Als Agathe van den Bergh diese Zeilen las, gab es ihr einen Ruck am
Herzen ... Lange, lange studierte sie die Züge der Photographie,
die klare Schrift mit den festen Grundzügen und dem kapriziösen
Schnörkelgerank ...
So war es nun schon die zwei Jahre hindurch gewesen: jedesmal, wenn
sie ein neues Werk des Geliebten sah, hatte sie dies dumpf nagende
Wehgefühl ... Es war nicht Eifersucht ... es war der unbegriffene
Schmerz der reinen Mädchenseele, die empfand, daß sie dem geliebten
Manne nicht alles -- nicht alles war -- niemals alles werden würde --
ach nein, niemals mehr denn ein kleiner, kleiner Ausschnitt aus seiner
Welt --
Es war nicht Mißtrauen ... nur das geheime Grauen war's des ahnenden
Mädchenherzens vor den Abgründen im Leben, in der Sehnsucht, in der
Vergangenheit und Gegenwart des Mannes ... des Künstlers.
* * * * *
Am vorletzten Samstag vor dem Ausrücken -- es war der 25. August --
ging Martin Flamberg auf einen viertägigen Urlaub nach Düsseldorf ...
Wie im Fluge verstrichen ihm die wenigen Stunden der Heimfahrt ...
Welch ein Sturm in ihm ... welch ein Sturm der Gefühle -- der
Leidenschaften -- der Gedanken -- der Grübeleien und Träume ... Agathe
hatte ihm den großen Frieden seines Lebens bringen sollen -- ihn
ausfüllen bis in die Tiefen seiner Seele ... Er hatte gewähnt, in ihr
jene große Liebe gefunden zu haben ... jene große Liebe, von der alle
Menschen träumten ... und die Künstler heißer und sehnsüchtiger denn
alle andern ... und nun -- --
Seine Besuche bei Frau Cäcilie hatten nun aufgehört, und seitdem erst
war es ihm ganz bewußt geworden, was diese Besuche ihm bedeutet hatten
... Nein wahrlich, was seitdem in seiner Seele fieberte und stürmte,
das hatte wenig Ähnlichkeit mit dem großen Frieden, den er erhofft ...
Agathe empfing ihn am Bahnhof. Der Präsident van den Bergh begleitete
seine Tochter.
Martin fühlte, wie seine Braut ihn prüfend ... angstvoll beobachtete
... Er fühlte es, ohne daß er den Zusammenhang begriff; denn Agathe
hatte es nicht übers Herz bringen können, auch nur ein Wort über die
Sendung der fremden Dame und das seltsame Briefchen, das sie begleitet
hatte, an ihren Verlobten zu berichten ...
War es so etwas wie böses Gewissen, was Martin Flamberg hellsichtig
machte für die verhohlene Befangenheit seiner Erkorenen ...? Er gab
sich lebhaft ... heiter ... ungezwungen ... mit fast lärmhafter
Lustigkeit ... Und dabei fühlte er doch, daß sie seine Absicht
durchschaute ...
»Nun, Martin,« sagte der Präsident bei der Heimfahrt, »Sie haben
inzwischen auch wieder eine neue Arbeit vollendet?« Der Präsident
hatte sich noch heute nicht entschließen können, seinem Schwiegersohn
das väterliche Du entgegenzubringen.
»So, hat Agathe Ihnen erzählt -- ja gewiß, Papa, ich habe meine Zeit
gründlich ausgenutzt.«
»Eine schöne Frau! -- Ich erinnere mich ihrer noch sehr gut ... als
Backfisch machte sie Furore in unsern Salons ... aber sie muß sich
inzwischen noch mächtig herausgemacht haben, nach Ihrem Bilde zu
schließen.«
»Aber -- woher wissen Sie, Papa --?«
Dunkelglühend, mit niedergeschlagenen Augen sagte Agathe: »Die Dame hat
mir einen prachtvollen Rosenstrauß geschickt ... und eine Photographie
ihres Bildes ...«
»Und davon hast du mir nichts geschrieben!?«
»Ich dachte, sie hätte es dir selber gesagt.«
»Nein, das hat sie nicht -- ich habe sie auch nicht mehr gesehen, seit
das Bild fertig ist ...«
-- -- Zu Hause, im ersten Augenblick des Alleinseins warf sich Agathe
mit einem leisen Stöhnen an seine Brust, sah ihm tief in die Augen:
»Ach, Martin, kommst du mir so wieder, wie du gegangen bist -- --?«
»Aber Kind -- was hast du nur?!«
Stumm zeigte ihm Agathe Cäciliens Bild und Brief ...
Tief atmend überflog Martin die seltsamen Zeilen ... Gott, sie sagten
ihm ja nichts Neues ... er wußte ja doch schon ... Aber Agathe mußte
beruhigt werden ...
Wie sie so vor ihm stand, da glich sie so ganz wieder jener Gestalt,
die das Faustbuch von Wilhelm Frobenius in seiner Phantasie lebendig
gemacht ... ganz wie Gretchen sah sie aus, die bebenden Herzens den
Geliebten fragt, ob er glaube, glaube an eine ewige Macht, die den
Wandel unseres Schicksals lenkt ...
Und in einem Wirbel des Gefühls riß er die geliebte Gestalt in seine
Arme und küßte die schweren Tränen aus seines Mädchens Augen ...
Aber während er die bebende Braut an seinem Herzen hielt, fühlte er mit
Grausen, daß er einer andern denken mußte ... immerzu ... immerzu einer
andern ... so, wie sie ihm gegenüber gestanden hatte in der letzten
Stunde zweieinsamen Beisammenseins ...
Das Bewußtsein, daß diese Stunde niemals wiederkommen werde, hatte
beiden mit jähem Griff plötzlich die Kehle ... das Herz umschnürt ...
Herrgott, warum gab es Schranken in der Welt? -- Was half dem
Künstler die Phantasie -- die allmächtige, allerfassende, die ihn die
grenzenlosen Reiche der Schönheit nur darum in all ihrer Herrlichkeit
überschauen lehrte, damit das Leben selbst ihn dann immer wieder
ausschlösse von dem Besitz alles dessen, was er viel tiefer doch als
andere empfand ... viel tiefer verstand ... viel tiefer hätte genießen
können ...
Martin hatte die Zähne zusammengebissen ... hatte das letzte Aufgebot
all seiner Seelenkräfte in sich aufgerufen zu keuchendem Kampfe gegen
die Versuchung, dies Weib in seine Arme zu schließen ... das Weib des
vertrauenden Mannes, des Vorgesetzten, des Kameraden ... Und er wußte
es wohl: die Glut all dieser verschwiegenen Kämpfe hatte er seinem
Werke eingehaucht ... Er wußte: es war sein bestes geworden.
Und hatte Agathe das nicht herausgefühlt -- nicht ahnend empfunden --
selbst aus dem schattenhaften Abbild seines Werkes, das sie allein erst
kannte?!
Und warum mußte er dieser letzten Sekunde des heißen Kampfes, des
schmerzvoll bittern Sieges gedenken ... in diesem Augenblick ...
im Arme des Mädchens, das er sich zur Kameradin seines Lebens, zur
Friedenbringerin seines Herzens erkoren?
Sie hatte ihn nicht gebracht ... den ersehnten Frieden ... Ob er wohl
kommen würde, wenn er sie einmal ganz sein eigen nennen durfte?
An diese Hoffnung wollte er sich anklammern.
Achtes Kapitel.
Und nun saß Martin Flamberg inmitten des glänzenden Kreises des
Regiments Prinz Heinrich der Niederlande und seiner Damen im
kerzenhellen Kasino vor dem Vorhang, hinter dem das Festspiel sich
entrollen sollte.
Wirklich eine stattliche Versammlung.
Zu den Offizieren des Regiments hatte sich ein größerer Zuzug fremder
Uniformen gesellt, deren Träger dem Regiment nahe standen.
Voran natürlich der Brigadekommandeur mit seinem Stabe, ferner
der Bezirkskommandeur mit seinem Adjutanten, dann eine Anzahl
glatzköpfiger, weißbärtiger Herren, pensionierter Generale und
Stabsoffiziere mit redseligen Gattinnen und leise verblühenden
Töchtern; denn die Villenvorstadt der Garnison war eine vielbegehrte
Pensionopolis. Auch sämtliche in erreichbarer Nähe wohnenden inaktiven
und Reserveoffiziere des Regiments hatten sich eingefunden.
Zu den Waffenröcken, die bei den ältern Herrn von einem bunten
Ordensgeflimmer erhellt waren, gesellte sich ein lichtfarbiger,
gleißender Damenflor.
Allerdings, die Gattin des Brigadekommandeurs hatte sich entschuldigen
lassen in taktvoller Rücksicht auf Frau Baronin von Weizsäcker;
galt doch der Kommandeuse das ganze heutige Fest, soweit es als
ein gesellschaftliches Ereignis ausgestaltet war. Und so hatte
die Frau Generalin sich zurückgehalten, damit die Gattin des
Regimentskommandeurs die Ehren des Abends unverkürzt als erste genieße.
Von den Stabsoffizieren war der trunk- und wetterfeste Oberstleutnant
Rautz Junggesell, der hagere, unnahbare Major Blasberg seit fast zwei
Jahren Witwer.
So bildeten die spinöse Frau von Sassenbach, die ihre bürgerliche
Geburt durch sehr starke Betonung aristokratischen Wesens zu
verdecken suchte, und die aus uraltem Adel stammende, rundliche Frau
von Czigorski, die mit ihrem Manne in lautem und bourgeoisem Wesen
wetteiferte, die nächste Umgebung der Frau Oberst.
Die Gruppe dieser drei Damen war der Mittelpunkt der Weiblichkeit. An
sie gliederte sich auf der einen Seite die Schar der meist schon etwas
greisenhaften Gattinnen der Pensionierten, auf der andern Seite die
der jungen Frauen der Hauptleute und Oberleutnants und endlich eine
ganze Schar junger Mädchen, teils Offizierstöchter, teils geladene
Freundinnen der letztern aus der Stadt.
Im großen Saale waren die Stuhlreihen gestellt. Die Bühne war in der
Veranda aufgeschlagen, die große Glastür ausgehoben, ihr Rahmen bildete
das Proszenium.
Hinterm Vorhang harrte der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen,
aufgeregt wie nur je ein dramatischer Dichter am Abend seiner Premiere
an einer Weltstadtbühne, selbstverständlich wieder in Dienstanzug und
»Porzellanbuchsen«, Regisseur und Inspizient in einer Person.
Neben ihm saß als Souffleur der jüngste Leutnant Carstanjen, sehr
ungnädig über dies Kommando, das ihn für eine Stunde dem Flirt im Saal
entzog.
Im Augenblick, als Hans Friesen das erste Glockenzeichen geben
wollte, fiel sein Blick seitwärts, wo plötzlich, wie aus der Erde
gewachsen, der Gefreite Manes seiner Kompagnie stand, schlotternd vor
Befangenheit, im Drillichanzug, mit der schwarzen Gefreitenschnur um
den Jackenkragen, die zerknüllte Feldmütze in der Hand, ganz geblendet
von den paar Strahlen Festglanz, die seine weit aufgerissen starrenden
Augen erhascht hatten. Er machte dem Unteroffizier hilflose
Winkzeichen.
»Haben Sie was für mich, Manes?«
»Jawohl, Herr Unner'ffzier ... ene Zettel vom Herr Feldwebel!«
Voll düsterer Ahnung nahm Hans den Wisch, entrollte ihn und las:
»Morgen früh fünf Uhr zur Aufsicht beim Umbau von Schießstand 5. Düfke,
Feldwebel.«
Aha, der Neid der Götter! -- Hol's der Teufel!
In der Eile betete Hans Friesen das Register sämtlicher Flüche her, die
er während seines Dienstjahres aus dem Munde der Kapitulanten seiner
Kompagnie vernommen hatte.
»Na, Manes, stehen Sie noch immer da? -- Sagen Sie dem Herrn Feldwebel
einen schönen Gruß von mir, und er könnte --«
Es war doch geratener, den Rest zu verschlucken ... das Dusseltier war
imstande, die Bestellung auszurichten ...
O welche Lust, Soldat zu sein --!
Auf einmal klang eine weiche Stimme neben ihm: »Guten Abend, Herr
Friesen!«
Herrgott, Molly von Sassenbach als »Friede«.
Mein Himmel, wie schön ... wie unsagbar schön das Mädchen aussah! Zwar
das rote Griechengewand, das sie trug, paßte eigentlich verflucht wenig
zu ihrer Mission; aber an dem goldenen Palmenzweig, den sie im Arme
hielt, konnte man ja bei einigem guten Willen immerhin erkennen, was
sie vorstellen sollte.
»Fühlen Sie, wie ich zittere!« Sie hielt ihm die kleine, duftige Hand
hin.
»Das nennt man Lampenfieber!« scherzte er gezwungen.
»Wie schade, nun sind die Proben zu Ende!«
»Jawohl ... und übermorgen geht's fort ... und ich seh Sie nicht mehr
wieder ...«
»Kommen Sie denn nicht noch einmal zurück in die Garnison?«
»Das wohl ... vierzehn Tage, um das Offiziersexamen zu machen! -- Aber
dann -- dann sind Sie wieder das Majorstöchterlein ... und ich der
simple Kommißknote ...«
»Aber Sie kommen doch zum Frühjahr zur Übung ins Regiment?!«
»Ach -- im nächsten Frühjahr! ... Das ist eine Ewigkeit --!«
»Herr Friesen, ich will Ihnen etwas anvertrauen: vielleicht sehen wir
uns doch schon früher wieder -- -- nämlich ... das Manöver ist doch im
Hunsrück ... und -- --«
In diesem Augenblick stürzte der Leutnant Carstanjen, der inzwischen
auf der Bühne mit Frau von Brandeis und Nelly geschwatzt hatte, heran
und rief: »Donnerwetter, Friesen -- machen Sie doch los --!«
Zähneknirschend gab Hans Friesen das Klingelzeichen ... und der Vorhang
flog in die Höhe ...
Alles klappte vortrefflich.
Zwar Martin Flambergs Malerauge stand Qualen aus, als er die
Farbenzusammenstellungen an Kostümen und Dekorationen sah ...
Leutnant Blowitz, der »für die Regie verantwortlich zeichnete«, hatte
sich törichterweise nicht entschließen können, die Unterstützung
des doch im Regiment vorhandenen Malers heranzuziehen. Wozu von der
Anerkennung der Vorgesetzten und ihrer Damen noch etwas auf einen
Herrn fallen lassen, der in drei Wochen wieder nach Hause ging ...?
Das konnte doch in der Familie bleiben ... das konnte man ja selber
verdienen ...
Die Folgen waren schrecklich.
Frau Cäcilie natürlich sah so blendend schön aus, wie ihr Kostüm
und ihre Frisur geschmackvoll und sachgemäß waren, aber die
Majorsmädels in ihren roten und lila allegorischen Kostümen aus dem
Maskenverleihgeschäft, und vollends Leutnant Blowitz als »Krieg« in
einer Rüstung, die ein Mittelding zwischen einem mittelalterlichen
Ritterharnisch und einem griechischen Heroenpanzer darstellte und
aussah, als sei sie aus Trümmern von Konservenbüchsen zusammengenietet
... geradezu schaudervoll!
Die Dekorationen zu den lebenden Bildern hatte ein kundiger Thebaner
von Anstreichergehilfen, den Blowitz unter den Füsilieren der dritten
Kompagnie ausfindig gemacht, nach dem Muster der berühmten Gemälde im
Offizierkasino zusammengepinselt.
Vor diesen fragwürdigen Hintergrund hatte Blowitz die lebenden Bilder
gestellt, so gut er's verstand.
Er war nicht ungeschickt in solchen Veranstaltungen. In seinem frühern
Regiment war er vereidigter Festarrangeur gewesen ... und das hatte
ihm den Rücken gesteift gegen die Versuchung, den Sachverständigen
heranzuziehen, der zur Hand gewesen wäre.
Na, es ging auch so. Und jedenfalls -- das Publikum war von der
Leistung, die auf dem eigenen Holze des Regiments gewachsen war,
vollkommen zufriedengestellt.
Und als schließlich im letzten Bilde die Gipsbüste Seiner Majestät
erschien, von den flackernden und knisternden Flammen zweier
bengalischer Feuerwerkskörper beiderseits angestrahlt, umgeben von
einer Huldigungsgruppe von Soldaten und allegorischen Jungfrauen -- da
erhoben der General und der Oberst sich mit einem klirrenden Ruck von
ihren Stühlen, die ganze Zuschauerschaft folgte, die Regimentsmusik
schmetterte die Kaiserhymne, und in heller Begeisterung vermischten
sich die hellen Stimmen der Damen mit den dröhnenden der Offiziere.
Dann tönte lauter Applaus ... der Vorhang über dem lebenden Bilde
öffnete sich zum zweiten Male ... und nun rief der General mit
schallender Stimme in den Saal: »Seine Majestät, unser allergnädigster
Herr -- Hurra -- Hurra -- Hurra!«
Die Fensterscheiben klirrten ... die Damen winkten mit der Hand und
schwenkten ihre weißen Schals ... die Musik gab im Tusch das Letzte
ihrer Lungenkraft her ... es war ein Getöse, als solle der jüngste Tag
anbrechen ...
Und abermals dröhnender Applaus ... die Darsteller verneigten sich ...
Aus den Reihen der jüngern Offiziere tönten laute Rufe: »Blowitz --
Blowitz --!«
Die Gruppe schob den »Krieg« in den Vordergrund ... er verneigte sich,
hold errötend unter seiner Schminke ... immer und immer wieder ...
In der Ecke hinter dem Vorhang aber stand im Ordonnanzanzuge der
Festspielpoet ... Um ihn kümmerte sich kein Mensch, selbst Molly von
Sassenbach hatte ihn ganz vergessen ...
Oder ob auch sie das Gefühl hatte, daß es ein wenig stilwidrig wirken
würde, wenn in diesem Augenblick ein Unteroffiziersrock und ein Paar
»Porzellanbuchsen« im Vordergrunde des Bildes erschienen ...?
Erst als nun der Vorhang zum letzten Male gefallen war und die
Mitwirkenden in glückseliger Erregung, froh des stolzen Gelingens, laut
plaudernd und schwatzend in die als Garderobenräume eingerichteten
Korridore abströmten, gewahrte Molly plötzlich den unglücklichen
Einjährigen in seiner Ecke: »Herrgott -- Sie haben wir ja ganz
vergessen -- --! Na -- das ist 'ne schöne Bescherung --!«
»Poetenlos -- gnädiges Fräulein!«
»Na warten Sie -- nachher wird der Oberst sicher mit Ihnen sprechen
-- und dann -- dann tanzen wir zusammen, wir zwei -- nicht wahr, Herr
Friesen?!«
Aber Mollys Prophezeiung erfüllte sich nicht, wenigstens nicht in ihrem
ersten Teil.
Zwar hatte Hans Friesen eine offizielle Einladung zum Fest bekommen.
Er hatte heimlich gehofft, als Festspielpoet bei den Mitwirkenden des
Abends seinen Platz zu finden.
Aber als er in den nun wieder hell erleuchteten Speisesaal trat, da
kümmerte sich kein Mensch um ihn, und er drückte sich eine Zeitlang,
völlig unbeachtet, in der gräßlichsten Stimmung an den Wänden herum.
Als dann alles Platz nahm, wandte er sich in peinlicher Verlegenheit an
den Vizefeldwebel, der den Dienst der Kasinoordonnanzen beaufsichtigte,
und fragte, wo ihm sein Platz angewiesen sei. Der antwortete ganz kurz:
»Da unten, bei die Avantageur!«
Und richtig! -- Man hatte ihn chargenmäßig ganz unten am linken
Hufeisenende zwischen die blutjungen Fähnriche und Fahnenjunker gesetzt
...
Diese jungen Herren fühlten sich als zukünftige aktive Offiziere dem
Einjährigen um mindestens ein Dutzend gesellschaftliche Nasenlängen
voraus und suchten ihn, den um fünf bis sechs Jahre ältern, von oben
herab zu behandeln.