Da horch --: Bum -- und wieder: Bum --

Aus den triefenden Nebeln, welche bis tief über die langgestreckten

Kuppenzüge des Idarwaldes niederhingen, war der erste Kanonenschuß

gefallen ... Von dort war der »Feind« zu erwarten: Aufgabe des

Regiments, ihn am Heraustreten aus dem dicken Forste zu verhindern ...

Und Leutnant Blowitz sprengte von der Tête her am Bataillon entlang:

»Die Herren Kompagnieführer zum Herrn Major!«

Da faßte Frobenius Rolands Zügel kürzer, nahm den linken Schenkel

zurück ... Ein ganz klein bißchen sträubte sich die faule Kreatur,

dann hoppelte sie gemächlichen Äppelgalopp mit ihrem Reiter an der

Zweiten und Ersten entlang auf den Bataillonskommandeur zu, der seinen

Kompagnieführern die Gefechtslage erklären und seine Befehle ausgeben

wollte.

Der Herr Major von Sassenbach ...

Der schaute dem Anreitenden entgegen mit Augen, die Frobenius kannte

... mit schelmisch blitzenden Reiteraugen ...

»Na, lieber Frobenius, wie war's Quartier?«

»Danke gehorsamst, Herr Major! -- Waschen müssen hab ich mich auf dem

Korridor: meine Schlafstube reichte nur fürs Bett!«

»Und ich hab' 'ne Art Tanzsaal gehabt ... mußte heut morgen 'ne halbe

Stunde nach mir selber suchen, bis ich mich fand! -- Sie sehen übrigens

ganz vergnügt aus bei diesem Sauwetter!«

»Warum auch nicht, Herr Major!? -- Man kann ja dabei an die schönsten

Sachen denken!«

Der Major schmunzelte.

Eigentlich ein ganz prachtvoller Herr, dieser Don Quijote! -- Schade,

das Malheur im Tanzsaal! -- Schließlich -- Frau Professor wäre

doch eigentlich durchaus standesgemäß gewesen ... und daß er ein

Bürgerlicher war ... du lieber Gott, wenn ein Mädel mal sechsundzwanzig

Jahre alt geworden ist ...

* * * * *

Dem Miniaturkrieg, welchen beide Brigaden, durch Kavallerie,

Artillerie und Spezialwaffen verstärkt, im zweiten Manöverabschnitt

gegeneinander zu führen hatten, lag eine überaus komplizierte Annahme

für die allgemeine Kriegslage zugrunde. Aber diese Annahme existierte

eigentlich nur für die beiden Detachementsführer. In das geliebte

Deutsch der Unterführer und vollends der Mannschaften übersetzt

verwandelte sich jede Gefechtsannahme, verwandelte sich überhaupt das

ganze Manöver in das äußerst einfache Rezept:

Marschieren, bis man an den Feind heran ist -- dann ausschwärmen,

schießen, sprungweise vorgehen -- marsch, marsch, hurra!

Na -- und das hatte man ja gebimst bis die Schwarte knackte!

Für das sogenannte »gemeine Truppenschwein« -- und unter diesen Begriff

rechnete man mindestens alles, was »tippeln« mußte, auch die Herren

Leutnants der Infanterie -- war so das ganze Manöver nichts weiter

als ein abwechslungsreicher, strapaziöser und wenig komfortabler

Spaziergang mit mancherlei scherzhaften Unterbrechungen.

»Also, meine Herren,« schloß Major von Sassenbach eine längere

Auseinandersetzung über jenes verwickelte und höchst theoretische

Problem, das sich aus der allgemeinen Kriegslage ergab, »der Witz

vons Janze ist folgender: Durch die Aufklärung ist festgestellt,

daß der Feind durch den Idarwald im Anmarsch ist, und zwar auf der

Chaussee, die von Bischofsthron über das ›Graue Kreuz‹ nach Bruchweiler

führt. Wir stehen augenblicklich am Südeingang von Kempfeld, das

Nest halblinks vorn ist Bruchweiler; das müssen wir vor dem Feind

erreichen und von seinem Nordwestrande aus den Feind am Heraustreten

aus dem Idarwalde verhindern. Das erste Bataillon ist vorn, das zweite

und dritte folgt; das Schwesterregiment marschiert auf der Linie

Schafbrücke-Schauren. Wir haben also Gefechtsanschluß rechts und sollen

im Angriffsfalle links überflügeln, sonach bleiben wir im Vormarsch

auf Bruchweiler, alles übrige entwickelt sich historisch -- ich danke

Ihnen, meine Herren --!«

Na, das strategische Geheimnis des Morgens hatte sich also gelüftet,

und die Herren Kompagnieführer galoppierten zu ihren Kolonnen zurück.

Weiter ging's in strömendem Regen durch das stumme, ärmliche Dörfchen

Kempfeld -- laut kakelnd stoben die Hühner von der Landstraße herunter

auf die bergenden Misthaufen; flachsköpfige Buben und Mädel sprangen

aus den Türen, schrien den Kriegern die ewige Kinderfrage zu: »Saldat

-- kummen 'er noch mieh?«

Langsam ansteigend gen Bruchweiler zu schlängelte sich der lehmige Weg

durch abgeerntete, teilweise bereits umgepflügte Felder, deren nasse

Schollen, von der Pflugschar abgestochen, speckig glänzten ... eine

lange, dunkle Wand, von grauer, zerfranster Wolkendecke überlagert,

reckte sich der Idarwald. Von dort her klangen immerfort die dumpfen

Schläge der Geschütze. Zur Rechten irgendwo, auf einer umnebelten Höhe

vergraben, antwortete die Artillerie des Süddetachements ...

Willkommene Musik für das Soldatenohr! Sie bedeutete: Bald hat sich's

ausgekilometert -- und wir kriegen ihn am Kragen, den bösen Feind --

dann geht's ins Quartier.

Ei verflucht, nein ... nicht ins Quartier ... Heute stand am Ende des

Marschtages ein Biwak auf kotigem Stoppelfeld ...

Noch drei Kilometer bis Bruchweiler.

Inmitten eines Hages von leise herbstlich gebräunten Obstbäumen träumte

das verschlafene Dörfchen unterm Schirm des Waldgebirgs ...

Plötzlich -- rack ... tack, tacktack -- Vom Dorfrand her knatterten die

ersten Gewehrschüsse durch die brauenden Dünste.

Nach einigen Minuten stob in vollem Galopp ein Zug der diesseitigen

Kavallerie, der Deutzer Kürassiere, den Anger entlang, in eiliger

Flucht hinter der anrückenden Infanterie Deckung zu suchen.

Wie schmutzige Mehlsäcke sahen die weißen Koller aus im trüben

Morgenlicht ...

Ihr Führer meldete im Vorbeirasen dem Major: »Bruchweiler wird soeben

von abgesessener feindlicher Kavallerie besetzt!«

Sommerleutnants · 第 26 / 52 题