»Ich habe schon lange auf die Gelegenheit gelauert, Ihnen zu zeigen
... ein bißchen Wer bin ich auch ... ein bißchen mehr als all die
Kommißgänschen hier herum ... ein ganz klein bißchen pass' ich auch in
die Welt, in der Sie heimisch sind --«
-- -- Und Frau Cäcilie saß am Flügel ...
Sie schien zu wachsen, als nun die ersten Akkorde aufschauerten unter
den schlanken, nervösen Fingern ...
Nur die Kerzen am Instrument brannten im Zimmer ... warfen gelbe
Lichter auf die erdbeerfarbene Seide ... flimmernde Reflexe in die
straffe Haarkrone -- darunter schimmerte die weiße Stirn mit mattem
Opalglanz ...
Nun öffnete sich sanft der schmale Mund ... und weiche Töne quollen
durchs Zimmer:
»Nicht im Traume hab' ich das gesehn,
hell im Wachen stand es schön vor mir,
eine Wiese voller Margeriten ...«
Martin saß im Halbdunkel. Ah, Straußens »Freundliche Vision« --
die dunkelschwüle Weise, wie sie zu der Stunde paßte ... Martins
Seele löste sich ganz ... ein heißes Fluten hub an, wogte und webte
durcheinander ...
»Und ich geh mit einer, die mich lieb hat,
ruhigen Gemütes in die Kühle
dieses stillen Gartens, in den Frieden,
der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.«
Mit einer, die mich lieb hat ... Agathe ... Agathe ...
Gewaltsam hatte Martin die Erregung zurückzudrängen versucht, die aus
der Tiefe seiner Seele in seine Augen quoll ... Nun übermannte es ihn
plötzlich ...
»Herr Flamberg, was haben Sie --?«
»Ich habe heim gedacht ... heim gedacht an ein fernes Mädchen -- das
hat keine Ahnung, daß ich in diesem Augenblick --«
»Nun -- was?«
»-- daß ich einer Stimme lausche ... einer Stimme, die nicht die ihre
ist ...«
»Nun -- und was ist dabei?«
»Viel ist dabei -- -- --«
»Ach Sie -- Sie Künstler Sie -- ich weiß ja, alles nur Vorwand, alles
nur Modell ... Sie haben's ja selbst gesagt.«
»Gnädige Frau --!«
»Haha ... nun wollen Sie's wohl gar nicht Wort haben ... aber Sie haben
sich verraten ... Nun dürfen Sie sich nicht wundern, wenn man Sie nicht
so tragisch nimmt!«
Die junge Frau ging mit raschen Schritten zum Flügel zurück ... schlug
einen schrillen Akkord an ... ging in eine tolle Walzermelodie über ...
dann brach sie plötzlich ab, sang zu übermütiger Weise abermals einen
Bierbaumschen Text:
»Maikater singt die ganze Nacht:
Der Frühling ist erwacht, erwacht!
Der Frühling ist erwacht!«
»Ah, ihr musiziert? -- Das ist recht ... und so lustig! -- Das freut
mich! Entschuldige, liebes Kind, daß ich so spät komme ... und auch
Sie, lieber Flamberg ... danke Ihnen, daß Sie meiner Frau Gesellschaft
geleistet haben ...!«
-- -- An diesem Abend vergaß Martin Flamberg zum ersten Male, vorm
Schlafengehen am Sternenhimmel Agathens Augen zu suchen.
* * * * *
Am 17. August, am Vorabend des Tages von Gravelotte, wurde das Regiment
aus der Stimmung der Festvorbereitung durch eine plötzliche Trauerkunde
gerissen: Seine Durchlaucht der Erbprinz von Nassau-Dillingen, der
Kommandeur des rheinischen Armeekorps, war nach kurzer Krankheit in
Koblenz gestorben.
Wenige Stunden nach Ankunft der Trauernachricht kam auch bereits die
Allerhöchste Kabinettsorder, nach welcher die Offiziere des Armeekorps
auf vierzehn Tage Trauer anzulegen hatten.
In dieser Zeit eine große Feierlichkeit mit Musik und Tanz zu
begehen, das wäre nicht schicklich erschienen. Und so mußte das lange
vorbereitete Regimentsfest bis zu einem andern großen nationalen
Gedenktage, dem Tage von Sedan, aufgeschoben werden. Dieser Tag hatte
sonst für das Regiment nur die allgemeine patriotische Bedeutung, nicht
die spezielle eines Ruhmestages: denn das rheinische Armeekorps hatte
ja bei Sedan nicht mitgefochten.
In anderer Beziehung aber klappte es mit der Verlegung recht hübsch.
Der 2. September fiel nämlich auf einen Sonntag. Und da am Dienstag,
den 4. September, die Abfahrt ins Manövergelände im Hunsrück angesetzt
war, so blieb Montag, der 3., zum Packen, und das Regimentsfest wurde
so, außer einem Begrüßungsfest für die Kommandeuse, zugleich ein
Abschiedsfest.
Für die aktiven Herren bedeutete das Ausrücken ins Manövergelände einen
dreiwöchigen Abschied aus der Garnison.
Die Offiziere des Beurlaubtenstandes würden überhaupt nicht mehr in
die Garnison zurückkehren; sie würden sich am letzten Manövertage nach
Schluß der Übung bei der Kritik abmelden können und galten damit als
entlassen, um von der nächsten Bahnstation aus auf dem kürzesten Wege
in ihre Heimat zurückkehren zu können.
-- Die letzten Wochen vor dem Feste waren verhältnismäßig ruhig
verlaufen.
Martin Flamberg hatte das Bild der Frau von Brandeis vollendet, und
damit war für ihn die Veranlassung zu seinen regelmäßigen Besuchen
in der Villa Brandeis weggefallen, nachdem im Kreise der Intimen des
Hauses bei einer Sektbowle »Firnistag« gefeiert worden war ...
Am folgenden Morgen hatte Hauptmann von Brandeis auf dem Rückmarsch von
der Felddienstübung den hinter ihm marschierenden Flamberg an die Seite
seines Pferdes gewinkt und hatte mit ihm in schnellerem Tempo einige
Schritte Vorsprung vor der marschierenden Kompagnie gewonnen:
»Nun sagen Sie mal, lieber Flamberg, wir wollen uns ganz offen darüber
aussprechen -- und ich denke, Sie nehmen mir das wohl nicht übel --
Sie haben mir da das ersehnte Bild meiner Frau gemalt. Und Sie wissen
ja, ich bin in ganz erfreulichen Verhältnissen. Bitte, machen Sie mir
jetzt Ihren Preis, und genieren Sie sich durchaus nicht, die Sätze zu
berechnen, die Sie auch sonst von Ihren Auftraggebern beanspruchen.«
Martin Flamberg sann einen Augenblick nach. Er fand es sehr richtig und
vornehm von Herrn Brandeis, daß er es seiner, des Malers Entscheidung
überließ, wie er die Angelegenheit auffassen wolle:
»Ich bitte ganz gehorsamst, Herr Hauptmann, mir gestatten zu wollen,
meine Arbeit Ihrer Frau Gemahlin als bescheidenen Ausdruck meines
Dankes für liebenswürdige Gastfreundschaft zu Füßen zu legen, und
Ihnen, Herr Hauptmann, als gleich bescheidenen Dank für die gütige
Aufnahme, die ich schon zum zweiten Male bei der Königlichen Ersten
gefunden habe!«
Brandeis markierte liebenswürdige Verlegenheit: »Aber lieber Flamberg,
wie soll ich das nur wieder gut machen?«
»Das haben Herr Hauptmann bereits vorher getan! Nur eine Bitte möchte
ich mir gestatten auszusprechen, vorausgesetzt selbstverständlich die
Zustimmung Ihrer verehrten Frau Gemahlin: ich möchte bitten, mir zu
erlauben, das Bild im nächsten Frühjahr in Berlin auszustellen!«
»Na, lieber Flamberg -- -- selbstverständlich werde ich ja den Fall mit
meiner Frau besprechen müssen ... aber ich zweifle nicht im geringsten
daran ... daß sie stolz sein wird, in solch einer meisterhaften
Verkörperung ... vor der staunenden Mitwelt paradieren zu dürfen ...«
-- -- »Ja, was machen wir da, Cäcilie?« fragte Brandeis daheim, nachdem
er berichtet hatte. »Eigentlich ist mir die Sache ein bißchen fatal ...
das Bild ist ja ein fürstliches, ein unbezahlbares Geschenk ... das
kann ich ja eigentlich gar nicht annehmen von dem fremden Herrn.«
»Da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben!« meinte Frau Cäcilie,
»jedenfalls müssen wir uns in irgendeiner Form revanchieren.«
»Da fällt mir was ein: Flamberg ist doch verlobt und heiratet
unmittelbar nach dem Manöver. Da werden wir ihm also ein schönes
Hochzeitsgeschenk machen!«
»Aber bitte, nicht etwa einen Wertgegenstand, der auch nur einigermaßen
wie eine Bezahlung aussieht!«
»Ne, selbstverständlich das nicht!« lachte der Hauptmann, »das möchte
uns auch wohl doch ein bißchen schwer fallen! -- Weißt du, daß er für
jedes der Bilder in der Sezession fünfzigtausend Mark bekommen hat?«
»Mir fällt noch etwas anderes ein ... selbstverständlich, das mit dem
Hochzeitsgeschenk, das wird gemacht ... aber ich werde der Braut einen
prachtvollen Korb Rosen schicken mit unserer Visitenkarte!«
Der Hauptmann war einverstanden. Und Frau Cäcilie ließ ein riesiges
Arrangement prachtvoller La-France-Rosen zusammenstellen. Dazu sann sie
sich noch etwas anderes aus: sie ließ Flambergs Werk photographieren
und fügte eines der Bilder ihrer Sendung an die Braut des Malers bei.
Zu dieser Sendung schrieb sie selbst ein paar Begleitzeilen:
»Mein sehr verehrtes gnädiges Fräulein, empfangen Sie hierbei das
Abbild des jüngsten Meisterwerkes Ihres Herrn Bräutigams, und
erlauben Sie dem Original und dem künftigen Mitbesitzer des
herrlichen Werkes, Ihnen die herzlichsten Wünsche zu Ihrer
demnächstigen Vereinigung auszusprechen.
Ein Mann, dem wir andern alle nichts sind als der gleichgültige
äußere Anstoß für sein Schaffen, nichts als ein Motiv, ein Modell,
das man festhält mit raschem, unfehlbarem Pinsel, und das dann,
ach so schnell, einem neuen Platz machen muß, nichts als ein paar
bunte Farbflecke in der Außenwelt -- -- einem solchen Mann dürfen
Sie Lebensgesellin sein -- Sie Glückliche. --
Empfangen Sie unsre aufrichtigsten Empfehlungen.