bis abends um zehn und von abends um zehn bis früh um drei
... Die Körperpflege wurde nur noch markiert ... aussehen tat man schon
mehr wie ein Latrinenreiniger und nicht wie ein Angehöriger des ersten
Standes der Nation ... Dabei seit vierzehn Tagen kein weibliches Wesen
mehr zu Gesicht bekommen ... die dreckigen Bauerntrinen zählten nicht
mit -- die waren höchstens was für die Herren Burschen!
Und was das Lächerlichste war ... seit acht Tagen führte dieser krumme
Landwehronkel, dieser Leutnant Frobenius, die Kompagnie an Stelle des
Hauptmanns Goll, der seinerseits als ältester Kapitän des Regiments für
den Major Blasberg die Führung des zweiten Bataillons übernommen hatte.
Blasberg hatte am Tage nach dem Regimentsfest, unmittelbar vor dem
Ausrücken ins Manöver, in eine Nervenheilanstalt gebracht werden
müssen. Die Schwermut, die ihn seit dem Tode seiner Frau zu Boden
gedrückt hatte, war plötzlich als ausgesprochen krankhafte Melancholie
zum Ausbruch gekommen.
Und so war nun der unmögliche Landwehroffizier der unmittelbare
Vorgesetzte seines patenten Kameraden für die Dauer der Herbstübungen
geworden ...
Und nun das Allerunglaublichste ... die Sache klappte --!
Auf seinem braunen, steifbeinigen »Roland«, der frömmsten Kuh aus
dem Tattersall der Garnison, machte dieser Frobenius eine ganz
leidliche Figur und hatte sich mit seinem vierbeinigen Freund auf ganz
erträglichen Fuß zu stellen gewußt.
Der innere Dienst funktionierte tadellos ... na, Kunststück! -- So ein
Musterexemplar von Feldwebel -- und der brillante Unteroffizierersatz!
Ja, darauf verstand sich der griesgrämige Hauptmann Goll ...
Unteroffiziere erziehen, das war seine Spezialität! --
Übrigens war ja auch dieser Frobenius selber von einer kommissigen
Gewissenhaftigkeit, daß es schon nicht mehr schön war!
In der Ortsunterkunft stelzte er wahrhaftig höchst eigenhändig von
Quartier zu Quartier, steckte seine Nase in jede Eßschüssel und in
jedes Bauernbett, um sich zu überzeugen, ob die Herren Füsiliere auch
ordentlich zu essen kriegten und weich genug lägen.
Er selber, Quincke, hatte sich zum Glück eine etwas vornehmere
Auffassung des Königlichen Dienstes zugelegt. Wofür waren denn die
Korporalschaftsführer da?
Ja, Frobenius hatte sich in seine Pflichten als Kompagnieführer ganz
famos eingearbeitet und war infolgedessen mit seiner militärischen
Situation zufrieden wie nie zuvor.
Er sah sehr verändert aus, hatte sich am Tage vor dem Ausrücken die
wenigen Haarsträhnen seines Schädels ganz kahl abscheren, seinen
langen, struppigen Vollbart kurz verschneiden lassen.
Auch seine Uniform sah nicht mehr ganz so vorsintflutlich aus, seitdem
ihr Träger eine etwas vorschriftsmäßigere Haltung gewonnen, und mit
seinem braven, alten Roland vollends fühlte er sich verwachsen wie ein
Zentaur.
Was tat's, ob es regnete von morgens früh bis abends spät und die ganze
Nacht hindurch ...
»Alles Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde,
in der Gesundheit des Leibes ...«
Freilich, damit war's nun auch Schluß ... Glück am Herzen des Weibes --
damit würde es wohl niemals was werden ...!
Seit seinem Sturz im Tanzsaal hatte er jede Hoffnung aufgegeben.
»Herrgott nein, mit Ihnen ist aber auch wahrhaftig gar nichts
anzufangen«, das klang ihm noch immer im Ohr, und immer meinte er das
hochmütige, zurückgeworfene Köpfchen, das empört aufstampfende Füßchen
im Goldkäferschuh zu sehen ... ihr hastiges Vondanneneilen ... den
Ausdruck der Wut über die gräßliche Blamage und den verdorbenen Abend
im Klang ihrer Stimme ... in jeder Bewegung ...
Abschiedslos war sie ihm enteilt, und auch als Dienstag morgens um vier
Uhr in der Dämmerung das Regiment von der Kaserne aus an der Wohnung
des Majors vorbeimarschiert war zum Bahnhof hin, da hatte sie mit ihrer
Mutter und Schwester auf dem Balkon gestanden und allen Herren einen
freundlichen Abschiedsgruß gewinkt ... als aber er, Wilhelm Frobenius,
auf seinem Roland den Säbel vor ihr gesenkt, da hatte sie kühl über ihn
hinweggeschaut und dann Herrn Quincke, den Führer des vordersten Zuges
der Zweiten, mit um so deutlicherer Freundlichkeit gegrüßt ...
Ade Hoffnung ... ade Träume ... ade süße, stolze Verkörperung des alten
Amazonenideals ...!
Nein, es war vorbei ... keine Hoffnung mehr ...! Und selbst auf das
Wiedersehen konnte er sich nicht mehr freuen ... auf das Wiedersehen,
das wenigstens im Bereich der Möglichkeit lag. Denn er wußte ja von
seinem Freunde Flamberg, daß die Amazone mit ihrer Schwester ebenfalls
auf den Hunsrück hinaufgepilgert war ... Nein, hoffen und sich freuen
-- das gab's nicht mehr.
Und dennoch ...!
Wilhelm Frobenius zog die Manöverkarte aus seiner Packtasche. Der Regen
prasselte auf das Zelluloidfutteral, und durch die Tropfen hindurch
suchte der Reiter den Namen, um den sich trotz allem immer und immer
seine Träume rankten ...
Am Allenbach entlang, einem Nebenwässerlein der Nahe, dessen Lauf auf
der Karte durch zahllose kleine Sternchen begleitet war, welche Mühlen,
Schleifmühlen darstellten, an der Einmündung des Beierbachs, war das
Dörfchen Hettstein eingetragen und dicht daneben ein kleiner Kreis mit
einem Fähnchen ... Das war das Schlößchen Hettstein, die neue Erwerbung
der schönen Frau Cäcilie.
Hier hauste nun die stramme Reiterin ... die fesche Tänzerin ... die
lächerlich Verehrte ...
Verrücktheit! -- So ein Mädchen und seine Bücherexistenz ... die
Lange-Pfeifen-Atmosphäre seiner winzigen Junggesellenbude ... sein
demütiges, halbbäuerliches Mütterchen daheim im Westerwalddörfchen --
und dieses Luxusgeschöpf ... dieses Freiluftwesen ...
Lächerlich! -- Und doch ... und doch ...! Oh, Schloß Hettstein --!