Ach, und doch, und doch -- -- --

* * * * *

Die Baronin von Weizsäcker hob die Tafel auf.

Paar hinter Paar ... seideraschelnd ... sporenklirrend schob sich die

Gesellschaft aus dem Speisesaal in die Empfangsräume. Hier hielt die

Frau Oberst Cercle. Alles drängte sich heran ... die Offiziere, die

jungen Mädchen wetteiferten der Gestrengen die brillantberingte Hand zu

küssen.

Sie war die typische Kommandeuse: geistig unbedeutend von Antlitz neben

dem leuchtenden Gatten, doch äußerst pompös, beständig das Lorgnon an

der Nase, voll zuckersüßer Herablassung gegenüber Gutangeschriebenen,

hundeschnäuzig ablehnend einem jeden gegenüber, dessen Conduite

zu wünschen übrig ließ, und in all diesen feinen Nuancen bereits

erstaunlich Bescheid wissend. Ihr Benehmen konnte jedem einzelnen

geradezu als Barometer seiner eigenen Stellung im Regimente dienen.

Die Reserveoffiziere waren für sie ohne jegliches Interesse ...

existierten einfach nicht. Und dies ihr Benehmen gab für alle Damen,

die auf Korrektheit Wert legten, das Signal, die eingezogenen Herren

mit kältester Zurückhaltung zu behandeln.

Martin Flamberg stand abseits und beobachtete, das leise, ironische

Lächeln des Menschenkenners auf den Lippen, mit scharfem Auge, dem

nichts entging ... das durch all die korrekten Formen und Formeln in

die Tiefe drang und das Ganze des Menschen packte, der sich hinter

ihnen barg ...

Und während sein Verstand sich mit skeptischer Ergötzung am Bilde

der menschlichen Komödie weidete, erbaute sich das Malerauge an dem

farbenbunten Bilde des äußern Geschehens ...

Wie das wogte ringsum ... wie das flimmerte von Kraft und Anmut ... von

Farbenglut und flirrendem Lichterspiel ...

Ab und zu warf Martin auch einen Blick durch die halboffene Tür

in den Speisesaal. Hier waltete eine Schar von Heinzelmännchen in

Ordonnanzlivree und Füsilierrock ihres Amtes. Mit jener Präzision,

welche den braunwangigen Burschen auf dem Exerzierplatz eingedrillt

worden war, verwandelten sie den Speisesaal in einen Tempel der

Tanzmuse. Mit Zauberschnelle verschwanden die geschmückten, silber- und

blumenbeladenen Tafeln, mächtige Besen wurden geschwungen, Staubwolken

flogen, Stuhlreihen umkränzten die Saalwände.

In den Empfangsräumen trennte sich inzwischen die Gesellschaft nach

Geschlechtern, die Damen ins Billardzimmer, wo die Ordonnanzen Tee und

Süßigkeiten darreichten, die Herren ins Rauchzimmer zu Schnaps und

Nikotin.

Aber einige der keckern Damen überschritten doch bald wieder den

Trennstrich der Geschlechter, unter dem Vorwand, sich eine Zigarette zu

holen, und blieben im Rauchzimmer kleben.

Frau Cäcilie suchte ihren Gatten auf, hängte sich an seinen Arm in

dem starken Bedürfnis, sich an ihn anzuschmiegen, jenes Gefühl der

Zusammengehörigkeit, das sie bei Tafel so jählings zu ihm hingezogen,

auch äußerlich zu betätigen ...

Diesen Augenblick hielt Martin Flamberg für geeignet, sich für die

Rosendedikation an seine Braut zu bedanken ...

Mit umschleierten Augen sah Frau Cäcilie ihm entgegen ... Sie hatte ihn

seit dem »Firnistag« nicht mehr gesehen ... zehn Tage lang nicht mehr

gesehen ...

»Also glücklich vom Urlaub zurück, Herr Flamberg? -- Wie geht's -- was

macht ›Gretchen‹?«

»Sie hat mich beauftragt, ihren Dank noch einmal mündlich zu

wiederholen!«

»Nun, war's schön daheim? -- Was treibt Fräulein Agathe?«

»Sie baut an unserm Ehenest!«

»Ah -- wird's hübsch?«

»Wird noch nicht vorgezeigt, gnädige Frau -- ich hab' nicht

hingedurft!«

Der Hauptmann lachte übers ganze Gesicht ... er war wie trunken von der

Huld seines Weibes: »Na, lieber Flamberg, ich wünsche, daß es gerade so

hübsch wird bei Ihnen wie bei uns ... und daß ihr zwei mal gerade so

glücklich werdet wie die da und ich ... was, Alte --?!«

Frau Cäcilie lächelte ... ein Lächeln, das Martin durchschauerte.

»Tja, und übermorgen geht's nun fort,« schwatzte Brandeis weiter,

»na, für Sie ist das ja nur 'ne Etappe näher auf dem Anmarsch zum

Traualtar ... aber für uns zwei --? drei Wochen bittrer Trennung! --

Na, Cilly -- wo bleibt die Abschiedsträne? -- Warten Sie nur, lieber

Flamberg, das werden Sie auch noch kennen lernen. -- Gut, daß Sie und

ich wenigstens zusammen unterm selben Zeltdach schlafen werden ...

was, Flamberg? -- dann werden wir uns vor dem Einduseln im Stroh von

unsern Herzallerliebsten vorschwärmen ... was --?! Ich bin fein heraus

... meine Schwärmerei findet wenigstens volles Verständnis, da Herr

Flamberg dich ja kennt ... und sogar einigermaßen gründlich! -- wann

aber werde ich mal den Vorzug haben --?«

»Nun -- wer weiß ... unverhofft kommt oft ...! Darf ich um Ihre

Tanzkarte bitten, gnädige Frau?«

»Bitte --!«

»Den zweiten Walzer -- darf ich --?«

Sie nickte, und er kritzelte seinen Namen auf das glänzende Blättchen.

Andere Bewerber drängten sich herzu. Cäciliens Gesicht versteinerte

sich, als auch Menshausen sich heranwagte: »Ich bedaure, Herr

Oberleutnant!«

»Wie -- zu spät gekommen -- schon alles besetzt --?!«

Er hatte, als sei das selbstverständlich, die Tanzkarte von einem

Kameraden übernommen, warf einen Blick darauf: »Sieh da ... ein

Rheinländer noch frei ... darf ich darum bitten?«

»Den Rheinländer lasse ich aus!«

»Ich bin untröstlich --!«

Blick traf in Blick eine Sekunde lang ... eine Flamme heißen Hasses

blitzte der jungen Frau entgegen: Sei auf deiner Hut -- du --!

Pah ... was frag ich nach dir ... nach deinem Haß ... nach deinem

Rachegelüst ...! antwortete Cäciliens Blick.

Eine Minute später gab sie den Rheinländer an Herrn Frobenius ... war

er nicht Martins Freund ...? würde sie nicht von Martin plaudern können

mit ihm ...? --

* * * * *

Der zweite Walzer ging zu Ende ... Cäcilie und Martin hatten kaum

sprechen können während des Tanzes ... tief aufatmend machten sie

Rast. Cäcilie schob die Fingerspitzen in Martins Arm ... Keines wagte,

das andere anzuschauen; beide fühlten, der letzte Augenblick des

Beisammenseins war nahe.

»Morgen früh werd' ich die Ehre haben, Ihnen meinen Abschiedsbesuch zu

machen, gnädige Frau!«

»Den erlaß ich Ihnen, Herr Flamberg -- Sie würden mich nicht treffen

... ich reise schon morgen früh! -- Soll ich Ihnen sagen, wohin --?«

»Ich bitte darum!«

»So, Sie wissen also noch nichts? -- Mein Mann hat Ihnen noch nichts

erzählt?!«

»Ich habe keine Ahnung!«

»Wir haben vor drei Tagen ein Gut gekauft ... in der Nähe von Simmern

...«

»Was -- auf dem Hunsrück? -- und unser Manöver --«

»-- entwickelt sich zwischen Simmern und Birkenfeld -- ich weiß wohl!

-- Ich nehme da oben meinen Sommerfrischensitz ... die Sassenbachschen

Mädels nehme ich mir zur Gesellschaft mit ... Das Korpsmanöver ist in

unserer Nähe ... ich habe die Dislokation bereits studiert ... wir

werden einmal zu Ihnen ins Biwak hinauskommen ... und vielleicht reiten

Sie an einem Ruhetage mal zu uns hinüber ...«

Martin konnte nicht sprechen. In jähem Entzücken und ahnungsvollem

Schreck zugleich taumelten seine Gefühle --

Auf der Heimfahrt vom Urlaub hatte er abgeschlossen ... es sollte ...

es würde ja zu Ende sein am zweiten September ... Er würde sich alsbald

nach der Übung zur Landwehr versetzen lassen, würde Frau Cäcilie von

Brandeis niemals wiedersehen ... Den einen Abend noch unter den Augen

des ganzen Regiments ... da würde man schon Fassung bewahren können

... dann Montag nach dem Dienst mit dem Hauptmann nach Hause ... ein

korrektes, liebenswürdig heiteres Abschiedsgeplauder unter den Augen

des Gatten ... und dann ... ade! ... ade für ewig!

Agathe wartete ... ihr gehörte all sein Sehnen ... jede Sekunde im

Banne der schönen Frau war Verrat an dem geliebten Mädchen ... Also

Schluß! ... endgültig Schluß!

Und nun -- --?! ... Schicksal, nimm deinen Lauf --!

»Kommen Sie, Herr Flamberg ... noch ein paar Takte ... gleich ist's zu

Ende ...!«

Hauptmann von Brandeis stand in der Tür des Rauchzimmers, die Zigarette

zwischen den Fingern, und sah schmunzelnd in das Gewühl des Tanzes

hinein ... ein frisches, glückliches Lächeln lag auf seinen Lippen ...

Die Königin des Festes ... ja, das war sie ... seine Cäcilie ... Die

andern Damen ... welche von denen war denn auch nur von weitem mit ihr

zu vergleichen!

Und wie sie tanzte ... Selbst die ältesten Stabsoffiziere machten gute

Figur mit ihr ... Die alten Herren waren wie elektrisiert, wenn sie die

federleichte Gestalt im Arm hielten ... angesteckt von der rhythmischen

Energie, die ihre Glieder durchpulste ... Und wenn sie förmlich einen

Meistertänzer wie diesen Flamberg gefunden hatte ... den beiden

zuzuschauen, das war ja wirklich ein ästhetischer Genuß ...

Überhaupt dieser Flamberg! ... Doch direkt ein begnadeter Mensch! --

Stammte er nicht aus ganz dürftigen Verhältnissen? -- Freilich ...

aus einem Pfarrhause! -- Gewiß waren seine Eltern feingebildete Leute

gewesen ... die gute Kinderstube! So was ist nicht nachzuholen und

nicht nachzuahmen ... aber zur Gesellschaft im eigentlichen Sinne hatte

er nun doch mal nicht gehört -- und wer merkte ihm das heute noch an

... ein genialer Künstler, eine repräsentative Persönlichkeit, und

dabei so'n famoser Kerl -- selbstbewußt -- natürlich! Na, das gehörte

sich auch so! Aber dabei so einfach ... so ohne Prätension ... und

Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle ...

Solche Reserveoffiziere sollte man mehr haben im Regiment! Andere

Nummer als diese Windhunde, die Herren Dormagen und Klocke, diese

Säbelraßler und Uniformfatzken!

Höchst erfreuliche Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft die drei

Manöverwochen zu verbringen ... und wie reizend, daß nun auch Cäcilie

in der Nähe war und auch noch ein wenig von der Gesellschaft des Malers

profitieren würde, der ihr ja offenbar sehr sympathisch war. Schade,

daß er und seine Zukünftige nicht in der Garnison wohnten; das wäre so

recht ein hübscher Verkehr gewesen, die zwei. Cäcilie hatte unter den

Damen des Regiments noch immer nicht den rechten Anschluß gefunden ...

die junge Braut, das müßte nach Flambergs Beschreibungen ein Umgang

für sein anspruchsvolles Weib gewesen sein ... Na, man würde eben bald

mal nach Düsseldorf hinüberfahren und die jungen Leute im eigenen Heim

aufsuchen ...

Ach ... das Leben war doch schön, wenn man ein bißchen Dusel hatte! --

der freilich gehörte dazu ... na, und über Mangel an Dusel hatte Fritz

Brandeis wahrhaftig nicht zu klagen ...

»Glänzende Tänzerin, Ihre Frau Gemahlin!« klang's da plötzlich neben

ihm. Oberleutnant Menshausen, das geleerte Likörglas in der Hand.

Komisch ... wenn der Mensch auftauchte, immer hatte man so ein fatales

Gefühl ... Was war's doch gewesen? -- Ach so, seine läppische Bemerkung

damals ... wann doch? -- -- ah, als die Reserveoffiziere einrückten

... haha! -- Damals hatte er selber, Brandeis, davon gesprochen, daß er

wünsche, Flamberg solle Cäcilie malen ... Und nun war das Bild bereits

fertig ...

»Ja, ja, sie tanzt ausgezeichnet!« sagte er mechanisch.

»Und wie sie bei der Sache ist! -- wenigstens wenn sie mit Herrn

Flamberg tanzt -- --!«

»-- -- Wieso --?«

»Ach, ich -- ich meinte nur so --!«

»So?! -- Sie meinten nur so! -- Ich hatte das Gefühl, als ob Sie sich

über irgend etwas ... wunderten!«

»Ich mich wundern? -- Nein, das nicht ... sondern ...«

»Was?! -- was, wenn ich bitten darf?«

»O -- ich -- es ist mir allerdings aufgefallen, daß die gnädige Frau

dem Herrn von der Reserve gegenüber -- so überaus -- liebenswürdig ist!

Das ist allgemein bemerkt worden.«

»Die Herren von der Reserve haben ihr Patent von Majestät genau so gut

wie wir!«

»Selbstverständlich, selbstverständlich!«

»Nun also?!«

»Immerhin -- sie gehören doch nicht zum engern Kreise des Regiments.«

»Herr Flamberg ist ein Freund meines Hauses.«

»Ach so -- ein Hausfr-- -- ein Freund Ihres Hauses. Verzeihen Herr

Hauptmann meine Neugierde. Nun weiß ich ja Bescheid. Haben Herr

Hauptmann schon einen Schnaps genehmigt? Nein? Ordonnanz! einen

Benediktiner für Herrn Hauptmann!«

»Ich danke! Ich habe kein Bedürfnis.«

»Nicht? Dann bitte ich um Entschuldigung -- meine Pflichten als

Kasinovorstand ...«

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören!«

-- -- Was war das gewesen? Was für ein Mißton -- was für ein häßlicher

Hauch war da herangeweht? Die gnädige Frau so überaus liebenswürdig

gegen den Herrn von der Reserve -- das ist allgemein aufgefallen!

Herrgott, war der Kommißtratsch denn schon wieder am Werk? Und an

Cäcilie wagte sich das heran, an seine Cäcilie? Himmelbombenelement!

Wo war sie nur? Schau -- da schwebte die weiße Gestalt hin -- wie eine

Krone umschloß das braungoldene Haar die weiße Stirn -- fest schmiegte

sie sich an ihres Tänzers breite Brust -- an Herrn Flambergs Brust --

Wahrhaftig -- vielleicht doch ein bißchen zu fest für die scharfen

Augen, die spitzen Zungen der Sittenwächterinnen da hinten auf dem

Drachenfels ...

Und wie sie glühte ... er auch ... Mein Gott, warum sollten sie nicht?!

-- waren sie nicht beide Temperamentsmenschen? fröhliche Genießer, die

sich ganz hingaben an den schönen, festlichen Augenblick ...?

Immerhin ... ein wenig Rücksicht nehmen mußte man schon ... wir kennen

doch dies Klatschweibergesindel ... ob das Unterröcke trägt oder Hosen

mit Stegen ... Vielleicht ... wäre doch ein Wink der Warnung an Cäcilie

angezeigt ...

Ach, Unsinn! -- Wozu ihr die unbefangene Freude trüben --? Seine

Cäcilie ... er kannte sie doch! Und Flamberg! ... Hand ins Feuer für

den!

Der Walzer klang aus. Quer durch den ganzen Saal, mit strahlendem

Lächeln, schritt Fritz von Brandeis auf das Paar zu, das eben glühend,

schweratmend, den Tanz beendet hatte. Und in heiterm Geplauder nahm

er Cäciliens Arm und spazierte noch ein Weilchen mit ihr und Flamberg

durch den Saal.

Mochten die Klatschweiber sich die Mäuler zerreißen!

* * * * *

Der Drachenfels hatte seine Wahrnehmung bereits festgelegt. Und die

war: Einige der Damen des Regiments hatten sich einer entschieden

zu starken Bevorzugung des nicht aktiven Elements unter den Herren

schuldig gemacht.

Auf der Bühne, wo vorher der Eintracht lieblicher Genius mit

herzbewegenden Worten die stille Friedenstätigkeit des Regiments Prinz

Heinrich der Niederlande gepriesen, war nun der Areopag der alten Damen

versammelt. Da thronte inmitten die Kommandeuse und handhabte eifrig

das Lorgnon; zu ihrer Rechten Frau von Sassenbach, zur Linken Frau von

Czigorski. Und um die drei Säulen des Regiments herum gruppierten sich

die übrigen Damen, die Gattinnen der Podagristen aus Pensionopolis

... Nur ein einziges jugendliches Gesicht in ihrer Mitte, die Frau

Hauptmann Haller, eine sehr lebenslustige Frau von dreißig Jahren, die

diesmal schweren Herzens auf die Freuden des Tanzes verzichten mußte,

da sie ihren drei Buben noch ein Geschwisterchen bestellt hatte.

Die rechte Flanke, wo Frau von Sassenbach saß, sprach nur von Frau

von Brandeis; was die Herzen der Gruppe außerdem bewegte, durfte mit

Rücksicht auf die Majorin nicht zu Worte gelangen. Um so eifriger

betuschelte dafür die linke Seite die allgemeine Beobachtung, daß Frau

von Brandeis heut abend nicht die einzige Dame war, die sich mit

Vorliebe an gewisse Herren des Beurlaubtenstandes hielt.

Schon bei Tische hatte man bemerkt, daß das ältere Fräulein von

Sassenbach sich weit weniger um ihren Tischherrn bekümmerte, den

ernsten und zielbewußten Regimentsadjutanten, als vielmehr um

ihr Gegenüber, diesen unmöglichen Herrn von der Landwehr, dessen

schwarzblauer Waffenrock mit den altmodischen großen Knöpfen, dessen

riesige Epaulettes und dessen trikotartig knapp die hagern Beine

umschließenden Hosen allgemeines Entsetzen erregt hatten.

Ja, und kaum war die Tafel aufgehoben, da hatte sich Fräulein Nelly

alsbald im Rauchzimmer eingefunden und bei einer Zigarette mit dem

merkwürdigen Bekannten weiter geplaudert.

Dann allerdings war der Tanz in seine Rechte getreten. Der schien nicht

die starke Seite des eingezogenen Herrn zu sein; denn er stand meist in

der Tür des Rauchzimmers und schaute durch seine riesigen Brillengläser

mit behaglicher Betrachtung in das Gewühl des Tanzes hinein. Wer ihn

aber genauer beobachtete, konnte wohl bemerken, daß sein Blick ein

bestimmtes Ziel verfolgte ...

Nelly Sassenbach wanderte von einem Arm in den andern. Stets, wenn sie

an Herrn Leutnant Frobenius vorbeistrich, flog ein rascher, stiller

Blick des Einverständnisses zu ihm hinüber ...

-- -- Ja, Wilhelm Frobenius sah nichts als seine Retterin ... War

sie nicht just das Gegenteil alles dessen, was er an Weiblichkeit

bisher gekannt ... und war sie nicht zugleich die Verkörperung seines

erträumten Frauenideals ...?!

Er hatte in der Literatur vor allem immer für die heroischen

Mädchengestalten geschwärmt, wenn auch seine vielbewunderte

stilistische Meisterleistung die Analyse der Gretchengestalt war. --

Sein Herz zog ihn vielmehr zu den ausgesprochenen Mannweibern der

Dichtung ... freilich im Leben war ihm dergleichen niemals begegnet ...

ach, ihm waren überhaupt wenig Frauengestalten begegnet im Leben ...

Von den Damen des Regiments interessierte ihn, außer Nelly, nur noch

eine, jene, von der sein Kamerad und Freund Flamberg ihm doch in einem

Ton erzählt hatte, aus dem selbst ein noch naiveres Gemüt als er hätte

herausfühlen müssen, daß sie ihm mehr gewesen denn nur ein Modell ...

Frobenius verglich die beiden Frauen beim Tanzen. Cäcilie legte sich

weich und anschmiegend in des Tänzers Arm. Es schien ihr angenehm zu

sein, wenn man sie recht fest und nahe hielt. Scheinbar willenlos

überließ sie sich der Führung ihres Partners, tanzte ruhig, schwebend;

ihre Füße schienen sich kaum zu bewegen.

Nelly aber tanzte mit weitem Abstand, sehr selbständig, mit weit

ausholenden Schleifern, wie um sich auszutoben und auszutollen im

Tanz. Wenn man sie so sah ... ihre Tanzwonne steckte an ... man bekam

Sehnsucht, sich von ihr hineinziehen zu lassen in diese Strudel, diese

Wirbel, in denen sie sich tummelte wie ein losgelassenes Füllen ...

Ach, es war Jahre her, seit Wilhelm Frobenius zum letzten Male auf

dem Professorenball das Tanzbein pflichtmäßig, aber ohne Liebe zur

Sache geschwungen. Damals hatte sich die alternde Tochter des Rektors

und Dekans der philosophischen Fakultät lebhaft für den jungen,

aufstrebenden Privatdozenten interessiert, und manche mehr oder

weniger zarte Andeutung hatte ihm nahegelegt, er solle zugreifen und

seine Karriere sichern ... aber die hochfahrende Nüchternheit des

gelehrten Fräuleins hatte ihm ein Grauen eingeflößt. Er hatte sich

sehr merkbar zurückgezogen und war seitdem gesellschaftlich ziemlich

kaltgestellt. Daß er auch heute noch nicht einmal Extraordinarius

war, stand zweifellos auch in einem gewissen innern Zusammenhang mit

jener Fahnenflucht. -- Nun, er hatte gesellschaftliche und berufliche

Zurücksetzung zu verschmerzen gewußt ...

Auch heute abend hatte er nicht engagieren wollen, aber als er nach

Tisch Fräulein Nelly von Sassenbach eine gesegnete Mahlzeit wünschte,

hatte die ihm von selbst ihre Tanzkarte hingehalten.

»Ich bin ein miserabler Tänzer, gnädiges Fräulein!«

»Schadet nichts -- wir werden plaudern!«

Nun der Bann gebrochen war, hatte er auch noch Frau von Brandeis

engagiert. Die Schar der übrigen Damen war ihm gleichgültig -- auch

durfte man die aktiven Herren nicht berauben.

Aber der Gedanke an den bevorstehenden Tanz hatte ihn doch mit einem

gelinden Grauen erfüllt ...

Nun war er da, der gefürchtete und doch ersehnte Augenblick ...!

»Also mit dem Tanzen ist es wirklich nichts, Herr Frobenius?«

»Sie würden wenig Freude an mir erleben!«

»Aber so versuchen wir doch einmal!«

Und mit einem Gefühl ehrfürchtiger Andacht legte er seine Hand um die

schlanke, feste Gestalt des Mädchens ...

»Also los -- es ist ja nur 'ne Polka -- die werden Sie doch noch

schaffen können!«

Alles drehte sich im Wirbel ... aber er nahm all seine Kraft zusammen

...

»Sehn Sie wohl -- geht ja blendend!«

Wahrhaftig, es ging wunderschön -- zwar Hören und Sehen schwanden ...

nichts blieb als ein dumpfes Gefühl des Rhythmus ...

Sommerleutnants · 第 20 / 52 题