Oberleutnant Menshausen, der Abgott aller Nähmädchen und Ladenmamsells
der Garnison, hatte im Vertrauen auf eine nicht unbeträchtliche Reihe
von Erfolgen auf gefährlichen Gebieten einmal einen etwas schärfern
Ansturm riskiert ... aber die schöne Frau hatte ihm in einer Weise
heimgeleuchtet, die ihm ein für allemal den Mut zu weitern Versuchen
benommen hatte.
Von alledem hatte Martin Flamberg in den letzten Tagen im Kasino
genug gehört, um mit einiger Spannung seinem heutigen Erlebnis
entgegenzusehen ...
Nun, er war ja abgehärtet ... mochte Frau von Brandeis immerhin ein
kleines Wunder sein ...
Wenn er die Reihe strahlender Schönheiten an sich vorüberziehen ließ,
die im vergangenen Sommer seinem Pinsel gesessen hatte, so brauchte er
nicht zu befürchten, in Versuchung zu kommen ... Agathe konnte ganz
ruhig sein! --
Sein erster Eindruck war eine gewisse Enttäuschung ... Unwillkürlich
hatte er sich ein Bild der vielberedeten Erscheinung gemacht ...
groß -- königlich -- brünett ... Nun war sie einen Kopf kleiner als
er selbst, von rötlich-braunem, flimmerndem Haar, zarten Farben,
lebhaftem, etwas unruhigem Auge ... Gewiß ein sehr anmutiges Geschöpf
... aber für ihn, den Verwöhnten, doch nichts Außergewöhnliches ...
Mit großer Lebhaftigkeit leitete Frau Cäcilie das Gespräch ein: »Ich
entsinne mich sehr wohl, Herr Flamberg, Ihnen einmal in Gesellschaft
begegnet zu sein!«
»Ah, bei Kommerzienrat Trinkaus, nicht wahr, meine Gnädigste?«
»Gewiß, bei Trinkaus. Ich weiß noch, Sie haben einen auffallend
schlecht sitzenden Frack getragen ... Daran hab ich gleich gemerkt:
der muß was Besonderes sein ... Wenn einer bei Trinkaus so schlecht
angezogen herumlaufen darf, das ist sicher ein Genie ...«
»Stimmt, stimmt!« lachte Flamberg, »gepumpt für zwei Mark fünfzig!«
»Heute scheinen Sie etwas mehr auf Schneider zu halten!?«
»Geschäftssache, gnädige Frau! -- Ein gewisses Publikum glaubt nur an
Künstler, die in erstklassigen Ateliers arbeiten lassen können!«
»So -- und das können Sie also!?«
»Man schlägt sich so durch, gnädige Frau!«
»Ich glaub's ... Sie müssen nämlich wissen, Herr Flamberg, ich war
diesen Juni mit meinem Mann auf Urlaub in Berlin ... Da hab ich Ihre
zwei Bilder in der Sezession gesehen ... Wissen Sie, was mein Mann
damals zu mir sagte? Du, so ein Bild möcht ich von dir haben!«
Aha -- dachte Martin Flamberg, darauf will's also hinaus ...
»Ich beneide Sie!« fuhr die schöne Frau fort, »ich beneide euch
Künstler überhaupt!«
»Beneiden? -- um was?«
»Wie soll ich sagen -- Sie sitzen hier friedlich und plaudern oder
strampeln draußen auf der Heide herum und führen Ihren Zug ... und
derweile reisen Ihre Bilder in der Welt herum ... reden zu Tausenden,
was für ein Kerl Sie sind ... Ist das nicht beneidenswert? -- Ich
möchte es -- die Fernwirkung Ihrer Persönlichkeit nennen!«
»Ach, gnädige Frau, mich dünkt ... viel beneidenswerter als solche
Fernwirkung, von der man schließlich doch nichts hat ... viel
beneidenswerter muß die Nahwirkung sein, die eine schöne Frau ausübt.«
»Ach je, die Nahwirkung ... auf wen denn? ... Wen hab' ich denn, um
›nahzuwirken‹? Die Stabsoffiziere ... grämlich ... früh verbraucht
-- die Hauptleute ... dienstgehetzt -- dazu die streberhaften
Oberleutnants und die ungaren Leutnants ...«
»Sie urteilen sehr hart, gnädige Frau ... Diese Herren sind doch die
Kameraden, die Berufsgenossen Ihres Gatten.«
»Ums Himmels willen, hab ich mir mal wieder den Mund verbrannt!? -- Na,
das bleibt doch unter uns, nicht wahr, Herr Flamberg?«
»Selbstverständlich! -- Nun ja ... ich kann's mir schließlich
vorstellen ... Sie kommen aus so ganz andern Kreisen ... Aber ich
meine, auch Ihnen müßte das doch imponieren, diese unermüdliche,
opferfreudige Kleinarbeit, die hier geleistet wird!«
»Kleinarbeit ... ja wahrhaftig, Kleinarbeit!«
»Aber eine sehr wichtige und nützliche Arbeit! -- Flößt Ihnen das denn
keinen Respekt ein?«
»Respekt -- o ja!«
»Und schließlich -- was geht Sie am Ende das Milieu an, in dem Sie
leben? -- In einer Häuslichkeit wie dieser ... an der Seite eines
liebenswürdigen, ritterlichen Gatten, wie der Ihre ist ...«
»O ja!«