Nun, wenigstens bei den Bürschchen rechts und links wollte er sich
sobald als möglich in Respekt setzen und wartete nur auf die erste
passende Gelegenheit, um ein Exempel zu statuieren ...
Inzwischen schaute er nach Molly um ... Sie saß am selben Tisch, aber
weit höher hinauf, zwischen den Leutnants Carstanjen und Quincke, die
ihr natürlich auf Mord und Tod den Hof machten ...
Ekelhaft, dies verlebte, gelbe Gesicht des fatalen Quincke neben ihrem
rosigen, preziösen Köpfchen ... ihren apfelblütenfarbigen Schultern,
die sich nun so lockend und schimmernd aus dem rosa Ballfähnchen hoben
...
Und jetzt -- da ... sie hatte ihn erspäht, sie lächelte, sie hob
unmerklich das Glas ... Er auch ... Blick tauchte in Blick, eine
Sekunde lang --
Der grünschnäblige Fähnrich von Berneck, kaum dem Kadettenkorps
entschlüpft, siebzehn Jahre alt, hatte Friesens Blick bemerkt ... Er
trug bereits das Portepee ...
»Nanu, mit wem flirten Sie denn so vernehmlich?«
»Ja ... das möchten Sie wohl wissen! -- Hehe! Neid der besitzlosen
Klasse, was ...?! Na, halten Sie sich am Sekt schadlos! Prost, Herr von
Berneck --!«
»Ich bin für Sie der Herr Fähnrich von Berneck, Unteroffizier Friesen!«
»Ach so, Sie wollen den ältern Kameraden 'rausbeißen,« sagte Friesen
mit gewinnendem Lächeln, »na, dann lassen Sie sich sagen: ein jeder
blamiert sich, so gut er's versteht! -- Nochmals: Prost, Herr von
Berneck --!«
Das Bürschchen wollte auffahren ... Aber die roten Abfuhren auf Stirn
und Wange des Einjährigen leuchteten so martialisch, und in den
harmlos lächelnden Augen blitzte ein Licht, scharf und hell wie eine
niedersausende Säbelklinge. -- Achselzuckend wandte der Herr Fähnrich
sich ab.
Und Hans Friesen suchte und fand abermals Mollys Auge -- Mollys Lächeln
...
-- -- Die Tischordnung hatte den Kasinovorstand zwei schlaflose Nächte
gekostet. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, all die Muschirs und Paschas
fein säuberlich nach der Zahl der Roßschweife zu verstauen ... Und noch
peinlicher war die Plazierung ihrer holden Ehehälften und Töchter --
dann dabei diese Unzahl von Wünschen der Kameraden -- und schließlich
galt es doch auch noch, gewisse Regungen des eigenen Herzens zu
berücksichtigen.
Dieser Reserveonkel ... dieser Malfritze ... der hatte drei Wochen lang
fast jeden zweiten Nachmittag ein paar Stunden mit der schönsten Frau
im Regiment allein sein dürfen ... Skandal! -- Na, der hatte sich's
natürlich nicht entgehen lassen, solch eine Gelegenheit nach allen
Kräften auszunutzen ... Was mochte er erreicht haben?! -- Heut abend
würde man zweifellos allerlei beobachten können ...!
So hatte er der Frau von Brandeis den Witwer Major Blasberg als
Tischherrn gegeben und sich selbst an ihre rechte Seite gesetzt -- --
Flamberg gegenüber an die andere Hufeisenseite.
Von den Reserveoffizieren hatte nur der harmlose, dicke Oberleutnant
Brassert eine Tischdame bekommen, ein ältliches Stiftsfräulein, eine
arme Verwandte des Majors Blasberg, die dem um zehn Jahre jüngern
Vetter seit dem Tode seiner Frau die Haushaltung führte ... Mit dieser
anmutigen Nachbarin saß Brassert, wie üblich, am Stabstisch.
Frau Cäcilie unterhielt ein krampfhaftes Gespräch mit ihrem
schweigsamen Tischherrn und mied es geflissentlich, ihrem Nachbarn zur
Rechten auch nur ein Wort zu schenken.
Gräßlich ... fühlen zu müssen, daß er keinen Blick von den Bewegungen
ihrer entblößten Arme ... von dem Spitzensaum ihres Halsausschnitts
verwandte ...
Er knirschte über diese Vernachlässigung. Na, warte nur -- ein bißchen
mehr als Luft bin ich doch -- -- Das sollst du merken, schöne Frau! --
Als wiederum in der stockenden Unterhaltung seiner Nachbarin eine Pause
eingetreten war, neigte er sich zu ihr, die sich beharrlich von ihm
abgewandt hielt: »Gnädige Frau scheinen mich schlecht behandeln zu
wollen?!«
»Ich ... Sie? -- ich behandle Sie überhaupt nicht!«
»Na ja, ich bin in Ungnade bei Ihnen -- das weiß ich ja!«
»So -- das haben Sie also gemerkt!? -- Dann wundert's mich, daß Sie als
Arrangeur der Tafel keine unterhaltsamere Nachbarschaft für sich gewußt
haben als mich!«
»Aber, gnädige Frau -- verstehen Sie das denn nicht? -- Ich hoffte
Gelegenheit zu haben, mich Ihnen gegenüber in ein besseres Licht zu
setzen!«
»Ja, sehen Sie -- dann haben Sie sich also getäuscht!«
»Das merk ich allerdings! -- Schade! Mir fehlen leider Gottes die
Qualitäten, mit denen man sich bei Ihnen beliebt machen kann.
Schlichter Soldat wie ich, verstehe nichts von Musik, malen kann ich
auch nicht ... kurz, nicht für fünf Pfenn'ge Chance ...!«
»Nun also ... Warum haben Sie sich denn mit aller Gewalt den schönen
Abend durch meine Nachbarschaft verderben wollen?!«
»Gnädige Frau -- was tut man nicht für das Glück, einen Abend neben der
schönsten Frau im Regiment sitzen zu dürfen. -- So was kommt sobald
nicht wieder, daß es von einem selbst abhängt. -- -- Der Vorzug, in
Ihrem Hause zu Gaste geladen zu sein -- der hat mir bis jetzt ja nicht
geblüht, wenn ich auch ebensogut wie alle andern Herren Ihnen meine
Aufwartung gemacht habe -- --«
»Herr Oberleutnant, Sie wissen so gut wie ich, daß Sie sich das Recht
auf Gastfreundschaft in meinem Hause verscherzt haben!«
»Ah -- das ist also noch immer nicht vergessen?! -- Tja -- ich versteh
es eben nicht so gut wie mancher andere, meine Empfindungen im Zaume zu
halten --!«
»Pah -- Empfindungen -- -- Sie und Empfindungen?! Sie wissen überhaupt
nicht, was Empfindungen sind -- --!«
»Ich weiß nicht, was --?! Haha ... man möchte wahrhaftig anfangen, mit
Gegenbeweisen zu renommieren ...!«
»Unnötige Mühe! Ihr Renommee ist stadtkundig!« --
»Tja ... was bleibt unsereinem übrig ... die Frauen, die man möchte,
sind bereits anderweitig vergeben ... und überdies so unangenehm
tugendhaft ... wenigstens unsereinem gegenüber! ... Tja -- wenn man
ein Ritter der Feder wäre, wie dieser Tapergreis, der Frobenius ...
Sehn Sie nur, gnädige Frau: Nelly von Sassenbach plaudert mit ihm über
die ganze Tafel hinüber, und Herr von Schoenawa, ihr Tischherr, ist
kaltgestellt ... Ja ja, die Herren von der Reserve ... die Herren von
der Intelligenz ... das ist mal was anderes für die Damen ... da können
wir einfachen Soldaten nicht konkurrieren ... Und wenn man nun gar ein
berühmter Maler ist, wie ein gewisser anderer Herr -- --«
»Bitte, sprechen Sie sich nur ruhig aus, Herr Oberleutnant --!«
»O ich -- -- Sie werden begreifen, daß es mir nicht ganz gleichgültig
sein kann, wenn man selbst von einer Dame so deutliche Zeichen ihrer
Abneigung bekommen hat ... und irgend so ein Herr, der mal auf acht
Wochen hier hineinschnüffelt ... der darf dann mit dieser selben Dame
allein sein ... Wochen hindurch ... stundenlang ... Ich begreife Herrn
von Brandeis nicht -- wahrhaftig!«
»Herr Menshausen, Sie sind denn doch von einer Geschmacklosigkeit! --
-- Wenn ich das nun meinem Mann erzählte?!«
»Das ... würde sich wohl kaum empfehlen, gnädige Frau ... Ich bin der
beste Schütze im Regiment!«
»-- -- Sie sind verrückt! --«
Mit bebenden Lippen wandte die schöne Frau dem Frechen den Rücken.
Himmel ... wenn nur Major Blasberg nichts gehört hatte! -- Aber nein
... der war tief, tief in sich versunken ... stumm sah er die Perlen
in seinem Sektglase aufsteigen ... Frau Cäcilie wußte: der eiskalte,
unzugängliche Mann dachte an nichts als an seine Frau, die seit zwei
Jahren in kalter Friedhofserde lag ... an die Mutter seiner drei Buben
...
Gott, wie verschieden doch die Herzen ... die Charaktere aller dieser
Männer, die einen Rock trugen ... eine Sprache sprachen ... das
gleiche, mathematisch abgemessene und umzirkelte Leben führten ...
Wenn sie selber nun heute stürbe?! -- Fritz, das wußte sie, würde dann
auch so sitzen ... viele, viele Jahre lang ... und kein Weib mehr
anschauen nach ihr ...
Und jener andere -- nach dem jede Fiber ihres Leibes ... jeder
Herzschlag ... jeder Gedanke sich sehnte?
Er würde sich gratulieren, daß er sie noch gerade vor ihrem
Verschwinden aus der großen Modellsammlung des Lebens eingefangen ...
für seine Leinwand, die im nächsten Sommer als Reklame seines Pinsels
von Ausstellung zu Ausstellung wandern sollte ... würde in die Arme der
harrenden Braut eilen ... und weiter malen ... eine Schönheit nach der
andern in sich hineinsaugen mit den braunen, durstigen Künstleraugen
... und den vergänglichen Schmelz ihrer Jugendherrlichkeit, die
verschwiegenen Tiefen ihrer Seelen zu ewiger Dauer auf seine Tafeln
bannen ...
Ach, wie ruhevoll und befriedend doch der Gedanke, daß ein treues Herz,
ein ritterliches, makelloses Gemüt nur für uns lebt --
Sie suchte den Blick ihres Mannes. Fritz saß ihr schräg gegenüber
an der andern Hufeisenseite neben der bildschönen Frau des
Bezirkskommandeurs. Er hatte kein Auge für die aufdringlich zur Schau
getragenen Reize der überjungen Frau, die der alternde, zur Disposition
gestellte Stabsoffizier in allzu großem Selbstvertrauen an sich
gefesselt ...
Nun fühlte Fritz den langersehnten Blick seines Weibes ... beglückt hob
er das Glas ... trank ihr zu, strahlend wie ein Bräutigam ...