Schon wieder dies »O ja!« -- Dies »O ja!«, das er so gut kannte! --

Das kam ja immer zuerst, wenn eine verheiratete Frau zu kokettieren

begann ... dies korrekt sich stellende, zugleich aber leises Bedauern,

heimliche Enttäuschung andeutende »O ja« über den Gatten -- --

Äh ... sie waren doch alle gleich ... alle, alle versuchten sie dies

ewig gleiche, langweilige Spiel ... dies Spiel, das eben doch nichts

weiter war und bleiben sollte, als ein Spiel ... ein Flirt ... eine

inhaltlose Sensation!

Ein ernsthaftes Abenteuer -- ach, dazu waren sie ja doch fast alle zu

feige ... zu satt und zufrieden am Ende in ihrem warmen Nest ... aber

sich einen Flirt versagen zu können ... dazu waren sie doch wieder alle

zu unausgefüllt ... zu unvornehm ... zu charakterlos ...

Gräßlich, dies frivole, ziellose Spiel mit den heiligsten Dingen ...

mit Treue und Leidenschaft ... Wie rasch man das durchschaute ... wie

rasch der pikante Reiz der ersten derartigen Erlebnisse verweht war ...

und dann widerte es einen nur noch an ... Also von der Sorte war auch

diese da ...!

Fast brüsk brach er auf und empfahl sich.

»Wir hoffen, Sie nächstens bei uns zu sehen, Herr Flamberg!«

Klischee, Klischee -- -- Und so etwas galt im Offizierkorps als eine

Art höheres Wesen --

Schade -- ein hübsches Bildchen hätte sie schon abgegeben: die

schwermütigen braunen Augen unter der weißen Stirn, mit dem

rostfarbenen, straffen Haarkranz darüber und ... Eine feine

Schulterlinie hatte sie gewiß auch ... Der Unterarm, die feine, nervöse

Hand ... Das war vielversprechend gewesen --!

Ausführlich und sehr lustig berichtete er an Agathe.

* * * * *

Schon einige Tage später konnte Martin Flamberg sich überzeugen, daß

sein Künstlerauge recht vermutet hatte.

Drei Tage nach seinem Besuch lud ihn ein silbergraues Kärtchen zu einer

Abendgesellschaft in kleinem Kreise ... ein Kärtchen, bekritzelt mit

einer seltsamen Handschrift: feste Auf- und Abstriche, doch umschwirrt

von einem kapriziösen Gewirr hin- und herfahrender Schnörkel ... links

oben in der Ecke ein Doppelwappen, vermutlich das Adelswappen derer von

Brandeis und das bürgerliche der alten Düsseldorfer Patrizierfamilie,

aus der die junge Frau hervorgegangen ... Freilich! sie konnte es sich

leisten, das Wappen ihrer Sippe neben dem adeligen aufzupflanzen ...

Er führte die Frau des Hauses zu Tisch -- -- Außer ihm: Major von

Sassenbach mit Frau und Töchtern, Oberleutnant von Schoenawa und

Leutnant Blowitz.

Heute sah er sie ganz anders.

Die drei andern Damen, die Offiziere, nicht zuletzt der Gatte, gaben

dieser Frau eine Folie, die sie seltsam hob ... In dieser Umgebung,

wahrhaftig, erschien sie wie ein hinverwehtes Wunder.

Aller Augen hingen an ihr; sie beherrschte die Unterhaltung.

Spießbürgerliche Mißbilligung lag auf dem spitzen Gesicht der Frau von

Sassenbach ... rötete ihre Nase ... ließ ihre grauen Augen in frostigem

Pharisäertum funkeln ...

Die stattlichen Majorsmädel verschlangen die elegante junge Frau in

naiver Bewunderung ...

Leutnant Blowitz, ein braver Junge, huldigte ihr mit knappenhafter

Ergebenheit ...

Schoenawa, ein kalt beherrschter Energiemensch, verfolgte jede ihrer

Bewegungen mit verschlossenem, finsterm Ernst ... Nur zuweilen

flimmerte in seinen frostigen schwarzen Augen ein heißer Strahl; der

verriet Martin Flambergs geschultem Malerauge: auch dieses Mannes

Seele, soviel er davon besitzen mochte, stand im Banne der Hausherrin

...

Ihr Gatte glänzte übers ganze Gesicht vor demütig anbetender

Bewunderung, vor Glück und Stolz, der legitime Besitzer so vieler

Herrlichkeit zu sein ...

All diese Verehrung, diese teils freiwillige, teils widerwillige

Bewunderung steckte den Maler an.

Und wirklich ... sie sah strahlend aus ... sie trug eine fraisefarbene

Seidenrobe, überrieselt von einem bronzefarbenen Spitzengewirk ...

Der Ausschnitt ließ eine Schulterlinie von adeliger Zeichnung frei,

den Hals mit leisem Rosa angetönt ... ihn umzog ein dünnes goldenes

Kettchen mit einem smaragdgrünen Darmstädter Glasschmuck ... Für

Maleraugen ein Fest ...!

Das sprach er nach Tisch bei der Zigarre dem Hauptmann aus.

Der griff die Andeutung rasch und gewährungsfreudig auf.

Martin merkte, er war einem geheimen Wunsch seines Kompagniechefs

entgegengekommen ...

Und zwei Tage später stand der Maler im Wintergarten der Villa Brandeis

mit Pinsel und Palette der Hausherrin gegenüber. Flamberg hatte sich

ein förmliches Atelier zwischen den Palmen und Skabiosen improvisieren

dürfen. Als Hintergrund hatte er eine spanische Wand aufgestellt und

eine blaßrosa Sammetdecke darüber aufgehängt, die er in einem der

Salons entdeckt hatte.

Er selber trug über der grauen Litewka eine grobe blaue Küchenschürze,

die Frau Cäcilie persönlich unter Lachen und Scherzen ihm

umgebunden ...

Und nun durfte er sie ungeniert und gründlich betrachten, wie sie vor

ihm im Sessel lehnte in dem Kostüm von neulich, das er sich ausgebeten

hatte ... in der fraisefarbenen Seidenrobe mit dem rieselnden Gewirk

bronzener Spitzen ... mit dem geraden Ausschnitt, der die herrliche

Schulterlinie enthüllte ...

Seltsam war ihr zumute unter dem durchdringenden, enthüllenden Blick

der braunen, durstigen Künstleraugen ... Weich ... hingebend ...

opferfroh ...

Einmal trat der Maler auf sie zu, um ein paar Falten ihres Gewandes

anders zu ordnen ... da durchschauerte es sie ... unwillkürlich schloß

sie leise die Augen ... neigte das flimmernde, duftende Haupt

zurück ...

Martin Flamberg mußte sich zusammennehmen ... mußte mit Gewalt an seine

ferne Agathe denken ...

Und das war nun jeden zweiten Tag ein paar Stunden ... jeden zweiten

Tag ...

Manchmal kam Hauptmann von Brandeis vom Nachmittagsbesuch im

Kompagnierevier zurück, steckte, freundlich lächelnd, den Kopf ins

»Atelier«, warf einen prüfenden Blick auf die Fortschritte des Abbildes

... einen strahlenden auf das Original ...

Das Lächeln, das diesen Blick erwiderte, ward täglich matter und matter

... Brandeis merkte es nicht.

»Wie finden Sie meinen Mann?« fragte Frau Cäcilie einmal den Künstler.

»Ich bin ihm sehr gut, er ist so eine wahre Natur, durch und durch

echt -- so etwas empfinden wir stets als besonders wohltuend -- wir

verlogenes, verdorbenes Künstlergesindel, wir --«

»Verlogen und verdorben -- seid ihr alle so --?«

»Alle ... das liegt in unserm Handwerk ... das ganze Leben ist uns ja

doch nur ein Vorwand ... alle Menschen sind uns nur Mittel zum Zweck

...«

»Aber zu was für einem Zweck --!«

»Zu keinem schlechten -- das weiß Gott! -- Aber die Menschen, die mit

uns umgehen, sind dennoch immer betrogen ... wir nützen sie aus, und

sie dürfen's nicht merken ... beileibe nicht ... daß sie uns nichts

sind als Modelle!«

»Das sagen Sie -- ein Bräutigam?«

»Das ... steht auf einem andern Blatt, gnädige Frau ...«

»Also doch nicht so ganz Übermensch ... doch irgendwo ein Fleckchen in

Ihrem Herzen, wo man sich anbauen kann?! --«

Martin Flamberg malte und schwieg.

»Heut abend bleiben Sie zum Tee bei uns! -- Mein Mann kommt erst

um acht Uhr aus der Kaserne zurück -- Sie werden mir inzwischen

Gesellschaft leisten, und ich werde Ihnen etwas vorsingen!«

Sommerleutnants · 第 16 / 52 题